Babble, Babbel, Keep und keeeb:
Google googelt nicht

Mit Keep und Babble treibt Google derzeit neue Dienste voran. Bei der Namenswahl hätte es sich angeboten, die eigene Suchmaschine zu befragen.

KeepAngesichts der allgemeinen Verstimmung über die Schließung des Google Readers und die damit verbundenen negativen Emotionen, die allerorts in Techkreisen über den Netzgiganten hereinbrechen, ist es gerade leicht, das Treiben des Unternehmens besonders kritisch zu betrachten. Möglich, dass einem leidenschaftlichen Berichterstatter deshalb derzeit selbst Geschehnisse aus der Google-Sphäre negativ auffallen, die man sonst kaum wahrgenommen hätte. Insofern handelt es sich bei dem folgenden Sachverhalt in erster Linie um eine Beobachtung, wenn auch keine ganz neutrale:

Obwohl es an anderer Stelle in seinem Haus Dienste herunterfährt, treibt Google momentan auch neue Produktinitiativen voran. So wurde in der Nacht mit Google Keep ein neuer Notizdienst lanciert, der ein wenig in die Richtung von Evernote geht. Fast parallel zum Launch von Keep machte außerdem die Kunde über eine geplante Messenger-App die Runde, die eine Reihe von Google-Kommunikationsservices unter einem Dach vereinen soll. Der kolportierte Name: Babble.

Was auffällt: Google scheint sich in beiden Fällen bei der Namenswahl ziemlich wenig Mühe gemacht und auch nicht die eigene Suchmaschine verwendet zu haben, um zu sondieren, welche Namensvetter schon existieren. Sonst wäre den Entscheidern in Mountain View womöglich aufgefallen, dass es mit Babble.com bereits eine gleichnamige Eltern-Community aus dem Hause Disney gibt. Oder dass ein deutsches Startup unter dem zum Verwechseln ähnlichen Namen Babbel seit fünf Jahren einen erfolgreichen Sprachlerndienst betreibt, ebenfalls unter .com-Domain.

Kaum anders sieht die Situation im Bezug auf Keep aus: Unter Keep.com hat sich ein Pinterest-Klon ausgebreitet, und mit keeeb existiert auch hier wieder ein Quasi-Namensvetter aus Deutschland, der irgendwo zwischen Pinterest und Evernote angesiedelt ist. Selbst wenn sich die funktionale Überschneidung in Grenzen hält, so zeigen einige Tweets von keeeb-COO, dass man bei dem Startup in Hamburg durchaus eine gewisse Konkurrenz durch Google sieht – auch wenn Ähnlichkeiten im Namen kurzfristig sogar einige neue Nutzer zu keeeb bringen könnten.

Es ist ziemlich offensichtlich, dass Google bei der Wahl der Namen seiner Dienste wenig Rücksicht darauf nimmt, inwieweit Begriffe bereits etabliert sind. Speziell bei generischen Begriffen wie “babble” (plappern) und “keep” (behalten). Beide charakterisieren den Sinn und Zweck des jeweiligen Google-Angebots, weshalb die Entscheidungen nicht vollkommen abwegig sind. Hinzukommt, dass Google die Services jeweils direkt unter der Google-Marke und -Domain ansiedelt. Sie heißen also nicht “Keep” sondern “Google Keep” – und wahrscheinlich auch nicht “Babble” sondern “Google Babble” – wobei vorstellbar ist, dass der Volksmund jeweils auf das vorangestellte “Google” verzichten wird. Generell ist es momentan in der Startup-Wirtschaft üblich, generische Bezeichnungen statt den einstmals üblichen Kunstwörtern zu verwenden. Mailbox, Takes, Vine und Draft heißen Apps heutzutage, nicht Mailboxoo, Takester, Vineo oder Draftr.

Wenn man möchte, könnte man Google einfach zugestehen, nach den selben Regeln spielen zu dürfen wie Startups und ihre auf der Suche nach einem flashigen Namen befindlichen Gründer. Doch die Tatsachen, dass es sich um den ohnehin im Kreuzfeuer stehenden Onlinegiganten Google handelt, der hier schlicht seine Reputation als Freund und Förderer des Ökosystems aufs Spiel setzt, und dass zu beiden neuen Google Services jeweils etablierte .com-Domains von Anbietern mit dem selben Namen existieren, führen zumindest bei mir zu Verwunderung. Auch weil gerade “Babble” – anders als etwa “Messenger” – durchaus ein exotischer Begriff ist, der nicht einfach eine völlig natürliche Wahl darstellt. Google agiert ohne Not wie ein blinder Elefant im Porzellanladen. Ich frage mich, warum. /mw

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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8 Kommentare

  1. Hallo

    viel schöner wäre ja mal, wenn google den Aufgabenplaner ordentlich hinbekommt.
    Sprich Erinnerungsfunktion (PC) und im Kalender sollten alle Listen eingeblendet werden, wenn möglich mit freier Farbwahl!

    Danke:)

    • finde ich auch nervig. die bisher beste integration von aufgabenplaner und google-services habe ich unter gqueues.com gefunden.

      vernünftige aufgabenverwaltung mit viel extras wie aufgaben via email/chat erstellen; android app und vor allem eine vernünftige schnittstelle zum google kalender, die mir sonst überall fehlt – schließlich gibt es aufgaben mit terminen, die ich aber gerne in meinem kalender eingetragen hätte.
      basisversion kostenlos; sonst 25 usd p.a.

  2. Der Elefant im Porzellanladen ist vielleicht ein bisschen übertrieben, vor allem auch wegen dieser Aussage:
    “Sie heißen also nicht “Keep” sondern “Google Keep” – und wahrscheinlich auch nicht “Babble” sondern “Google Babble””

    Google macht eigentlich genau so weiter wie bisher: Google Mail, Google Reader, Google Drive, Google Maps, Google Play, Google News. Zu all diesen Produkten sind die .com-Domains jeweils nicht bei Google und zum Teil auch aktiv genutzt.

    Ich bin aber eher (so wie Sebastian) gespannt, wie sich Google Keep entwickeln wird.

    • Mail, Drive, Maps News sind rein deskriptive Bezeichnungen. Babble ist schon eher stlilisiert (im Gegensatz zu “Talk”), dito Keep (im Gegensatz zu “Notes”)

  3. Reader runterfahren geht ja noch, das kann man verkraften aber wie schaut’s in der Zukunft mit keep aus. Da steht man nach Jahren dann schon blöd da!

  4. Ich sehe die generischen Namen nicht so als Problem an. Sie folgen ja vor allem den bei Google-Diensten üblichen Kriterien – einfacher, sprechender Begriff hinter dem Markennamen “Google”. Wer sich an Keep oder Babble stört, müsste sich erst recht über Drive, Mail, Maps oder Play aufregen. Ich glaube auch nicht, dass sich die Begriffe (vielleicht abgesehen von Babble) allein stehend als Name für den jeweiligen Google-Dienst durchsetzen werden, eben weil sie sehr generisch sind und auch von anderen verwendet werden.

    Generische Begriffe als Dienst-Namen kann man letztendlich auch vielen Unternehmen vorwerfen. Allen voran Microsoft mit Windows, Word, Access etc. Dort haben sich die Begriffe allerdings wirklich verselbstständigt und reichen allein zur Identifikation, was gemeint ist. Vermutlich, weil Microsoft die Begriffe schon lange vor dem Zeitalter der aus dem Boden schießenden Apps für seine Software etabliert hat.

  5. Um Namenskonflikte hat sich Google noch nie geschert, siehe auch die Programmiersprache Go (http://code.google.com/p/go/issues/detail?id=9).

  6. keeeb hat innerhalb von (fast) einem Jahr nicht mal 5.000 User gesammelt – Google Keep dürfte allein heute mindestens das zehnfache erreicht haben. Google kann die “fehlenden” Funktionen gewiss innerhalb kürzester Zeit nachziehen…

    Ich finde die Namensgebung von Google nur konsequent. Außerdem ist der Name für bestehende Nutzer doch ziemlich egal.

3 Pingbacks

  1. [...] Babble, Babbel, Keep und keeeb: Google googelt nichtnetzwertig.comWas auffällt: Google scheint sich in beiden Fällen bei der Namenswahl ziemlich wenig Mühe gemacht und auch nicht die eigene Suchmaschine verwendet zu haben, um zu sondieren, welche Namensvetter schon existieren. Sonst wäre den Entscheidern in … [...]

  2. [...] bei der Namensgebung hat Sie Ihre Kreativität etwas verlassen, wie andere schon entdeckt haben. Denn den Pinterest-Klon keep.com als auch den hübschen Speicher-Service keeeb.com müssten Sie [...]

  3. […] Was die Mannschaft von Keeeb sicher ziemlich nervt, ist die Verwechslungsgefahr mit anderen Tools. Da gibt es keep.com, einen Pinterest-Klon, und Google hat richtig ‘gründlich recherchiert’ [Ironiemodus off], um seinem neuen Notizen-Dienst Google keep einen einzigartigen Namen zu geben. Mehr zum Thema Namensähnlichkeiten bei Netzwertig: Google googelt nicht. […]

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