Auto-Uploads von Smartphone-Fotos:
Regeln für einen fairen Umgang mit den Nutzern

Es hat durchaus Vorteile, mit Smartphones aufgenommene Fotos und Videos direkt in der Cloud zu speichern. Viele Webdienste drängen die Nutzer allerdings regelrecht dazu. Wünschenswert wäre ein Kodex, an den sich alle Anbieter halten.

Im Dezember beklagte ich das Bestreben einschlägiger Onlinedienste, Nutzer ihrer mobilen Apps mit teilweise fragwürdigen Mitteln dazu zu bringen, alle ihre Smartphone-Fotos und -Videos automatisch in die zu Cloud laden. Speziell Google+ fällt dabei negativ auf, und auch Dropbox verzichtet auf die deutliche Tonalität, die erforderlich wäre, um ein versehentliches Aktivieren dieser Funktion durch Anwender zu verhindern. Einige Wochen nach meinem Artikel gesellte sich auch Amazon zu diesem illustren Club und räumt sich ebenso zweifelhafte Freiheiten ein, um möglichst viele Fotos und Videos von den Android-Geräten der Anwender auf seine Server zu holen: Bei der überarbeiteten Amazon Cloud Drive Photos App für Android ist der Auto-Upload von Fotos standardmäßig aktiviert, muss also manuell abgeschaltet werden.

Doch auch wenn dieses Vorgehen der führenden Webservices äußerst unerfreulich ist, so müssen wir wohl akzeptieren, dass mit mobilen Geräten geschossene Fotos und Videos tatsächlich zunehmend in die Cloud wandern – sei es, weil sie von dort aus bequemer mit anderen Menschen geteilt werden können, in Form eines Backups oder weil der Speicherplatz des Smartphones oder Tablets ausgereizt ist. Die Maßnahmen der Webfirmen mögen übereilt wirken und eigenen Interessen wie etwa die Schaffung eines Lock-In-Effektes dienen, nicht dem Komfort der User. Doch eine ausschließlich lokale Speicherung von Schnappschüssen wird künftig vielen Nutzern einfach unpraktisch erscheinen, weil sie dadurch wenig mit den selbst erstellten Bildern und Clips anfangen können. Das prognostizierte mir vor einigen Tagen auch der Gründer eines in der Entwicklung befindlichen Foto-Sync-Dienstes, mit dem ich mich über das Thema unterhielt.

Er mag damit Recht behalten. Zumal ich dieser Tage – notgedrungen – selbst von einem Foto-Sync-Feature profitiere: Denn mein iPhone-Speicher ist voll, nur hängt sich mein Betriebssystem (Windows 7) stets auf, wenn ich mehrere Bilder auf einmal auf meine Festplatte übertragen möchte. Der Ausweg: Der automatische Kamera-Upload der Dropbox-App. Knapp 1000 Fotos und Videos lade ich so gerade in die Cloud, um sie anschließend von dort auch lokal auf meinem Rechner zu archivieren. Kein unpraktischer Workaround, und irgendwas muss man ja mit den Gigabytes an Gratisspeicher anfangen, die Dropbox einem über die Jahre für das Werben von Neumitgliedern spendierte.

Dass Cloud-Apps mobilen Nutzern die Gelegenheit geben, ihre mit Mobiltelefonen und Tablet PCs erstellten Medieninhalte gleich und ohne zusätzliche Handgriffe in die Webwolke zu laden, ist durchaus ein nützliches Feature. Sie sollten dabei aber gewisse Grundsätze beachten, damit Anwender nicht mit der permanenten Unsicherheit leben müssen, dass einzelne Fotos ohne ihr Wissen auf einem Onlinespeicher landen – selbst wenn dieser nur von ihnen persönlich eingesehen werden kann. Folgende Regeln empfehle ich zu beachten:

1. Opt-In statt Opt-Out
Die Annahme, Nutzer seien per se mit dem Auto-Upload einverstanden, ist falsch. Anwender müssen um ihr Einverständnis für die Aktivierung der Funktion gebeten werden.

2. Eindeutige Sprachwahl und Erklärung
Die App muss in eindeutiger Art und Weise darüber aufklären, was bei der Aktivierung des Auto-Upload geschieht, und sollte missverständliche Formulierungen und Begrifflichkeiten unterlassen.

3. WLAN-Upload als Standard
Die bewusste Aktivierung des Auto-Uploads durch den User sollte sich auf WLAN-Verbindungen beschränken, da beim Massenupload von Fotos und Videos schnell monatliche Trafficbegrenzungen mobiler Datenübertragungen überschritten werden können. Der Sync über 3G oder LTE sollte nur als zusätzliche Option angeboten werden und einen zusätzlichen Opt-In erfordern.

4. Auto-Upload für einzelne Ordner
Bisher bleibt Anwendern bei den genannten Applikationen nur die Wahl zwischen alles oder nichts: Entweder sie aktivieren den Auto-Upload für alle Fotos und Video, oder sie deaktivieren ihn. Wünschenswert wäre es, diesen lediglich für einzelne lokale Alben freischalten zu können.

5. Simple Deaktivierung jederzeit
Wer sich aus irgendeinem Grund dazu entschließt, den Auto-Upload zu deaktivieren, sollte dazu nicht lange suchen müssen.

Bonus: Exportfeatures
Im oben beschriebenen Szenario habe ich mich gegen den Auto-Upload zu Facebook oder Google+ entschieden, weil ich die Fotos dort nicht ähnlich komfortabel herausholen kann, wie dies bei Dropbox dank der engen Integration in das PC-Betriebssystem der Fall ist. Ergo: Je weitreichender die dargebotenen Wege sind, um die Bilder aus der Cloud mit wenigen Klicks auch wieder zu exportieren, desto attraktiver wird der Auto-Upload. /mw

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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Ein Kommentar

  1. Es gibt ja “faire” Alternativen, um seine Daten online verfügbar zu machen. Von HiDrive und Jottacloud über fruux bis zu EyeEM gibt es für so ziemlich alle Bereiche Anbieter die auf solche Praktiken verzichten. Das die Nutzer dennoch diese Praktiken in Kauf nehmen, liegt wohl in erster Linie an Unwissenheit und auch an der Tatsache, das die Dienste wie Google Drive oder die Amazon Cloud eben dank dieses Sammelwahns oft besser sind als die Konkurrenz.
    Die Cloud und lokale Datenspeicher parallel zu betreiben ist sehr unpraktisch…vielleicht für ein automatisches Backup, aber sonst sollte man sich entscheiden. Ich denke den Nutzern sollten sich die Tragweite der Cloud besser bewusst machen: Wer sich darauf einlässt, für den werden die Grenzen zwischen dem hier und dem digitalen Überall (und mit jedermann) verschwinden, im positiven wie im negativen.

vgwort