Twitters neue Microvideo-App:
Worum es bei Vine wirklich geht

Twitters neue mobile Microvideo-App Vine dient nicht dazu, für Nutzer das Publizieren von Videos zu vereinfachen. Dazu gibt es weitaus bessere Wege. Das Ziel ist einzig und allein, sich ein größtmögliches Stück vom Zeitbudget der Anwender zu sichern – und Instagram die Suppe zu versalzen.

Vor zwei Wochen hat Twitter mit Vine eine “Microvideo”-App für iOS veröffentlicht. Wir haben das Debüt der kostenfreien Anwendung, mit der sechs Sekunden lange, in einer Endlosschleife abspielende Videoloops erstellt werden können, bisher nur kurz in Linkwertig erwähnt. Anfänglich fiel es mir schwer, eine Entscheidung zu treffen, wie ich zu der von Twitter im Herbst vergangenen Jahres noch vor ihrem Debüt aufgekauften App stehe. Auch mehr als 14 Tage nach dem Launch schwanke ich weiterhin, was mein endgültiges Urteil zu dem Dienst angeht. Ein latent vorhandenes Gefühl der Skepsis in mir kann ich jedoch nicht länger ignorieren. Ich glaube nicht, dass Vine in seiner jetzigen Fassung eine Bereicherung für die Social-Media-Landschaft darstellt. Gleichzeitig halte ich ein konstantes Nutzerwachstum nicht für unwahrscheinlich. Das mag nach einem Widerspruch klingen, ist es aber nicht. Warum, erkläre ich im Laufe dieses Beitrags.

Mehr als ein Spaß-Tool?

Zuvor das Positive: Vine ist zweifelsohne eine schön gemachte App, die auf eine etablierte Rezeptur erfolgreicher mobiler Social-Web-Apps setzt: ein hübsches, minimalistisches Design kombiniert mit bewährten Interaktionsoptionen (“Like”, Kommentare), einem einen persönlichen Stream generierenden asymmetrischen Follower-System, einer guten, simplen User Experience beim Erstellen von Inhalten (in diesem Fall kurze Videoloops) sowie Sharing-Werkzeugen, um Content anderswo im sozialen Netz verbreiten zu können. Vine zu verwenden, macht durchaus Spaß.

Doch über den Unterhaltungswert hinaus hat Vine wenig zu bieten. Sicher, die App lässt sich auch für professionelle Zwecke nutzen – zumindest vermuten dies manche Beobachter. Artikel mit Überschriften wie “Six reasons why Vine is a killer news tool“, “How Can Journalists Use Vine?“, “Is Vine useful for journalists?” und “Will Vine wrap around journalists?” zeugen von einer intensiven Debatte darüber, inwieweit Vine Journalismus ähnlich nachhaltig beeinflussen und verändern kann, wie es einst 140 Zeichen taten. Die Fragezeichen signalisieren: Über die Antwort existiert noch kein Konsens, was nach zwei Wochen auch kein Wunder ist. Ein erster “Frontbericht” klingt eher wenig ermutigend, aber letztlich wird sich das Urteil über die Tauglichkeit von Vine für die journalistische Arbeit einfach aus dem Einsatz oder Nichteinsatz der App im Arbeitsalltag von Reportern ergeben.

vine250Ich bezweifle aber, dass sechssekündige, aus mehreren Teilsegmenten zusammengesetzte Videos für mehr ausreichen als für in Eile aufgezeichnete Augenzeugendokumente von Orten nachrichtenrelevanter Ereignisse. Als Twitter vor vielen Jahren das Licht der Welt erblickte, sah es sich mit enormer Skepsis konfrontiert. Viele hielten Tweets für Zeitverschwendung und kaum ein Journalist konnte sich vorstellen, dass der Microbloggingservice einmal eine wichtige Rolle in der Berichterstattung und Verbreitung von Informationen spielen würde. Doch während es damals tatsächlich kein Äquivalent zu den öffentlichen 140-Zeichen-Texthäppchen gab, so ist es heute für Augenzeugen und Berichterstatter bereits ein Leichtes, Tweets mit Fotos oder kurzen Videos von beliebigen Ereignissen in Umlauf zu bringen. Klar, Vine strukturiert dies besser, und Betrachter sehen schon an der URL eines Microclips, dass maximal sechs Sekunden ihrer Aufmerksamkeit erforderlich sind. Sie wissen also, dass die Kernbotschaft, welche der Erschaffer eines solchen Kurzvideos vermitteln möchte, innerhalb dieser sechs Sekunden zu finden ist, nicht irgendwo versteckt in einem fünfminütigen YouTube-Clip. Insofern wird Vine in bestimmten Szenarien durchaus den Vorzug vor anderen Apps zum Festhalten visueller Ereignisse erhalten. Doch häufig wissen Journalisten nicht im Vorfeld, wann die zur Illustration oder Übermittlung eines Geschehnisses entscheidenden sechs Sekunden beginnen. Wie oft werden Reporter oder Augenzeugen nach erfolgter Aufnahme mit Vine den Videoentwurf verwerfen und wieder von vorne anfangen müssen, weil sich die Dramaturgie oder der darzustellende Informationswert nochmals steigert? Ich vermute, sehr oft.

Kein optimales Werkzeug für Journalisten

Vine lässt sich abseits von der Aufnahme privater “Homevideos” auch professionell einsetzen. Aber es ist bei Weitem nicht das optimalste Werkzeug dafür. Die vordefinierte Limitierung auf sechs Sekunden erlaubt das schnelle Vermitteln von Ereignissen mit zeitkritischem Charakter und hohem Unterhaltungs- oder Aktualitätswert, zwingt aber Journalisten in ein Korsett, welches sie in ihrer Arbeit eher vermeiden wollen. Eine meines Erachtens nach deutlich empfehlenswertere Alternative zu Vine für die Verwendung in der Nachrichtenberichterstattung ist die von YouTube kürzlich lancierte iPhone-App “Capture“. Dabei handelt es sich um ein von jedem Ballast befreites Interface für Googles Videoportal, das allein dem blitzschnellen Upload von Clips zu YouTube und Sharing bei Facebook, Twitter und Google+ dient. Komfortabel, extrem schlank und ohne nennenswerte Einstiegsbarrieren. Achja, und natürlich bietet Twitters mobile App eine integrierte Option, um Videos aufzunehmen und sofort per Tweet zu publizieren.

Insofern bin ich Ansicht, dass man die Bedeutung von Vine in seiner jetzigen Form leicht überschätzen kann. Es ist vorstellbar, dass sich sukzessive nützliche Einsatzbereiche herauskristallisieren, und dass Millionen Menschen in einem Jahr nicht mehr in der Lage sind, ein Leben ohne sechssekündige Videoschleifen zu führen. So wie sie heute auf Instagram, Twitter und Facebook nicht mehr verzichten können. Doch so widersprüchlich es klingt, so ist dies nicht automatisch ein Beleg für die tatsächliche Qualität und Substanz einer Anwendung.

Twitter zielt auf Suchteffekte ab

Twitter hegt mit Vine nicht das Ziel, Nutzern das Publizieren von kurzen Videos zu erleichtern. Dem Unternehmen aus San Francisco geht es allein darum, sich einen größeren Teil vom Zeitbudget der Anwender zu sichern. Der beste Weg dahin ist es, eine Anwendung mit hohem Suchtpotenzial zu entwickeln, selbst wenn sie objektiv betrachtet einen geringen praktischen Wert besitzt. In den sieben Jahren seit dem Aufkommen von Web-2.0-Services und User Generated Content haben Branchenexperten gelernt, mit welchen Maßnahmen, Funktionen und Interaktionen sie Anwender am besten an ein Angebot binden können. Der Dopamin-Kick im Gehirn, den wir Nutzer jedes Mal erhalten, wenn unsere Status Updates, Fotos oder Videos favorisiert oder kommentiert werden, lässt uns leicht darüber hinwegsehen, dass das von uns ins Netz gestellte “Meisterwerk” oft eine noch geringere Bedeutung hat als der vielzitierte Sack Reis in China – für uns und auch für andere. Viele Social-Web-Startups nutzen diese Dynamik aus, um Anwender zu Stammnutzern zu machen – was die Voraussetzung für eine Monetarisierung durch Werbung darstellt.

Vine ist Twitters Instagram

Ich habe in den vergangenen Monaten mehrfach Twitters Suche nach einer Antwort auf das zu Facebook gehörende Instagram thematisiert. Eine Option ließ ich dabei jedoch außer Acht: Dass Twitter mit einem konzeptionell leicht abgewandelten Service kontert. Genau das ist Vine. Vine ist Twitters Reaktion auf Facebooks Instagram-Erfolg. Indem man das Konzept von Foto-Sharing-Apps ein kleines Stück weiterdenkt, suggeriert man ein Desinteresse an der von Usern Instagram gewidmeten Aufmerksamkeit und stellt Anwender auch nicht vor die unangenehme Qual der Wahl, sich für eine Foto-App entscheiden zu müssen. Scheinbar zumindest. Denn im Endeffekt hofft man bei Twitter darauf, dass der ein oder andere Schnappschuss, der bei Instagram gelandet wäre, künftig als Sechssekünder bei Vine publiziert wird. Instagram-Fotos sind zumeist nichts weiter als visuelle Status-Updates. Gleiches gilt für Vine-Loops.

Es ist das hier beschriebene Motiv von Twitter, welches mich zu meiner eher kritischen Haltung im Bezug auf Vine animiert. Vine löst anders als Twitter kein bisher ungelöstes Problem, sondern dient allein der Schaffung einer emotionalen Bindung, eines Suchtzustandes, wodurch Twitters Position im Wettbewerb gegen Facebook und Google gestärkt werden soll.

In der Geschichte der Menschheit hat sich noch nie jemand am Fehlen von in Endlosschleifen wiederholenden Microvideos gestört. Ihr demokratieförderndes Potenzial ist nicht größer als das herkömmlicher Webvideos. Auch bezugnehmend auf meinen Artikel vom Mittwoch stelle ich mir die Frage: Macht uns der Einsatz von Vine auf Dauer glücklicher, hilft er den Menschen in irgendeiner Form, ein besseres Leben zu führen? Viele werden in den Bann der App gezogen worden sein, noch bevor sie eine Antwort auf diese Frage haben. /mw

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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4 Kommentare

  1. Gab es so um 2008/2009 rum nicht schon einmal einen Videodienst, mit dem man wenige Sekunden lange Videos veröffentlichen konnte? Das war doch damals bei Twitter auch für ein paar Wochen ein riesen Hype, bis der Service irgendwann wieder eingestellt wurde.
    Ich komm nur nicht auf den Namen. Ideen?
    Wäre doch mal spannend, sich dessen Entwicklung nochmal anzusehen.

  2. Wir arbeiten an einer Lösung, die weniger restriktiv ist – einfach um zu lernen, was die Nutzer mit einer Video-Messaging App alles machen. Allerdings ist der Fokus nicht das bespassen der Social Networks, sondern die 1:1 und Gruppenkommunikation.

    http://clipsay.com und auf iTunes.

  3. wie sieht’s eigentlich mit den rechten aus und dem
    Schutz von Marken und Personen?

2 Pingbacks

  1. [...] 6-Sekunden-Videos schnell und einfach produzieren und publizieren lassen – das passt. Die Argumentation von Martin Weigert erscheint mir durchaus [...]

 
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