Line:
Japans ernstzunehmende
Antwort auf WhatsApp

Nach der Erdbebenkatastrophe im Jahr 2011 entwickelte der Webkonzern Naver Japan die mobile Messenger-App Line. 100 Millionen Nutzer und einige funktionelle Alleinstellungsmerkmale machen die Anwendung zu einer ernsthaften mobilen Konkurrenz für WhatsApp und Facebook.

Seit knapp zwei Wochen befinde ich mich in Tokio. Mittlerweile habe ich mich einigermaßen aklimatisiert und an die neue Umgebung gewöhnt. Für eine der ersten Erkenntnisse, die für mich im Webkontext deutlich wurden, hätte ich zwar nicht nach Japan fahren müssen, aber nun bekomme ich wenigstens schwarz auf weiß die Bestätigung: Neben Facebook, das lange Zeit von japanischen Nutzern links liegen gelassen wurde, im vergangenen Jahr aber doch seinen Durchbruch in Fernost erlebte und im Sommer 2012 schießlich den Lokalmatador Mixi hinsichtlich aktiver Anwender überholte, steht die Messenger-App Line zumindest bei allen jungen, Smartphones besitzenden Japanern ganz hoch im Kurs. Eine Art WhatsApp Japans also. Auf fast der Hälfte aller iPhones in dem Land ist die Anwendung installiert.

Der Zufall will es, dass ausgerechnet während meines Japanaufenthalts Line ernstzunehmende Anstalten macht, internationale Marktanteile zu beanspruchen. Zum aktuellen Zeitpunkt befindet sich die Anwendung in 18 Ländern in den Top 25 der kostenfreien iPhone-Apps, und zwar nicht nur in Asien, sondern auch in Zentral- und Südamerika sowie – als einziges europäisches Land – in Spanien. Vor wenigen Tagen durchbrach der Dienst die Marke von 100 Millionen Nutzern. Eine Zusammenarbeit mit Rapper Snoop Dogg, der den Service per Twitter bewirbt, soll Line nun auch US-amerikanischen Anwendern schmackhaft machen – die bisher nur eine bedingte Begeisterung für mobile Chat-Apps an den Tag legten und aufgrund verbreiteter SMS-Flatrates noch immer die klassische Textnachricht bevorzugen – was insbesondere für die Jüngeren gilt.

Line hat handfeste Alleinstellungsmerkmale

Angesichts der zahlreichen miteinander in Konkurrenz stehenden Messaging-Anbieter stellt sich natürlich die Frage, wozu Nutzer außerhalb Japans ihre Aufmerksamkeit auf Line richten sollten. Immerhin ist die Verbreitung von WhatsApp in Europa mittlerweile derartig massiv, dass ein Großteil der Freunde und Bekannten über die US-App erreicht werden kann. Von Facebook und seinem Messenger ganz zu schweigen. Als kürzlich Teile der deutschen Netzszene urplötzlich den indischen Messenger Hike als potenzielle WhatsApp-Alternative ins Spiel brachten, wunderte ich mich deshalb etwas. Ein stärkerer Fokus auf Datensicherheit, den Hike sich zuschreibt, wird allein niemals ausreichen, um aus dem Nichts eine kritische Masse aufzubauen.

Bei Line ist die Situation etwas anders. Immerhin besitzen bereits über 100 Millionen Menschen ein Konto bei dem Dienst, wenn auch mit gewissen regionalen Schwerpunkten. Nachdem ich die App in den letzten Tagen ausprobiert haben, muss ich konstatieren, dass sie in einigen durchaus sehr greifbaren Punkten nicht nur WhatsApp überlegen ist, sondern sogar Ambitionen hegt, als mobiles soziales Netzwerk den Branchenprimus Facebook gefährlich zu werden.

Was mir bei Line sofort zusagte, ist die fehlende Zwang zur Verknüpfung mit einer Mobilfunknummer. Wer möchte, kann seine Handynummer angeben, um leichter von Freunden gefunden zu werden. Es ist jedoch anders als bei WhatsApp oder Hike oder Viber nicht Voraussetzung, um die App überhaupt verwenden zu dürfen. Dieses “Zugeständnis” an Nutzer, die ihre Nummer lieber für sich behalten wollen, verhindert zwar bis zu einem gewissen Grad automatische Kontaktvorschläge nach dem erstmaligen Login. Doch Line macht diesen Nachteil mit einer erheblich größeren Freiheit bei den Optionen zur Vernetzung mit anderen Personen wieder wett.

Denn was mich bei WhatsApp schon seit langem stört, ist die Tatsache, dass man nur mit Kontakten aus dem Smartphone-Adressbuch chatten kann – eine natürliche Folge der Identifikation ausschließlich über Mobilfunknummern. Hier brilliert Line, das zusätzlich über den fakultativen Freundeabgleich aus dem Adressbuch eine Kontaktaufnahme über die Eingabe des Benutzernamens erlaubt. Befindet man sich ummittelbar neben der Person, über die man mit Line in Kontakt treten möchte, bietet sich stattdessen das “Shake”-Feature an. Ähnlich wie man es von Bump her kennt, reicht es aus, wenn beide Person ihr Smartphone schütteln. Via Standortbestimmung erlaubt Line dann die direkte Verknüpfung ohne manuelle Eingabe des Benutzernamens. Ein dritter Weg, um Kontakte zu Line hinzuzufügen, geht über einen QR-Code, der direkt aus der App heraus generiert beziehungsweise gescannt werden kann.

Bin ich grundsätzlich ein Anhänger der These, dass bei Consumer Startups mehr Funktionen nicht automatisch mehr Erfolg bedeuten, so halte ich die Vielfalt der Wege zur Vernetzung und das Fehlen von Zwängen bei Line für einen enormen Pluspunkt gegenüber der Konkurrenz, der auch einen nicht unerheblichen Sympathiegewinn mit sich bringt.

VoIP-Funktion &  Desktop-Anwendung

Neben den üblichen Chats und Gruppenchats besitzt Line anders als WhatsApp außerdem eine integrierte VoIP-Funktion. Kontakte können per mobiler Datenverbindung oder WLAN aus der App heraus angerufen werden. Facebook stößt mit seiner Messenger-App momentan in ähnliche Gefilde vor, stellt Sprachtelefonie aber vorerst nur nordamerikanischen Anwendern zu Verfügung.

Apropos Facebook: Einer der vier zentralen Menüpunkte am unteren Rand der App nennt sich “Timeline”. Diese besteht aus Status Updates der Line-Freunde. Jeder Eintrag kann favorisiert und kommentiert werden. Hier zeigt sich, dass die Ambitionen der Japaner über das mobile Chatsegment hinausreichen. Der deutsche Japan-Kenner und Wahl-Tokioter Serkan Toto erklärte mir, dass das vor einigen Monaten lancierte Timeline-Modul bisher jedoch von der japanischen Nutzerschaft ignoriert wird.

Eine Differenzierung von WhatsApp erreicht Line auch bei der Plattformverfügbarkeit. Neben Apps für iPhone, Android, Windows Phone und BlackBerry steht eine Desktop-Anwendung für Windows, Windows 8 sowie Mac OS X zur Verfügung. Immer mal wieder beklagen sich WhatsApp-Anwender über das Fehlen eines Desktop-Clients. Inwieweit dessen Vorhandensein am Ende tatsächlich von einer signifikanten Zahl an Usern goutiert wird, bleibt offen.

Die Herkunft ist nicht zu übersehen

Seine Herkunft aus Japan merkt man Line an, wenn man die verschiedenen Smileys, Sticker und grafischen Gimmicks betrachtet, die in Konversationen eingebaut werden können und teilweise käuflich erworben werden müssen. So verdient das Unternehmen sein Geld. Gleichzeitig nutzt es die Gelegenheit, über die Anwendung verschiedene im eigenen Haus entwickelte Spiele-Apps zu bewerben. An der ein oder anderen Stelle tauchen so auch mal japanische Schriftzeichen auf. Japanophile Europäer wird das womöglich entzücken, gleichzeitig besteht die Gefahr, dass andere, bisher primär an US-Dienste und die englische Sprache gewöhnte Nutzer hierdurch abgeschreckt werden. Auch die URL line.naver.jp wirkt eher unkonventionell.

Line ist kein Startup

Ein potenzielles Hindernis bei Lines geplanter Expansion stellen die fehlenden Startup-Strukturen dar, die erst recht in der stark von Hierarchien geprägten japanischen Arbeits- und Businesskultur ein schnelles, flexibles Reagieren auf veränderte Marktgegebenheiten verhindern könnten. Entwickelt wurde Line nach der japanischen Erdbebenkatastrophe im März 2011 von Naver, der japanischen Tochter des koreanischen Unternehmens NHN, ein börsennotierter Webkonzern mit einem Jahresumsatz von rund zwei Milliarden Dollar. Im Wettbewerb mit WhatsApp, einem Startup, das ein paar Dutzend Mitarbeiter auf seiner Gehaltsliste stehen hat, muss dies natürlich nicht unbedingt ein Nachteil sein, zumal Line damit wohl nicht unter knappen Entwicklerressourcen zu leiden hat. Doch dass die Innovationsfähigkeit bei zunehmender Firmengröße und speziell nach einem Börsengang leicht leidet, ist kein Geheimnis. Insofern obliegt es nun Naver, zu beweisen, dass es von dieser Regel neben Google auch weitere Ausnahmen geben kann.

Japans Technologiebranche hat in den vergangenen Jahren ordentlich einstecken müssen und befindet sich nach wie vor auf dem absteigenden Ast. Gleichzeitig fehlt es neben dem E-Commerce-Giganten Rakuten an internationalen Weberfolgen. Line ist Japans derzeit größte und – wie aus unterschiedlichen Gesprächen mit Anwendern und Branchenexperten hervorging – zumindest im Social-Web-Segment einzige Hoffnung, das Land auf der internationalen Internetlandkarte zu verewigen. Sprachliche, kulturelle und strukturelle Unterschiede verhinderten bisher den erfolgreichen Einstieg von Webunternehmen aus Nippon in westliche Märkte. Insofern ist bereits die eingangs beschriebene Reichweite in über einem Dutzend Ländern außerhalb Asiens ein Zeichen, dass es diesmal wirklich gelingen könnte. Erst recht, wenn man bedenkt, dass Line nur anderthalb Jahre alt ist.

Link: Line

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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14 Kommentare

  1. Hallo,
    wie sieht es aus mit Verschlüsselung/SSL/Sicherheit allgemein?

    Kannst Du da eine Ausage machen (mal kurz in deinen eigenen IM-Traffic reinlauschen)?

    Denn das Feature Sicherheit wäre bei allen IMs DAS Alleinsstellungsmerkmal.

    Grüße

    • Wie der Erfolg von WhatsApp zeigt, so scheint sich die breite Masse wenig um Sicherheitsaspekte zu scheren. Deshalb halte ich das auch nicht für ein entscheidendes Alleinstellungsmerkmal.

      Aber kannst du mir ein Tool empfehlen, un einen entsprechenden Test durchzuführen? Ich bin kein Security-Experte.

    • Skunkit bietet bereits eine hohe Sicherheit. Dazu kann man mit Jabber/XMPP oder fast jedem Chat-Protokoll für das ein Client mit OTR zur Verfügung ist eine sichere Kommunikation gewährleisten. Wobei nur Skunkit ähnlich einfach ist wie WhatsApp.

    • EIn Jahr später und immer wieder ist der Sicherheitsaspekt ien riesiges Thema. Vor allem bei WhatsApp. Threema ist immer wieder zu hören, eine App mit der offensichtlich besten Verschlüsselung. Ein aktueller Test und Vergleich wäre sicher sehr hilfreich um evtl. einen Wechsel zu erleichtern bzw. Unsicherheiten zu klären.

  2. Naver ist eine koreanische firma.
    Deren Messenger line hat erfolg in japan.

    • Wie im Text angegeben: Line wurde von Naver Japan in Japan entwickelt. Naver Japan gehört (wie Naver) zu NHN (aus Korea). Line ist dennoch eine japanische App, weil es dort entwickelt wird.

  3. Sorry hab eine zeile versehen :)

  4. @Martin:
    Vor längerer Zeit … ich glaube trafficmonitor.de hatte funktioniert.

  5. Wie steht es eigentlich um threema, den sicheren Messenger ?
    http://threema.ch/de/

  6. Habe mir heute die App geholt. Leider ist eine Zwangsregistrierung mit der Angabe einer Mobilfunknummer nötig. Ohne get gar nichts.

  7. Hallo,
    ich verwende LINE seit etwa vier Monaten und bin begeistert. Selbst bei geringer Bandbreite ist die Gesprächsqualität bei interkontinentalen VoIP-Telefonaten absolut überzeugend. Die Benutzerführung ist leicht verständlich, auch wenn die Emoticons auf “uns Westler” etwas sehr kitschig wirken.
    Es ist übrigens definitiv keine Zwangsregistrierung über die Mobilfunknummer erforderlich.

  8. Mittlerweile muss man auch bei Line zwingend die Handynummer für die Benutzung angeben

  9. Hallo zusammen,
    meine Tochter hat sich diese APP auf ihr Handy gemacht. Wie schaut es mit den Kosten aus.
    Klar wird Geschrieben KOSTENLOS, aber es wird einem NICHTS geschenkt.
    Hat jemand Erfahrung gemacht oder kann genaueres dazu sagen ? (WLAN)

    Vielen Dank

2 Pingbacks

  1. [...] wollte ich zu diesem Zeitpunkt schon etwas mehr über die japanische Webbranche geschrieben haben als einen Artikel zum WhatsApp-Konkurrenten Line – dessen Mutterkonzern noch dazu aus Südkorea stammt. Doch hatte ich bei meiner Anreise noch [...]

  2. […] Zu den Vorteilen von LINE siehe zum Beispiel hier. […]

vgwort