Leistungsschutzrecht:
Ein Kampf ohne Gegner

In der Debatte um das Leistungsschutzrecht schlagen beide Seiten über die Stränge. Sie zeigt aber: Die meisten Verleger verharren in einer Konfrontation mit einem Gegner, den es gar nicht gibt.

Lukas Stuber ist Geschäftsführer der Zürcher Agentur Yourposition und seit dem Jahr 2000 als Suchmaschinenmarketer tätig. Er ist als Dozent an verschiedenen Fachhochschulen der Schweiz engagiert und einer der gefragtesten Referenten im Bereich Suchmaschinenmarketing.

Die unternehmerische Aufgabe eines Verlags besteht darin, einem unabhängigen Journalismus die wirtschaftlichen Grundlagen zu sichern. Gelingt das, wird der Demokratie eine kritische Instanz bewahrt, ohne die sie nicht überleben kann.

Weil sich der Medienkonsum aber immer mehr ins Internet verschiebt, stehen die Verlage mehreren Problemen gegenüber: Inhalte lassen sich online schwer verkaufen, Online-Werbung ist weit günstiger als Print-Werbung, und während die Verlage seit zwei Jahrzehnten nahezu unveränderte Online-Werbemöglichkeiten anbieten, die auf ihre eigenen Plattformen beschränkt sind, wandern die Budgets zu Anbietern effizienterer Modelle hinüber, die das Internet als Ganzes erschliessen helfen. Die bewährten Geschäftsmodelle der Verlage verlieren damit zusehends ihre Tragfähigkeit.

Die Verleger behaupten, daran sei insbesondere Google schuld. Urs F. Meyer, Geschäftsführer des Verbands Schweizer Medien, publizierte kürzlich in der NZZ einen Gastbeitrag, der die bisher bekannten Verlegerargumente vollständig auflistet. Auch sein Text macht klar: Dass ihnen Google gratis einen Grossteil ihrer Online-Leser zuführt, betrachten die Verleger als Resultat eines Diebstahls. Im Internet ernten sie damit mehrheitlich Spott: Man weist hämisch auf die Lücken und Fehler in der Argumentation hin und behauptet, die Verlage hätten das Internet verschlafen.
Beide Seiten sind, wie Rainer Stadler von der NZZ wohl korrekt feststellte, “am Hyperventilieren“. Damit machen sie es sich zu einfach.

Google bietet das bessere Werbeprogramm

Googles Werbeprogramm namens “AdWords” ist ein Erfolgsmodell. 2001 lanciert, hat es dem Unternehmen allein 2012 mehr als 50 Milliarden US-Dollar Umsatz beschert.
Der Grund dieses Erfolgs: Mit AdWords lässt sich zielgenau werben, was sich bis hin zu Umsatz- und Gewinnzahlen leicht messen lässt. Zudem sind AdWords als Auktion angelegt, was sie im Zusammenspiel mit ihrer Messbarkeit weitgehend immun gegen Überteuerung macht. Die AdWords-Budgets der Werbekunden wachsen deshalb ständig an, die Verlierer sind die Verlage: Im ersten Halbjahr 2012 flossen weltweit erstmals mehr Werbegelder zu Google als zu sämtlichen Print-Medien der USA zusammengezählt.

Dass sich das bessere Produkt durchsetzt, müssten die Verleger in einer freien Marktwirtschaft eigentlich hinnehmen und darauf mit Innovationen reagieren. Stattdessen verlangen sie Kompensationszahlungen.

Google, eine “Hehlerbande”?

Die Rhetorik der Verleger im Streit über das Leistungsschutzrecht ist heftig. Christoph Keese etwa, Lobbyist des Axel Springer Verlags, bezeichnet Google als “eine Art Taliban“; sein Chef, Mathias Döpfner, hält die Kalifornier für eine “Hehlerbande“; der Schweizer Verleger Norbert Neininger behauptet seit Jahren, Googles Geschäftsmodell sei “parasitär“. Und Marc Walder, CEO von Ringier, erhielt kürzlich in einem Interview der SonntagsZeitung von deren Chefredakteur, Martin Spieler, die Frage vorgelegt:

Müssten Sie nicht eher gegen Google kämpfen? Der Suchdienst profitiert von journalistischen Inhalten, ohne zu zahlen.”

Marc Walder antwortete, Google betreibe eine “moderne Art des Diebstahls” und schade der Demokratie. Dem Interview stellte Martin Spieler ein bekräftigendes Editorial zur Seite:

“Indem Suchdienste wie Google sich bei journalistischen Texten einfach bedienen (…) missbrauchen sie die Freiheit und schwächen die Medien als (…) Wachhunde der Demokratie.”

Die Rettung der Demokratie wäre eine grosse, den Furor legitimierende Aufgabe. Doch da es den Verlegern an guten Argumenten fehlt, verkommt sie zum Alibi.

Google ist kein Dieb

Google stiehlt den Verlegern nichts, so oft sie das auch behaupten mögen. Google erfasst ihre Inhalte elektronisch und verlinkt sie mit einem kurzen Textausschnitt. Wer den Artikel lesen will, muss auf den Link klicken. Für den resultierenden Besuch bezahlt der Verlag nichts. Er kann sogar Werbung einblenden und Geld verdienen.

Dem halten die Verleger entgegen, zahlreiche User würden es bei der Lektüre der Ausschnitte in Google News bewenden lassen. Das mag sein, doch in Google News (womöglich aus Desinteresse) unterlassene Klicks erklären die wirtschaftlichen Probleme der Verlage ebenso wenig, wie sie die tatsächlich und monatlich milliardenfach erfolgten Klicks beheben könnten, zumal fraglich ist, ob jener unterbliebene Traffic auf anderen Wegen überhaupt je zu den Verlagen gelangt wäre.

Wer die Google-Indexierung dennoch für Diebstahl hält, kann sie problemlos verhindern: Das Instrument dazu nennt sich robots.txt, doch Christoph Keese tut das als Relikt aus der Web-Steinzeit ab. Damit hat er zwar recht, aber funktionstüchtig ist es trotzdem.

Warum also setzt kein einziger Verlag dieses alte, aber probate Mittel ein? Und warum nutzen obendrein alle grossen und viele kleine Medienhäuser die Techniken und Methoden der Suchmaschinenoptimierung, um noch mehr Google-Traffic zu kriegen? Die einzig denkbare Antwort: Die Verlage können auf diesen Gratis-Traffic nicht verzichten; also machen sie notgedrungen bei einem Spiel mit, dessen Regeln sie für ungerecht halten und kompromittieren so ihr eigenes Argument, während sie zugleich eine Regeländerung fordern, die sie noch abhängiger von Google werden liesse.

Konsequenter verfuhren da einige Verleger in Brasilien: Dort zogen sich 154 Zeitungen aus Google News zurück, was sie fünf Prozent ihres Traffics kostete. Drei Viertel ihres Google Traffics (weltweit rund vier Milliarden Klicks pro Monat) erhalten die Verlage aber keineswegs über Google News, sondern über die normale Web-Suche, in der jene 154 Publikationen unverändert aufzufinden sind. Nicht die Indexierung ihrer Inhalte, sondern die Art, wie Google sie im weniger traffic-trächtigen Sonderfall “Google News” darreicht, fanden die brasilianischen Verleger also problematisch. Und daraus zogen sie die Konsequenzen. Das ist legitim. Von Diebstahl oder einem Leistungsschutzrecht sprach in Brasilien niemand.

Google profitiert indirekt von journalistischen Inhalten

Nicht falsch, aber unzulässig verkürzt ist ein zweites Argument der Verleger: Google bereichere sich an ihren teuer produzierten Inhalten. Google News aber ist werbefrei, und in der normalen Web-Suche generiert Google nur dann Umsatz, wenn die User auf Werbung klicken und die Medieninhalte links liegen lassen.

Akzeptiert man das Argument aber, lässt sich der monetäre Nutzen Googles näherungsweise berechnen. Berücksichtigt man die Präsenz von Verlagsinhalten in Googles Trefferlisten, Klickanteile der Google-Werbung und Google-Umsätze, so hätten die elf grossen Schweizer Verlagshäuser 2011 je nach Deal mit Google Anspruch auf insgesamt etwa 0.15 Prozent der Schweizer Google-Umsätze gehabt. Das hätte je rund 20.000 Schweizer Franken entsprochen.

Den Nachdruck der Verleger kann diese Zahl nicht erklären. Also müssen auch indirekte Effekte mitgedacht werden: Erstens ist Google dank journalistischen Inhalten attraktiver, und zweitens lassen sich dank Nutzungsdaten von Google News präzisere User-Profile anlegen und andernorts zielgenauere Anzeigen schalten. Das stellt aber keine Ausbeutung von Verlagsinhalten dar, sondern ist an einen Tauschhandel geknüpft, der allen nützt: Content-Auszüge und Nutzungsdaten für Google, zielgenauere Platzierungen für die Werbekunden, erleichterter Zugang zu Qualitätsinhalten und relevantere Werbung für die User, Leserschaft und Werbeinventar für die Verlage.

Entscheidend ist dabei auch, dass Google mit allen tauscht: Online Shops, Blogs, Foren, staatliche Websites oder Wikipedia erhöhen Googles Attraktivität und Datenmacht in der Summe weit mehr als die Inhalte der Verlage. Ein Leistungsschutzrecht verlangen aber nur sie.

Das hat selbstverständlich einen Grund: Online Shops etwa verkaufen dank kostenlosem Google-Traffic mehr Produkte. Für das Produkt der Verlage, den Inhalt, wollen online aber nur wenige etwas bezahlen, im Augenblick wenigstens. Doch was Ringiers Marc Walder als “historischen Geburtsfehler” bezeichnet, die kostenlose Verbreitung von Inhalt im Internet nämlich, ist in Wahrheit eines der Fundamente dieses Mediums: Dank tiefen Produktions- und Distributionskosten sowie einer wirkungsmächtigen Drehscheibe namens Google schafft erst das Internet vielen Menschen eine Öffentlichkeit. Dass die Verleger einen Sonderstatus für die “Wachhunde der Demokratie” ausgerechnet im demokratischsten aller Medien fordern, ist paradox.

Weniger Google, weniger Print-Werbung

Zugegeben: Verlage publizieren mit grossem wirtschaftlichen Aufwand Inhalte von überdurchschnittlicher Qualität. Opfer dieses Qualitätsarguments wären zuletzt aber sie selber. Denn sollten ihre Inhalte tatsächlich Googles qualitatives Kernstück darstellen, und sperrten die Verleger Google aus, büsste die Suchmaschine nach Verlegerlogik so stark an Attraktivität ein, dass ihre Nutzerzahlen sänken. Die Folgen dieses Szenarios: weniger Traffic gerade auch auf kommerziellen Websites, tiefere Umsätze und somit sinkende Werbebudgets. Zum Beispiel für Print-Werbung.
Denn der betriebs- und volkswirtschaftliche Wert von Google-Traffic ist hoch: Nicht wenige Schweizer Unternehmen erwirtschaften damit jährlich zwei- bis dreistellige Millionenbeträge bei vergleichsweise geringen Investitionen. Ein unattraktiveres Google ginge vielen Firmen ans Lebendige und liesse Arbeitsplätze verschwinden. Die Verleger nehmen, sofern sie ihre Argumente ernst meinen, all das etwas gar nonchalant in Kauf.

In der Realität siehts ohnehin umgekehrt aus: Google könnte zur Not auf die Inhalte der Medienhäuser verzichten, sie stellen nur einen geringen Teil des Web dar. Die Verlage aber verlören dabei hohe Online-Leseranteile und müssten Leute entlassen.

“Google-Imperialismus”

Auch der Vorwurf, Google missbrauche im Streit übers Leistungsschutzrecht seine Marktmacht, geht fehl. Vorgebracht wurde er anlässlich der Google-Kampagne “Verteidige Dein Netz“, die das Leistungsschutzrecht kritisiert. Google behauptet dort, ein Leistungsschutzrecht bedrohe das Internet insgesamt. Das ist übertrieben: Von der jetzt diskutierten Fassung lässt sich das Internet nicht unterkriegen. Es ist anarchisch genug.

Christoph Keeses getwitterter Kommentar zur Google-Kampagne lag aber nicht weniger daneben:

“#Google startet Kampagne gegen #LSR auf eigenen Plattformen. Verlage hingegen instrumentalisieren ihre Medien nicht in eigener Sache.”

Und ob sie das tun. Wenn eine F.A.Z. auf der Frontseite von “Google-Imperialismus”, “Irreführung” und “Hetze” schreibt, ist eine journalistische Unabhängigkeit kaum noch erkennbar. In der Schweiz sind kritische journalistische Stimmen zwar präsenter, Tamedias SonntagsZeitung aber muss sich den Vorwurf gefallen lassen, ihr Interview mit Ringier-Chef Walder habe zwangsläufig wie ein Spiel über die Bande ausgesehen.

Wohlgemerkt: Das ist erlaubt. Desgleichen ist es Googles Recht, auf seiner Homepage auf seine Sicht der Dinge zu verlinken. Die Interessenslage ist in diesem Fall transparent. Im Fall vieler Pressebeiträge ist sie bloss durchsichtig.

Derlei Dinge aber haben inklusive wirtschaftlichen Interessen hüben wie drüben etwas mit freier Meinungsäusserung zu tun. Also mit einem Grundpfeiler just jener Demokratie, die die Verleger beschützen.

Sind News-Geschäft und Online-Welt unverträglich?

Online-affine Kommentatoren haben sich auf die Diagnose geeinigt, die Verlage hätten das Internet verschlafen. Das mag in manchen Fällen zutreffen, ist aber nur ein Teil des Problems: Titel wie die New York Times oder The Guardian» kriegen zwar viel Applaus für ihre Online-Strategien, fahren damit aber tiefrote Zahlen ein, die sie mit den sinkenden Einnahmen aus dem Print-Geschäft kompensieren müssen. Diese Quersubventionierung wird nicht ewig möglich sein, weshalb fast alle Verlage ihr Online-Geschäft diversifizieren, etwa mit dem Zukauf von E-Commerce-Plattformen und Online-Portalen.

Auf sich allein gestellt ist Qualitätsjournalismus mit der Online-Welt derzeit aber wirtschaftlich schlecht verträglich. Gerade die Gegenbeispiele verdeutlichen das: Spiegel Online lebt von der Strahlkraft der Printmarke. Und eine Huffington Post ist nur dank Freiwilligenarbeit und gesponserten Inhalten rentabel; das Ergebnis hat mit Qualitätsjournalismus nichts zu tun.

Selbst mit einem wacheren Trendbewusstsein und innovativeren Werbemodellen wäre die Finanzierbarkeit aber nicht gesichert. Den Verlagen fehlt es der unvermeidlichen Begrenztheit ihrer Inhalte wegen nämlich von vornherein an Möglichkeiten, ihre Einkünfte mit Long-Tail-Modellen zu generieren: Es fehlen die kritische Content-Masse und die Reichweite, um wie Google mit zahllosen Kleinsteinkünften substanzielle Umsätze zu erwirtschaften. Denn während sich Google das komplette Web nutzbar machen kann, sind die Verlage allein auf ihre eigenen Websites angewiesen. Die Offline-Monolithen sind damit im Online-Geschiebe bloss Kiesel im Sand: gut auszumachen, aber nur kleine Stücke des Ganzen.

Deshalb schon den “Tod der Verleger” auszurufen, ist aber verfrüht. Das Internet ist jung, der technologische Wandel wird die Geschäftsmodelle weiter verändern, und die Verlage sind, was in der aktuellen Diskussion gern vergessen geht, hierzulande immer noch die weit grössere Wirtschaftsmacht als Google: Mit Print-Werbung, Abos und Kiosk-Verkauf generierten sie 2011 etwa 3.7 Milliarden Franken Umsatz. Google vermutlich knapp 160 Millionen.

Google stärkt die Demokratie

Google, so die Gegenposition zu den Argumenten der Verleger, ist Teil einer Wertschöpfungskette, die die Verlage bisher ungenügend nutzen konnten; ein Diebstahl findet zwar nicht statt, doch wer das anders sieht, kann Google umstandslos rausschmeissen.

Doch dieser Position fehlt die Substanz. Googles an sich korrekter Hinweis, man liefere schon AdSense-Gelder und Gratis-Traffic, löst keine Probleme, genauso wenig wie der gern zitierte Vergleich mit dem Taxifahrer, der dem Restaurant ja auch nichts bezahle, wenn er ihm einen Gast bringe. Dieser Vergleich ist zwar stimmig, aber albern. Hier gehts nicht um eine Pizza.

Exemplarisch zeigt sich das in der Diskussion über das “droit voisin”, die französische Variante des Leistungsschutzrechts. Die Absichten der französischen Regierung kommentierte Google damit, man würde bei einem Entschädigungszwang französische Presse-Sites nicht mehr indexieren, was Kulturministerin Aurélie Filipetti erzürnte:

“Man kommt einer demokratisch gewählten Regierung nicht mit solchen Drohungen”

Laurent Joffrin, Chefredakteur des «Nouvel Observateur», leistete unter dem Titel «Le chantage de Google» («Googles Erpressung») Sukkurs:

“(…) ein Multi [i.e. Google] droht damit, die Presse online zu zensurieren, falls die Regierung ein Leistungsschutzrecht für Medieninhalte einführt.”

Beide Äusserungen sind unsinnig. Etwas Kostenpflichtiges nicht nutzen zu wollen, steht jeder Person, auch einer juristischen wie Google, frei. Wird diese Freiheit bedrohlich, stimmt etwas mit dem Gesetzesvorhaben nicht. Und Google kann die Presse gar nicht zensurieren. Verzichtet es auf die Indexierung ihrer Inhalte, sind diese zwar schwerer zu finden, existieren aber unverändert. Zensurieren könnte Google höchstens seine eigenen Trefferlisten. Doch da es keine gesetzliche Indexierungspflicht gibt, darf Google mit seinen Trefferlisten frei verfahren. Eine unterlassene Indexierung kann also unmöglich eine Zensur darstellen.

Doch was formal Unsinn ist, trifft inhaltlich zu. Unausgesprochen attestieren Filipetti und Joffret Google nämlich die Macht, im Internet über Sein und Nichtsein zu entscheiden. Zu Recht: Google ist so bedeutend geworden, dass eine legal vermiedene Indexierung tatsächlich einer Zensur gleichkommt und eine Demokratie gefährden kann. Doch wenn eine Praxisänderung von Google die Demokratie gefährdet, so muss der Umkehrschluss lauten, dass Googles aktuelle Praxis der Demokratie dient.

Somit aber gefährdete ein Leistungsschutzrecht selber die Demokratie: indem es den freien Zugang zu Information potenziell beschränkte. Ausser, es würde an eine Indexierungspflicht gekoppelt, die zwar zahlreiche technische Limiten berücksichtigen müsste, aber den freien Zugang via Google wenigstens festschriebe. Damit erst wäre Google zensurfähig, weshalb der Gesetzgeber aber plötzlich auch den Ranking-Algorithmus regulieren müsste, wie das die New York Times schon einmal forderte: Einen Zeitungsartikel auf Platz 30 liest niemand, sein schlechtes Ranking wäre demnach die Folge eines zensurähnlichen Akts seitens Google. Eine solche Regulierung könnte aber demokratischen Grundsätzen widersprechen: In den USA etwa wird argumentiert, Trefferlisten von Suchmaschinen seien vom ersten Verfassungszusatz («Freedom of Speech») geschützt.

Ob mit oder ohne Indexierungspflicht: Ein Leistungsschutzrecht ist in einer Demokratie, auf die sich seine Befürworter ja gerade berufen, mindestens problematisch.

Kooperation in Belgien

Trotz unzulänglichen Argumenten zeigt die Diskussion eines doch sehr genau: Als Begleiterscheinung seines Erfolgs hat sich Google Verantwortung eingehandelt. Sie ist vermutlich nicht finanzieller Art. Umso bedauerlicher, dass Google den französischen Verlegern angeblich (und erfolglos) eine jährliche Kompensation von 50 Millionen Dollar angeboten haben soll. Vielmehr hat sich Google am Gespräch zu beteiligen, wie eine freie Presse den Medienwandel überleben soll. Mit einer Reihe von Initiativen hat Google begonnen, diese Verantwortung wahrzunehmen: Etwa mit den Data Journalism Awards sowie dem AP-Google Journalism and Technology Scholarship Program, und im Dezember 2012 schrieb Google gemeinsam mit acht US-Verlagen gut dotierte Journalism Fellowships aus. Davon liest man in der deutschsprachigen Presse wenig. Die F.A.Z. beispielsweise, die engagiert für ein Leistungsschutzrecht eintritt, ignorierte diese Bemühungen Googles bisher vollständig.

Ein anderes Modell wird jetzt in Belgien versucht: Mit den dortigen Verlagen hat sich Google Mitte Dezember 2012 auf eine Kooperation geeinigt. Dank intensiver Beratung sollen die Verlage die Google-Services wirksamer nutzen können, und beide Akteure werden mehr Werbung auf den Plattformen des andern einkaufen, Google angeblich im jährlichen Umfang von fünf Millionen Euro. Prompt höhnte die taz, Google sei der “Sugardaddy aus dem Internet“. Im Milliardengeschäft der Verlage kommt aber einer solchen Summe, die zudem umgehend in AdWords reinvestiert werden soll, vor allem symbolische Bedeutung zu.

Die Kooperation in Belgien ist übrigens keineswegs das Ergebnis neu entdeckter Freundschaft, sondern eines jahrelangen Rechtsstreits. Vielleicht geht es den Schweizer Verfechtern eines Leistungsschutzrechts um ein ähnliches Ergebnis. Fragt sich nur, ob es dafür beiderseits so viel Lärm braucht.

Es geht um die Demokratie

Das belgische Modell mag ein Beginn sein. Das Geschäft der Verlage würde es, träte der Notfall denn ein, nicht retten. Aber es ist, so wie die erwähnten Google-Initiativen auch, wenigstens ein konstruktiver Beitrag. Die meisten Verleger hingegen verharren noch in einer Konfrontation mit einem Gegner, den es gar nicht gibt.

2009 fragte das “Fortune Magazine” den damaligen Google-CEO Eric Schmidt, heute Verwaltungsratspräsident, wie Google den Verlagen helfen könne. Seine Antwort:

“I wish I had a brilliant idea, but I don’t.”

Ideen sind aber früher oder später gefragt. Denn in einem Punkt haben die Verleger recht: Es geht, da sie unabhängige Medien braucht, um die Demokratie. In Gefahr bringen sie weder Google noch die Verleger, sondern allenfalls ein Medienwandel, der neue Fragen aufwirft. Doch ein Leistungsschutzrecht ist keine Antwort.

+++

Lukas Stuber ist Geschäftsführer der Zürcher Agentur Yourposition und seit dem Jahr 2000 als Suchmaschinenmarketer tätig. Er ist als Dozent an verschiedenen Fachhochschulen der Schweiz engagiert und einer der gefragtesten Referenten im Bereich Suchmaschinenmarketing.

Kenntlichmachung: Yourposition ist ein Kunde des Schweizer Agenturgeschäfts der Blogwerk AG, deren Verlagssparte netzwertig.com betreibt.

 

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9 Kommentare

  1. Wer außer Google hat denn bei einem Leistungsschutzrecht zu verlieren? Die Debatte gab es ja auch im Ausland, wurde vor Gericht ausgetragen und Google hat sich geeinigt.

    Google macht sich fremde Inhalte zu eigen. Wer weiss wie Ticker von Nachrichtenagenturen wie dpa, afp usw. funktionieren, und wie Medien Artikel schreiben, der versteht, dass bei Nachrichten das für den Leser wichtigste immer im Teaser und der Überschrift steht. Das indiziert Google nicht nur sondern aggregiert es massenhaft. Ein sinnvoller Dienst wie Google sollte die abgegriffenen Verleger kommerziell an seinen Gewinnen beteiligen.

    Denn was Google da macht ist aus meiner Sicht ein Missbrauch des gesellschaftlich für uns alle extrem wichtigen Zitatrechts durch einen Dienst, der nur im Zitieren fremder Inhalte besteht. Auch der Contentklau von Linkfarmspammern kann angemessen durch ein LSR eingedämmt werden.

    • @ Andre
      Das trifft so nicht zu. Mit der Überschrift alleine wird noch kein Inhalt vermittelt, sondern nur eine Andeutung. Auf die interessante Überschrift folgt der Klick zum Verlag, der den wahren Inhalt anbietet. Den finden sie auf Google nicht. Nirgends.

      Zu behaupten, das Einbinden einer Überschrift samt Link zum Inhalt sei eine Aneignung von Inhalt, ist einfach nur absurd. Das ist so, als ob sie behauteten, das Einbinden eines Sonderangebots bei Amazon sei ein Klau der Ware bei jenem Händler. Ist aber Quatsch, da google den Inhalt gar nicht anbietet, sondern nur weiterleitet, ja sogar Werbung für einen vollständigen Artikel eines fremden Verlegers macht.

      Wie schon im Text erwähnt bleibt weiterhin die Möglichkeit, die eigene Seite vom Google-Index auszuschließen. Macht aber keiner. Weil es Werbung für das eigene Haus ist. Da soll also Google für die Werbung, die freiwillig aufgeführt wird, auch noch bezahlen? Wo gibt es denn sowas?

      Beklauen Blogger etwa auch die Verlage, wenn sie einen Link zu einem Artikel setzen?

  2. “Zu behaupten, das Einbinden einer Überschrift samt Link zum Inhalt sei eine Aneignung von Inhalt, ist einfach nur absurd.”

    Bei Blogbeiträgen nicht. Bei dem journalistischen Format “Nachrichten” schon.

    Blogger zitieren und verlinken aber ihr ganzen Angebot besteht nicht nur daraus. Das ist ewas ganz anderes. Ich bin für ein liberales Zitatrecht aber Google muss hier zahlen.

  3. Ich frage mich sowieso, wieso die Verlage nicht mehr tun, um das “Long Tail”-Problem bzw. das “iTunes-Problem” zu adressieren: Ich bin gerne bereit, ein paar hundert Euro / Jahr für qualitativ hochstehenden (Online-)Journalismus zu investieren. Ich möchte aber – so wie ich es im Internet gewohnt bin – dabei nicht auf ein einziges Produkt beschränkt sein, sondern frei zwischen New York Times, Financial Times, NZZ, Süddeutscher Zeitung, etc. pp. hin- und herspringen.

    Das ist für mich ein zentrales Problem all der bisherigen Paywall-Konzepte: Sie sind reine Insel-Konzepte, mit der man die Masse der User (mich eingeschlossen), die sich an die Medien-Vielfalt des Internets gewöhnt haben und denen eine “Hauszeitung” nicht mehr reicht, nicht erreichen kann. Eine zentrale “Qualitätsjournalismus-Flatrate”, entstehend aus einer Kooperation der Verlage, wäre für mich aber definitiv kaufenswert (ein “Zwangs-Flattr”, wenn man so möchte).

  4. Sicher ein guter Beitrag, aber die “Reihe von Initiativen” Googles bitte mal nachsehen und das Budget addieren. Das ist ein PR-Troll-Budget im unteren sechsstelligen Bereich für drei Programme in mehreren Staaten – und ich finde nicht, dass die Presse darüber zu berichten hätte.
    “Die F.A.Z. beispielsweise, die engagiert für ein Leistungsschutzrecht eintritt, ignorierte diese Bemühungen Googles bisher vollständig.” – Ja, gottseidank.

  5. Einen Internetdienstleister mit den Taliban gleichzusetzen,… da sieht man mal, das die Verlags-Obermuftis noch nicht mal ihren ablaufenden Rang erkannt haben.

    Jetzt mal ehrlich, meinen die Verfechter des Leistungsschutzrechts wirklich so ihre wirtschaftliche Position zu verbessern und ihr Überleben mit verstaubten Vertriebsmodellen zu sichern? Never ever! Das Verlagssterben hat in Dtl. gerade erst begonnen. Der Content erscheint sowieso im Netz, ob über Verlagsredakteure oder durch echte Online-Redakteure. Und die Verlage haben einfach den Zeitpunkt für funktionierende Onlinevertriebsmodelle verschlafen.

    In Dtl. kommt man online an google nicht vorbei und den Content NICHT google zur Verfügung zu stellen war ja schon immer möglich. Beruft sich ein Verlag also später zum Beispiel mit einstweiligen Verfügungen auf das Leistungsschutzrecht, dann könnte google als einfachstes Mittel alle betroffenen Verlagsseiten einfach aus dem Index nehmen.

    Dann mal herzlichen Glückwunsch an die Verlage. Harakiri deluxe

  6. Auch das Leistungsschutzrecht, neben den übrigen Rechten des geistigen Eigentums, steht durchaus berechtigt in der Kritik, dem Fortschritt des Internets im Wege zu stehen. Eigentlich eine Schande, dass sogenannte Informationsgesellschaften keinen gerechten Ausgleich zwischen Contenterstellern und Nutzern zu bewerkstelligen in der Lage sind. Nicht nur das Leistungsschutzrecht, auch das Marken- oder Urheberrecht hindert eine freie Entfaltung im Netz. Wir berichteten hier darüber: http://my-marke.de/2012/1…eingetragene-marken/

    Es bleibt nur eins: die Nutzer über die rechtlichen Gefahren aufklären, sodass der Abmahnwahnsinn ein Ende findet. Dafür muss man kein Rechtsexperte sein, sondern ein wenig rechtlicher Überblick reicht aus. Und das Leistungsschutzrecht wird sich an Google messen müssen, und wir schätzen, dass letztendlich Google am längeren Hebel sitzen wird. Vorallem unter Berücksichtigung, dass der Content allgemein immer internationaler, also auch englischsprachiger wird, sodass dem “deutschen” Content ohnehin weniger und weniger Beachtung zukommen wird.

  7. @MW, natürlich sitzt google am längeren Hebel, aber vielleicht wird es wie in Belgien kommen. Dort hat google eine Absichtserklärung unterschieben: die Verlage machen Werbung auf google, und google kauft Werbung auf den Verlagsseiten…

    ##Zitat Spiegel online 28.02.13:
    Juristisch hanebüchene Konstruktionen

    Das wirklich große Drama besteht nicht in der Absurdität des Gesetzesvorhabens. Es liegt ebenso wenig darin, dass das Leistungsschutzrecht von einer ungekannt breiten Allianz gesellschaftlicher Akteure abgelehnt wird: vom Bundesverband der Deutschen Industrie bis zur Linkspartei, von der Jungen Union und den Jungen Liberalen bis zum Chaos Computer Club, von beinahe allen Internetfachleuten und Netzunternehmern bis zu den meisten namhaften Urheberrechtsexperten.##

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