“Facebook Friends”:
Wieso Facebook eine App für beste Freunde veröffentlichen sollte

Auch wenn Path mit seinem Ansatz eines privaten sozialen Netzwerks bisher kein Durchbruch gelang: Facebook sollte eine eigene Applikation veröffentlichen, die nur auf die Interaktion mit einem nahestehenden Personen ausgerichtet ist.

Facebooks Newsfeed hat sich überlebt – so lautete mein Urteil Anfang Januar. Die Leserreaktionen in den Kommentaren und im Social Web beinhalteten sowohl Zustimmung als auch Widerspruch. Eine aktuelle Untersuchung von Forschern der Technischen Universität Darmstadt und der Humboldt-Universität Berlin förderte nun zu Tage, dass Status Updates von Facebook-Kontakten in nicht unwesentlichem Maße Neid und Unzufriedenheit bei Betrachtern auslösen. Ich sehe darin eine Bestätigung für meine These. Denn egal wie hoch das Suchtpotenzial des Newsfeeds sein mag – wenn er bei Anwendern dauerhaft negative Emotionen auslöst, dann muss ihm früher oder später die Existenzfrage gestellt werden.

Es ist nur eine Vermutung, aber ich glaube, das Hauptproblem stellen nicht positive und euphorische Facebook-Einträge der engsten Freunde und Verwandten dar, mit denen einen ein echtes emotionales Band verbindet, sondern die der Menschen im erweiterten Bekanntenkreis. Bedenkt man, dass die durchschnittliche Zahl der Facebook-Kontakte zumindest bei jungen Menschen mittlerweile bei 272 liegt, bedeutet dies, dass die Mehrzahl der Kontakte in diese Kategorie fällt. Hier sehe ich den Auslöser für die teilweise geringe Relevanz des Feeds sowie das in der Studie angesprochene Unzufriedenheits- und Neidproblem. Ihren wahren Freunden und engsten Familienmitgliedern gönnen Menschen in der Regel Erfolge und einzigartige Erlebnisse. Wenn jedoch lose Bekannte permanent über ihr scheinbar makelloses Leben berichten, während Betrachter sich selbst mit allerlei Problemen herumplagen, dann sind negative Gefühle fast programmiert.

iPhone-App Kleek zeigt die Richtung auf

Zwar bietet Facebook mit den Freundes-Listen und der Kategorie “Enge Freunde” Möglichkeiten an, um den Newsfeed von unwichtigen Beiträgen und Einträgen loser Bekannter zu befreien. Dies erfordert jedoch einigen Aufwand, zumal sich die dafür bereitgestellten Werkzeuge meines Erachtens nach in keiner Weise effektiv bedienen lassen. Umso interessierter war ich, als ich bei allfacebook.de am Dienstag über die aus München stammende iPhone-App Kleek las. Dabei handelt es sich um ein alternatives Smartphone-Interface für Facebook, das einen einzig aus den Einträgen der wichtigsten Kontakte bestehenden Feed erstellt.

Kleeks Konzept erfüllt dabei in der Theorie genau meine Bedürfnisse: Ich öffne die App und sehe ausschließlich Einträge von Personen, die ich innerhalb von Kleek in die von Facebook angebotene Kategorie “Enge Freunde” befördert habe. Gezeigt werden dabei nicht nur Statusmitteilungen und geteilte Links, sondern auch neue Kontakte der Freunde, von ihnen vorgemerkte Veranstaltungen sowie gehörte Musik bei Open-Graph-Partnern. Und das alles mit vergleichsweise wenig Einrichtungsaufwand.

Da es sich bei Kleek um eine externe Anwendung handelt, muss man ihr weiträumige Rechte für den Zugriff auf das persönliche Facebook-Konto geben. Optimal ist das natürlich nicht, einige Nutzer dürfte es abschrecken. Auch von der Optik und Usability liefert Kleek, das für 0,89 Euro im App Store angeboten wird, maximal Standardkost. Auch wenn ich nicht ausschließen möchte, dass ich künftig ab und an einen Blick in meinen Kleek-Feed werfe, so sehe ich die Anwendung eigentlich primär als Blaupause für eine ähnliche App aus dem Hause Facebook.

Das Potenzial einer “Facebook Friends”-App

Mit Messenger und Camera bietet das soziale Netzwerk bereits auf einzelne Einsatzszenarien spezialisierte Applikationen unter der Facebook-Marke (mit Ausnahme von Instagram, das nach außen hin noch als separates Produkt geführt wird). Ich wünsche mir von Facebook, dass es genau nach diesem Muster eine weitere Anwendung für Smartphones und Tablets lanciert, die Nutzern mit höchstem Bedienkomfort und ohne die Notwendigkeit stundenlanger Optimierungen und Suchen in verschachtelten Einstellungsmenüs einen Echtzeit-Stream von einer kleinen, händisch selektierten Gruppe der Kontakte in einer modernen, schlanken und eleganten Oberfläche liefert. Sie könnte “Facebook Friends” heißen und für das soziale Netzwerk eine Rückkehr zu seinen Wurzeln bedeuten, als Mitglieder noch nicht hunderte oder gar tausende Kontakte in ihrem Facebook-Adressbuch angehäuft hatten, sondern nur ihre besten Freunde.

Path als Vorbild

Facebook Friends wäre eine Art Pendant zum ebenfalls aus Kalifornien stammenden mobilen Social Network Path, das seine Anwender dazu ermuntert, sich nur mit ihnen nahestehenden Personen zu vernetzen. Leider kommt Path nicht richtig aus dem Knick, was die Akquisition neuer Mitglieder betrifft. Sechs Millionen sollen es momentan sein. In Folge eines Auftritts von Path-Gründer Dave Morin bei der DLD-Konferenz in München vor wenigen Tagen berichteten einige führende deutsche Nachrichtenportale über das US-Startup, was dem Dienst im Idealfall in Deutschland etwas Antrieb verleihen könnte.

Grundsätzlich glaube ich an die Idee eines “persönlicheren” sozialen Netzwerks, sehe aber auch, dass der Durchschnittsnutzer einfach keine Lust mehr hat, bei einem weiteren Service mit der Vernetzung wieder von vorne zu beginnen. Facebook Friends könnte die Vorteile von Path bieten, ohne dass User mühsam ihre Kontakte einladen müssen. Auch wäre es eine Abwehrmaßnahme gegen die bommenden mobilen Messenger wie WhatsApp, Line oder das gerade in den USA initiierte Just.me. Denn derartige, für die mobile Nutzung ausgelegte Apps bieten immer eine Kombination aus Chatwerkzeugen und den wichtigsten Elementen klassischer sozialer Netzwerke.

Schon mehrfach haben wir erläutert, wieso nicht Facebook.com oder die primäre Facebook-App das Kernprodukt des Unternehmens darstellt. Stattdessen ist es die Vernetzung von einer Milliarde Menschen über die Facebook-Plattform, die als Herzstück des US-Konzerns gesehen werden muss. Ob Anwender sich die meiste Zeit auf Facebook.com aufhalten, Facebooks Standard-Mobil-App nutzen, bei Instagram Fotos anschauen, Open-Graph-Drittanbieter nutzen oder aber in der von mir vorgeschlagenen “Facebook Friends”-Anwendung mit ihren besten Freunden interagieren, spielt am Ende keine Rolle. Entscheidend ist aus Sicht von Facebook lediglich, dass von Nutzern Aktivitätsdaten generiert werden, und dass sie sich mit personalisierter Werbung erreichen lassen.

Die eingangs erwähnte Studie sollte Facebook wachrütteln: Die von den Studienteilnehmern beschriebenen Gefühle stellen keine gute Grundlage für ein nachhaltiges, profitables Wirtschaften dar. Auch wenn eine dezidierte Freunde-App zu einer verringerten Nutzung von Facebook.com und damit zu einer verminderten Interaktion zwischen losen Bekannten führen könnte, so würde der Dienst auf diese Weise sicherstellen, dass sich Neid, Missgunst und Irritation mancher Mitglieder beim Blick in ihren Newsfeed nicht in eine grundsätzlichen Ablehnung des sozialen Netzwerks wandeln. Denn völlig immun gegen eine Abkehr der Nutzer von der Plattform sind die Kalifornier trotz aller Lock-In-Effekte nicht.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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6 Kommentare

  1. An sich eine sehr gute Idee, nur vermute ich, dass Aktionäre von FB nicht begeistert darüber wären. Path versucht sein Geld mit Premiumangeboten zu verdienen, weil es weiß, dass Nutzer in dem sehr privaten Umfeld den das Netzwerk bildet Werbung kaum akzeptieren. Für FB wäre da aber vermutlich leider nicht genug Geld zu verdienen.

  2. Ich glaube auch an die Idee eines persönlicheren Social Networks. Wenn deine “Facebook Friends” App eine Chance hat, dann sollte aber auch jede andere gute App dieser Art eine Chance haben, denn der Installationsaufwand ist quasi der selbe (Gruppen/Listen/Filter für Familie oder beste Freunde anlegen, muss man bei jeder dieser Apps; und der Aufwand für Netzwerkaufbau geht durch Adressbuch-Sync gegen Null…siehe Line, WeChat, etc.).

    In gewisser Weise könnte ich andere Anbieter sogar im Vorteil sehen, wenn sie es schaffen sich in den Köpfen der Nutzer als wirklich persönliches/privates Social Network zu verankern, und somit klar gegenüber Facebook abgrenzen.

    Das ausschlagend Kriterium wird aber wahrscheinlich sein, dass eine solche App den Nutzern auch sonst etwas neues bzw. anderes bietet. Die App, die sich durchsetzen wird, braucht quasi einen Neuigkeits-Effekt wie bei Instagram (schöne Filter) oder Snapchat (“selbstzerstörende” Fotos).

  3. @Tobias
    Beim Installationsaufwand gebe ich dir Recht, aber deine engsten Freunde eine neue App anzudrehen ist keine leichte Aufgabe. Aus diesem Grund finde ich diesen Beitrag schon interessant.

    Ich denke aber, dass dies als Hype gut starten würde, jedoch würde sich das nicht behaupten. Menschen sind neugierig, sie brauchen und suchen nach diesem Neidgefühl. Viele würden am Ende die App vernachlässigen, weil sie alle zur normalen App zurückkehren.

  4. Ich gebe Ihnen Recht bei der Problemerkenntnis….der Newsfeed ist zu vollgespammt und nicht mehr praktisch nutzbar. Die Lösung ist für die ganz breite Masse an Nutzern aber schon da und heisst Whatsapp. Die Jungs von Whatsapp haben nämlich alle 3 Grundbedürfnisse PERFEKT besetzt.

    1. Enge Kontakte. Namensumwandlung von Nummern erfolgt in Einzelchats nur, wenn sie als Kontakte abgespeichert sind. Ich habe bei mir und anderen bemerkt, dass Chats über längere Zeiträume nur offen bleiben, wenn ich die Nr der Person im Telefonbuch hab. Schon die Anzeige der Nr statt des Namens in der Übersicht nervt mich, weil ich die Chats dann nicht gleich zuordnen kann. Entweder ich speicher die Nr oder es verebbt u der Chat wandert in der Übersicht nach unten und wird irgendwann gelöscht. Ein super organischer Weg, um auf engere Kontakte zu filtern.
    2. Profilbilder. Baseline-Level der Selbstdarstellung. Alles andere passiert über die Foto-senden-Funktion. Die meisten meiner Kontakte, insbesondere weibliche, ändern ihre Whatsapp-Profilbilder mehrmals die Woche. Der turnaround entspricht der deutschen FB-Hochphase von vor 3-4 Jahren. Jedem ist mittlerweile klar, dass die Reichweite des Profilbilds bei Whatsapp fast so groß ist wie sie bei Path etwa wäre. Alle engen Kontakte abgedeckt, die Bekannten nicht. Wieder organischer Filter.
    Das Profil bietet sogar die Möglichkeit der Info-Portierung von FB. Erkennt keiner die Genialität?
    3. Der FB-Newsfeed ist durch Seiten, Werbung und zu viele unwichtige Freunde nicht mehr nutzbar. Der Nachfolger heisst Whatsapp-Gruppenchat. Ich habe ständig über ein Dutzend Gruppenchats mit 15-30 Personen pro Gruppenchat offen. Personenkreisbezogene wie Arbeit, Familie…themenbezogene wie Bundesliga und eventbezogene wie Kino, Geburtstagsfeier. Die Dinger werden nicht mehr geschlossen, wenn sich der Zweck erfüllt hat. Etwa der Geburtstag rum ist und man sich dazu nicht mehr koordinieren muss. Meist wird dann nur das Gruppenrhema geändert und weiter gehts. In den Gruppenchats wird auch nicht mehr gechattet, sondern “gepostet”. Standort-senden ist der neue Checkin, “haha” ist das neue Like…zusätzlich kommen am laufenden Band Blödel-Bilder, Links und Sprüche rein. Alles wieder super organisch nach engen Freunden (und dann noch max. 30 pro groupchat) und sogar thematisch gefiltert.

    Im Grunde haben Sie da schon Ihr Facebook Friends.

    Es wird Zeit, Whatsapp als soziales Netzwerk zu begreifen, auch wenn es als Messenger getarnt daher kommt.

    -Jonas

  5. Sehr guter Artikel. Allerdings wird das den Aktionären gegenüber schwer zu erklären sein.

    Ich nutze Facebook nur noch über die Liste “Enge Freunde”.

    Im Browser kann man sich die “enge Freunde” Liste als Bookmark Liste speichern.

    Bei der Facebook App für iOS muss man immer den Umweg über die manuelle Auswahl der Liste gehen.

    Beim Relaunch der App hat Facebook die Liste nun auch noch woanders angeordnet, so dass man zum Start immer den kompletten Stream anschauen muss.

    Leider zeigt diese Entwicklung dass Facebook nicht über eine eigene App nur für die Liste “Enge Freunde” nachdenkt.

vgwort