Erfahrungsbericht:
Facebooks neuer Newsfeed ist eine Evolution, keine Revolution

Facebook verpasst seinem Newsfeed ein zeitgemäßes Erscheinungsbild. Revolutionär ist es nicht, aber es legt die Grundlage für interessenspezifische Feeds und stemmt sich damit gegen die einziehende Langeweile. Ein erster Erfahrungsbericht.

Da um mich herum zahlreiche Personen bereits Zugriff auf Facebooks Graph Search haben, ich aber nach wie vor auf Freischaltung warte, war ich sehr überrascht, als mich nach dem Eintrag in die Warteliste für den neuen Newsfeed umgehend ebendieser anstrahlte. Das soziale Netzwerk hatte die überarbeitete Fassung des Feeds am Donnerstagabend auf einer Veranstaltung präsentiert und angemerkt, wie üblich mit einer kleinen Zahl an Nutzern beginnen und die Verfügbarkeit sukzessive in den nächsten Wochen steigern zu wollen. Warum ich diesmal sofort Zugriff auf die Neuerung habe, mich aber bei der erweiterten Suche noch immer gedulden muss, verstehe ich nicht. Für diesen Artikel jedoch ist es praktisch, kann ich nun meine eigenen Eindrücke schildern und muss mich nicht auf Informationen von Dritten verlassen.

Eine detaillierte Übersicht der Neuerungen und eine visuelle Tour des neuen Newsfeeds findet sich bei allfacebook.de. Ich beschreibe im Folgenden meine persönlichen Impressionen und was mir so zu dem aufgefrischten Feed aufgefallen ist – der immerhin die mutmaßlich am häufigsten aufgerufene Seite im Netz überhaupt darstellt.

  • feed200Es handelt sich nicht um eine radikale Neuerung, wie es damals die Ablösung der alten Profile durch die Chronik war, sondern um eine Modernisierung. Die Grundfunktionalität des Newsfeeds mit der Standardeinstellung algorithmisch sortierter Einträge von Freunden und Page-Updates bleibt erhalten. Die entscheidenden Veränderungen sind mehr Platz für die Darstellung von Fotos sowie die Bereitstellung einiger zentraler Filter, um die Inhalte des Feeds an die eigenen Wünsche anpassen zu können. Nach einer Minute hatte ich mich an das neue Facebook-Antlitz gewöhnt.
  • Die angebotenen Filter, die in einem dynamischen Dropdown-Menü rechts vom Feed platziert sind, erlauben neben dem Primärfeed die Darstellung sämtlicher Posts von Kontakten in chronologischer Reihenfolge, von Updates favorisierter Seiten und abonnierter Nutzer, von Gruppen, Fotos, Spielen (der Freunde) sowie von einem selbst sowie Freunden favorisierten Musikern (anders als einigen Berichten zu entnehmen ist, sehe ich keine gehörten Titel von Freunden, aber das kann freilich später noch kommen). Weiterhin finden sich in dem Menü auch die bisher schon existierenden, auf spezifischen, von einem selbst angelegten Listen basierenden Feeds. Auf neue Posts wird jeweils mit einer Zahlenangabe neben dem Feed hingewiesen, was bei einigen Usern Druck auslösen könnte, diese betrachten zu müssen.
  • Entscheidend ist weniger, welche Filter in der ersten Fassung des neuen Feeds angeboten werden, sondern dass Facebook die Voraussetzung dafür schafft, Usern auf bequeme Weise unterschiedliche Contentfeeds vorzusetzen. Wer nur den klassischen, von dem sozialen Netzwerk selbst nach Relevanz sortierten Stream betrachten möchte, kann dies tun. Wer hingegen ausschließlich an Fotos, an Musik oder an Updates von Pages oder abonnierten Anwendern interessiert ist, dessen Bedürfnis wird ebenfalls befriedigt. Vorstellbare Filter der Zukunft wären etwa “Produkte, die Kontakte empfohlen haben”, “Orte, an denen Kontakte sind” oder “Nachrichtenartikel, die Freunde empfehlen”. Das theoretische Spektrum ist enorm.
  • Der neue Feed mit seinen verschiedenen Subkategorien ist klar darauf ausgelegt, User noch länger zum Betrachten der Updates zu bewegen. Je mehr interessanten und hübsch aufbereiteten Content es gibt, desto eher fühlen sich Nutzer gut unterhalten und informiert. Dazu passt auch die Analogie von Facebook-Chef Mark Zuckerberg, der zum Amüsement einiger Beobachter erklärte, dass das Redesign vom Konzept der Lokalzeitung inspiriert wurde.
  • Fotos erhalten signifikant mehr Raum, was den Scrollaufwand erhöht, aber schöner aussieht. Nur ein ganz klein wenig erinnert mich die Optik an die mobilen Apps von Google+.
  • Über die Folgen des Feeds für die Anzeigenvermarktung wurde wenig gesprochen, aber analog zu den Feedeinträgen, die nun jeweils in einer separaten, vom Hintergrund abgehobenen Box zusammen mit riesigen Schnappschüssen erscheinen, bekommt auch Werbung eine noch bessere Sichtbarkeit. Die bisher recht versteckte Option, Anzeigen im Stream auszublenden, ist jetzt besser zu sehen. In einer usprünglichen Fassung dieses Artikels stand, dass das Feature neu ist, was nicht stimmt. Der Unterschied liegt in der nun prominenteren Sichtbarkeit der “Werbung ausblenden”-Funktionalität.
  • Kommuniziert wird der Vorstoß zwar als “neuer Newsfeed”, parallel gleicht Facebooks aber die Desktop-Browseroberfläche dem Design der mobilen Apps an. So wird die Navigation in der linken Seite nun deutlich vom Feed abgehoben und präsentiert sich mit einem dunkelgrauen Hintergrund. Künftig sieht Facebook also über alle Plattformen gleich aus, egal ob man über ein Smartphone, Tablet oder Notebook darauf zugreift.
  • Apropos Tablet: Öffne ich facebook.com mit dem Safari-Browser des iPad, wird mir nach wie vor das alte Design angezeigt. Das soziale Netzwerk hat angekündigt, dass die iOS- und Android-App demnächst ebenfalls den neuen Feed erhalten sollen – derzeit funktioniert die neue Optik dem Anschein nach ausschließlich über stationäre Rechner (inklusive Notebooks), aber nicht über Tablet-Browser.

Bleibt die Frage, ob der neue Newsfeed den Ansprüchen entspricht, die ich in diesem Beitrag Anfang Januar formuliert hatte. Momentan würde ich sagen, jein. Der neue Feed sieht definitiv moderner und einladender aus, und die content- beziehungsweise aktivitätsspezifischen Feeds versprechen eine neue Lust, sich durch bestimmte Inhalte zu klicken. Andererseits ist die bisherige Auswahl an derartigen, interessensbasierten Streams noch sehr begrenzt. Hier wird das Unternehmen nach und nach aufstocken – sowohl, um die Interessen der Werbekunden zu bedienen, aber auch, um der Lust der User nach Neuem gerecht zu werden. Ob ein vorsichtiger Ausbau des Newsfeeds in Anbetracht der mannigfaltigen Konkurrenz speziell im mobilen Bereich ein besserer Weg ist als der einer radikalen Neudefinition des Feeds, weiß ich nicht. Aber es ist in jedem Fall ein Schritt in die richtige Richtung. Festzuhalten bleibt außedem: Die Bedeutung des Desktop-Zugriffs nimmt stetig ab, viel spannender wird also sein, wie Facebook den neuen Feed und die Filter in den deutlich weniger Platz bietenden mobilen Apps unterbringt. /mw

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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5 Kommentare

  1. Auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung, das sieht echt gut aus… Wobei mich wundert, dass man scheinbar die sponsored Posts einer bestimmten Firma deaktivieren kann!?

    “wer möchte, kann auch gleich alle künftigen Werbemaßnahmen eines Unternehmens aus dem Feed verbannen. Ein begrüßenswertes Feature!”

    • Dieses Feature gibt es heute auch schon und wir von mir rege genutzt!

    • Stimmt, habe es jetzt gerade auf dem iPad nochmal getestet. Der Unterschied liegt darin, dass diese Option nun deutlich besser sichtbar ist. Bisher musste man auf den kleine Pfeil klicken, der nicht einmal sofort zum jeweiligen Element zuzuordnen war.

    • Besser sichtbar wäre ein schönes Feature. Mal schauen, wie lange es bleibt ;)

    • Hab’s im Text korrigiert, danke für den Hinweis

3 Pingbacks

  1. [...] March 8, 2013 7:51 am ⋅ Leave a Comment ⋅ editor Click here to view original web page at netzwertig.com [...]

  2. [...] bewirbt den neuen News Feed damit, dass die Grenzen zwischen Werbung und Inhalt verwischen. Einzig netzwertig.com bildet da eine angenehme Ausnahme. Bei so viel Werbung dürfte es kaum wundern, dass sich die [...]

  3. [...] eine Milliarde Mitglieder weltweit auch hier mehr Freiheiten erhalten: Nach Informationen des Blogs Netzwertig kann man die Werbung in Zukunft auch [...]

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