Neuer Hoffnungsträger:
Deutschland ist mit Hardware-Startups besser beraten

Trotz des Hypes um Berlin als kommendem Startup-Hub bleibt Deutschland bislang der große Durchbruch versagt, auch weil die distanzierte Haltung der Gesellschaft zum Digitalen nicht gerade den idealen Nährboden bietet. Spätestens seit 2012 gibt es jedoch einen neuen Trend und Hoffnungsträger: Hardware-Startups.

Während Gründer wie Konstantin Guericke oder Investoren wie Harry Nelis vor kurzem einen Wechsel von B2C zu B2B-Startups diagnostiziert haben, hat Paul Graham, Co-Founder von yCombinator, Ende 2012 einen ganz anderen Schwerpunkt gesetzt: die Renaissance der Hardware-Startups. Die Verbreitung von Tablets, die gestiegene Konnektivität, das Aufkommen von Crowdfunding-Plattformen, neue Entwicklungen in der Elektrotechnik und nicht zuletzt Rapid Prototyping und die 3D-Printer-Bewegung haben die nötigen Rahmenbedingungen geschaffen, so Graham.

Indikatoren: Der Aufstieg von Hardware-Startups

Indikatoren für den Aufstieg von Hardware-Startups gibt es viele:

  • Weltweit sind in den letzten Jahren einige Hardware-Incubatoren und Acceleratoren entstanden, zum Beispiel Lemnos und Bolt in den USA, HAXLR8R in China und den USA, Springboard in London und mehrere Hardware-Startup-Acceleratoren von PCH aus Irland.
  • Laut VentureSource sind die Investitionen in Consumer-Elektronik-Unternehmen von 108,8 Millionen Dollar 2009 auf 262,6 Millionen Dollar 2011 gestiegen. Das ist immer noch ein Bruchteil der Investitionen, die in Web-Startups fließen, aber es weist eben deutliche Wachstumsraten auf. Nicht zuletzt sind Hardware-Startups zum Lieblingskind von Y Combinator geworden, einem der wichtigsten Acceleratoren im Valley.
  • Die Uploads bei Thingiverse, eine Sharing-Plattform für 3D-Baupläne, sind laut Wired von einer Handvoll pro Woche im Gründungsjahr 2008 auf über 60 pro Tag im Juli 2012 gestiegen.
  • Auf Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter oder Indiegogo sind Hardware-Startups (Technologie und Design) neben den Game-Projekten sehr dominant und haben mit der Smartwatch Pebble den bislang größten Hit gelandet.
  • Die vom MIT ausgehende FabLab-Bewegung (gemeinnützige und offene Bastler- und Hightec-Werkstätten) ist seit 2002 enorm gewachsen und zählt in Deutschland bereits neun Ableger. Hinzu kommt eine wachsende Zahl an Meetup-Gruppen unter Labels wie Maker, 3D-Printing, Makerspaces oder die in Deutschland begründete Hackerspace-Bewegung. Schaut man sich in Berlin um, ist die Anzahl der Hardware-Events zwar immer noch verschwindend gering im Vergleich zu den unzähligen Web-Startup-Events. Aber es werden eben mehr.

Gründe: Technik, Preis und Finanzierung

Der Aufstieg der Hardware-Bewegung dürfte kurz gesagt drei Gründe haben: Das Aufkommen erschwinglicher Produktions- beziehungsweise Prototyping-Technologien mit dem 3D-Druck, die nicht nur damit einhergehenden sinkenden Kosten für Markteintritt und Produktion sowie alternative Finanzierungsmöglichkeiten über Crowdfunding-Plattformen. Etwas detaillierter:

  • Nach relativ ähnlichen Einschätzungen sind die Kosten bis zum Markteintritt beziehungsweise bis zum fertigen Prototypen in den letzten zehn Jahren von circa zehn bis 20 Millionen Dollar auf etwa 0,5 bis 1 Mio. Dollar gefallen (WSJ und Wired).
  • Ein Grund dafür ist das Aufkommen von 3D-Druckern wie Makerbot, Ultimaker, Makibox und Co., die für Konsumenten und Bastler erschwinglich geworden sind und im Preis immer weiter fallen. Damit wird das Prototyping und das Testen von Produktideen auch für Privatleute möglich.
  • Gleichzeitig ist der Zugang zu chinesischen Manufakturen einfacher und die Produktion günstiger geworden, während auf der anderen Seite der Vertrieb durch den Boom des Online-Handels heute ebenfalls leichter ist.
  • Anstelle der zurückhaltenden Investoren-Szene (Kosten und Risiken von Hardware-Startups) ist mit dem Crowdfunding eine alternative Finanzierungsform entstanden, die für Hardware ausgesprochen gut funktioniert. Hardware kommt beim Kunden einfach gut an, und langsam sieht auch die Rechnung der Investoren positiver aus.
  • Es gibt kaum Beschwerden darüber, dass Hardware etwas kostet (ein beliebter Spruch in der Szene lautet scheinbar “shut up and take my money!”).
  • Durch die Verbreitung von Smartphones, Tablets und E-Readern sowie die hohe Konnektivität ist eine enorme Spielwiese für Hardware und Gadgets entstanden.

Hardware-Startups: Eine Chance für Deutschland?

Deutschland hat generell einen Nachholbedarf bei Gründungen, allerdings ist Deutschland auch ein Land des Mittelstands, des produzierenden Gewerbes, der Ingenieure, Bastler und Tüftler. Da müsste doch die Hardware-Welle auf fruchtbaren Boden treffen?

Beim jüngst in Berlin stattfindenden Hy!-Event wurden neben infogr.am das Startup Solarbrush aus dem Hardware-Segment und die Maker-Plattform knowable.com ausgezeichnet. Die DLD-Konferenz hatte 3D-Printing mit auf die Agenda gesetzt. In der Vergangenheit erhielt das Startup Changers viele Sympathien, viel Aufmerksamkeit hatte vor kurzem auch das Tüftler-Projekt Panospective auf Youtube bekommen. Erfolgreiche Crowdinvesting- und Crowdfunding-Projekte aus Deutschland sind etwa Protonet-Box (Seedmatch), iCrane (Startnext) oder Berlin Boombox (Kickstarter). Außerdem weisen einige Nischen grundsätzlich eine Nähe zur Hardware auf, beispielsweise der Health2.0-Bereich mit Quantified Self und dem Bezug zur Medizintechnik. Die FabLab- und Maker-Bewegungen scheinen hierzulande recht aktiv zu sein und im August findet die erste Maker-Messe in Hannover statt. Allerdings ist auch anderswo einiges in Bewegung, zum Beispiel in den Niederlanden (Ultimaker), England (Raspberry Pi) oder Irland (PCH).

Um mehr Insights in die hiesige Szene zu bekommen, haben wir ein paar Akteure der Szene um Statements gebeten:

netzwertig.com: Könnt ihr uns ein Statement zum Hy!Pitch-Competition Thema Hardware geben?

 

netzwertig.com: Wie stark wächst die hiesige Maker-Szene derzeit und ist sie deiner Meinung nach vergleichbar mit USA, England oder Niederlande?

(Lesenswert ist auch das gerade auf neuerdings.com erschienene Interview mit Nils Hitze zur Make Munich).

Die Euphorie in der Szene lässt sich laut Branchen-Verband BITKOM derzeit zwar noch nicht mit harten Fakten stützen, dafür dürfte die Entwicklung auch noch zu jung sein. Immerhin sind aber 2010 erste Ansätze einer Trendwende erkennbar.

netzwertig.com: Ist hierzulande ein Boom im Hardware-Sektor registrierbar und sind Auswirkungen auf die Gründungs- und Investitionsbereitschaft zu spüren?

“In der BITKOM-Studie zur Gründungsdynamik im ITK-Sektor, die wir im November vergangenen Jahres vorgestellt haben, lässt sich eher finden, dass das Gründungsgeschehen im Hardwarebereich rückläufig ist. Allerdings bezieht sich das auf den Zeitraum 1995 bis 2011, ganz aktuelle Entwicklungen im Jahr 2012 sind da noch nicht enthalten … Wir können allerdings sehen, dass sich die Beschäftigung in Deutschland in den Bereichen CE und IT-Hardware, die seit Jahren rückläufig war, seit 2010 stabilisiert hat. Das ist allerdings noch kein Zeichen für einen Boom.”

Aktuelle Zahlen für 2012 sollen zur CeBIT im März vorgestellt werden …

Die Chance ergreifen

Natürlich ist es noch sehr früh. Wer allerdings ganz vorne mitmischen will, muss eben auch Risiken eingehen und auf die Anfangseuphorie setzen. Die Szene ist vorhanden, mit den Hackerspaces hat sie in der Vergangenheit bereits weithin beachtete Zeichen gesetzt, doch angesichts der Entwicklungen insbesondere in den USA sollten nun auch Zeichen von Institutionen und Investoren ausgehen. Vielleicht würde die Kombination aus dem jungen Web-Bereich und dem traditionell starken und anerkannten Ingenieur- und Tüftler-Bereich auch dabei helfen, einen Weg aus der notorischen Digital-Feindlichkeit zu finden und der Szene zu etwas verhelfen, was dem reinen Online-Segment bislang (trotz einiger Erfolge) versagt blieb: ganz vorne mitzuschwimmen.

(Foto: Flickr/Creative ToolsCC BY 2.0)

 

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2 Pingbacks

  1. alpha-board sagt:

    [...] Schürmanns hat auf netzwertig.com einen Artikel geschrieben, warum Hardware Deutschlands nächster Hoffnungsträger ist, zumindest was Startups angeht. Er nennt folgende [...]

  2. [...] gefällt, ist die Perspektiv-Wechsel weg von eher technozentrischen Trends (wie zum Beispiel die Trend-Themen Hardware, 3D-Druck, Maker und Co.) und hin zu einer stärker am Konsumenten und Nutzer orientierten [...]