Beeindruckend:
Berliner Foto-Sharing-App EyeEm überflügelt Instagram im US-App-Store

Erstmals hat der Berliner Instagram-Konkurrent EyeEm die Spitzengruppe in den US-amerikanischen App-Store-Charts erreicht. Seit einigen Tagen wird die EyeEm-App häufiger heruntergeladen als die des kalifornischen Vorbilds.

Als Instagram Mitte Dezember aufgrund umstrittener Änderungen seiner Geschäftsbedingungen ins mediale Kreuzfeuer geriet, war dies für die Konkurrenz ein Grund zur Freude. Ungeachtet der Frage, ob sie im Falle einer ähnlichen Marktposition nicht ebenfalls zu unpopulären, umsatzgenerierenden Maßnahmen greifen würden, sahen sie ihre Chance gekommen, verärgerten Instagram-Anwendern samt deren Smartphone-Fotos ein neues zu Hause zu geben. Besonders das Berliner Startup EyeEm positioniert sich seitdem als “gute”, ehrliche Instagram-Alternative in den Medien. Im Gespräch mit Welt Online (Springer-Link!) gab EyeEm-Mitgründer Florian Meissner zu Protokoll, dass die Hauptstädter von Instagrams Negativschlagzeilen profiteren und monatlich 30 prozentige Zuwächse bei den Nutzerzahlen verzeichnen würden. Mit absoluten Zahlen halten er und seine Mitstreiter sich jedoch traditionell zurück, weshalb man ihnen die wenig konkreten Wachstumsmeldungen bisher einfach so abnehmen musste.

Doch erstmalig existiert nun ein eindeutiger Beleg für die steigende Popularität der Berliner Foto-Sharing-Anwendung: Dem im Sommer 2011 lancierten Dienst ist es tatsächlich gelungen, sich einen der wichtigen vorderen Plätze in Apples US-App-Store zu sichern. Im kategorieübergreifenden Ranking der am meisten heruntergeladenen Gratis-Apps belegt EyeEm momentan den beachtlichen elften Platz – einen Rang vor dem momentan vieldiskutierten Newcomer Snapchat. Noch beeindruckender: Aus der Kategorie Foto & Video wird derzeit von iPhone-Nutzern in den USA nur eine einzige App häufiger heruntergeladen als EyeEm: YouTube. Auch hier landet Snapchat wiederum einen Platz hinter EyeEm. Instagram platziert sich lediglich auf dem fünften Platz.

Damit ist EyeEm ein ziemliches Kunststück gelungen. Die Frage, wie oft die iPhone-App pro Tag heruntergeladen wird, haben uns die Berliner zwar nicht beantwortet. Eine Untersuchung der App-Analysten von Distimo ergab aber jüngst, dass im US-amerikanischen App Store pro Tag mindestens 38.400 Downloads erforderlich sind, damit eine Applikation sich in den übergeordneten Top 25 der kostenfreien Anwendungen platziert. Da EyeEm in dem Ranking nicht auf den hinteren Plätzen sondern im Mittelfeld liegt, erscheinen selbst 50.000 tägliche Downloads der iPhone-App nicht unrealistisch.

Ein Blick auf die von AppAnnie festgehaltene historische Entwicklung der EyeEm-Platzierungen im US-App-Store belegt: Der Einstieg in die Top 25 der Free-Downloads in den USA ist für das Startup ein absolutes Novum. In der Kategorie Foto & Video wurde das bisher beste Ergebnis im April 2012 mit dem Rang 82 erreicht. Damit lag die Zahl der täglichen Downloads damals weit unter den 3.100, die laut Distimo für das Erreichen der Top 25 in diesem Genre erforderlich sind. Ein steiler Anstieg folgte dann zum Zeitpunkt des Instagram-AGB-Skandälchens: Am 20. Dezember platzierte sich EyeEm auf dem sechsten Platz in der Foto-&-Video-Kategorie. Danach ging es jedoch wieder bergab. Bis zum vergangenen Wochenende. Am Samstag, 12. Januar, belegte EyeEm lediglich Platz 232 in der Kategorie Foto und Video. Einen Tag später hatte sich die App auf Rang neun vorgekämpft. Am Montag stieß sie auf Rang fünf vor, parallel stieg die App erstmals in ihrer Geschichte in die kategorieübergreifenden Top 25 der Free-Apps ein, und zwar auf Platz 20. Heute rangiert sie dort bereits auf Platz elf.

Leider konnten wir bisher niemanden bei EyeEm für eine Stellungnahme erreichen, weshalb der Grund für die plötzliche Popularitätsexplosion der Foto-Anwendung im amerikanischen App Store vor wenigen Tagen momentan im Dunkeln bleibt. Gestern versendete Instagram eine E-Mail an seine Nutzer, um sie an die diese Woche in Kraft tretende Änderung der neuen Geschäftsbedingungen zu erinnern. Ein Zusammenhang zwischen dem plötzlichen EyeEm-Durchbruch auf der anderen Seite des Atlantiks und der AGB-Änderung bei Instagram ist zwar nicht auszuschließen, die E-Mail kam aber einige Tage zu spät, um unmittelbarer Auslöser gewesen sein zu können.

Bei Twitter erscheinen jedenfalls derzeit im Minutentakt das Stichwort “EyeEm” enthaltende Tweets, dem Anschein nach vorrangig von US-Nutzern. Dass die Gründer von der Spree selbst nicht auf den Ansturm vorbereitet waren, zeigt ihr aktueller Blogeintrag, in dem sie sich für momentan überlastete Server aufgrund zahlreicher Neuanmeldungen entschuldigen.

Trotz aller Bemühungen des Berliner Startups und der Sympathien für einen Lokalmatador standen die Chancen für EyeEm, im Wettstreit mit Instagram nennenswerte Marktanteile gewinnen zu können, bisher recht schlecht. Doch die Ereignisse der letzten Tage lassen aufhorchen: Sollte an den etwas zweifelhaft wirkenden Zahlen zum Nutzereinbruch bei Instagram doch etwas dran sein? Der Statistik von App Annie zufolge ist es eine Ewigkeit her, dass Instagram letztmalig den fünften Platz in der Foto & Video-Kategorie belegte. Genau am gestrigen Dienstag geschah dies, während parallel EyeEm einen für das Startup historischen zweiten Platz einnahm. Nach einem Zufall sieht das nicht aus.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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9 Kommentare

  1. Ich stelle mir bei all den positven Aspekten bzgl. EyeEm die Frage:’Wie muss die Monetarisierung von statten gehen damit Ihnen nicht das gleiche Fiasko wie Instagram wiederfährt’?

    • Premium-Accounts, eine Möglichkeit einzelne Bilder gegen Geld besonders edel darzustellen, Profi-Accounts für Künstler, “sponsored pictures” wie durchgestylte Produktphotos im News-Feed etc.
      Ein Photo-Dienst wäre meiner Meinung nach auch geradezu prädestiniert für Hardware-Vermarktung. Wenn EyeEM eine kritische Masse erreicht hat, könnte es z.B. eine Canon mit One-Click-Upload zu EyeEM geben, ähnlich wie es so etwas heute bei Camcordern mit Youtube gibt. Dann könnte man auch umgelabelte Geräte als EyeEM-Hardware anbieten.
      Bleibt der Anbieter “nett”, könnte er als kleinen Zusatzverdienst auch Spenden + Merchandise starten, ähnlich wie Ubuntu.

  2. warum die aufregung? da hat jemand usd 50-100k in die hand genommen und einen app push anbieter beauftragt, ihn in den usa nach oben zu pushen. schaut man sich die daten von appdata an (http://appdata.com/ios_ap…era/95-united-states) dann sieht man genau, dass die app in 3 tagen so dramatisch aufgestiegen ist. das kann nicht organisch sein. ist aber eine valide taktik. allerdings keine solche meldung wert ;-).

    • Schau dir die Tweets an (im Artikel verlinkt). Egal ob organisch in die Charts gekommen oder nicht – EyeEm erhält gerade massive Traction. Ob die nachhaltig ist oder nicht, wird man sehen. Dass diese Entwicklung aber nicht berichtenswert sein soll, diese Ansicht teile ich nicht.

  3. Okay, stimme Dir da teilweise zu. Trotzdem sollte darauf hingewiesen werden, dass ein derartiger fulminanter Anstieg der Positionierung im Appstore eigentlich nur durch ein Featuring im Appstore (mir nicht bekannt) oder eben eine App Push Kampagne erreicht wird….

    • Bisher wollte sich EyeEm nicht dazu äußern, was passiert ist. Ich denke trotzdem nicht, dass man ganz ausschließen kann, dass hier schlicht durch einen glücklichen Umstand oder das Lob durch einen wichtigen Mutiplikator ein Tipping Point erreicht wurde. Evtl wurde EyeEm auch in irgendeiner großen US-Fernsehshow erwähnt. Ein Lob oder Tweet von etwa Oprah Winfrey kann eine enorme Zugkraft entwickeln.

      Aber natürlich würde ich auch künstliches Nachhelfen nicht ausschließen. Interessant ist in diesem Kontext dieser Tweet.

    • In dem Zusammenhang auch dieses Bild: http://www.eyeem.com/p/3257021
      Spricht gegen app push und für traction. Nachhaltigkeit muss man halt mal sehen.

  4. Coole Sache! Ich nutze zwar weder EyeEm (seltsamer Name) noch Instagram, freue mich aber immer, wenn ein deutsches Unternehmen (Startup) Erfolg hat. Weiter so! :)

9 Pingbacks

  1. [...] EyeEM im US-AppStore vor Instagram und wird häufiger heruntergeladen. t3n.de, basicthinking.de, netzwertig.com [...]

  2. [...] spielen, da Facebook über kurz oder lang Instagram (womöglich auch die erfolgreichen Newcomer EyeEm aus Berlin) integrieren wird, dessen Fotos oftmals mit geobasierten Daten verbunden sind und [...]

  3. [...] weil sich mittlerweile eine Dynamik entwickelt im Zuge der Instagram Problematik, dass die Downloadzahlen den Berliner Entwicklern der App ein breites Grinsen ins Gesicht pressen dürfte. In den Downloadportalen liegt EyeEm [...]

  4. [...] netzwertig (original article in German) tells us that EyeEm originally benefitted from the news around the Instagram terms of service by taking the no6 [...]

  5. [...] gemacht. Profitieren konnte EyeEm, eine konkurrierende Fotosharing-App aus Berlin, die den Marktführer überholte bei den App Downloads und kurzzeitig sogar den zweiten Platz der Foto-Sharing-App-Download-Charts erklimmen konnte – [...]

  6. [...] es die Berliner Foto-Sharing-App EyeEm, die mittlerweile zu Facebook gehörige Instagram-App hinter sich zu lassen. Zumindest im US-Store. Ob das nun mit den sogar in der Mainstream-Presse heiß diskutierten [...]

  7. [...] Alles Eitel Sonnenschein also für Instagram? Vielleicht doch nicht. Denn wie das auf die deutsche Internetszene spezialisierte Portal Netzwertig.com gestern festgestellt hat, ist jüngst dem Berliner Startup EyeEm ein regelrechter Paukenschlag gelungen. Demnach rangiert die gleichnamige Foto-Sharing-App im amerikanischen App Store von Apple auf Rang 11 der am meisten heruntergeladenen Gratis-Programme. Im Segment Foto & Video rangiert EyeEm gar auf Platz 2 – drei Plätze vor dem großen Rivalen Instagram. [...]

  8. [...] Einer dieser Dienste ist das deutsche Startup EyeEm (für Android, iOS und Windows) aus Berlin. Die Idee wurde in New York bereits im Jahre 2010 geboren, als einer der fünf Gründer seine Kamera verlor. Man rutschte in die Flickr-Twitter-Szene und lernte Leute kennen, die ebenfalls mit Smartphones fotografierten. In Berlin trafen sich dann Florian Meissner, Lorenz Aschoff, Ramzi Rizk und Gen Sadakane, um schließlich 2011 den ersten Prototypen herauszubringen. Seit dem wuchs die Community stetig an und überholte im US-iTunes App Store sogar Instagram. [...]

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