Startups in Japan:
“Bis vor zwei Jahren wollten alle in einem großen Unternehmen arbeiten”

Vor zwei bis drei Jahren existierte nahezu kein Startup-Ökosystem in Japan. Mittlerweile gibt es immer mehr Gründer, aber auch zahlreiche Herausforderungen, so die Branchenkennerin und Tech-Reporterin Yukari Mitsuhashi im Interview.

Seit gut sieben Wochen befinde ich mich in Tokio. Obwohl ich mittlerweile schon ein besseres Verständnis über die hiesige Startup-Wirtschaft und ihre Herausforderungen habe als zu Beginn, so verhindert die allseits präsente Sprachbarriere ein wirklich tiefes Eintauchen und eine wasserdichte Analyse des lokalen Ökosystems. Glücklicherweise gibt es Menschen wie Yukari Mitsuhashi. Die gebürtige Japanerin verbrachte während ihrer Jugend sieben Jahre in den USA und heuerte nach ihrem Studium in Tokio bei einer Onlinefirma an. Seit zwei Jahren beobachtet sie die Branche für das mittlerweile auch auf Englisch publizierende japanische Tech-Blog Startup-Dating und verschiedene japanischsprachige Publikationen. Sie kennt sich somit gut in der Szene aus und weiß dank ihrer ausgezeichneten Englischkenntnisse und regelmäßigen Reisen in die USA, wo sich Japans Startup-Wirtschaft heute im internationalen Vergleich befindet. Im Interview mit netzwertig.com gibt sie einen Ein- und Überblick.

Yukari Mitsuhashi

Wie steht es um die japanische Startup-Szene?
Sie ist ein sehr zartes, im Aufblühen befindliches Pflänzchen. Bis vor zwei bis drei Jahren wollte jeder in einem großen Unternehmen arbeiten. Doch dann erkannten einige primär junge Leute, dass man mit relativ wenig Mitteln Startups gründen und mobile Apps entwickeln konnte. Seitdem kommt die Szene in Bewegung. Oder besser gesagt: Zuvor existierte sie abseits von einigen großen Internetkonzernen, die sich vorrangig im Business-, Social Networking- und Gamesbereich betätigen, gar nicht.

Welches sind die übergeordneten Trends?
Viele Startups fokussieren sich auf den mobilen Bereich, häufig geht es um Mode oder Fotos. Der Begriff “Startup” ist dabei natürlich Definitionssache. Häufig handelt es sich um ganz schlanke Firmen, die innerhalb des letzten Jahres lanciert wurden, jeweils nur eine Anwendung veröffentlichen und nicht sonderlich viel Funding erhalten haben.

Und woher kommt das Kapital?
Mittlerweile gibt es mindestens zehn Inkubatoren, die häufig ähnlich dem Modell von Y Combinator funktionieren, in kleinerer Dimension natürlich – mehrmonatige Programme mit jeweils fünf oder sechs angeschobenen Startups. Die zwei größten, bekanntesten Inkubatoren sind Open Network Lab sowie Movida. Hinter Movida steckt unter anderem der japanische Telekommunikationskonzern Softbank.

Welches Ziel verfolgen all diese App-Startups? Schneller Exit oder Next Big Thing?
Ich glaube schon, dass viele der Gründer große Ambitionen haben. Zumal es bisher nur sehr wenige Übernahme-Optionen gibt. Das ganze Ökosystem steckt noch vollkommen in den Kinderschuhen. Die wenigsten Anbieter dürften Gewinne erwirtschaften. Es geht vor allem darum, Nutzer zu akqurieren und dann zu schauen, wie man weiter verfährt.

Wenn sich das Startup-System noch derartig in den Anfängen befindet, wie erfahren sind dann die Akteure?
Nicht sonderlich. Häufig handelt es sich um Absolventen oder Studienabbrecher. Sämtliche Inkubatoren haben natürlich Mentoren, in der Regel handelt es sich dabei aber um einheimische Personen, die ihr Wissen und Know-how in einer ganz anderen Zeit erworben haben, in einer, als die Wirtschaft gut lief und andere Spielregeln herrschten; als noch niemand über das Lean Startup nachdachte. Ich bin mir nicht sicher, ob die Startup-Landschaft von dieser Art Erfahrung profitiert. Nur Open Network Lab kann auch ein nennenswertes internationales Mentorennetzwerk vorweisen.

Wie geht man in Japan mit Misserfolgen um? Bei so vielen unerfahrenen Gründern dürften ja einige scheitern.
In Japan herrscht ähnlich wie im deutschsprachigen Raum die Sichtweise, dass Scheitern etwas grundsätzlich Negatives ist und entsprechend unbedingt vermieden werden sollte. Sei vorsichtig, damit du nicht scheiterst – so lernen wir es hier. Ich denke aber, dass vieles vom Team abhängt. Ein gutes Team kann sich nach einem Flop gemeinsam aufraffen und neu starten, oder bei einem existierenden Unternehmen anheuern und dort etwas neues aufbauen. Grundsätzlich gilt aber: Wem einmal ein Projekt misslingt, der erholt sich davon leider nur schwer.

Wie groß ist die Tokioter Startup-Szene?
Sie ist noch sehr übersichtlich. Einige hundert Menschen gehören dazu, würde ich schätzen. Natürlich arbeiten im traditionellen Internetsegment mehr Leute, aber dort herrscht eine etwas andere Atmosphäre als bei den Startups – auch wenn sie natürlich auch da nicht mit der formellen japanischen Firmenkultur zu vergleichen ist.

Siehst du weitere Herausforderungen?
Die Sprache ist natürlich ein entscheidendes Problem. Ich würde dich gerne mit ein paar Startups hier in Kontakt bringen, aber viele könnten sich mit dir nicht verständigen, weil dort niemand Englisch spricht. Kommunikation ist der Schlüssel zu globalem Erfolg. Etwas anders sieht es bei den großen Spielefirmen wie Gree oder DENA aus, weil in Spielen die Sprache etwas weniger wichtig ist. Generell wird auf 99 Prozent der Startup-Events hier Japanisch gesprochen – mit einigen Ausnahmen wie der SF Japan Night. Wäre Englisch verbreiteter, würden mehr hiesige Startups einen globalen Markt anstreben.

Es gibt also diverse Hürden. Wie optimistisch bist du, dass das Startup-Ökosystem überhaupt eine nennenswerte Größe erreichen wird?
Ich bin ein optimistischer Mensch, und ich glaube, dies gilt für alle, die derzeit in Japan gründen. Zwei bis drei Jahre ist keine lange Zeit, und trotzdem existieren bereits diverse Inkubatoren. Ich glaube, es ist alles nur eine Zeitfrage. Allerdings kann es durchaus zehn Jahre dauern. Oder vielleicht sogar 30 oder 40 Jahre, bis wir ein Ökosystem haben, das mit dem in den USA vergleichbar ist.

Wie ist das Verhältnis zwischen originellen Ideen und Copycats?
Ich schätze so 30:70. Es gibt definitiv mehr Copycats von im Ausland erfolgreichen Konzepten, wobei diese stark an den japanischen Markt angepasst werden (müssen). Aber natürlich finden sich auch einige originelle Ideen.

Welches sind denn die drei Startups, die du gerade besonders interessant findest?
Da wäre zuerst Giftee, eine iPhone- und Android-App, mit der man sich mittels physischer Geschenke wie einem Bier, einem Kaffee oder einem Kuchen bei anderen Menschen für etwas bedanken kann. Das Konzept passt gut in die japanische Kultur, in der digitale Geschenke als zu unpersönlich gelten. Zweitens gefällt mir Fril, ein mobiler Kleinanzeigenmarkt mit dem Fokus auf Mädchen und jungen Frauen – diese kaufen in Japan einfach mehr als Jungen/Männer. Erwähnenswert ist auch Stores.jp – bei dem Service kann jeder mit minimalem Aufwand einen Onlineshop starten. Derartige Angebote gibt es zwar international einige, das Differenzierungsmerkmal liegt hier jedoch auf der Simplizität, wodurch auch Durchschnittsnutzer an das Thema herangeführt werden sollen.

Der beliebte Smartphone-Messenger Line ist also nicht dabei…?!
Nein, Line ist ja kein Startup sondern kommt aus einem etablierten Onlinekonzern. Außerdem ist es gewissermaßen “langweilig”. Alle haben es: Hausfrauen, Väter, Kinder.

Wer erstmals nach Japan kommt, dem werden die allseits gut gefüllten Buchläden und DVD-Geschäfte beziehungsweise Videotheken auffallen. Auch viele junge Menschen sind dort anzutreffen. Interessieren sich Japaner nicht für digitale Medieninhalte?
Doch schon, aber letztlich ist das Angebot bei physischen Medien noch immer deutlich größer. Und spezifische werbefinanzierte Gratisdienste etwa zum Musik- oder Filmstreaming existieren nicht. Die Gründe dafür sind sicher vielfältig. Die Medienindustrie verhält sich sehr konservativ und fördert schlicht keine Innovation im digitalen Segment. Filesharing-Angebote nutzen vergleichsweise wenige Menschen. Vielleicht ist das auch ein kultureller Aspekt. Japaner halten sich gerne an die ihnen gesetzten Regeln. Und sie haben kein Problem damit, für gute Inhalte zu bezahlen.

Gibt es gar keine nennenswerten Startups in diesem Sektor?
Mir fallen keine ein. Aber vor einigen Monaten hat Hulu eine kostenpflichtige japanische Version lanciert, und auch Spotify soll demnächst hier starten. Insofern könnte sich 2013 einiges bewegen. /mw

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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