Startups:
Berlin + Stockholm = Win

Stockholm und Berlin sind beides Städte mit ambitionierten Startup-Landschaften. Sie ergänzen sich so gut, dass sie gemeinsam eine erhebliche Stärke entfalten würden.

You find an executive summary in English at the end of the article. 

Junge schwedische Entrepreneure lieben Berlin. Mit ihrer Entscheidung, SoundCloud in der deutschen Hauptstadt anzusiedeln, inspirierten Alexander Ljung und Eric Wahlforss eine ganze Reihe ihrer Landsleute. Readmill, Loopcam und Vamos sind einige der seitdem an der Spree entstandenen Webfirmen, deren Gründer es aus dem kalten Norden nach Berlin zog. Momentan sieht es nicht aus, als würde sich an diesem Trend in naher Zukunft etwas ändern. Anton Johansson, angesehener und allseits bekannter schwedischer Gründer, Blogger und Multiplikator, veröffentlichte vor einigen Tagen in seinem persönlichen Blog einen Beitrag, in dem er die deutsche Hauptstadt als Vorbild für die schwedische Webbranche bezeichnet, was das Networking und den Aufbau einer lokalen Community angeht (Originallink, ins Englische übersetzter Link).

Johanssons Begeisterung folgt auf eine Stippvisite in Berlin und einen Besuch beim neuen Startup-Event hy!. “Jedes Mal, wenn ich nach Berlin reise, fällt mir auf, wie wertvoll derartige Zusammentreffen sind, um auf ganz natürliche Weise eine blühende Startupszene zu schaffen”, so der Schwede. Stockholm sei zwar einer der besten Orte überhaupt, um Internetfirmen zu gründen, doch es mangele deutlich an gemeinsamen Events und Initiativen sowie einem besseren Marketing der Stadt als Hotspot für Technologiefirmen. “Berlin kann von Stockholm viel dabei lernen, wie man Unternehmen aufbaut. Stockholm allerdings kann sich bei Berlin abgucken, wie man eine Community erschafft”, lautet Johanssons Fazit.

Als gebürtiger Berliner, der 2006 Stockholm als seine Wahlheimat auserkoren hat, bin ich bei dem Thema sicherlich nicht ganz unbefangen. Ich finde aber, dass man Johanssons Schlussfolgerung noch weiterdenken sollte. Wenn beide Hauptstädte jeweils in unterschiedlichen Aspekten ihre Stärken und Schwächen besitzen, wäre es vielleicht nicht nur angeraten, voneinander zu lernen, sondern auch gemeinsame Kräfte zu bündeln! Meines Erachtens nach könnte ein eng zusammenarbeitender, Synergien nutzender Tech-Cluster aus Berlin und Stockholm auf dem internationalen Onlineparkett einiges bewegen – sehr viel mehr, als wenn beide Regionen für sich alleine um Relevanz im globalen Wettbewerb kämpfen.

Stockholms Internetwirtschaft brilliert

Auch wenn Anton Johansson das fehlende Networking der Stockholmer Webindustrie beklagt, so hat die Millionenstadt an der Ostsee bisher deutlich mehr international erfolgreiche Startups hervorgebracht als ihr deutsches Pendant im Süden: Neben Spotify stammen auch andere namhafte Unternehmen wie die Mädchencommunity Stardoll, der Zahlungsdienstleister Klarna, der VoIP-Service Rebtel, der Mobile-Payment-Spezialist iZettle, der Spiele-Entwickler King.com, der Geschenkkarten-Anbieter Wrapp, der Shopbaukasten Tictail sowie die Telefonnummern-Community Truecaller aus Stockholm. Alles Firmen, die schnell ausländische Märkte zu erobern begannen. Mit Instabridge deutet sich schon der nächste mögliche Hit an. Und natürlich kommt mit Niklas Zennström einer der zwei Skype-Gründer aus der schwedischen Metropole. PandoDaily bezeichnete Stockholm jüngst als vielversprechendsten Startup-Standort seit Tel Aviv. Zuvor hatte sich schon Wired sehr positiv über das Potenzial Skandinaviens geäußert.

Die Stärken des “Venedig des Nordens” sind vielseitig: Top-Universitäten, schwedischer Erfindergeist und Innovationswille, eine ausgezeichnete digitale Infrastruktur, geringe bürokratische Hürden, eine im Vergleich zu Deutschland hohe Bereitschaft, unternehmerische Risiken einzugehen und Neues auszuprobieren, sowie eine globale Ausrichtung in Folge des kleinen einheimischen Marktes sind einige der Aspekte, welche den Aufstieg der schwedischen und dabei insbesondere den der Stockholmer Onlinewirtschaft begünstigten.

Stockholm schwächelt, wo Berlin überzeugt

Doch es existieren auch Barrieren, welche die Branche an einem noch rasanteren Aufblühen hindern: Neben dem von Anton Johansson ausgemachten Fehlen einer echten, einander unter die Arme greifenden Community zählen dazu die hohen Lebenshaltungskosten in Stockholm und der ungünstige Wohnungsmarkt, bei dem die Nachfrage das Angebot deutlich übersteigt, und das nicht nur im Stadtzentrum. Auch Personalkosten sind signifikant, und eine Rekrutierung von neuen Mitarbeitern ist aufgrund gesetzlicher Regelungen stets eine längerfristige Bindung. Die geographische Lage von Stockholm könnte aus geschäftlicher Sicht ebenfalls besser sein, Direktflüge in die USA oder nach Asien sind rar. Und während die Stadt durchaus ein multikulturelles Flair besitzt, finden sich in Europa definitiv Regionen mit einer heterogeneren Bevölkerung, wovon Startups bei der Internationalisierung profitieren. Stockholm macht einen fertigen, etablierten Eindruck – was die Stabilität der Lebensqualität sichert und ein allgemeines Vertrauen in das System zulässt, aber mitunter nicht die aufregendste Atmosphäre für quirlige, abenteuerlustige Köpfe darstellt.

Sämtliche im letzten Absatz erwähnten Schwächen Stockholms sind die Stärken Berlins.

Stockholm und Berlin sind somit eigentlich ein perfekter Match. Zwei Städte mit einer pulsierenden, ambitionierten Startup-Szene, die sich in vielen Punkten ganz hervorragend ergänzen. Mit der Skandinavisierung der Berliner Internetsphäre sind die Anfänge bereits gemacht – die SoundCloud-Gründer unterhalten beste Beziehungen in die Heimat. Kinnevik hat viel Geld in Rocket Internet gepumpt, Skype-Macher Niklas Zennström investierte mit seinem Venturekapital-Unternehmen Atomico in das bekannte Berliner Startup 6Wunderkinder, während mit Klaus Hommels ein hiesiger Geldgeber zu den umtriebigsten Business Angels in Schweden zählt.

Berlin statt London

Bisher haben zahlreiche in Stockholm gegründete Startups ihre internationalen Hauptquartiere in London eröffnet, etwa Spotify und King.com. Doch abgesehen von der Nähe zu Kapital, welche die britische Hauptstadt für Gründer per se attraktiv macht, spricht für junge schwedische Firmen immer mehr dafür, lieber eine Niederlassung in Berlin zu etablieren. Schon, weil man von dort aus in zwei Flugstunden Muttersprachler aus 20 Ländern findet, weshalb diese problemlos in der Stadt arbeiten und am Wochenende nach Hause fliegen können, wie es einst Wooga-Chef Jens Begemann treffend beschrieb. Apropos Reisen: Flugverbindungen zwischen Berlin und Stockholm sind zumeist günstiger und schneller als innerdeutsche Zugreisen, zudem existiert eine Nachtzugverbindung. Und auch wenn Schweden anders als Deutschland nicht den Euro eingeführt hat, so bleibt Reisenden zwischen beiden Ländern dank der Mitgliedschaft beim Schengen-Abkommen wenigstens das Vorzeigen von Pässen erspart – anders als bei Trips zwischen London und Berlin oder Stockholm. Auch ein von Großbritannien erwägter Austritt aus der EU steht in Schweden nicht zur Debatte – allerdings ebenso wenig wie der Euro-Beitritt.

Es gibt also viele gute Gründe, Berlin und Stockholm als gemeinsames europäisches Zentrum für digitale Innovation zu verstehen und auch entsprechend zu positionieren. Die Grundlagen sind durch die beschriebenen Verflechtungen bereits gemacht. Eine von Anton Johansson angeregte Konferenzreihe mit Stationen in sowohl Berlin als auch Stockholm würde eine solche Entwicklung noch beschleunigen. Es wäre schön, wenn es dazu kommt.

Executive summary in English

Swedish entrepreneur, blogger and networker Anton Johansson has recently published a blog post (original in Swedish, translated) expressing his enthusiasm about how the Berlin startup scene has achieved a lot in regards to building a local community – something he is missing in Stockholm, despite the Swedish capital’s success as European hotbed for web innovation. He writes that Berlin can learn a lot from Stockholm about how to build a company, but that Stockholm should get inspired by Berlin’s startup community.

If you think his thought further, there is reason to believe that Stockholm’s and Berlin’s strengths would complement each other perfectly. Stockholm has the top universities for IT engineers & business education, an outstanding infrastructure, an openness for new ideas and will to innovate, many early adopters (countrywide) and little bureaucracy, while Berlin contributes low costs for living and staff, a geographically advantageous location and a buzzing, raw atmosphere that is the perfect breeding ground for experiments and risk-taking.

Instead of just learning from each other, it would make sense to join forces, to see the two cities, being only 75 (very cheap) flight minutes apart, as a joint European tech cluster. With a lot of Swedes having launched startups in Berlin in the past years and investment activity going on between both countries/cities, the basis has already been created. It makes a lot of sense to continue on that path.

Fotos: stockxchng/Ayla87; Sangina

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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2 Kommentare

  1. http://wissen.dradio.de/b…am:article_id=253785

    Interessantes Interview. Wäre ein Vergleich Stockholm-Berlin, Deutschland – Schweden übers Internet hinaus auch interessant. Warum Stockholm statt Berlin? Woher die Affininität? Wenn man schon als Deutscher in Schweden lebt, kann man sich ja auch gleich als Schweden-Korrespondent über kleine und große Dinge Skandinaviens betätigen. Von einem Blogger sicher besonders interessant. Vorausgesetzt natürlich, für sowas ist überhaupt noch Zeit. Dann wenigstens ab und zu mal, wenn grad Internetthemen-Flaute ist.

    • So ein wenig mache ich das ab und an auf martinweigert.com. Aber klar, das könnte man sicher nicht ausbauen.

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  1. [...] tyskspråkiga startupbloggen Netzwertig men som bor i Stockholm, har skrivit ett inlägg om Stockholm och Berlin som startup communities med utgångspunkt i min [...]

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