“Shareconomy”:
CeBIT-Motto gibt dem kollaborativen Konsum Auftrieb

Die CeBIT steht in diesem Jahr unter dem Motto “Shareconomy”. Die Vielzahl von Startups im jungen Markt des “kollaborativen Konsums” darf sich über das Rampenlicht freuen. Horrende Preise für das Konferenz-WLAN lassen unterdessen daran zweifeln, dass die Messe ihr eigenes Leitthema verinnerlicht hat.

Ich war schon etwas überrascht, als ich die Tage erfuhr, dass die CeBIT – die weltweit größte Computermesse – in diesem Jahr nach “Connected Worlds” (2010), “Cloud Computing” (2011) und “Managing Trust” (2012) das Leitthema “Shareconomy” hat. Zugegeben, mein Interesse für die Veranstaltung hält sich in Grenzen, und hätte ich etwas genauer aufgepasst, dann wäre mir die offizielle Ankündigung des Mottos im Herbst vergangenen Jahres natürlich nicht entgangen.

“Shareconomy” ist ein alternatives, weniger Anwendungsgebiete exkludierendes Kunstwort für den “kollaborativen Konsum“, ein Phänomen, dem sich immer mehr junge Webstartups widmen. Dazu zählen sämtliche Dienste, die Konsumenten zur gemeinsamen Nutzung von Ressourcen animieren wollen, etwa diverse Typen von Carsharing-Plattformen genauso wie Peer-to-Peer-Marktplätze für Wohnungen, Wissen, Lebensmittel, Haushaltsgegenstände, Medien und sämtliche anderen materiellen und immateriellen Güter, die sich gemeinsam kostengünstiger und nachhaltiger verwenden lassen. Selbst Yachten können mittlerweile mit mehreren Menschen und damit zu geringeren Kosten genutzt werden. Dehnt man das CeBIT-Buzzword noch etwas weiter aus, dann fallen im Prinzip alle digitalen Angebote in diese Schublade, solange sie zumindest partiell auf “User Generated Content” basieren, wobei sich “Content” hier nicht auf Texte oder Videos beschränken muss. 

Für all die jungen und etablierten Anbieter im Segment des kollaborativen Konsums ist die Mottowahl ein großer Erfolg, befasst sich nun doch sogar Bundeskanzlerin Merkel mit dem Teilen von Ressourcen im Onlinezeitalter, begleitet von unzähligen Presseberichten. Auch der erfolgreiche, aber traditionell über die sich in jungen urbanen Räumen anbahnenden Trends wenig informierte deutsche Mittelstand gerät nun in Kontakt mit der speziell durch Webstartups vorangetriebenen Welle des nachhaltigen Konsumierens. Insgesamt 50 Jungfirmen treten im zur CeBIT gehörenden Wettbewerb Code_n13 an, darunter zum Konferenzthema passende Anbieter wie carzapp, flinc, Mitpackgelegenheit.de und Milk the sun.

Berrücksichtigt man das CeBIT-Motto, versteht man auch, wieso die Telekom die Messe für die Bekanntgabe ihrer Kooperation mit der WLAN-Community Fon ausgewählt hat. Immerhin ist auch das Teilen einer Internetverbindung ein Aspekt der Shareconomy.

Wie ernst die Messebetreiberin ihr eigenes Motto nehmt, diese Frage stellen sich gerade Besucher, die Zugriff zum CeBIT-Drahtlosnetzwerk erhalten möchten. Extrem gepfefferte Preise für den WLAN-Zugang lassen vermuten, dass die Messe ihre eigene Devise nicht verstanden hat. Für 60 Minuten werden 9 Euro fällig, für vier Stunden 30 Euro und für 10 Stunden satte 50 Euro.

Was im ersten Moment den Anschein schlichter Unverschämtheit macht, relativiert sich ein wenig, liest man die im Januar veröffentlichte Begründung über die Preisstruktur im CeBIT-Blog: Maximal 28.000 Nutzer würden die über 400 auf dem Messegelände verfügbaren WLAN Router gleichzeitig zu akzeptabler Geschwindigkeit ins Netz lassen. Weil jedoch parallel bis zu 100.000 Personen vor Ort sind, von denen die meisten die mobilen Internetverbindungen ihrer Smartphones und Tablets nutzen könnten, sehe man das WLAN vor allem als Ausweichlösung für ausländische Besucher, die teures Roaming vermeiden wollen. Der hohe Preis ist demnach in erster Linie ein Mittel zur Nachfrageregulierung.

Die Begründung ist nicht ganz aus der Welt gegriffen. Nahezu jede Konferenz, die ich jemals besucht habe, hatte mit Überlastungsproblemen ihres Gratis-WLANs zu kämpfen. Doch ich möchte behaupten, dass bereits bei einer “Schutzgebühr” von wenigen Euro für einige Stunden die parallele Zahl der WLAN-Anwender unter die kritische Marke von 28.000 fallen würde. Insofern wirkt das Pricing des WLANs dennoch fragwürdig und zeugt von einem Unverständnis über die Symbolik, die ein absurd bepreister Internetzugang bei einer Messe rund um primär internetgetriebenes Teilen von Ressourcen besitzt – erst recht aus Sicht besagter internationaler Besucher, die solche WLAN-Preise auf einer renommierten IT-Messe wohl lange nicht mehr gesehen haben (und für die mitunter Roaming sogar billiger sein dürfte).

Den Akteuren der Shareconomy innerhalb der deutschen und internationalen Startup-Szene kann das allerdings egal sein. Sie dürfen sich freuen, dass die CeBIT ihrer Branche den Antrieb gibt, den sie für das Erreichen der wichtigen kritischen Masse benötigt. /mw

Screenshot via alpha.app.net/apptestsss

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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4 Kommentare

  1. Danke, dass du auch “immaterielle Güter” in die Definition inkluiert hast. Die meisten haben nämlich noch nicht verstanden das kollaboratives Konsumieren über Car-, Couch- und Bohrmaschinensharing hinaus geht.

  2. Interessant ist auch der Aspekt des Coworking, der auch zur Shareconomy hinzu gezählt werden kann. Eine interessante Entwicklung, insbesondere bei der steigenden Anzahl an Menschen, die im Homeoffice arbeiten – und nun doch wieder gemeinsam mit anderen ein Büro teilen wollen.

  3. Auf der Website von Xethix (www.xethix.com), einem Blog, der sich mit Ethik, Wertewandel und Datentransparenz in der ITK auseinandersetzt, findet seit Januar eine Diskussion zum Thema “Shareconomy im ‘real life’ – kann das funktionieren?” statt.

  4. Als neuer Eintrag in die Schweizer “Shareconomy” möchte ich auf mein Portal jacando (www.jacando.com) hinweisen.

    Mit unserer Dienstleistung vermitteln wir Helfer für alltägliche Aufgaben jedweder Art. (Beispiele: Wer hilft mir meine Lampe an die Decke zu schrauben? Wer kann mir etwas reparieren? Wer mäht für mich den Rasen?)

    Ich bin überzeugt, dass wir mit unserem Portal das Leben für sehr viele Leute einfacher und effizienter machen können. Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

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  2. [...] Thema, das uns schon länger unter den Fingern brennt, ist der Trend hin zur Shareconomy – zum gemeinsamen Teilen von Wissen oder Gütern. Eigentlich ein recht logisches und seit [...]

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