Der Frust mit Singlebörsen:
Ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit

Matchmaking-Portale wie ElitePartner machen aus Singles wandelnde Lebensläufe. Moderne Apps sind ehrlicher und stellen Äußerlichkeiten wieder in den Vordergrund. Erst ein neuer Ansatz aber wird Singles wirklich helfen: andere Menschen auch online über gemeinsame Freunde kennenlernen zu können.

Im vergangenen Frühjahr reaktivierte ich meinen ElitePartner-Account. Ich füllte alles aus, was dazu gehört, präsentierte mich, wie alle das tun, im besten Licht und wies auf einige sympathische Schwächen hin. Ich füllte sehr akribisch einen Steckbrief aus, las Dating-Tipps und dann wurde ich aktiv. Ich schrieb einige Frauen an, viele meldeten sich auch bei mir. Mit einigen wuchs der Kontakt über die Plattform hinaus, man telefonierte, traf sich im echten Leben.

Rückblickend muss ich sagen, dass man auf ElitePartner in der Tat viele Singles findet. Vielleicht existiert sogar eine Chance, dort wirklich jemand Nettem zu begegnen. Erstaunlicherweise macht die Plattform einem aber genau das schwer. Seine Interessen trägt man steckbriefartig ein, seine Attraktivität soll man selbst einschätzen (“attraktiv”, “sehr attraktiv” oder “sehr sympathisch”). Die Suchvorschläge lassen sich nach Alter und dann auch gleich nach Körpergröße filtern. Wie oberflächlich muss man sein, um Menschen noch vor der Kontaktaufnahme anhand ihrer Größe auszusortieren?

Für den eigenen Steckbrief beantwortet man Fragen wie die bevorzugte Küche. Lieber Italienisch oder Asiatisch? Ist vom Stil her lieber die Landhauswohnung oder das Innenstadtloft dein Ding? Beides schön? Geht nicht. Die Frage nach dem eigenen Lebenstraum lässt sich nicht mit “Einmal um die Welt reisen” beantworten. ElitePartner verlangt eine Antwort von mindestens 30 Wörtern. Gleiches gilt bei persönlichen Nachrichten an einen interessanten Kontakt. Einfach etwas wie “Hey, mag dein Profil!” schreiben, ist ebenfalls nicht erlaubt. Für jede Direktnachricht ist eine Mindestanzahl an Wörtern vorgeschrieben. Das erhöht angeblich die Chancen auf eine Antwort.

Verachtung der Singlebörse schweißt zusammen

Bilder werden erst freigeschaltet, wenn das Gegenüber das erlaubt. Klingt zunächst weniger menschenverachtend, führt aber dazu, dass man unweigerlich prüfend in den Spiegel schaut, wenn die andere Person sich erst interessiert zeigt und den Kontakt direkt nach Ansicht der Profilfotos beendet. Der einzige interessante Mensch, den ich in diesem System kennenlernte, war eine Frau, die dem Konzept ebenso kritisch gegenüber stand wie ich. Wir lagerten den Kontakt schnell auf E-Mail und WhatsApp aus und näherten uns über unsere gemeinsame Verachtung vor ElitePartner an. Nach ein paar Treffen im echten Leben hat es dann mit einer Beziehung leider auch nicht funktioniert. Irgendwie schade, aber natürlich, es ist kompliziert.

Die Zahl der neurotischen Singles um einen herum steigt gefühlt exponentiell, je älter man wird. Und wahrscheinlich ist man selbst der Schlimmste davon, ohne es zu merken. Man könnte und sollte sich dem Thema ohne große Erwartungen und mit viel mehr Humor stellen. Genau das aber fehlt heutigen Dating-Plattformen wie ElitePartner: Spaß und Herz. Man kommt sich vor wie in einem Assessment Center, gemacht von und für Human Resource Manager.

Wer auf Äußerlichkeiten schaut, ist wenigstens ehrlich

Zwingend sein muss das zum Glück nicht. Die aktuelle Generation von Dating-Portalen lässt zumindest den Eindruck verschwinden, man bewerbe sich um eine Arbeitsstelle. Dafür geht der Trend wieder hin zu Äußerlichkeiten und teilweise Gamification. Es muss nicht gleich so plump wie Bang with Friends sein: Die Apps Circl.es, TheGame und Tinder sowie Let’s Date erinnern an das “gute, alte” Hot or Not, verbinden Äußerlichkeiten aber mit gemeinsamen Interessen. Die Apps analysieren den eigenen Facebook-Account und finden dazu passende Singles in der Umgebung. Das erste und oft wohl einzige, was man von einem Kontakt dort sieht, ist ein Foto. Den Apps ist gemeinsam, dass man Kontaktvorschläge einfach liken oder skippen kann; die andere Seite wird nur über Likes informiert. In meinen Augen ist das inzwischen die ehrlichere Methode: ein potenzieller Partner muss einem optisch gefallen. Das ist mit das wichtigste Kriterium, auch wenn es nicht das einzige bleiben darf.

Freunde von Freunden

Die genannten Apps haben natürlich Nachteile. Bei TheGame etwa dürften sich Singles ein wenig wie Ware vorkommen. Man kann mit anderen (und eben auch deren Gefühlen) spielen und läuft Gefahr, dass einem das gleiche Schicksal blüht. Circl.es schließt den eigenen Freundeskreis auf Facebook aus. Ein neuer Ansatz, der mir sehr gut gefällt, weil er das Gegenteil tut, ist der von FriendlyLook. Die meisten Menschen haben ihren Partner über gemeinsame Freunde kennengelernt. Und das US-Startup will dieses Vertrauensprinzip jetzt online bringen. Über Freunde von Freunden soll ein Netzwerk entstehen, in dem Singles Menschen treffen, denen ihre Freunde vertrauen. Das senkt die Gefahr einer Enttäuschung. FriendlyLook ist noch in einem frühen Stadium und noch ist ungewiss, ob das Konzept im Web wirklich funktioniert. Es wäre wohl erst die übernächste Generation des Datings, aber endlich eine, die es auf die freundliche Art versucht:


Double-Dates, um das Eis zu brechen

In eine ähnliche Richtung ging die Idee von TheDatable aus dem vergangenen Sommer, das mittlerweile schon wieder offline zu sein scheint. Das Konzept klingt so schlecht nicht: Facebook-Mitglieder können ihre Freunde vorschlagen, die Singles sind. Über mehrere Ecken lernen die Genannten dann Single-Freunde von Freunden kennen. Problem scheint hier wie ehedem zu sein, dass man sich vor Fremden als Single entblößt. Das Startup Tandem derweil will Menschen zu Double-Dates animieren. Singles treffen sich nicht mehr zu zweit, sondern zu viert, weil das Kennenlernen in der Gruppe oft einfacher ist.

Die Menschen wieder kennenlernen

Irgendwann, wenn wir genug auf reine Äußerlichkeiten und die richtigen TV-Serien geachtet haben, kommt vielleicht ein Datingportal, das das Menschliche wieder in den Vordergrund stellt. Francisco Dao beschrieb auf PandoDaily kürzlich sehr schön das beinahe vergessene Prinzip, wie es mit der Liebe funktionieren kann: Sortiere nicht zu schnell aus, sondern lerne jemanden erst richtig kennen. Sie kann die Richtige für dich sein, auch wenn sie 20 Zentimeter kleiner ist als dein übliches Beuteschema. Dieses Prinzip haben weder ein ElitePartner noch ein Circl.es oder Tinder bisher verinnerlicht. Es steht zu hoffen, dass einem Portal dies eines Tages gelingen wird – oder Singles einfach wieder mehr Mut haben, selbständig aktiv zu werden.

 

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist freier Technikjournalist, Innovationsberater und Skeptiker.

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5 Kommentare

  1. Mir persönlich ist okcupid.com mit seinen durchdachten Algorithmen die menschlichste Datingseite. Immer mit einem Augenzwinkern und ziemlich unverkrampft kommt man da ins Gespräch. Die Seite hat einige Gamification-Ansätze und legt Wert auf Fotos.
    Ist aber eher was für Leute, die gut Englisch können.

  2. Interessant ist doch auch, dass traditionelle Single- und Partner-Börsen offenbar an ihre Wachstumsgrenze gelangt sind: Der Markt für Single-Börsen ist rückläufig, für Partnerbörsen stagniert er bereits. Nur noch Erotik-Börsen und Nischenangebote entwickeln sich positiv (siehe http://www.czyslansky.net/?p=8833). Ich bin davon überzeugt, dass die traditionellen Partner-Börsen sich zügig den sozialen Medien gegenüber öffnen müssen und die Selbsteinschätzung ihrer Kunden durch Netzwerk-Profilierung ergänzen müssen, wollen sie künftig noch erfolgreich sein. Jürgen Vielmeier ist hier uneingeschränkt zuzustimmen.

  3. Guten Tag, Herr Vielmeier. Ich denke, Sie sollten stärker unterscheiden bei Ihrer Beobachtung zwischen bspw. Singlebörsen (selbst suchen) und Partneragenturen (Partnervorschläge erhalten), da die Erwartungshaltung der Mitglieder auch jeweils sehr unterschiedlich sind. Letztere richten sich an meist ältere Singles, die sehr bewusst nach einer Partnerschaft suchen. Diese Verbindlichkeit oder Ernsthaftigkeit unterscheidet sich doch sehr stark von den Interessen jener Singles in sozialen Netzen oder bei Sex-Angeboten.
    Ein wenig vermessen empfinde ich es, aus der eigenen Wahrnehmung heraus ein allgemeingültiges Fazit ziehen zu wollen, was SIngles heflen kann: Partnersuche ist zu individuell, um mit einer Strategie alle Bedürfnisse aller Singles erfüllen zu können und so ist die Vielfalt der Angebote und deren Strategien ein Spiegelbild der Unterschiedlichkeit von Singles. Dass bspw. Partneragenturen (Disclaimer: ich bin/war für mehrere tätig) nicht erfolgreich wären, steht im Widerspruch zu deren Erfolgsquoten. Eine Agentur bspw. hat gerade die Zahl der Paare veröffentlicht, die in diesem Jahr ihren zehnjährigen Hochzeitstag feiern. Das ist nicht nur in Vermittlung sondern auch in Langfristigkeit durchaus erfolgreich und eigentlich eine sehr schöne Sache, oder? MfG

  4. Also ganz ehrlich, dass es auf einer Plattform mit dem Namen “ElitePartner” wie im Assessment Center zugeht, dürfte doch eigentlich keine Überraschung sein?

  5. Ich finde vor allem die Idee mit den Double-Dates Innovativ, es erinnert mich etwas an das System von Singlereisen, wobei ich das mit den Reisen immer schwierig finde, da die Teilnehmer oftmals aus sehr unterschiedlichen Regionen stammen, was es nach der Reise schwierig macht sich wieder zu sehen.
    Aber solche Startups wie Tandem gibt es noch nicht im deutschen Raum oder? Zumindest sind mir keine bekannt, solche würden wir auch gerne in unserem Verglaich auf singleboersen-finder.de aufnehmen. Da diese eine echte Innovation darstellen und ich finde es immer spannend solche Startups duchzuchecken.
    Gerade hatten wir das auch mit Shopaman gemacht, die Idee fand ich auch witzig, es gibt aber auch schon viele die sagen es wäre grundauf diskriminierend Männern gegenüber.

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  1. [...] Der Frust mit Singlebörsen: Ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit: Matchmaking-Portale wie ElitePartner machen aus Singles wandelnde Lebensläufe. Moderne Apps sind ehrlicher und stellen Äußerlichkeiten wieder in den Vordergrund. Erst ein neuer Ansatz aber wird Singles wirklich helfen: andere Menschen auch online über gemeinsame Freunde kennenlernen zu können. – http://netzwertig.com/201…-mehr-menschlichkeit… [...]

  2. […] Menschlichkeit, Spaß und Herz verlangte Ex-Kollege Jürgen vor einigen Monaten drüben bei netzwertig.com in einem Beitrag über Single-Börsen im Internet. Kann man zunächst unterschreiben. Allerdings […]

  3. […] Der Frust mit Singlebörsen: Ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit … http://netzwertig.com/Matchmaking-Portale wie ElitePartner machen aus Singles wandelnde Lebensläufe. Moderne Apps sind ehrlicher und stellen Äußerlichkeiten wieder in den Vordergrund. Erst ein neuer Ansatz aber wird Singles wirklich … […]