Ortsungebundenes Arbeiten:
Wenn Marissa Mayer in Tokio U-Bahn fahren würde…

Es gibt viele Gründe, warum eine Förderung von alternativen Arbeitsformen, die keine permanente Präsenz im Büro des Arbeitgebers erfordern, sinnvoll ist. Wer trotzdem kein Argument findet, sollte im Berufsverkehr in Tokio mit der U-Bahn fahren.

Yahoo-Chefin Marissa Mayer bricht mit ihrer Entscheidung, bei dem Internetunternehmen das Arbeiten von zu Hause stark einzuschränken, um die Gemeinschaft und Zusammenarbeit zu verbessern, mit einem Trend. Der Schritt mag bei einer lange Zeit Auflösungserscheinungen zeigenden Firma wie Yahoo sinnvoll sein, oder er mag sich als großer Fehler herausstellen – die vielen Vorteile, die sich aus dem gelegentlichen Home Office für Arbeitnehmer, Firmen und die Umwelt ergeben, sind nicht von der Hand zu weisen. Ein Land, das ein besonders großes Interesse daran haben müsste, Angestellte gelegentlich aus den heimischen vier Wänden arbeiten zu lassen, ist mein derzeitiger Aufenthaltsort Japan.

Dieser Gedanke kam mir, als ich am gestrigen Montag nach meinem Interview mit Yukari Mitsuhashi mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in meine Unterkunft in einem südlichen Tokioter Vorort fuhr – zusammengepfercht zwischen anderen Pendlern, die nach dem Feierabend bei einem Konzern in der Innenstadt nun schnell nach Hause zu ihren Familien eilten.

Es ist so, wie man es aus Filmen kennt

Im Berufsverkehr in Tokio U-Bahn oder S-Bahn zu fahren, ist tatsächlich so, wie man es aus Filmen her kennt: eng und stickig. Auch die berühmt-berüchtigten Szenen, in denen das Personal auf den Bahnsteigen die Passagiere regelrecht in die überfüllten Züge hineinpressen muss, damit sich die Türen schließen lassen, kommen tatsächlich ab und an vor. Zu den Stoßzeiten – die sich in der japanischen Hauptstadt anders als in Europa über viele Stunden erstrecken, von 17:00 Uhr bis 22:00 Uhr oder noch länger, ist es vor allem in den Expresszügen in die dicht besiedelten, unmittelbar in neue Städte übergehenden Randbezirke derartig voll, dass sich die zahlreichen Festhaltevorrichtungen in den Waggons erübrigen – die Masse sorgt dafür, dass man gar nicht umfallen kann. Auch jede Art der Bewegung ist unmöglich. Besondere Anstrengung und regelrechte Konzentration ist von Nöten, wenn der Zug im Bahnhof hält. Denn selbst wenn nur eine einzige Person im Mittelbereich des Waggons aussteigen möchte, müssen damit mitunter Dutzende Menschen Platz machen und kurzzeitig ebenfalls aussteigen. Ständig ist man darauf bedacht, sich strategisch so hinzustellen, dass es einem während der Fahrt erspart bleibt, seinem “Stehnachbar” direkt ins Gesicht starren zu müssen. Stattdessen versucht man, den einen umgebenden Passagieren den Rücken zuzuwenden. Mal klappt das, mal nicht.

Zugegeben: Sofern man sich in einer einigermaßen guten physischen Kondition befindet und sich von einer extremen körperlichen Nähe zu fremden Menschen nicht zu sehr aus dem Konzept bringen lässt, dann ist so eine Fahrt während des Berufsverkehrs im am stärksten in Anspruch genommenen U-Bahn-System der Welt (laut Wikipedia) auch ein kleines Erlebnis und eine ideale Möglichkeit, das Verhalten der Einheimischen zu studieren. Doch die meisten Menschen, die am Morgen und Abend die Züge füllen, müssen diese Verhältnisse jeden Tag aufs Neue über sich ergehen lassen. Derzeit liegen die Temperaturen zwischen fünf und zehn Grad am Tag – wie es in den Bahnen im Tokioter Hochsommer zugeht, kann und will ich mir kaum vorstellen. Noch weniger angenehm dürfte die Rush Hour für körperlich schwächere Menschen sein, die nicht so gut darin sind, durch beherztes Drücken ihren Miniplatz in der Menge zu verteidigen. Selten besteht für diejenigen, die einen Sitzplatz ergattern konnten, die Gelegenheit, diesen etwa älteren Personen oder Menschen mit körperlichen Behinderungen anzubieten – für einen derartigen Vorgang ist es meist viel zu eng. Für Frauen kommt zudem noch der Aspekt männlicher Mitfahrender hinzu, welche das Gedränge zum Grapschen nutzen. Wie verbreitet dieses Phänomen ist, darüber liegen mir zwar keine Informationen vor, aber die im Berufsverkehr eingesetzten Frauen-only-Wagen zeugen davon, dass es tatsächlich vorkommt. Oder dass sich zumindest Frauen sehr unwohl dabei fühlen, in den mit den “Salarymen” vollgestopften Wagen regelrecht zerdrückt zu werden.

Regelkonformität und Pünktlichkeit 

Überträgt man den beschriebenen Zustand auf den ÖPNV in großen europäischen Städten, so führt dies mitunter zu einem ungerechtfertigten Bild von an regelrechten Horror grenzenden Zuständen. Ganz so schlimm ist es in Tokio doch nicht. Denn die enorm hohe Regelkonformität der Japaner führt dazu, dass die Grenze der Unerträglichkeit nicht überschritten wird. Mag es auch noch so eng und stickig sein: Irgendwie hält man es doch aus, weil die meisten Passagiere den geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen des japanischen Alltagsverhaltens und der Rücksichnahme folgen. Die kollektivistische Mentalität sorgt dafür, dass bei solch einer anstrengenden Bahnfahrt ganz einfach niemand aus der Reihe fällt. Niemand nimmt einen fettigen Snack in das Gedränge, niemand muss unbedingt ein Bierchen genießen, niemand unterhält sich in hoher Lautstärke am Telefon oder riecht, als hätte er/sie eine Woche lang nicht geduscht. All die Dinge, die in dem geschilderten Szenario das Fass für Passagiere zum Überlaufen bringen würden, existieren nicht. Und so verlassen die Pendler zwar nach 20, 40 oder 60 Minuten leicht gestresst und mitunter verschwitzt den Zug, scheinen aber dennoch froh darüber zu sein, pünktlich und auf eine effektive Art und Weise den Arbeitsweg zurückgelegt zu haben.

Und pünktlich sind die Züge. Unglaublich pünktlich, trotz der Menschenmassen, welche den ÖPNV frequentieren. In den sieben Wochen seit meiner Ankunft hier habe ich einmal eine Verspätung erlebt – zwei oder drei Minuten. Ausfälle scheint es generell keine zu geben, dabei machen die U-Bahnen und S-Bahnen nicht unbedingt den allerneuesten Eindruck. Wieso bei der U-Bahn in meiner Wahlheimat Stockholm mindestens einmal pro Woche eine den Verkehr behindernde Störung auftritt und die Berliner S-Bahn über Jahre von massiven Problemen geplagt wurde, wenn sich nach den Tokioter Bahnen trotz der geschilderten Extremsituationen – die von den regelmäßigen Erdbeben (zuletzt gestern) noch verstärkt werden – quasi sekundengenau die Uhr stellen lässt, ist mir ein ganz großes Rätsel.

Der ÖPNV in Tokio ist zweifellos ein einzigartiges Erlebnis und ein idealer Studiengegenstand. Doch trotz aller Effiktivität, Effizienz und Kooperation der Fahrgäste bleibt festzuhalten: Das, was Pendler hier jeden Tag über sich ergehen lassen müssen, ist das beste Argument für eine stärkere Förderung von Arbeitsformen, bei der eine physische Präsenz im Büro entfällt. Allerdings ist die japanische Arbeitskultur, die nach wie vor von lebenslanger Loyalität zum Arbeitgeber und einem äußerst hohen Stundenpensum geprägt ist, in ihrer bisherigen Form nicht sonderlich kompatibel mit dem Konzept des Home Office. So wie niemand den Gang in die Schule in Frage stellt, gilt auch die Fahrt zur Arbeit als eine Selbstverständlichkeit, so der Tenor aus Gesprächen mit japanischen Bekannten vor Ort. Insofern werden die U-Bahnen und S-Bahnen hier wohl auch in Zukunft aus allen Nähten platzen. Müsste aber Yahoo-Chefin Marissa Mayer täglich mit der Tokioter U-Bahn an ihren Arbeitsplatz fahren – sie würde sich das mit dem Home-Office-Verbot wohl nochmal überlegen. /mw

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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10 Kommentare

  1. Haben die Japaner den überhaupt daheim einen Schreibtisch oder auch nur den Platz dafür? So wie ich das aus der Ferne mitbekomme sind ja auch die Wohnungen eher klein!?

    • Meistens nicht wirklich. Schüler schon, aber sonst habe ich da nie etwas gesehen. Einen ordentlichen Bürostuhl bräuchte man ja auch noch.
      Es gibt wohl auch die ungeschriebene Regel, keiner geht früher als der Chef. Das ließe sich ja im Home Office auch schlecht demonstrieren.

  2. Hm, kann man auch anders lesen. Wenn in einer Konzernstruktur keiner mehr den Ueberblick hat gibt es auch gerne Wildwuchs und Freiheiten werden ausgenutzt.

    Vielleicht zentralisieren, soziale Kontrollen re-etablieren und dann kann man das Homeoffice wieder erlauben?

  3. Tja, warum die nicht Ausfallen kann man sich selber sehr leicht erklären wenn man sich mal anschaut wie viel Personal an einem Bahnhof bzw. in einem (Fern-/Nahverkehrs-)Zug beschäftigt ist.

    Menschliches Personal ist gegenüber elektronischen Systemen sehr flexibel. Gerade wenn etwas passiert für das es keinen vordefinierten Usecase gibt.

    Du darfst aber nicht danach fragen was die verdienen. Das Gehalt wird dir die Tränen in die Augen treiben.

    Meine Erfahrung aus Japan ist, das in vielen Bereichen menschliche Arbeitskraft sehr sehr viel billiger ist als etwas maschinell zu automatisieren. Dabei handelt es sich aber um einfache angelernte Arbeiten.

    Ich habe in Japan Parkhäuser mit jeweils 5 Angestellten an Ein- und Ausfahrt gesehen die die Schranke und den Automaten ersetzt haben. Und der Chef stand da sicherlich nicht dabei.

    Gruß Papawaa :)

  4. @ Sebastian
    Guter Punkt. I.d.R. sind die Wohnungen vie kleiner. Allerdings pendeln ja viele genau deshalb weit, weil sie keine Lust auf Mini-Appartments haben und lieber ein Haus in einem Vorort wollen. Darin hätte schon ein Schreibtisch Platz ;)

    @ Michael
    Das ist aber eine sehr konservative, auf reinen Annahmen basierende Sichtweise. Genug Praxisversuche mit Home Office zeigen, dass Arbeitnehmer deshalb nicht automatisch faul werden. Man kann es auch umgedreht sehen: Wer 8 h oder mehr täglich im Büro festgekettet ist, der macht aus der Not eine Tugend und verbringt die Zeit heimlich mit Facebook & Co – weil die Motivation gering ist und die Langeweile groß.

    @ Papawaa
    Stimmt, man sieht immer mal Personal in Situationen, in denen man sich fragt, wozu die eigentlich gut sind. Scheinen reine Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zu sein, um die Arbeitslosigkeit niedrig zu halten.

    Die angesprochenen Zugausfälle in Europa beruhren allerdings häufig auf technischen Problemen. Wagenfehler, Weichenprobleme usw.

  5. Martin,
    kommst Du auch am Bahnhof Shinjuku vorbei?

    Ein Bericht auf 3sat/Hitec (Video nicht mehr vorhanden, nur noch Text, aber interessant)

    Artikelserie “Tokios Bahnsystem”
    Der menschenreichste Bahnhof der Welt
    Thema zu der hitec-Sendung “Logistik der Massen”

    http://3sat.de/page/?sour…in/107142/index.html

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