Googles Websuche:
Die Listendarstellung ist ein Auslaufmodell

Die Ansicht der traditionellen Google-Suche ist mächtig in die Jahre gekommen. Nach und nach wird der Webriese sie abschaffen. Erste Schritte in diese Richtung gibt es schon jetzt. Googles größte Herausforderung ist es dabei, bei gleichrangigen Content-Lieferanten niemanden zu bevorzugen.

Sucht man auf Google nach dem Wetter seiner Heimatstadt, etwa “Wetter Köln“, dann erscheint seit kurzem eine neue, interaktive Karte. Das aktuelle Wetter wird groß eingeblendet, darunter ein Temperaturdiagramm und die Aussichten für die nächsten Tage. Mit ein paar Klicks in dieser Karte kann man sich auch Temperaturkurven für die nächste Zeit anschauen und zwischen Temperatur, Wind und Niederschlag hin und her wechseln. Es ist eine Information aus dem Google Knowledge Graph, der mittlerweile standardmäßig in die Suche eingebettet ist, aber in der Regel in einer rechten Seitenspalte erscheint. In absehbarer Zeit wird der Knowledge Graph von der Seitenspalte weg wandern – und die mittlerweile 15 Jahre alte und auch optisch betagte Listendarstellung ersetzen.

Karten mit Informationen, die Google von Partnerdienstleistern bekommt, rücken in den Vordergrund. Die Wetterkarte zeigt bereits, wohin die Reise geht. Auch in der mobilen Google-Suche ist es mittlerweile usus, dass als erstes eine von Google grafisch aufbereitete Information auftaucht und dann erst die bekannten Links zu Webseiten, die diese Informationen enthalten.

Für die meisten Suchanfragen längst möglich

Nimmt man die Entwicklungen im Netz in den vergangenen Jahren als Basis, ist das ein konsequenter Schritt und auch einer, der dem Webnutzer Vorteile bringt. Denn er erspart sich damit mehrere Arbeitsschritte. Er muss sich nicht erst aus den Suchvorschlägen eine Quelle aussuchen und diese aufrufen, um dort die Informationen aufzunehmen. Hat er Pech, dann gibt die Quelle nicht die gesuchten Angaben her. Er muss zurückspringen und sein Glück bei einem weiteren Treffer versuchen, was ihn kostbare Zeit und Nerven kostet. Wie viel einfacher wäre es doch, wenn man ihm die Informationen gleich im Moment der Suche präsentiert.

Interaktive Wetterkarte: Google präsentiert immer mehr und immer bessere Eigen-Informationen in den Suchergebnissen.

Die laut Verlauf letzen Informationen, die ich bei Google in der Freizeit gesucht habe:

  • Eine gute Sportseite mit aktuellen Bundesliga-Ergebnissen
  • Die Beiträge eines Filmfestivals
  • Bilder der Schauspieler der Serie “Big Bang Theory” im echten Leben
  • Die Adresse eines Restaurants
  • Einen Songtext
  • Ein spanisches Wörterbuch (um dort ein Wort nachzuschlagen)
  • Die Lösung für ein Problem mit einem Mobiltelefon
  • Eine Währungsumrechnung (bereits mit Google durchführbar)
  • Den Urheber eines mir bekannten Zitats
  • Die korrekte Schreibweise einer Person

Von diesen zehn Informationen könnten neun problemlos angezeigt werden, ohne dass ich dafür erst eine Drittquelle heranzöge. Lediglich die Lösung des Problems mit einem Mobiltelefon ließe sich nicht so einfach in einer Datenkarte darstellen (wobei auch das möglich wäre). Bei allem anderen hätte ich mich gefreut, wenn Google mir die gesuchte Information direkt angezeigt hätte.

Suche in den Inhalten mehrerer Apps

Bei der Suche auf Mobiltelefonen ist man längst so weit: Android und iOS ziehen für einen Suchbegriff mehrere Apps des Systems heran. Microsofts für Deutschland geplantes Bing Local Scout für Windows Phones sucht gleich in der Umgebung des Nutzers nach passenden Informationen. Googles Websuche kann das auch. Google Now in neuesten Android-Mobiltelefonen (ab 4.1) zeigt einige Informationen bereits an, bevor der Anwender danach sucht. Weitere Apps mit lokalem Bezug wie Qype oder das kürzlich hier erwähnte Thanks könnten in eine solch allumfassende Suche mit aufgenommen werden.

Genau das ist aber auch der Knackpunkt: Woher nehmen Google und Bing diese Informationen? Welcher Content-Partner darf sie liefern und was wird aus denen, die dabei nicht zum Zuge kommen? Nach welchen Kriterien entscheidet sich Google für einen Partner und gegen andere? Geld, Google+-Vernetzung, Qualität? Wenn Letzteres, wie wird diese bestimmt?

Google spart dem Nutzer Arbeitsschritte

Im Prinzip hat Google uns diese Entscheidung aber schon abgenommen. Viele Informationen der Infokarten stammen zum Beispiel aus der Wikipedia, eine Seite, die für viele ohnehin die erste Anlaufstelle bei der Suche nach strukturierten Informationen ist. Mit den Infokarten eliminiert Google nur den Schritt, den die meisten Webnutzer ohnehin gegangen wären, nämlich die Seite aufzurufen. Andere Daten stammen von Partnern wie der Internet Movie Data Base (IMDB) oder dem Sportinformationsdienst Goal.com. Ich habe bei Google nachgefragt, welche weiteren Partner Informationen liefern, bisher jedoch noch keine Rückmeldung erhalten. Ich aktualisiere den Beitrag, sofern dies geschieht.

Problematisch wird es für Suchanfragen, in denen es nicht nur eine bevorzugte Quelle wie die Wikipedia gibt, sondern mehrere gleichrangige. Gerade bei journalistischen Meldungen ist eine Auswahl hier praktisch nicht zu treffen, vor allem wenn es um Politik und damit verschiedene Weltanschauungen geht. In diesem Fall führt für Google kein Weg daran vorbei, mehrere Quellen zur Auswahl zu stellen. Welche Informationen dort angezeigt werden und welche nicht, wird sicherlich noch Inhalt vieler hitziger Diskussionen in nächster Zeit sein.

Fairness als größte Herausforderung

Dass heutige Suchmaschinen ein Facelifting bekommen werden, ist allerdings nur noch eine Frage der Zeit. Google könnte technisch sicher schon viel weiter sein, aber der Suchriese hat natürlich Angst vor den Diskussionen und möglicher Kritik an seiner Quasi-Monopolstellung, so dass man neue Funktionen wie die Wetterkarte erst nach und nach einführt.

Bevor man die Datenkarten generell verteufelt, sollte man sich die Vorteile vor Augen halten. Muss ich wirklich erst in den Tiefen der HTC-Website nach neuen Handys suchen, oder kann Google sie mir nicht auch gleich chronologisch oder preislich hübsch geordnet in einer Infokarte anzeigen, wenn ich nach “HTC” suche? Wie sehr kümmert mich die Chancengleichheit vieler Wetterdienstleister, wenn ich doch weiß, dass ihre Webseiten maßgeblich aus blinkender Werbung bestehen, zwischen denen sie irgendwo das Wetter verstecken?

Dass Informationen aus Nachrichtenquellen und Apps auch in der Standard-Websuche nach vorne geholt werden, halte ich für richtig und überfällig. Durch Widgets ist das auf Smartphones, Tablets und PCs mit Windows 8 längst üblich. Google und seine Mitbewerber müssen dabei einen Weg finden, bei gleichrangigen Informationen verschiedener Content-Lieferanten niemanden zu benachteiligen. Das, und nicht die technische Komponente, ist mittlerweile die eigentliche Herausforderung auf dem Weg zu einer Websuche mit einem modernen Gesicht.

 

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Redakteur bei neuerdings.com, netzwertig.com und dem Euronics Trendblog. Neue Gadgets und Software? Liebend gerne! Aber nur, wenn sie das Leben auch wirklich leichter machen.

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9 Kommentare

  1. Ich bin da echt zwiegespalten:

    Klar, es gibt kein Grundrecht auf Traffic zum Thema Wetter für wetter.xyz und die Neuerung sieht gut aus und ist im Sinne der Nutzer.

    Eine App-isierung der SERPs deutet sich ja schon länger an und Zero-Term-Searches werden zunehmen.

    Andererseits entfernt Google nach und nach die Intermediäre, siehe Kreditkarten-Vergleich (UK), Auto-Kauf und sicher bald auch stärker im Reisebereich.

    Dank Adwords & Co wissen sie genau, welche Branche welche Potentiale bietet. Und in Sachen Usability sind sie einfach oftmals sehr viel besser als andere Unternehmen, also wird sich kein Waldundwiesen-Nutzer beschweren.

    Die Tendenz der wachsenden Konzentration ist dann langsam allerdings etwas bedrohlich. Aber das hat Philipp Klöckner viel besser aufgedröselt:
    http://pip.net/google-werbemarkt

    Ebenfalls spannend fand ich den Forbes-Artikel:
    http://forbes.com/sites/c…-is-worth-trillions/

    Dagegen sindt das eh alles Peanuts ;-)

  2. Zu Deiner Frage
    “Wie sehr kümmert mich die Chancengleichheit vieler Wetterdienstleister, wenn ich doch weiß, dass ihre Webseiten maßgeblich aus blinkender Werbung bestehen, zwischen denen sie irgendwo das Wetter verstecken?”

    Gerade im Zusammenhang mit Wetterberichten ist es sehr wichtig, dass der richtige, aus der Region stammende Wetterdiensleister für die Datenkarte genommen wird.
    Wenn, wie bei vielen Anbietern, einfach der nächste Flughafen für den Wetterbericht genutzt wird, kommt manchmal Nebel raus, wenn bei uns (in den Alpen) das schönste Wetter ist. Einfach unbrauchbar. Schauerlichtes Beispiel dafür ist die Wetter App von Apples iPhone oder sind Apps von Drittanbietern.
    Ob Google in der Lage ist, regionale Kleinanbieter zu integrieren?

    Ein Nachweis, woher die Daten stammen, wäre auch wünschenswert. Das sieht man zur Zeit z.B. auf der Wetterdatenkarte (noch) nicht.

  3. Ich sehe diese Entwicklung etwas kritscher. Mein Eindruck ist, dass Google mehr und mehr versucht den Besucher auf der eigenen Seite zu halten, um die eigene Gewinnmaximierung voranzutreiben.
    Beispiel hier für ist auch die neue Bildersuche. Des Weiteren filtert Google so noch mehr den Content – was bleibt ist der Eindruck, dass es sich hier nicht um eine Optimierung für den User handelt, sondern um eine Art abgespeckte Version des Internets, die nur Google selbst dazu befähigt das ehemals freie Internet immer mehr zu beschneiden.

    • Hast Du nicht unrecht! So wie in dem Witz:
      Vater zu Sohn: Such das doch mal im Internet!
      Sohn zu Vater: Internet??? Ach, das Ding mit dem blauen F!

    • Ich denke das Wichtigste für google ist und wird in der Zukunft sein, das Suchverhalten der Nutzer zu befriedigen.

      Werden eigentlich Seiten die Adsense nutzen schon in der Suche bevorzugt?

  4. Gibt es solche einbindungen auch schon in Bereichen wo Google zusätzlich Adwords laufen hat oder nur in informellen Bereichen, wo sie eh kein Geld verdienen, weil niemand wirbt ?

  5. Ich denke das war von Anfang an so geplant, dass der Knowledge Graph ins Zentrum rückt. Wo will Google sonst seine AdWords platzieren?

    Man nehme mal das Beispiel “Zermatt”. Kommt der Knowledge Graph und keine AdWords. Ich denke nicht, das für diesen Begriff einfach keine AdWords geschaltet werden. So doof dürfte ja kein Touristiker sein.

  6. Ich finde es nicht gut, wenn Google bereits eine Vorauswahl trifft, was mir gefallen könnte und was nicht. Um beim Beispiel Wetter zu bleiben, bevorzuge ich eine bestimmte Seite und wenn ich ein Handy kaufen möchte, will ich nicht, dass mir Google sagt, wo ich es kaufen soll. Dann fallen nämlich ganz viele Shopbetreiber einfach mal weg, dann sind nur die noch dabei, die zu Google gehören oder entsprechend viel Geld an diese zahlen.

  7. Auf einen Klick mehr oder weniger kommt es mir nicht an, aber sehr wohl darauf dass ich sehen kann ob sich hiner dem Link die gewünschte Information befindet. Und gerade da hapert es leider oft. Wenn ich eine Fehlermeldung eingebe so bin ich an einer Lösung des Problems interessiert. Foren, in denen die Frage gestellt wurde, aber keine Lösung enthalten nützt nichts. Die Behauptung, dass die weitere Suche nervt ist natürlich eine übliche journalistische Übertreibung. Was hingegen nützlich wäre: Bei Seiten mit Anfragen zeigen, ob Antworten vorhanden sind und solchen mit Antworten Priorität geben.

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