Replik:
App.net bietet noch lange nicht genug Gründe, um Twitter zu verlassen

Twitter macht derzeit vieles falsch und App.net präsentiert sich als saubere Microblogging-Alternative. Umsteigen werden die Nutzer deswegen so schnell nicht, denn Twitter wird trotz der Negativentwicklung noch für eine lange Zeit die bessere Wahl sein.

Vielleicht wird es den einen oder anderen Leser überraschen, dass es Identi.ca noch gibt, oder vielleicht sogar, dass es den Dienst jemals gab. Die offene Alternative zu Twitter startete fast zwei Jahre später als der Zwitscherdienst im Juli 2008, setzte ebenfalls auf kurze Statusmeldungen mit 140 Zeichen, wurde seitdem mehrfach überarbeitet und hat bis heute überlebt. Wenn wir also wirklich eine Twitter-Alternative wollten, warum sind wir nicht längst zu Identi.ca gewechselt?

Die Frage ist natürlich rhetorisch gestellt. Wir wollen ja gar nicht wechseln, da mag Twitter noch so böse sein. Wir bleiben ganz einfach dort, wo unsere Kontakte sind und wir nehmen dafür Nachteile in Kauf. Die Anwesenheit unserer Freunde bürgt praktisch dafür, dass wir einem Social Network vertrauen und dort bleiben können. Einen Wechsel überlegen wir erst, wenn das Verhältnis ins Rutschen kommt, mehr und mehr Freunde unser vertrautes Netzwerk verlassen und ein anderes bevölkern.

Dahin gehen oder bleiben, wo die Freunde sind

Genau das passiert aber im Moment nicht, auch nicht im Falle des Dienstes App.net, der sich als saubere, offene Twitter-Alternative präsentiert. Viele haben sich einen Account bei App.net angelegt, kaum jemand aber hat Twitter deswegen verlassen. Man geht eben erst, wenn bei einem neuen Dienst die kritische Masse erreicht ist, wenn genug Freunde dort sind, dass man den alten Dienst getrost vernachlässigen kann. Gemessen an Twitters halber Milliarde Nutzer dürfte es bei App.net aber eine Weile dauern, bis die Trendwende erreicht ist. Bis dahin müsste man beide Accounts parallel betreiben. Aber wer will in der Informationsflut neben Facebook, Google+ und Twitter jetzt noch einen weiteren rauschenden Kanal, wenn drei doch eigentlich schon einer zu viel sind?

Klar erkennbare Negativentwicklung

Twitter trifft in der Tat derzeit einige nutzerunfreundliche Entscheidungen. Die gefallen mir zwar nicht, sie tun mir aber auch nicht so weh, dass ich ich mich in der Nutzung des Dienstes besonders eingeschränkt sähe. Martin hat in seinem Beitrag heute früh vier Gründe genannt, bei denen das bei ihm der Fall ist. Mich treffen sie weniger hart: Deaktivierter IFTTT-Support? Kann ich mit leben. Keine Tweetdeck-Apps mehr für iOS, Android und Adobe Air? Auf mobilen Geräten habe ich sie ohnehin nicht genutzt, auf dem Mac und für Windows gibt es weiterhin den inzwischen stabil laufenden nativen Client. Twitters neue Display Requirements haben das Rivva-Design zerschossen? In der Tat urhässlich und mit Performance-Einbußen der Seite, aber auch nichts, weswegen ich Rivva nicht mehr benutzen könnte.

Kaum noch Auflehnung gegen Twitter in der Presse

Am ärgerlichsten an dieser Negativentwicklung finde ich statt dessen, dass man das mittlerweile so hingenommen hat. Twitter schottet sich von anderen Services ab, kocht ein verwürztes eigenes Süppchen und die Technikpresse protokolliert das nur noch. Als Twitter seinerzeit die “Dickbar” eingeführt hatte, sorgte ein massiver Aufschrei im Netz dafür, dass das lästige Werbemittel in kürzester Zeit wieder verschwand. Es würde Zeit für einen weiteren Aufschrei gegen die Gesamtsituation, gegen die angeblich von Aktionären gesteuerte Entwicklung, vielleicht auch für einen Führungswechsel und ein Ende der fragwürdigen Regentschaft von CEO Dick Costolo, der nach der Entmachtung des Dreigestirns Ev Williams, Biz Stone und Jack Dorsey den Dienst monetarisieren soll. Statt dessen haben sich weite Teile der US-Techblogs mit Twitter arrangiert und den Walled Garden stillschweigend akzeptiert.

Twitters Vorteile

Es gibt aber noch einen viel einfacheren Grund, warum ich Twitter so schnell nicht in Richtung App.net verlassen werde: Twitter gefällt mir trotz allem immer noch besser. Design, Funktionsumfang, Personensuche, Listendarstellung. Schlimmer noch: Nachdem ich mir heute noch einmal den Feed “My Stream” auf App.net angesehen habe, wurde mir wieder einmal klar, warum Twitters Begrenzung auf 140 Zeichen sinnvoll ist: Ich kann ohne viel Aufwand schnell durch einen ganzen Wust aus Kurznachrichten scrollen. Auf App.net mit seiner deutlichen breiteren Listendarstellung und die Begrenzung auf 256 Zeichen kostet mich das mehr Mühe. Und in Zeiten nahezu ungezügelter Informationsflut verspüre ich wenig Drang, noch mehr Zeit für das Scannen von Kurznachrichten aufzuwenden.

Eine der besten Plattformen der Welt verlässt man nicht einfach so

Vielleicht sollte man sich auch einmal daran erinnern, was Millionen von Nutzern in erste Linie zu Twitter geführt hat und warum sie danach nicht mehr gehen wollten: Twitter ist ganz einfach eine gute Idee, vielleicht eine der besten, die das Social Web je hervorgebracht hat. Im Unternehmen Twitter sind derzeit einige Regenten, die fragwürdige Entscheidungen treffen. Aber deswegen gehen? Man zieht doch auch nicht gleich weg aus der Stadt, die man liebt, nur weil der Stadtrat ein paar dumme Entscheidungen trifft. Man versucht dagegen zu kämpfen, arrangiert sich vorübergehend mit den Nachteilen und wählt die Regenten bei der nächsten Gelegenheit ab, um die Dinge wieder zu verändern. Und erst wenn auch das nicht mehr hilft, man alle Mittel ausgeschöpft hat und die Situation untragbar geworden ist, überlegt man, ob man geht. Doch einige Nachteile, das weiß man, wird es auch am Zielort geben.

 

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Redakteur bei neuerdings.com, netzwertig.com und dem Euronics Trendblog. Neue Gadgets und Software? Liebend gerne! Aber nur, wenn sie das Leben auch wirklich leichter machen.

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14 Kommentare

  1. Für mich der Hauptgrund bei Twitter zu bleiben und nicht zu App.net zu gehen ist, dass ich bei Twitter einfach so jedem es ermöglichen kann mir zu folgen. Dass App.net das pure Lesen nicht frei zugänglich macht ist für mich schlichtweg nicht nachvollziehbar. Klar, das könnte identi.ca, aber da fehlen halt zum Einen die Leute und zum Anderen hatte ich da viel häufiger Probleme in der Hinsicht, dass die Plattform nicht erreichbar war oder sonst dergleichen.

    • Natürlich ist das Lesen jederzeit, auch ohne Ameldung möglich

    • Einzelne Beiträge vielleicht, zu denen man den direkten Link erhalten hat. Aber die Beiträge eines Autoren abonnieren kann man doch wohl nur mit Account, oder?

    • Okay, von diesem Alpha wusste ich nichts bzw. dass man darauf so einfach zugreifen kann. Liegt aber wohl auch daran, dass wenn man App.net aufruft, das ganze nur eine Werbe-Wand ist, die einen dazu verleiten soll einen kostenpflichtigen Account anzulegen und man keine Chance erhält direkt nach irgendwelchen Inhalten in App.net zu suchen. Diese Verschlossenheit ist mir sehr unsympathisch.

    • Für die Akten:

      So sieht Twitter ohne Login aus: http://note.io/VJCJCu

      Und so ADN: http://note.io/VJDhID

      Twitter ist nichts anderes als eine Loginmaske. ADN präsentiert Apps – und Alpha.

    • Richtig, bei Twitter kann ich mich aber immerhin direkt registrieren und das System testen ohne gleich bezahlen zu müssen und damit alle Funktionen nutzen. Bei app.net geht das nicht. Daher fände ich es bei app.net dann nur angemessen, wenn es direkter eine Möglichkeit präsentieren würde Nutzern zu folgen ohne sich registrieren zu müssen. Und ehrlich gesagt finde ich den Umweg über Alpha albern. Wieso wurde nicht ein Standardclient in app.net selbst integriert? Bei Twitter kann man ein Profil über twitter.com/ aufrufen. Bei app.net muss man dann noch extra dieses alpha davor setzen. Für Leute die nicht bei app.net angemeldet sind, dürfte das wenig eingängig sein.

  2. Tja, so verargumentieren sich diejenigen, die zu alt und erschöpft sind, sich auf Neues, auf die neue Evolutionsstufe einzulassen :-)

    Es geht nicht nur um Twitter, auch Facebook wird zunehmend mit Werbung nerven müssen – voll auf Werbeeinnahmen zu setzen ist ein Irrweg – klappt nur so lange Investoren bereit sind, ihr Geld zu verbrennen…

    App.net ist mehr als Twitter, es ist eine technologische Basis für alle heutigen und in Zukunft denkbaren Networks. Die können auf die Serverpower, die Identiät der Nutzer und deren Daten ihren geilen neuen heissen Shaiz aufbauen.
    Wobei die (zahlenden) Nutzer selbst entscheiden können, wer welche ihrer Daten nutzen darf. Das wird genug Menschen die paar Dollar wert sein.

    Twitter rudert zurück, App.net hat das Momentum auf seiner Seite. Hallo Zukunft, schön dich zu sehen.

    • Und zu welchem Preis das ganze? Selbst wenn man mal den reduzierten Jahrespreis von 36$ nimmt, so bekommt man dafür locker nen Webspace mit Datenbank und eigener Domain wo man wesentlich mehr tun kann, als es App.net anbietet. Das Preis-/Leistungsverhältnis ist einfach nur mies und noch wesentlich schlechter, wenn man den monatlichen Beitrag nimmt. Ein Dollar wäre da allenfalls angemessen. Mehr halt für diejenigen die unbedingt diesen Cloud-Kram dahinter haben wollen.

    • Es ist ganz einfach. Wenn es dir nicht gefällt: Nicht kaufen.
      Und nicht es anderen madig machen, die die Möglichkeiten toll finden und darin eine Alternative zu gängigen Werbekraken wie Twitter und Facebook gefunden haben. Zumal noch mit den absurdesten Argumenten (der eigene Webspace erzeugt Aufwand, somit Zeit, somit Geld, die du ignorierst).

    • Ich mach hier nichts madig. Ich übe konstruktive Kritik. Ich habe ja ganz konkrete Vorschläge gemacht, wie man es besser machen könnte. Da könnte ich genauso gut entgegen halten: Wenn man mit der Kritik anderer nicht leben kann, dann einfach ignorieren und keine Fanboy-Plattitüden entgegen schleudern. Ein CMS einzurichten ist heute keine Zauberkunst mehr und wird von etlichen Webspace-Anbietern sogar noch übernommen, sodass man allenfalls hier und da mal Plugins updaten muss. Der Aufwand hält sich also stark in Grenzen und fängt locker auf, was man dafür an wesentlich breiteren Möglichkeiten hat und dass man mit seinen Daten zudem noch unabhängiger und individueller im Web unterwegs ist.

  3. ADN ist kein twitterclon. Im Moment ist das der zugegeben stärkste Bereich, aber ADN versteht sich als Plattform auf der man mit einem login, verschiedene Dienste nutzen kann. So bekommt man neben den twitterähnlichen Dienst auch noch Speicher, Schach, eine integration des messangerdientes in imessage etc.. Das Projekt ist noch sehr jung und es abzulehnen, weil einem alpha (Die weboberfläche) nicht gefallen hat und wegen der Mehrzeichen, halte ich für verfrüht. Denn zum einen gibt es schon diverse apps und zum anderen erweisen sich die Mehrzeichen, als sehr praktisch. (wobei letzteres Ansichtssache ist)
    Im Moment steigen die Nutzerzahlen rapide, ob sich das als dauerhaft erweist, wird die Zukunft zeigen.
    Insgesamt verfehlt der Bericht aber einfach den Grundgedanken von ADN: plattform sein zu wollen

  4. Noch kann ich auf Twitter zwar auch nicht verzichten, aber ich finde es mega spannend, wie schnell diese Plattform besser wird und wie Entwickler sich neue Konzepte ausdenken und Dinge ausprobieren. Bei Twitter wirkt alles schon etwas festgefahren.

    Wer auch mal bei ADN reinschnuppern will, habe hier ein paar Invites

    http://join.app.net/p/tyhgctqxdx
    http://join.app.net/p/ynqcwjjkln
    http://join.app.net/p/mjbygqvyjl

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