Selbstmarketing:
torial rückt Journalisten ins Scheinwerferlicht

Der neue Münchner Dienst torial animiert Journalisten, ihre Sichtbarkeit und Karrierechancen durch ein Onlineportfolio und eine Vernetzung mit mit Kollegen zu erhöhen.

Viele Journalisten stehen in diesen Wochen und Monaten vor beruflichen Neuausrichtungen – entweder freiwillig, weil sie die sich durch den Medienwandel bietenden Möglichkeiten an vorderster Front nutzen möchten, oder unfreiwillig, weil in ihren Redaktionen der Rotstift angesetzt wird. Doch anders als im angloamerikanischen Raum haben sich die meisten Vertreter der schreibenden Zunft hierzulande bisher mit dem Aufbau einer von ihren Arbeit- oder Auftraggebern losgelösten Personenmarke zurückgehalten. Spätestens wenn sie auf der Suche nach einer neuen journalistischen Perspektive sind, werden sie feststellen, wie wichtig und chancenfördernd eine gelungene Präsentation ihrer Arbeiten und Stärken im Netz mittlerweile ist. Das junge Münchner Startup torial möchte Journalisten eine komfortable, einfach zu bedienende Plattform bieten, auf der sie zeigen können, was sie auf dem Kasten haben, und auf der sie parallel sehen können, woran ihre Kollegen gerade arbeiten.

Hinter torial stehen Konrad Schwingenstein, ehemaliger Gesellschafter beim Süddeutschen Verlag, sowie Hans-Peter Hösl von der Kommunikationsagentur Bloom. Die zwei gründeten torial auf Initiative von Schwingenstein hin, um Journalisten beim effektiven und lukrativen Arbeiten zu unterstützen. “toria erfindet nichts Neues, sondern fasst zusammen und ist offen für alles, was Journalisten hilft”, so die Eigenbeschreibung des jungen Unternehmens, das man, wenn man faul ist, als eine Art “Xing für Journalisten” beschreiben könnte. Zum torial-Team gehören auch Marcus Jordan und Chris Wiener.

Journalisten und ganz generell alle Menschen, die mit redaktionellen Produktionen einen Teil ihres Lebensunterhaltes bestreiten, können sich kostenfrei bei torial registrieren und eine persönliche Visitenkarte im Netz anlegen. torial richtet sich dabei nicht (nur) an die Speerspitze der mit digitalen Publikationsplattformen und dem Aufbau von Sichtbarkeit und Reputation im Netz gut vertrauten Medienleute, sondern auch an alle, die sich bisher weniger damit befasst haben, ihren Namen und ihre Referenzen online in ein positives Licht zu rücken.

Nach dem Anlegen eines Profils mit den wichtigsten Daten zur Person ermuntert torial Mitglieder dazu, durch die Eingabe von Links sowie das Hochladen von Dateien verfasster Artikel ein persönliches Portfolio zu erstellen, das in einem optisch netten Magazin-Layout päsentiert wird. Es steht Nutzern frei, ihr Profil und Portfolio unter einer eindeutigen URL öffentlich auch für torial-Nichtmitglieder und Suchmaschinen zu öffnen. Ein frei zugängliches Profil sieht beispielsweise so aus. Unter dem Menüpunkt “Projekte” bietet torial grundlegende Werkzeuge zum Anlegen von Text-Dokumenten und Verwalten von Multimediaprojekten. Zu diesen lassen sich gezielt andere Nutzer einladen, was den Münchner Service nebenbei zu einer kleinen Kollaborationsplattform macht.

Verstärkt wird die soziale Komponente von torial durch eine Abo-Funktion für einzelne Mitglieder der Seite. Auf jedem Profil befindet sich rechts oben ein “Abonnieren”-Button. Wird der betätigt, erscheinen sämtliche neu dem Portfolio hinzugefügten Werke unter dem Menüpunkt “Magazin” und dem Reiter “Meine Abos”. Vorausgesetzt, die persönlichen Lieblingskollegen sind bei dem Dienst präsent und pflegen ihr Portfolio, so lässt sich deren Arbeit auf diese Weise gut im Blick behalten. Der Magazin-Bereich liefert auch eine fortlaufende Übersicht aller von torial-Mitgliedern eingetragenen Portfolio-Inhalte.

torial sieht nett aus, bietet übersichtliche und auf das Wesentliche beschränkte Funktionen und legt merklichen Wert darauf, auch weniger netzaffinen Journalisten einen gelungenen Einstieg zu bieten. Eine Funktion zum automatischen Importieren von Artikeln, etwa für Autoren mit mehrfachen täglichen Veröffentlichungen, existiert bisher nicht, ist aber angekündigt. Schon deshalb erscheint es sinnvoll, nicht jeden vergänglichen Nachrichtenartikel ins Portfolio aufzunehmen, sondern zu selektieren und die Werke aufzuführen, mit denen man am liebsten in Verbindung gebracht werden und bei künftigen Auftraggebern auffallen möchte.

Die Nutzung von torial ist kostenfrei und das Unternehmen betont auch in Anbetracht der in diesem Punkt sensiblen Zielgruppe, dass die Monetarisierung künftig durch Premium-Funktionen und in keiner Weise über die Daten der Anwender erfolgen soll.

Für 2013 steht die Lancierung einer englischsprachigen Version sowie eine Erweiterung des bisherigen Feature-Umfangs auf dem Programm. Mehr als 1000 Nutzer haben sich bisher registriert. Ich vermute, diese Zahl wird in den nächsten Wochen deutlich steigen. Angesichts aller Hiobsbotschaften, die der Journalismus momentan verkraften muss, erscheint eine bessere Selbstpräsentation sowie eine Vernetzung mit anderen Vertretern der Branche wie das beste Mittel, um Kräfte zu konzentrieren und Inspiration für neue Projekte und Ideen zu finden.

Carolin Neumann hat ein Interview mit dem leitenden Redakteur von torial, Marcus Jordan, geführt.

Link: torial

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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  1. [...] netzwertig.com gibt es einige weitere Informationen über torial, Carolin Neumann hat ein Interview mit Marcus Jordan, einem der Köpfe hinter dem Angebot, [...]

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