Mobiles “Casual Dating”:
Lovoo macht Badoo Konkurrenz

Das “Social Discovery Network” Lovoo aus Dresden will Menschen unterwegs miteinander in Kontakt bringen und spontane Flirts ermöglichen. In Deutschland ist die Marke von einer Million Nutzern nicht mehr weit.

Mobile Flirt- und Datingapps gibt es mittlerweile schon eine ganze Menge. Dummerweise ist der Markt der Dienste für die Anbahnung zwischenmenschlicher Beziehungen nicht nur dicht gedrängt, sondern auch geprägt von allerlei unseriösem Geschäftsgebaren. Mal ganz offensichtlich und mit dem expliziten Motiven der Abzocke, mal aber subtiler, etwa in Form gelegentlicher “Fake”-Mitglieder, die zwar eine Profilseite besitzen und damit die Auswahl für Anwender auf Partnersuche scheinbar erhöhen, aber in Wirklichkeit gar nicht angemeldet sind. Dem bekannten Kennenlerndienst Badoo werden diese und andere wenig vertrauenserweckende Praktiken nachgesagt.

Insofern sind wir vorsichtig, wenn es um die Vorstellung neuer Anbieter in diesem Segment geht, und warten mit einem Bericht üblicherweise, bis ein junger Anbieter bewiesen hat, sich in dem schnelllebigen, umkämpften Markt der Online-Flirts mit einer innovativen Lösung behaupten zu können. Genau das ist dem Dresdner Startup Lovoo gelungen. Das von Benjamin Bak und Alexander Friede gegründete und 2011 gestartete mobile “Social Discovery Network” mit einem Schwerpunkt auf der mobilen Nutzung mittels iPhone oder Android-Smartphone hat uns vor einigen Tagen einige Wachstumszahlen zukommen lassen. Ein Blick in die deutschen App Store-Charts belegt: Mit dem vierten Platz in der Kategorie “Social Networks” in Deutschland gehören die Sachsen momentan tatsächlich zu den populärsten Anbietern im hiesigen Social-Web-Segment, weshalb auch die von dem Unternehmen kommunizierten Angaben durchaus plausibel erscheinen.

Lovoo, das konzeptionell Badoo ähnelt und auf das spontane Kennenlernen von Leuten in der unmittelbaren Umgebung ausgelegt ist, also das sogenannte “Casual Dating”, hat den Firmenangaben zufolge rund 1,2 Millionen aktive Nutzer, davon 800.000 in Deutschland. Rund 15.000 neue Nutzer kommen täglich hinzu. Die Anwenderzahlen in der Schweiz werden mit gut 90.000 angegeben, in Österreich sollen gut 70.000 Nutzer Lovoo verwenden. Die Glaubwürdigkeit der Statistik steigern die Dresdner auch durch eine realistisch erscheinende Geschlechterverteilung: 35 Prozent der Lovoo-Anwender sind demnach Frauen, 65 Prozent Männer. Die Zahl der täglich aktiven Nutzer liegt bei 200.000.

Wie die meisten Dienste im Dating- und Flirtbereich baut auch Lovoo auf ein Freemium-Konzept. Eine kostenfreie Nutzung der Anwendung und auch eine Kontaktaufnahme mit anderen Usern ist möglich, für Premium-Funktionen, welche das Anbandeln effektiver gestalten, muss gezahlt werden. Die Preise für diese VIP-Mitgliedschaft variieren je nach Laufzeit. Entscheidend für das bisherige virale Wachstum der App ist jedoch ein smartes Empfehlungssystem: Wer erfolgreich zehn Freunde zu Lovoos Smartphone-Apps einlädt, erhält einen Monat VIP-Mitgliedschaft kostenfrei. Der potenzielle Nervfaktor dieses Ansatzes für Freunde und Bekannte von Lovoo-Mitgliedern dürfte zwar hoch sein, doch der Cloudspeicherservice Dropbox hat eindrucksvoll bewiesen, wie sich mit einem derartigen System in kürzester Zeit Millionen neue Nutzer akquirieren lassen – ohne dass der Anbieter selbst dafür einen Finger krumm machen muss.

Ob die so durch aktive User herangekarrten Neumitglieder dann dauerhaft dabei bleiben und womöglich selbst ihre Freunde einladen oder eine kostenpflichtige Premiummitgliedschaft abschließen, steht auf einem anderen Blatt. Die “Stickiness” hängt stark von der Zufriedenheit ab. Bisher scheint Lovoo in diesem Aspekt bei seinen Anwendern erhebliche Pluspunkte einzusammeln: Im deutschen App Store wurde die Anwendung fast 16.000 Mal bewertet, die durchschnittliche Bewertung liegt bei 4,5 von 5. Allerdings schneidet Badoo bei den Bewertungen von iPhone-Nutzern ähnlich positiv ab – liegt quantitativ aber hinter Lovoo.

Gerade weil sich in der Branche viele schwarze Schafe herumtreiben, würde ich trotz des bisher Erreichten, meinem Eindruck von der App und der Anwenderratings nicht meine Hand für Lovoo ins Feuer legen. Dennoch macht das Startup aus Dresden einen vielversprechenden Eindruck, speziell auch weil es zumindest den Anschein gibt, mehr Wert auf Seriösität und Transparenz zu legen als manche Konkurrenten. Auch der Publikumspreis für Lovoo bei den M-Days 2012 in Frankfurt deutet hierauf hin.

Dass ein vertrauenswürdiges Startup im angesagten mobilen Casual-Dating-Bereich die teilweise dubiosen Wettbewerber unter Druck setzt, wäre mehr als wünschenswert. Warten wir ab, ob Lovoo diese Rolle übernehmen kann.

Link: Lovoo

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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2 Kommentare

  1. Es iat auf jeden Fall beeindruckend zu sehen, wie sich dieser Dienst innerhalb von 12-18 Monaten entwickelt hat. Sehr gutes Tempo. Was wir insbesondere gut finden, dass es nun auch einen ernsthaften Anbieter aus Deutschland in dem Mobile Dating Markt gibt. Auch kaum einer der großen bestehenden Online Dating Anbieter hat eine gute Mobile App vorzuweisen. Lediglich Friendscout muss sich nicht verstecken. Ansonsten sind es eher “kleinere” Unternehmen aus dem Ausland die auf den Markt drängen. Von daher Hut ab Lovoo. Wir hatten im Dezember auf eine Studie zu dem Thema Mobile Dating in Deutschland rausgebracht. Vielleicht interessant!

  2. Der Begriff Casual Dating bedeutet übrigens eher Beziehung ohne Verpflichtung, weniger spontane Treffen.

    Momentan teste ich Lovoo gerade, bin aber noch nicht so überzeugt, allerdings habe ich auch noch einen Free-Account.

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