Investor Hiro Maeda:
“In Japan erreichen Startups schnell die kritische Masse”

Open Network Lab ist der führende japanische Startup-Inkubator und der mit dem hochkarätigsten internationalen Netzwerk. Managing Partner Hiro Maeda erläutert im Interview, wieso er glaubt, dass junge Web- und Mobilefirmen mittelfristig die einstige Bedeutung von Sony & Co erreichen können.

Vor einigen Wochen beschrieb die Branchenjournalistin Yukari Mitsuhashi im Interview, wie sich die japanische Startup-Wirtschaft gerade erst in ihren ganz frühen Anfängen befindet. “Bis vor zwei Jahren wollten alle in einem großen Unternehmen arbeiten”, so ihre Feststellung. Einer der entscheidenden Gründe, warum sich dies gewandelt hat: Inkubatoren erschienen auf der Bildfläche und entfernten manche der Hürden, die junge Japaner bisher mit der Unternehmensgründung in Verbindung brachten.

Open Network Lab (Onlab) war der erste derartige Inkubator, eine Art Pendant zur legendären US-Startupschmiede Y Combinator, und gilt heute als der mit dem besten und hochkarätigsten internationalen Netzwerk. Ähnlich wie Startup-Reporterin Mitsuhashi hat auch Onlab-Gründer und Managing Partner Hiro Maeda einige Jahre in den USA gelebt und studiert. Englischsprachige Personen wie er sind rar in der noch kleinen Tokioter Szene – erst recht solche, die sich wie Maeda auch als Business Angel in Kalifornien betätigen. Im Gespräch gibt er Einblicke in die Onlab-Philosophie, erklärt, wieso Japan ein Startup-Hotspot werden kann und beschreibt, wie sich die Branchengepflogenheiten zwischen Japan und den USA unterscheiden.

Hiro MaedaWie kommen Startups zu Open Network Lab und was könnt ihr ihnen bieten?
Zweimal jährlich können sich junge Teams für unser dreimonatiges Programm bewerben. Rund 100 Startups tun dies jedes Mal, fünf davon nehmen wir auf. Wer akzeptiert wird, erhält neben einer kleinen finanziellen Unterstützung – bisher eine Million Yen, künftig zwei Millionen Yen (rund 16.000 Euro) – einen Platz in unserem Co-Working-Space und Zugang zu unserem Netzwerk aus Mentoren und Startup-Experten, viele davon international renommierte Branchenpersönlichkeiten wie Reid Hoffman, Tim O’Reilly und Dave Morin. Im Gegenzug erhalten wir fünf Prozent an dem Unternehmen. In den nächsten Tagen werden wir den ersten Exit eines Onlab-Startups bekannt geben können.

Wieviel Einfluss nimmt Onlab auf die Teams und ihre Entscheidungen?
Nicht sonderlich viel. Bei fünf Prozent Anteil liegt unser Status ja nur etwas über dem eines Advisors. Wir geben Ratschläge, liefern Know-how und ermöglichen einen Austausch mit anderen Teams. Was die Gründer dann daraus machen, ist ihre Entscheidung.

Ist eine internationale Ausrichtung Voraussetzung, um angenommen zu werden?
Nein ganz und gar nicht. Viele der Startups fokussieren sich auf den japanischen Markt, mit einigen Ausnahmen wie dem Hersteller des neuartigen Rollstuhls Whill sowie der Lehrer-Sprachplattform Language Cloud. Wir haben auch ein Unternehmen, das in Japan gegründet, aber schließlich in die USA transferiert wurde, um auf dem dortigen Markt besser positioniert zu sein. Und die Macher hinter Language Cloud kommen aus Virgina, wollen aber in Japan Fuß fassen und haben sich deshalb mit unserer Unterstützung hier niedergelassen. Ganz generell möchten wir, dass Teams sich auf die Märkte konzentrieren, wo sie am ehesten schnell wachsen und Kunden erreichen können. Das kann mal Japan und mal eine andere Region sein, je nach Produkt, Gründern und Marktsituation.

Ein globales Mindset ist nicht unbedingt erforderlich?
Nein, wobei wir natürlich misstrauisch werden, wenn ein Team in den USA durchstarten möchte, die Gründer aber kein Englisch sprechen. Generell ist uns aber wichtiger, dass ein Team aus smarten, authentischen Personen besteht, mindestens einen Entwickler und gerne auch einen Designer beinhaltet, und dass die Mitglieder gut zusammenarbeiten. Wir überprüfen auch, ob sie schon in der Vergangenheit irgendwas miteinander gemacht haben, im Studium oder im Sportverein. Teams, die sich erstmals zusammenfinden, um sich dann bei Onlab zu bewerben, sind nicht interessant für uns.

Können Startups die leidende japanische Elektronikbranche hinsichtlich der nationalen und internationalen Bedeutung ersetzen?
Ich bin überzeugt davon, dass dies möglich ist. Alle haben mal klein angefangen, und große japanische Spielefirmen wie Gree und DeNA können durchaus die Relevanz eines Sony erhalten. Alles hängt von ihrem Innovationstempo ab und davon, ob die Führung auch betreffend Internationalisierung die entscheidenden Weichen stellt. Die richtigen Personen anzusprechen und zu befähigen, ist essentiell. Der größte Fehler, den hiesige Firmen machen, ist jemand die Auslandsgeschäfte zu überlassen, weil er oder sie einen MBA hat und vielleicht ein paar Monate in den USA verbrachte. Das ist immer die falsche Entscheidung. Es ist stets besser, Personen mit Verwurzelung in der jeweiligen Region das Zepter in die Hand zu geben. Ob also japanische Startups eines Tages auch in vielen anderen Ländern erfolgreich sein werden, hängt unter anderem davon ab. Line macht das bisher schon ganz gut und die Tatsache, dass die neueste Version von Path stark an Line erinnert, spricht Bände (siehe auch).

Siehst du Aspekte, in denen Japan als Startup-Nation anderen Ländern überlegen ist?
Es gibt einige. Japan war schon immer ideal, wenn es darum ging, extrem moderne Technologien frühzeitig auszuprobieren und zur Marktreife zu bringen. NFC und Warenautomaten sind zwei Beispiele. Wegen der hohen Bevölkerungsdichte ist es einfach, eine kritische Masse zu erreichen. Außerdem gibt es eine recht große Gruppe von Early Adoptern. In den Anfangstagen von foursquare war Tokio einmal die Stadt mit den meisten Nutzern, und auch Twitter gewann in Japan rasend schnell Millionen User. Nicht vergessen sollte man zudem, dass die USA quasi aus einer Desktop-Vergangenheit kommen, Japan aber aus einer Mobile-Vergangenheit. Schon vor zehn Jahren existierte hier ein riesiger Mobile-Commerce-Markt. Die Bereitschaft, Dinge über Mobiltelefone zu kaufen, ist enorm. Insofern eignet sich das Land besonders für mobile Startups. Wie sehr sich das alles auf die Zahl erfolgreicher Jungfirmen niederschlägt, hängt letztlich davon ab, wie viele smarte Leute wir dazu bewegen können, Unternehmer zu werden. Da hinkt Japan stark hinterher.

Warum?
Das hat kulturelle Ursachen. Japaner wollen Harmonie und lange andauernde, loyale Beziehungen. Die meisten streben eine gute Ausbildung an einer guten Universität an, um dann bei einem Unternehmen anzuheuern, das über 100 Jahre alt ist, und um dort 40 Jahre lang tätig zu sein. Selbst wenn dieses klassische Arbeitsleben anstrengend ist, lässt sich diese tief in der japanischen Seele verankerte Konvention nicht so einfach knacken.

Wieso hast du nicht diesen Weg gewählt?
Das hat wohl damit zu tun, dass ich in den USA studiert und ein wenig die Vorstellung vom “amerikanischen Traum” mitgenommen habe.

Fühlst du dich mehr als Japaner oder mehr als US-Amerikaner?
Ich denke es ist von beidem etwas. Ich kann mich gut an die Normen der japanischen Gesellschaft anpassen, gleichzeitig treibt mich jedoch eine “Lass uns den Markt erobern”-Einstellung.

Du reist häufiger nach Kalifornien. Wie unterscheiden sich die Gepflogenheiten innerhalb der Branche?
In San Francisco und dem Silicon Valley ist es Usus, einander zu helfen, ohne eine unmittelbare Gegenleistung zu verlangen. Man weiß, dass man eventuell eines Tages selbst davon profitieren könnte, andere zu unterstützen. In Japan denkt man eher strikt geschäftlich. Es wird nach einem schriftlichen Vertrag und nach dem unmittelbaren Vorteil gefragt. Das macht das Anschieben von Startups sehr viel schwerer. Eine der ersten Lektionen, welche die Teams bei uns erhalten, ist deshalb, einander zu helfen und Wissen miteinander zu teilen. Wenn ein Startup einen klugen Weg gefunden hat, 100.000 Nutzer zu akquirieren, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass davon auch andere Teams profitieren. Derzeit sehen wir diese Kultur nur innerhalb des Inkubators. Aber wenn die mittlerweile 120 Gründer der 25 Startups jeweils drei bis vier andere Gründer beeinflussen, dann kann sich diese Sichtweise schnell ausbreiten. Daraus resultiert auch: Je mehr Startups zu uns kommen, desto größer sind unsere Möglichkeiten, diese Art der Unternehmenskultur mitzugestalten.

Wie sieht es mit ausländischen Entwicklern, Designern und Gründern aus? Gibt es davon genug?
Da frische Perspektiven von außerhalb immer gut sind, könnten es immer mehr sein. Aber die Zahl talentierter Expats, die dem hiesigen Ökosystem beitreten, steigt stetig. Besonders groß ist das Interesse bei Deutschen und Spaniern. Language Cloud hat einige Entwickler aus diesen Ländern angeworben, ihnen den Umzug bezahlt und sie angestellt. Es ist sinnvoll, die Popularität der japanischen Kultur im Ausland zur Rekrutierung zu nutzen. /mw

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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