“Internetfirmen sollen zahlen”:
Die kollektive Einfallslosigkeit
von Verlagen und Netzbetreibern

Verfechter des Leistungsschutzrechts stören sich daran, dass Google und andere mit fremden Produkten viel Geld verdienen. Das gleiche Argument nutzt Telekom-Chef René Obermann für Forderungen der Netzbetreiber. In beiden Fällen fehlt dieser Behauptung die Substanz.

Die Verlage erstellen die Leistungen, mit denen Google dann Kasse macht – so lautet das Primärargument der Verfechter eines Leistungsschutzrechts. Was als Aussage schmissig klingt, vernachlässigt bekanntlich allerlei entscheidende Fakten. Zum Beispiel, dass zwei- bis dreizeilige Snippets aus Lesersicht wohl kaum als Substitut für den gesamten Artikel ausreichen – zumindest nicht, wenn es um den häufig propagierten Qualitätsjournalismus abseits von schlichten, von Presseagenturen übernommenen Nachrichtentexten geht. Oder auch, dass die Verlage mit dem Traffic der Suchmaschinen und Aggregatoren selbst viel Geld verdienen, indem sie ihn durch Werbeanzeigen oder Bezahlschranken monetarisieren. Ebenfalls ignoriert die Behauptung, dass der entscheidende Dorn im Auge der Verlage – Google News – keine Werbung enthält und keine Umsätze generiert.

Kurzum: Blickt man hinter die Plattitüde, erkennt man, dass sie von innen hohl ist. Doch weil genau solche eigentlich hohlen Behauptungen im ersten Moment besonders knackig klingen und bei Politikern auf offene Ohren stoßen, gehören sie zum Standardrepertoire von Unternehmenslenkern mit politischer Agenda. Was Telekom-Chef René Obermann gerade auf dem Mobile Word Congress von sich gab, erinnert stark an die Rhetorik der Presseverlage – mangelnde Substanz inklusive. Obermann, der sich gerne nahbar und bodenständig gibt, warf der Internetbranche eine “Freifahrtmentalität” vor. Sie würde der Devise folgen “Ihr investiert, wir schöpfen die Gewinne ab”, was auf Dauer nicht tragbar sei.

Der Telekom-Manager, der Ende 2013 seinen Posten abgeben will, greift damit auf exakt das selbe Argument zurück, das Medienbosse wie Hubert Burda oder Mathias Döpfner schon zuvor in Bezug auf Suchmaschinen und Aggregatoren verwendet haben. Und auch in diesem Fall zerfällt die Behauptung, nimmt man sie genauer unter die Lupe.

Das ewige Klagelied

Obermann und seine Kollegen aus der Telekommunikationsbranche stört es seit langem, dass sie im Zuge des einbrechenden Telefonmarktes zunehmend zur sogenannten “Dumb Pipe”, zur “dummen Leitungen”, degradiert werden, die nichts anderes macht, als den globalen Internetunternehmen das Errichten lukrativer Geschäftsmodelle zu ermöglichen, während die Provider selbst ihr Wachstumspotenzial eingeschränkt sehen. Schon 2010 forderte der Telekom-Chef, dass Webunternehmen, die besonders datenintensive “Premiuminhalte” anbieten, dafür an die Provider Gebühren zahlen sollen. Drei Jahre später hat sich an dieser Haltung nichts geändert. Analog zur Strategie der Verlage hoffen Obermann und seine Kollegen wie Pierre Louette von France Telecom oder Stephane Richard vom ebenfalls aus Frankreich stammenden Telekommunikationskonzern Orange darauf, dass sich allein durch das gebetsmühlenartige Wiederholen des immer gleichen Klageliedes eine Situation ergibt, in der sie ihrem Ziel ein Stück näher kommen und politische Unterstützung erhalten.

Diese Vorgehensweise trägt auch bereits erste Früchte: Im Januar wurde bekannt, dass sich Orange und Google auf einen Deal für die Datendurchleitung geeinigt haben; dass Google dem Provider also eine nicht genannte Summe dafür zahlt, dass er die Inhalte des Internetgiganten zu den Endkunden transportiert. Und wer weiß, vielleicht bekommen die Telekom-Obersten ja eines Tages sogar ein von CDU/FDP forciertes Gesetz, das Google & Co zur Zahlung einer Gebühr für die Datendurchleitung zwingt. Angesichts der aktuellen Ereignisse erscheint alles möglich. Eine gesetzliche Verankerung der Netzneutralität, wie es sie in den Niederlanden, Slowenien und Chile gibt, ist bisher an der Bundesregierung gescheitert.

Netzbetreiber profitieren von den Internetfirmen

Das Problem mit der Behauptung, die Netzbetreiber würden investieren und die Webfirmen dann die Gewinne abschöpfen, liegt in der Tatsachenverdrehung. In erster Linie sind es die Netzbetreiber, die dank der Existenz der Internetunternehmen Geld “abschöpfen”. Von den Endkonsumenten nämlich, die für ihre Festnetz- und Mobil-Internetzugänge zahlen. Ohne Facebook, Google, YouTube & Co hätten vielen Konsumenten einen deutlich geringen Bedarf an blitzschnellen Breitbandanschlüssen. Es sind diese Firmen, welche die Dienstleistungen der Provider in ihrer umfangreichen Form für Verbraucher erst attraktiv machen. Und speziell im mobilen Web gilt schon heute: Wer mehr Videos streamt, Spiele zockt oder Musik anhört, der zahlt auch mehr, muss nämlich ein Paket mit einem höheren Inklusiv-Datenvolumen wählen oder eines mit einer besonders hohen Geschwindigkeit.

Und natürlich ist auch für die Internetunternehmen das Einspeisen der Daten in das weltweite Netz nicht kostenfrei. Sie überweisen ihrem Zugangsanbieter mitunter nicht unerhebliche Summen für den Traffic, den das Verbreiten ihrer Daten im Internet verursacht. Die unmittelbaren Umsätze davon fließen zwar nicht direkt an den Provider, der die Daten am anderen Ende der Welt an einen User ausliefert. Abkommen der Netzbetreiber untereinander sorgen aber trotzdem dafür, dass sie eine Vergütung erhalten – sei es in Form direkter Umsätze für Transitleistungen, oder über den “Austausch” von Datentraffic mit anderen Netzbetreibern (Peering). Eine gute Erkärung zur Funktionsweise des Internets und Kooperation der ISPs findet sich hier.

Netzneutralität in Gefahr

Man muss sich das so vorstellen: Google, Facebook oder Spotify, um einige Beispiele zu nennen, schicken irgendwo von ihren Rechenzentren aus Daten auf Reisen und bezahlen für diesen Traffic an ihren Zugangsanbieter. Nutzer rufen diese Daten auf der anderen Seite der Erde ab und bezahlen ebenfalls dafür in Form ihrer Gebühr für den Internetzugang. Die Netzbetreiber wollen nun während der Reise der Daten Mautstellen errichten, an denen Google, Facebook oder Spotify nochmals Geld hinblättern sollen. Weigern sie sich, müsste bei einer Realisierung dieses Vorhabens eine Blockade oder verringerte Priorisierung der Datendurchleitung die Folge sein. Die Netzneutralität, also die Gleichbehandlung aller Daten, wäre damit passé.

Es ist verständlich, dass die Netzbetreiber den nicht billigen Ausbau der Infrastruktur finanzieren müssen. Doch mit der Forderung einer zusätzlichen Besteuerung derjenigen Firmen, welche Produkte der Provider für Konsumenten überhaupt erst begehrenswert machen, legen sie die gleiche Einfallslosigkeit zu Tage, die man auch den das LSR einfordernden Verlagen vorwerfen muss. Die Zukunft der Telekommunikationsfirmen kann nicht darin liegen, bisher nicht existierende Hürden für alle Teilnehmer am Internetgeschehen zu errichten. Genau das wäre aber die Folge, wenn plötzlich Onlinedienste an einzelne Netzbetreiber Geld hinblättern müssten, um den Transport ihrer Daten an die Anwender sicherzustellen. Die Big Player könnten das womöglich stemmen. Für kleinere Anbieter jedoch würden derartige Kosten die Existenz gefährden. Auch Endnutzer würden also verlieren, durch eine geringere Vielfalt und durch höherer Preise für die Nutzung von Onlinediensten, welche die gestiegenen Kosten auf die User umlegen.

Die Parallelen zwischen dem Wunsch der Netzbetreiber und dem Wunsch der Verlage sind beachtlich. Beides sind einfallslose Schnapsideen, von denen einige wenige profitieren würden – auf Kosten aller anderen. /mw

Foto: stock.xchng/pseudoxx

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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3 Kommentare

  1. Beides sind einfallslose Schnapsideen, von denen einige wenige profitieren würden – auf Kosten aller anderen

    Ich denke sogar, dass zumindest beim LSR niemand profitieren wird, denn die vermutlich rapide zurückgehenden Klicks werden die Verlage nicht durch die Abgaben von Google und Co. auffangen können.

    Die geforderte Abgabe an die Provider könnte dagegen wirklich ein einseitiger Erfolg sein, denn das Breitband-Internet ist heutzutage schon so sehr in der Gesellschaft verankert, dass die meisten User kaum drauf verzichten würden, selbst wenn’s teurer wird.

  2. Wenn es so kommt und die Netzbetreiber ihren Kunden Stöcke zwischen die Datenbeine werfen, muss eben eine kleine Demonstration die Verhältnisse wieder erkennbar machen.

    Würde Google zum Beispiel eine Drosselung der Geschwindigkeit von Youtube in das T-Mobile Netz feststellen, könnte ja in bekannter Gema-Manier eine Sperrtafel statt des neuesten Clips ausgeliefert werden.

    “Ihr Provider stört künstlich die Datenübetragung, bitte rufen Sie die Hotline an und beschweren sich”

    Das sollte eigentlich für einen ordentlichen Druck sorgen.

  3. …oder die Konsequenz ist eine wundervolle vertikale Integration, bei der Google die Infrastruktur mit Breitbandverbindungen etc. selbst baut und bereitstellt: http://futurezone.at/prod…internetanbieter.php

vgwort