Duolingo:
Der Erfinder des Captchas demokratisiert das Lernen von Sprachen

Erst hat Luis von Ahn Captchas dafür genutzt, Bücher zu digitalisieren, und sein Unternehmen dann an Google verkauft. Sein neues Startup lässt Anwender kostenlos Sprachen lernen – und macht sie ganz nebenbei zu Übersetzern von Texten.

Eine neue Sprache zu lernen, gehört zu den Lieblingsherausforderungen und Hobbys von Millionen von Menschen. Entsprechend groß ist das Angebot an Werkzeugen und Sprachcommunities im Netz, die mit unterschiedlichsten Ansätzen und Konzepten weltoffenen Personen über Sprachen Zugang zu neuen Kulturen eröffnen wollen. Aus unseren Gefilden kommen zahlreiche Sprachlern-Startups, und auch auf internationaler Bühne stehen Lernwilligen diverse Portale zur Verfügung, darunter Livemocha, italki und Rosetta Stone. Während die Verfahren variieren, mit denen User eine Sprache erlernen, ist den Diensten in der Regel gemein, dass sie für ihr Angebot oder Teile davon Geld verlangen, um sich auf diese Weise zu refinanzieren.

Ein junges Unternehmen aus Pittsburgh im nordöstlichen US-Bundesstaat Pennsylvania will nun jedoch mit einem äußerst cleveren Konzept den potenziellen Mega-Markt der Onlinesprachlernangebote einnehmen. Es ist so clever, dass wir es euch nicht vorenthalten möchten, auch wenn wir sonst nicht jedes Onlinesprachlernangebot einzeln vorstellen.

Bei Duolingo können derzeit sechs Sprachen gelernt werden: Spanisch, Englisch, Deutsch, Französisch, Portugiesisch und Italienienisch (außer bei Englisch jeweils ausgehend von Englisch). Das Besondere: Gelernt wird satz- und wortweise in Form kurzer, spielerischer Übersetzungshäppchen, nicht mittels komplexer Kurse. Eine von dem Startup in Auftrag gegebene Studie soll gezeigt haben, dass dieser Ansatz bei Lernenden besonders schnell gute Resultate zu Tage fördert. Ob dieses Ergebnis im Interesse von Duolingo am Ende immer so gilt, sei einmal dahingestellt.

Was Duolingo so clever macht, ist das Preis- und Geschäftsmodell: Denn Duolingo ist für Endnutzer komplett kostenfrei. Während sie sich eine neue Sprache beibringen, generieren sie ganz nebenbei Übersetzungen von Sätzen. Duolingo analysiert diese Übersetzungen, identifiziert die jeweils korrekte und will mit diesem Ansatz künftig Firmen und Privatpersonen mit Übersetzungsdienstleistungen versorgen. Die über den Service generierten Übersetzungen seien genauso akkurat wie die von professionellen Dienstleistern, erklärte Mitgründer Luis von Ahn im Sommer einer lokalen Zeitung.

Sofern das Modell in der Praxis funktioniert, könnten Ahn und sein Co-Founder Severin Hacker eine kleine Revolution auslösen. Denn von einem effektiven, vollkommen kostenfreien Sprachlernservice, der lediglich einen Internetzugang erfordert, würden speziell die Menschen profitieren, denen bisher die Mittel für kostenpflichtige Sprachkurse fehlen. Eine zusätzliche Sprache wiederum kann neue berufliche Perspektiven eröffnen und somit im besten Fall einen individuellen Wohlstandsgewinn mit sich führen.

Duolingo hat in den USA schon einiges an guter Presse erhalten. Verantwortlich dafür ist auch Luis von Ahns Vergangenheit: Der gebürtige Guatemalteke gilt als Crowdsourcing-Pionier und Mit-Erfinder des Captchas. Das von ihm 2007 gegründete Unternehmen reCAPTCHA führte eine Möglichkeit ein, die von Nutzern bei Formulareingaben im Netz aus Spamschutzgründen eingetragenen Buchstaben- und Zahlenkombinationen parallel für die Digitalisierung von eingescannten Büchern zu nutzen. Im Herbst 2009 wurde reCAPTCHA von Google übernommen.

Mit Duolingo überträgt von Ahn das von reCAPTCHA her bewährte Prinzip der Digitalisierung durch Crowdsourcing auf Übersetzungen. In beiden Fällen geht es für Anwender um die Lösung eines Problems, und in beiden Fällen lässt sich aus dem dafür eingesetzten System ein Mehrwert für Dritte generieren, der eine indirekte Monetarisierung erlaubt. Weil von Ahn einmal bewiesen hat, dass dies funktioniert, fiel es dem Startup wohl nicht schwer, mit Union Square Ventures und Ashton Kutcher namhafte Investoren ins Boot zu holen.

Es ist nicht klar, inwieweit die auf einer Wort-zu-Wort-Übersetzung fußende Idee von Duolingo auch bei Sprachen außerhalb der germanischen und indogermanischen Sprachfamilien anwendbar ist. Doch schon jetzt erlaubt das US-Startup vielen hundert Millionen Menschen das Erlernen einer neuen Sprache, ohne dass sie dafür etwas zahlen müssen. Es fällt schwer, das nicht gut zu finden.

Link: Duolingo

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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Ein Kommentar

  1. In der Tat ein geniales Prinzip, allerdings habe ich noch nicht die Plattform gefunden, auf der Unternehmen Übersetzungen kaufen können. Aber das Programm ist klasse aufgebaut und macht wirklich fast süchtig. Mal schauen wie es um Duolingo am Ende des Jahres gestellt ist.

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