Internationalisierung:
Wie Sprachbarrieren Japans Internetbranche im Weg stehen

In Europa hört man wenig von japanischen Onlinediensten. Mangelnde Fremdsprachenkenntnisse und ein fehlender Blick über die eigenen Landesgrenzen hinaus hindern japanische Anbieter an der Internationalisierung.

TokioSeit nunmehr drei Wochen befinde ich mich in Tokio. Eigentlich wollte ich zu diesem Zeitpunkt schon etwas mehr über die japanische Webbranche geschrieben haben als einen Artikel zum WhatsApp-Konkurrenten Line – dessen Mutterkonzern noch dazu aus Südkorea stammt. Doch hatte ich bei meiner Anreise noch die Hoffnung, dass sich die Japaner angesichts ihrer verlorenen Dominanz im Segment der Unterhaltungselektronik womöglich der Internetwirtschaft als nächsten Fokussektor widmen würden, um ihren ihnen vorauseilenden Ruf als Hochtechnologienation zu verteidigen und auch die eigene wirtschaftliche Position zu stärken, so weiß ich mittlerweile zumindest eines: Ein ernstzunehmender Startup-Trend rund um Internet- und Mobile-Dienste, die darauf ausgelegt sind, außerhalb der japanischen Grenzen für Furore zu sorgen, zeichnet sich nicht ab.

Während die Gründe dafür vielseitig sind und von mir noch nicht in aller Ausführlichkeit erforscht werden konnten, besteht über das elementarste Problem kein Zweifel mehr: Die fehlende Sprachkenntnis und Auslandserfahrung der Japaner stellen die größten Hürden für die Onlinebranche des Landes dar, Konzepte zu entwickeln, die nicht nur im Heimatmarkt funktionieren, sondern auch darüber hinaus.

Tatsächlich sprechen Japaner so gut wie kein Englisch, und das gilt nicht nur für ältere Generationen, sondern im Prinzip für alle. In dem “Share House”, in dem ich während meines Aufenthalts wohne, leben rund 100 Personen, davon etwa 70 Japaner, zumeist zwischen 20 und 35 Jahren alt. Da man sich Küche und andere Allgemeinflächen teilt, gibt es viele Gelegenheiten für Gespräche. Theoretisch. In der Praxis kommen diese mit den meisten Einheimischen nach maximal einigen ganz grundlegenden Sätzen zum erliegen – schlicht weil ihnen die praktische Erfahrung mit der englischen Sprache fehlt. Japaner lernen zwar viele Jahre Englisch in der Schule, aber das allein mit dem Ziel, die Prüfungen zu bestehen. Englisch tatsächlich anzuwenden und zur Kommunikation außerhalb des Unterrichts zu nutzen, sind die meisten nicht gewohnt.

“Ausländische Entwickler bevorzugt”

In der vergangenen Woche stattete ich KDDI Web Communications einen Besuch ab, der Internetsparte des japanischen Telekommunikationskonzerns KDDI. Das Unternehmen pflegt seit 2009 eine Partnerschaft mit dem aus Hamburg stammenden Homepagebaukasten-Anbieter Jimdo und vertreibt dessen Produkte in Fernost. Teil des Business der KDDI-Tochter ist eine Startup-Sektion, die eigenständige Produkte entwickelt – wie momentan den Kollaborationsdienst Corabbit. KDDI Web Communications-Marketingchef Teppei Takahata machte im Gespräch keinen Hehl daraus, welche Entwickler er am liebsten anheuert: Expatriats. In Tokio lebende Ausländer mit guten Kenntnissen in Englisch oder anderen Sprachen. Japanische Programmierer mit hinreichender Praxis in Englisch zu finden, sei seiner Aussage nach sehr schwer. Weil auch ein Deutscher vor Ort als Entwickler aktiv ist, kann Corabbit bereits mit einer deutschen Version glänzen.

Das Problem mit den mangelnden Fremdsprachenkenntnissen rührt nicht nur von dem wenig praxisorientierten Sprachunterricht her, sondern auch von dem hohen Lebensstandard im Land. Dieser hat zur Folge, dass vielen Menschen ganz einfach das Interesse fehlt, ihre Heimat für längere Zeit zu verlassen. In Japan sei alles so bequem und sicher, so der Tenor in diversen Gesprächen. An dieser Sichtweise hat sich auch nach dem Erdbeben und  Tsunami 2011 nichts geändert. Wer nicht plant, die Welt zu erkunden, hat logischerweise noch weniger Anreiz, sich intensiv mit einer fremden Sprache zu befassen.

“Dual Operation System” gewünscht

Die mangelnde Auslandserfahrung wiederum sorgt dann dafür, dass ein gewisser Blick für kulturelle Unterschiede fehlt. Todd Porter, ein in Tokio lebender Entrepreneur aus dem Silicon Valley, äußerte mir gegenüber den Wunsch, mehr Japaner mit einem “Dual Operating System” antreffen zu wollen, also solche, die auch mal einige Monate im Ausland, etwa in Europa oder in den USA, verbracht haben und die dortige Lebensweise und Mentalität kennenlernen konnten. Für eine erfolgreiche Internationalisierung einer unternehmerischen Idee sei dies eine wichtige Voraussetzung.

Yuki Naruse, ein engagierter japanischer Student, gehört zu der Minderheit der jungen Japaner, die genau diesen Schritt ins Ausland wagten – weshalb ich auch ausgiebig mit ihm auf Englisch plaudern konnte. 25 Länder hat Naruse bereist, stets mit dem Ziel, einflussreiche und interessante unternehmerische Persönlichkeiten mit japanischen Wurzeln zu treffen. Auf einer Website brachte er anschließend seinen Landsleuten diese Menschen und ihre Erfahrungen näher. Naruse kritisiert die Trägheit vieler Japaner, beobachtet jedoch in den aktuellen Studienjahrgängen eine größere Bereitschaft, über die Grenzen des eigenen Landes hinauszublicken.

In der deutschen Internetwirtschaft ist erst in den letzten Jahren die Erkenntnis gereift, dass zwar Deutschland mit seinen 80 Millionen Einwohnern einen attraktiven Markt für Startups darstellt, dass aber das globale Potenzial noch deutlich größer ist. Mittlerweile gehören ernstzunehmende Neugründungen, die nicht über den deutschsprachigen Raum hinausblicken, zu einer Minderheit. In Japan braucht es für diesen Schritt nicht nur den Willen, sondern auch mehr Englischkenntnisse und eine größere gesamtgesellschaftliche Neugier für das, was außerhalb Asiens geschieht.

Kurz vor meiner Abreise nach Tokio traf ich in Berlin übrigens zwei junge Japanerinnen, die gerade eine ziemlich abgedrehte Weltreise vollziehen: Ihr Trip führt sie von Japan nach Brasilien und Europa bis nach Nordafrika und Indien. Insofern gilt wie immer: Natürlich finden sich in einem Land mit 130 Millionen Einwohnern auch genug Ausnahmen.

Auch wenn die japanische Game-App-Ökonomie gerade einen regelrechten Boom erlebt - bisher sieht es nicht danach aus, als wenn Line der Anfang einer größeren Welteroberungsmission japanischer Onlineservices wäre. Dazu fehlen ihnen einige Grundzutaten.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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10 Kommentare

  1. Habe in einigen Meetings in Tokyo gesessen. Selbst wenn 40% der Teilnehmer Ausländer sind, spricht man keine gemeinsame Sprache, sondern konzentriert sich auf die Japaner im Raum. Fand ich “interessant”.

    Ansonsten wirken die Telcos eher hölzern. Man macht lieber Disney-Telefone (siehe NTT Docomo) statt was wirklich innovatives — zumindest soweit ich den Meetings folgen konnte — oder ganz beknackte Sachen (Vocaloid-Telefone).

    Ich finde aber, dass die hier Internet ganz gut können: http://www.garage.co.jp/ Interessanterweise sind die int. Venturearme der Telcos auch recht clever.

  2. Habe selber japanische Bekannte.
    Die Japaner können sehr gut Englisch schreiben, lesen und verstehen. Sie schämen sich aber zu sprechen (kein Schwerpunkt in Ausbildung auf sprechen, dazu kommt dann wenig Übung und Möglichkeiten), weil sie sich mit Fehlern blamieren könnten = Gesicht verlieren. So reduziert erklärten mir das meine Bekannten.

    • “sehr gut” ist definitiv übertrieben. Aber ja, eine Angst vor Fehlern spielt auch mit rein.

    • Habe mich nicht richtig ausgedrückt.
      Mit “sehr gut” meine ich auswendig lernbare Grammatik etc. im Verhältnis zum sprechen.
      Nicht die Sprache “sehr gut” insgesamt.

    • Ah ok ;)

  3. Eben gesehen – kann man die eigenen Beiträge nicht mehr editieren? Das wäre ein Rückschritt.

    • Wir sind gerade auf eine neue WP-Instanz umgezogen, die einige technische Veränderungen mitbringt. Ich habe die fehlende Edit-Funktion jetzt an die Technik weitergegeben.

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