Die Zukunft digitaler Musik:
Streamingdienste vergüten Künstler mit Hörerdaten

Es gibt viele Zweifel an der Nachhaltigkeit von Musikflatrates. Ein neuer Streamingdienst will die Interessen der Künstler stärker berücksichtigen und sie mit Hörerdaten versorgen. Das Modell könnte Schule machen.

Fragt man Künstler nach der aktuellen Lage ihrer Branche, erhält man unterschiedliche Antworten. Die einen beklagen die Inflation der Musik im digitalen Zeitalter, die damit verbundene gesunkene Zahlungsbereitschaft für einzelne Titel und Alben und die daraus folgenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Andere freuen sich über neue Möglichkeiten zum Selfpublishing und zur Schaffung einer loyalen globalen Anhängerschaft, die Fanutensilien kauft, Konzerte besucht und damit die Kassen klingeln lässt. Wie auch immer Interpreten und Songschreiber aber zum dem durch die Digitalisierung verursachten Wandel der Musikindustrie stehen, so bleibt ihnen nichts anderes übrig, als den Zustand zu akzeptieren und das Beste daraus zu machen. Denn die Uhren lassen sich nicht mehr zurückdrehen. Haben Hörer erst einmal sofortigen, parallelen Zugang zu Millionen Titeln erhalten – sei es über eigene MP3-Sammlungen, illegale Tauschbörsen oder legale Streamingdienste – so kann man sie später nicht wieder mit “Album” genannten hochpreisigen Songbündeln abspeisen, bei denen zwei oder drei Meisterwerke von neun Lückenfüllern begleitet werden.

Doch auch für alle Musiker, die der nun seit rund 15 Jahren anhaltenden Entwicklung skeptisch gegenüber stehen, gibt es Grund für Optimismus und die Annahme, dass die Branche sich derzeit lediglich in einer für manche schmerzvollen Übergangsphase befindet, die nach und nach aber die Sicht auf neue Monetarisierungsformen und Geschäftsansätze für Künstler aller Professionalitätslevels freigibt. Ein Blick auf die Pläne des kommenden Musikstreamingdienstes Beats Audio signalisiert, dass selbst diejenigen Künstler, die sich als Verlierer der Evolution digitaler Musik sehen, besseren Zeiten entgegenblicken können.

Beats Audio soll musikerfreundlich werden

Beats Audio heißt ein geplanter Musikservice unter dem Dach der von Rapper Dr. Dre und dem Musikunternehmer Jimmy Iovine gegründeten Kopfhörer- und Lautsprechermarke Beats Electronics. Die 2006 gründete Firma, an der HTC mit rund 25 Prozent beteiligt ist, gab im Juli vergangen Jahres die Übernahme des Musikstreamingdienstes MOG bekannt. Inwieweit “Beats Audio”, das in diesem Jahr debütieren wird, die Nachfolge von MOG antritt oder als paralleles Produkt etabliert werden soll, ist bisher offen. Klar ist allerdings, wie Dr. Dre, Branchenexperte Iovine und der zum Chief Creative Officer ernannte Musiker Trent Reznor das Angebot von der Vielzahl an Wettbewerbern wie Spotify, simfy, Deezer und Rdio differenzieren wollen: Beats Audio soll der “erste künstlerfreundliche Streamingdienst der Welt” werden.

Während die bisherigen Akteure in diesem noch jungen, aber gemeinhin als Zukunft des digitalen Musikkonsums betrachteten Feld zwar mittlerweile riesige Musikkataloge und den Segen der großen Labels und zehntausender Bands und Interpreten vorweisen können, so hält sich die Begeisterung auf Seiten der Künstler wegen der äußerst bescheidenen Einnahmen in Grenzen. Der Löwenanteil der von Anwendern pro Monat gezahlten Flatrategebühr – zumeist in Höhe von fünf bis zehn Euro – geht nämlich an die Major Labels sowie einige wenige Superstars. Im Sommer 2012 wies ich darauf hin, dass aufgrund der Unzufriedenheit vieler Musiker mit den aktuellen Streamingangeboten Raum für einen Anbieter ist, der ihnen näher steht als den Labels, und der ihre Interessen besser zu berücksichtigten vermag. Den Äußerungen von Beats-Mitgründer Jimmy Iovine zufolge soll Beats Audio genau eine solche Mission verfolgen.

Künstler erhalten nicht nur Geld, sondern auch Daten

Nimmt man aber an, dass Konsumenten mittlerweile stark auf das Preismodell von maximal zehn Euro pro Monat für unbegrenzten monatlichen Streaminggenuss konditioniert sind, stellt sich die Frage, auf welche Weise ein Flatrate-Angebot die Position der Musiker stärken kann, ohne noch größere Verluste anzuhäufen als Branchenprimus Spotify. Iovines Antwort: mittels Daten!

Beats soll Künstlern Daten darüber geben, wann wo welche Nutzer welche ihrer Titel angehört haben, und ihnen eine direkte Kommunikation mit Hörern ermöglichen, erkärte Iovine vor einigen Tagen auf einer Konferenz. Weder iTunes noch einschlägige Streamingservices bieten Künstlern bisher Informationen über den Konsum ihres Contents. Beats Audio soll dies ändern. Auch wenn sich damit nicht unmittelbar die Erlöse aus Streaming erhöhen lassen, so eröffnen Nutzungsdaten Musikern zahlreiche neue Möglichkeiten für die Distribution ihrer Musik, für Marketingkonzepte, Produktkampagnen und die Planung und Durchführung von Konzerten.

Als jemand, der selbst zehn Euro pro Monat für unbegrenzten Zugriff auf 20 Millionen Titel zahlt, finde ich den Gedanken, dass Musiker, deren Songs ich höre, darüber in Kenntnis gesetzt werden, meinen ungefähren Standort einsehen und mir Nachrichten schicken können, in keiner Form verwerflich. Während 120 Euro pro Jahr allein für das Hören digitaler Musik keine zu verachtende Summe darstellen, bleibt davon am Ende nur sehr wenig für die Künstler  übrig – immerhin lausche ich im Jahr vielen hundert unterschiedlichen Interpreten. Erlöse aus Streaming allein werden vermutlich auch in den nächsten zehn Jahren die wenigsten Musiker reich machen. Indem sie jedoch Zugang zu den Hörern und ein Verständnis über Konsummuster und regionale Trends erhalten, können sie auf diese Weise noch besser nachgelagerte Erlösmodelle etablieren. Einige Beispiele, was sich mit den gewonnenen Daten anstellen ließe:

  • Kurzfristige Konzertplanung in Regionen, in denen ein plötzlicher Hörerzuwachs erfolgt
  • Personalisierte Konzert-, TV- oder Veranstaltungshinweise für Vielhörer eines Interpreten
  • Belohnungen wie kostenfreie Konzerttickets für Multiplikatoren, die häufig Titel einer Band sharen
  • Per persönlicher Nachricht verbreitete Merchandising-Kampagnen
  • Produktion von neuen Songs oder Remixen auf Basis von Konsummustern oder regionalen Hörerkonzentrationen

Reizthema Datenschutz

Natürlich hat der Plan von Beats Electronics Implikationen für den Datenschutz. Nutzer müssen im Vorfeld einer Verarbeitung und Weiterleitung ihrer Daten an die Künstler, deren Musik sie lauschen, zustimmen. Entscheidend für die Akzeptanz eines solchen Verfahrens ist zudem, ob ausschließlich die Musiker die Nutzungsdaten erhalten und Kontakt mit Hörern aufnehmen dürfen, oder auch Labels. Iovine betonte, dass nur die Interpreten Zugang zu diesen Informationen erhalten sollen, was wohl auch Voraussetzung wäre, damit User sich zu der anvisierten Transparenz bereiterklären.

Häufig besteht zwischen Konsumenten und Produzenten von Musik eine enge emotionale Bindung. Wer gerne den Titeln eines bestimmten Interpreten lauscht, dessen Konzerte besucht und seinen Freunden davon vorschwärmt, dem kann man ein gewisses Interesse am Wohlbefinden des Künstlers unterstellen. Solange die übermittelten Daten in den vorab definierten Grenzen bleiben, nicht weitergegeben werden und nicht Spam in Form permanenter persönlicher Mails von Künstlern mit Veranstaltungstipps und Kaufempfehlungen für Merchandising nach sich ziehen, so muss der Widerstand gegen den “gläsernen Hörer” nicht notgedrungen groß ausfallen. Last.fm hat bewiesen, dass User mit diesem Konzept kein Problem haben.

Ob Beats Audio am Ende tatsächlich DER große Wurf für Musiker wird, ohne dabei die von Anwendern mittlerweile erwarteten Freiheiten beim Musikhören einzuschränken, bleibt abzuwarten. All Things D beschreibt Iovine als “Vertreter der alten Schule der Musikindustrie”, weshalb man Detailentscheidungen zu Ungunsten der User lieber nicht ganz ausschließen sollte. Andererseits befindet sich mit Trent Reznor an seiner Seite wohl DER Innovator, was Experimente mit alternativen Verfahren der Musikdistribution betrifft.

Ungeachtet davon, was aus Beats Audio wird, halte ich einen Zugang von Interpreten zu Hörerdaten bei Streamingservices für einen konstruktiven Ansatz, um die Nachhaltigkeit dieses Geschäftsmodells zu sichern. Bisher nämlich steht dies auf äußerst wackeligen Beinen. Gelänge es, trotz niedriger direkter Erlöse die moralische Unterstützung der Künstler zu gewinnen, dann wäre damit zumindest ein stabiles Fundament für die Zukunft geschaffen. “Daten statt Geld” könnte sich bald zum Motto aller Streamingdienste entwickeln, was die Vergütung der Künstler betrifft. /mw

(Foto: Flickr/jurvetsonCC BY 2.0)

 

Mehr lesen

Big Data: Schatzsuche ohne Karte

19.3.2013, 5 KommentareBig Data:
Schatzsuche ohne Karte

Mit dem Aufkommen des Themas Big Data gibt es die Tendenz, traditionelle Methoden der Wissenserzeugung zu vernachlässigen und sich auf Fakten zu beschränken. Doch ohne diese traditionellen Methoden wird es nicht gehen.

Daten aufbewahren oder vernichten: Was die Popularität von Snapchat bedeutet

21.12.2012, 5 KommentareDaten aufbewahren oder vernichten:
Was die Popularität von Snapchat bedeutet

Eigentlich herrscht Konsens: In Zukunft speichern Anwender einfach alle von ihnen produzierten Daten, anstatt sie vorab auszumisten. Doch der Erfolg von Snapchat signalisiert, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.

Personalisiertes Magazin The Taploid: Klatsch und Tratsch über  die eigenen Facebook-Freunde

15.10.2012, 0 KommentarePersonalisiertes Magazin The Taploid:
Klatsch und Tratsch über die eigenen Facebook-Freunde

Das US-Startup The Taploid hat ein personalisiertes Magazin entwickelt, das humoristische Beiträge mit Klatsch und Tratsch über die eigenen Facebook-Freunde publiziert. Dafür analysiert es Profilinformationen und Verhaltensmuster.

Ampya: Hübsch gestalteter Musikdienst ohne wesentliche neue Funktionen

13.6.2013, 5 KommentareAmpya:
Hübsch gestalteter Musikdienst ohne wesentliche neue Funktionen

ProSiebenSat.1 schickt einen eigenen Musikabo-Dienst ins Rennen, der mit Spotify und Simfy konkurrieren soll und als Extra eine Videosammlung bietet. Im Beta-Test zeigt sich, dass Ampya nichts bahnbrechend Neues bietet, aber durchaus liebevoll gestaltet ist.

Die MP3-Sammlung fällt in Ungnade: Wieso Musikmiete die Zukunft gehört

16.5.2013, 22 KommentareDie MP3-Sammlung fällt in Ungnade:
Wieso Musikmiete die Zukunft gehört

Wenn ein ehemals leidenschaftlicher MP3-Sammler plötzlich gar nicht mehr weiß, was er mit einer lokalen Musikdatei anfangen soll, dann zeigt dies, wo die Zukunft des digitalen Musikkonsums liegt: in der Miete.

Ampya: ProSiebenSat.1 stellt MyVideo einen Musikstreamingdienst an die Seite

26.4.2013, 5 KommentareAmpya:
ProSiebenSat.1 stellt MyVideo einen Musikstreamingdienst an die Seite

ProSiebenSat.1 AG wird einen eigenen Musikstreamingdienst starten. Ampya soll Zugriff auf Songs und Musikvideos bieten und wie Spotify auch in einer Gratisversion angeboten werden.

Ampya: Hübsch gestalteter Musikdienst ohne wesentliche neue Funktionen

13.6.2013, 5 KommentareAmpya:
Hübsch gestalteter Musikdienst ohne wesentliche neue Funktionen

ProSiebenSat.1 schickt einen eigenen Musikabo-Dienst ins Rennen, der mit Spotify und Simfy konkurrieren soll und als Extra eine Videosammlung bietet. Im Beta-Test zeigt sich, dass Ampya nichts bahnbrechend Neues bietet, aber durchaus liebevoll gestaltet ist.

Die MP3-Sammlung fällt in Ungnade: Wieso Musikmiete die Zukunft gehört

16.5.2013, 22 KommentareDie MP3-Sammlung fällt in Ungnade:
Wieso Musikmiete die Zukunft gehört

Wenn ein ehemals leidenschaftlicher MP3-Sammler plötzlich gar nicht mehr weiß, was er mit einer lokalen Musikdatei anfangen soll, dann zeigt dies, wo die Zukunft des digitalen Musikkonsums liegt: in der Miete.

Musikempfehlungen: Denn sie wissen nicht,	was sie wollen

31.1.2013, 6 KommentareMusikempfehlungen:
Denn sie wissen nicht, was sie wollen

Die Auswahl an Musik im Netz ist riesig. Doch viele Nutzer wünschen sich bessere Empfehlungsfunktionen. Das ist die eigentliche Hürde, die dem Durchbruch von Streamingdiensten noch im Wege steht.

6 Kommentare

  1. Toller Beitrag. Martin, ich muss schon sagen, klasse, wie du immer wieder Potenziale neuer Geschäftisdeen auslotest.

    Hast du mal gecheckt, was Spotify heute schon an Daten sammelt? In den Datenschutzrichtlinien (http://spotify.com/de/leg…-policy/#information) stehen “Ortsinformationen” schon mal mit drin. Ich denke, es wäre für Spotify ein leichtes, dieses Addon einfach dazu zu programmieren.

    • Danke!

      Klar, vom Anbieter gesammelt werden die Daten schon heute. Aber den Künstlern nicht zugänglich gemacht.

  2. Zum Thema “Ortsinformationen”:

    Spotify und Deutsche Telekom experimentieren bereits mit geobasierten Musikempfehlungen, siehe http://klangbezirk.net.

    Mehr dazu soll auf der http://localwebconference.de gezeigt werden.

  3. Interessantes Konzept. Soundcloud stellt den Musikern solche Daten bereits zur Verfügung, allerdings gibt es da keine klare Trennung zwischen Künstlern und Hörern. Beats Audio würde also die Brücke schlagen zwischen Soundcloud und Spotify.

  4. “Klangbezirk ordnet Bands und Musiker aus dem Spotify-Katalog ihren Heimatstädten und Regionen zu.”

    Ist also eher ein Ansatz, um Musik sortiert darzustellen.

    Hier geht es ja um ein Modell, was (hoffentlich) die Musiker / Labels gütlich stimmen wird. Bin gespannt!

  5. Tolle Möglichkeiten, die du da aufzählst, was man mit diesen Daten alles machen könnte als Künstler.
    Ich bin gespannt auf die Entwicklung von Beats Audio und kann nebenbei dem Jakob nur Recht geben, liebe diese Themen, die du hier immer aufgreifst und beschreibst!

Kommentar schreiben

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

* Pflichtfelder

 
vgwort