Suizide von Gründern:
Die Schattenseite der Netzwirtschaft

Mehrere Startup-Gründer und Netz-Prominente haben sich in letzter Zeit das Leben genommen. Die Webwirtschaft muss sich fragen, ob sie derartige Schicksale provoziert.

In letzter Zeit taucht immer häufiger ein eher bedrückender Begriff in meinen RSS-Feeds von Technologie-Blogs und Fachmagazinen rund um die Internetbranche auf: “Suicide”. Selbstmord. “Do we need to talk about Suicide?” – “müssen wir über Selbstmord reden?”, so die rhetorische Frage in der Überschrift von Webunternehmer Jason Calacanis als Reaktion auf den Suizid des in Los Angeles ansässigen Startup-Gründers Jody Sherman. Sherman war eine bekannte Persönlichkeit in der kalifornischen Internetwelt und Co-Founder des auf nachhaltige Produkte spezialiserten E-Commerce-Angebots Ecomom.

Während die genauen Gründe für seinen Freitod im Dunkeln bleiben, wurden nach dem tragischen Ereignis tiefe finanzielle Löcher in der Bilanz entdeckt – zur Überraschung von Investoren und der 28 Angestellten. PandoDaily-Chefredakteurin Sarah Lacy, die laut eigenem Bekunden mit Sherman befreundet war und ihn als sehr ehrliche, hohen ethischen Werten folgende Persönlichkeit beschreibt, berichtete vor einigen Tagen von einer bevorstehenden Schließung von Ecomom in Folge der jetzt aufgeflogenen desaströsen finanziellen Lage.

Was genau Sherman in den Selbstmord getrieben hat, ist bisher nicht klar. Ganz offensichtlich war das von ihm gegründete Unternehmen mächtig ins Strudeln geraten, wobei den jetzt erscheinenden Berichten zufolge nur wenige Personen darüber Bescheid wussten. Selbst die Geldgeber nicht. Egal welche anderen Sorgen den verheirateten 48-Jährigen auch belasteten – der Druck auf ihn wird sich durch die Situation bei Ecomom nicht gerade verringert haben. Vielleicht sorgte er auch für die ausweglose Situation, die Sherman schließlich zur Waffe greifen ließ.

Sherman ist nicht der einzige bekannte Kopf aus der Webwelt, der sich in jüngster Zeit das Leben nahm. Erst zu Jahresbeginn schockte der Freitod von Reddit-Gründer und Internetaktivist Aaron Swartz die Netzgemeinde. Gut ein Jahr zuvor beging mit Ilya Zhitomirskiy einer der Gründer des dezentralen Social Networks diaspora Suizid.

Während diese drei Fälle vielleicht nur an der Oberfläche eine Gemeinsamkeit aufweisen, nämlich dass es sich um bekannte Persönlichkeiten der digitalen Sphäre handelte, und ansonsten auf komplett unterschiedliche Ursachen zurückzuführen sein mögen, so regen sie dennoch dazu an, einen Moment inne zu halten und sich die Frage zu stellen, ob die übertriebene Euphorie, die gerne das mediale und öffentliche Bild der Startup- und Netzwirtschaft begleitet, nicht eine einseitige, rosarote Version einer deutlich härteren Wirklichkeit darstellt. Und ob dadurch womöglich zu viele Menschen der Illusion von schnellem Ruhm und Reichtum erliegen, ohne die Schattenseiten des Entrepreneur-Daseins und Online-Engagements zu bedenken. Wovon es viele gibt, wie diese Präsentation schön zusammenfasst. Titel: “Werde kein Unternehmer, es sei denn du bist verrückt”. Tenor: Wer gründet, muss unglaublich viele Opfer bringen, während die Erfolgschancen statistisch gesehen äußerst gering sind.

Und doch motivieren zig Millionen- und Milliardenexits, radikal gesunkene Kosten für das Launchen von Webfirmen und die zunehmende Sexiness des Titels “Startup-Gründer” eine Vielzahl von Menschen dazu, im digitalen Raum ihre Visionen zu verwirklichen, Firmen aufzubauen und ambitionierte Projekte zu realisieren. Natürlich ist das toll und essentiell, denn kreative, ideenreiche und in neuen Bahnen denkende Gründer spielen eine wichtige Rolle darin, die mannigfaltigen Herausforderungen unserer Zukunft auf diesem Planeten zu lösen.

Aber bei all der “Awesomeness”, bei allen wilden Parties, farbenfrohen, lebenslustigen Designs und täglichen Erfolgsmeldungen über Meilensteine, Finanzierungsrunden und Übernahmen darf man eben nicht vergessen: Auf jeden knallenden Sektkorken kommt mindestens ein(e) von schlaflosen Nächten geplagte(r) Jungunternehmer(in), der/die nicht weiß, wie ein Unterfangen noch zu retten ist. Und bei einer Startup-Feier werden viele Flaschen geöffnet.

Auch wenn es nach außen hin leicht so wirkt: Gründen ist kein Zuckerschlecken. Früher oder später kommen die Rückschläge. Nicht jeder ist dafür gemacht, diese galant wegzustecken. Inwieweit die Schicksale von Sherman, Swartz und Zhitomirskiy unmittelbar mit ihrem beruflichen Treiben zu tun hatten, spielt für diese Betrachtung gar keine so große Rolle. Allein dass dieser Gedanken in Anbetracht der Arbeits- und Lebensumstände vieler Entrepreneure und Macher so plausibel wirkt, verdeutlicht, dass es sich lohnt, das Thema zu diskutieren. Auch, um ein Fortsetzen dieses traurigen Trends zu verhindern. /mw

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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3 Kommentare

  1. Wenn das Sprungbrett zum Sargdeckel wird: Pleite, Reputation am Arsch, Burnout, Ignoranz, Hilflosigkeit,…. scheitern als Ex-Gründern ist hart! Wenn dann noch Aussichtslosigkeit dazu kommt und die Familie Druck macht, dann kommen schnell Selbstmordgedanken hoch! Ich mach das seit 2 sehr harten Jahren mit. Neustart wird einem von allen Seiten her schwer gemacht. Hurra, aber ich lebe noch – in der Hoffnung der Sargdeckel geht nicht so schnell zu!

  2. Dass ist ja nicht nur in der Online-Welt oder bei Online-Firmen-Gründer der Fall. Viele unterschätzen leider den Druck der mit solch einer Selbständigkeit einhergehen kann wenn das Geschäft mal nicht wie gewünscht läuft.
    Das schlimme für die Gründer ist dann wahrscheinlich zusätzlich noch die Reputation im Internet, wenn innerhalb weniger Wochen alle auf einen einhacken.

  3. Bei der Suizidgefährdung für Gründer dürfte es sich kaum um ein spezielles Problem der Internetwirtschaft handeln. Allerdings liegt hier der Anteil von Einzelunternehmen oder Selbständigen besonders hoch. Im Falle einer Insolvenz haben diese es oft besonders schwer – meist haften Sie mit ihrem Privatvermögen, um die Schuldner zufrieden zu stellen und das Insolvenzverfahren zu bezahlen.

    Früher galt die Insolvenz vielen als eine schlimme Schande, aus der nur der Weg in den Selbstmord übrig blieb. Diese Zeiten sind vorbei – Eine Insolvenz bleibt jedoch für Viele ein schlimmer Schicksalsschlag und wird auch in der modernen Leistungsgesellschaft stigmatisiert – nicht selten wird die Insolvenz sogar der eigenen Familie oder dem engsten Freundeskreis verheimlicht. Der Betroffene fühlt sich wertlos, beim Scheitern einer Gründung im Internet kann dies besonders schmerzhaft sein, da sich der Reputationsverlust quasi in einer breiten Öffentlichkeit vollzieht.

    Dem Gefühl der Wertlosigkeit und der Stigmatisierung gilt es entgegenzuwirken. Hier hat das Internet nicht nur Schattenseiten: Es finden sich zahlreiche persönliche Erfahrungsberichte von Betroffenen, die trotz Insolvenz ein erfülltes Leben führen sowie Information und Hilfe für die zahlungsunfähigen Mitglieder unserer Gesellschaft.

3 Pingbacks

  1. myBasti sagt:

    Selbstmorde in der Gründerszene…

    Foto: Fuse | Thinkstock Das Thema wurde von Martin Weigert (Netzwertig) angesprochen: Golem – Die dunkle Seite der Netzwirtschaft L.A. Times - After Jody Sherman death, tech community seeks dialogue on suicide Imho ein Thema, das keines ist. Menschen b…

  2. [...] Suizide von Gründern: Die Schattenseite der Netzwirtschaft: Mehrere Startup-Gründer und Netz-Prominente haben sich in letzter Zeit das Leben genommen. Die Webwirtschaft muss sich fragen, ob sie derartige Schicksale provoziert. – http://netzwertig.com/201…-der-netzwirtschaft/ [...]

  3. […] Weigert hat das Thema noch deutlich “dunkler” in seinem Beitrag auf Netzwertig zu Suiziden bei Gründern -Die Schattenseite der […]

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