Bei Ausfällen oder Verspätungen von Flügen:
refund.me treibt Geld
von den Airlines ein

Bei Ausfällen oder längeren Verspätungen stehen Fluggästen Entschädigungs- und Ausgleichszahlungen zu. Airlines stellen sich jedoch oft quer. Das Potsdamer Startup refund.me will Passagieren mit einem Hybrid aus algorithmischer und menschlicher Rechtsdienstleistung lästige Arbeit abnehmen.

Millionen Menschen treten jeden Tag Flugreisen an. Ein Teil von ihnen erlebt dabei unerfreuliche Überraschungen. Ausgefallene Flüge, langwierige Verspätungen, die den Terminplan durcheinander bringen, sowie Überbuchungen sind nichts Ungewöhnliches. Gemäß der Fluggastrechte-Verordnung der EU (Verordnung (EG) Nr. 261/2004” des Europäischen Parlaments und des Rates vom 11. Februar 2004) stehen Passagieren bis zu 600 Euro Entschädigung für ausgefallene Flüge zu, und auch bei nennenswerten Verspätungen lassen sich Ansprüche geltend machen. Das Problem: Viele Airlines sind nicht gerade zuvorkommend, was das Einräumen der den Passagieren rechtlich zustehenden Entschädigungs- und Ausgleichszahlungen angeht. Speziell Billigairlines wie Ryanair sind berühmt-berüchtigt dafür, nur äußerst widerwillig und mitunter erst nach juristischem Druck die erforderlichen Leistungen zu erbringen.

Aus Potsdam bei Berlin kommt mit refund.me nun ein Startup, das Erstattungsansprüche gegenüber Fluggesellschaften für Passagiere deutlich vereinfachen möchte. Anstatt sich durch lange Paragraphen zu quälen, in Telefon-Hotlines festzuhängen, unbefriedigende Mail- oder Briefwechsel zu führen oder einen Anwalt zu engagieren, müssen Verbraucher über die refund.me-App für iPhone und Android oder über die Website lediglich die Daten ihres ausgefallenen, deutlich verspäteten oder überbuchten Fluges eintragen, eine digitale Unterschrift hinterlassen und ihr Anliegen abschicken. Alles Weitere übernimmt refund.me. Der Service ist kostenlos, erst im Erfolgsfall, also wenn eine Fluggesellschaft eine Entschädigungsleistung tätigt, behält das junge Unternehmen 25 Prozent (zzgl. der gesetzlichen Mehrwertsteuer) als Provision.

Algorithmus berechnet Erfolgschancen

refund.me greift für die Übermittlung der Ansprüche an die Airlines und das eventuell folgende juristische Hickhack auf ein europaweites Netzwerk von Flugsrechtsexperten und Anwälten zurück. Doch die Kosten dafür würden natürlich ins Unermessliche steigen, sofern jede zehnminütige und damit nicht unter die EU-Verordnung fallende Verspätung von refund.me bearbeitet werden würde. Das brandenburgische Startup hat deshalb ein sogenanntes “Advanced Business Logic-System” (ABL) entwickelt, mit dem es aus den von Nutzern eingetragenen Flugdaten sofort berechnen kann, ob die jeweilige Situation in den Rahmen der Fluggastrechte-Verordnung fällt und somit ein Ausgleichsanspruch besteht – nur dann ist eine Nutzung von refund.me möglich.

“Eine speziell entwickelte Serverlogik, die neben der EU-Richtlinie 261/2004 auch die sich ständig ändernde europäische Rechtsprechung abbildet, analysiert sofort die Wahrscheinlichkeit, nach der eine Ausgleichsleistung zu erwarten ist”, so beschreibt das Unternehmen sein System. Es hat Zugriff auf weltweite Echtzeit-Flugdaten, Flughafen-Verzeichnisse, berechnet Flugdistanzen und macht eine Riskobeurteilung. Innerhalb einiger Sekunden erhalten Passagiere eine Einschätzung ihrer Erfolgsaussichten und können die Entschädigungsforderung über die Smartphone-App oder später von zu Hause aus per Post an refund.me abschicken.

Da ich mich momentan glücklicherweise nicht im Clinch mit einer Airline über eine Flugannulierung oder -verspätung befinde, kann ich refund.me keinem Praxistest unterziehen. Abgesehen von dem speziellen Typ Mensch, der sich gerne in langwierigen, zeit- und nervenraubenden Konflikten mit Unternehmen befindet, und der seine Ausgleichsleistungen daher wahrscheinlich lieber persönlich von den Fluggesellschaften eintreibt, anstatt 25 Prozent an refund.me abzutreten, dürfte das Versprechen der Potsdamer vielen Verbrauchern attraktiv erscheinen. Die von refund.me bereitgestellten Informationen zum Ablauf sind gut verständlich, die mobilen Apps machen einen soliden Eindruck und das Preismodell, bei dem Nutzer keine Kosten fürchten müssen, senkt die Hürde für das Ausprobieren des Dienstes erheblich. Lediglich wenn eine Fluggesellschaft einen Gutschein anbietet, müssen zuerst die 25 Prozent an refund.me gezahlt werden, bevor dieser einem ausgehändigt wird.

Von der TV-Moderatorin zur Startup-Unternehmerin

Gründerin des auf Deutsch, Englisch und Spanisch angebotenen Dienstes ist übrigens die Redakteurin und Fernsehmoderatorin Eve Büchner, besser bekannt als Eve Maren Büchner aus verschiedenen Sendungen der ProSiebenSat.1-Gruppe. 2012 gründete sie das in Potsdam ansässige Risikokapitalunternehmen quantumReality. Die refund.me GmbH wird als Tochtergesellschaft des VC-Unternehmens geführt, das 65 Prozent der Anteile an refund.me hält.

Auf der Roadmap der Potsdamer steht unter anderem, refund.me auf Erstattungsdienstleistungen für den Bahn, Schiff- und Busverkehr zu erweitern.

Vorausgesetzt, der von refund.me konzipierte Hybrid aus algorithmischer und menschlicher Rechtsdienstleistung funktioniert und beschert Fluggästen in nennenswertem Maße Ausgleichszahlungen, die ihnen sonst entgangen wären, dann darf sich das Unternehmen schon jetzt rühmen, zu den nützlichsten, innovativsten deutschen Startup-Ideen der letzten Zeit zu gehören.

Nachtrag: Leser Frank weist auf den ebenfalls aus Potsdam stammenden Dienst flightright hin, der schon länger als refund.me existiert und konzeptionell ähnlich verfährt. Auch die zu zahlende Provision ist identisch. Anders als refund.me gibt es keine mobilen Apps, aber eine mobile Website. Da refund.me sich augenscheinlich von flightright inspirieren ließ, relativiert dies meine Aussage zum Innovationsgrad ein wenig – denn diese setzt eine Einzigartigkeit voraus, die so nun nicht gegeben ist. Konsumenten jedoch können sich nur freuen, wenn gleich mehrere Anbieter ihre Rechte verteidigen wollen. In diesem Fall gilt klar: Wettbewerb belebt das Geschäft. [Nachtrag Ende]

Nachtrag 2: refund.me ließ uns wissen, dass die Einzigartigkeit in der genutzten Technologie läge, die einen besonders schnellen Falldurchlauf (zwei bis vier Monate) ermöglicht. Damit befände man sich deutlich vor der Konkurrenz. [Nachtrag Ende]

Mit flug-storno.de existiert übrigens ein anderer Service im gleichen Segment, der jedoch nur die Rückerstattung von Steuern und Gebühren verspricht – allerdings immer, wenn ein Flug aus irgendwelchen Gründen nicht angetreten wurde. Und ChangeYourFlight, über das wir vor einigen Wochen berichteten, spezialisiert sich auf eine Rückerstattung von Billigflug-Tickets, sofern ein Flug aus persönlichen Gründen nicht genutzt wird. /mw

Link: refund.me

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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7 Kommentare

  1. Was ist denn der Unterschied zwischen diesem Angebot und der Seite http://www.flightright.de, die es schon länger gibt?

  2. Danke, dieses Angebot war mir nicht bekannt. In der Tat scheint es konzeptionell identisch mit refund.me zu sein, inklusive Höhe der Provision. Und beide Dienste kommen aus Potsdam. Seltsamer “Zufall”.

    Ich habe am Ende im Artikel ein Update mit einem Kommentar dazu eingebaut.

  3. Hatte meinen refund nach 8 Std Flugverspätung auf Grund technischen Defekts an refund me gegeben. Nach zig vorgeblichen positiven Prüfungen und rechtlichen Vertretungsverfügungen für Gericht kam nach 4 Monaten die unpersonalisierte Absage,”Case closed”, da angeblich geringe Chancen auf refund. Fühle mich veräppelt, ausser 5 Std Arbeit kommt da nichts raus

    • Vor über 5 Monaten erhielt refund.me eine Vollmacht von mir und erhielt am 16.3. eine Rechnung für die erfolgreiche Durchsetzung meiner Ansprüche. Eine Gutschrift für die Flugverspätung ist bisher, immerhin haben wir nun April 2014, nicht erfolgt und auf meine Emails an refund.me erhalte ich keine Antwort.
      Wer hat sich nun die 400€ die ich bekommen sollte behalten, die Fluggesellschaft oder …….. ???

 
vgwort