Das Netz im Jahr 2013:
Im Tal der Enttäuschungen

Schon einmal, nach dem Platzen der Dotcom-Blase, durchschritt das Internet als technologische Errungenschaft Gartners “Tal der Enttäuschungen”. Seitdem stiegen die Erwartungen unaufhörlich. Bis jetzt.

Als Ende der 90er Jahre das Internet als neuer Heilsbringer gefeiert wurde, stiegen alle Erwartungen ins Unermessliche. Sobald dann die Dotcom-Blase auf dem Höhepunkt der überzogenen Erwartungen zerplatzte, folgte die große Enttäuschung, bevor sich in den Folgejahren herausstellte, dass das Netz trotz des Crashs tatsächlich das Zeug dazu hat, den Alltag von Menschen und Unternehmen zu revolutionieren. Nur hielten sich die Hoffnungen anschließend im Rahmen und erreichten nicht mehr die euphorischen Zustände der New Economy. Die skizzierten Phasen entstammen natürlich Gartners Hype-Zyklus, der sich immer bestens dafür eignet, das Entwicklungsstadium neuer Technologien einzuordnen. Der Hype-Zyklus lässt sich dabei sowohl auf übergeordnete technologische Trends als auch auf den Reifegrad spezifischer Technologien anwenden.

Ich bekomme in der letzten Zeit den Eindruck, als würde die digitale Landschaft nach einem längeren “Plateau” und einem darauffolgenden neuerlichen Gipfel überzogener Erwartungen im Jahr 2013 wieder ein temporäres Tal der Enttäuschungen erreichen. Allernorts zeigen sich Menschen ernüchtert von Phänomenen und Entwicklungen, die noch kurz zuvor bejubelt und mit Nachdruck eingefordert wurden. Social Media und der dadurch angetriebene Narzissmus der Nutzer sorgen mittlerweile genauso für Unmut wie der ausartende Technologie-Journalismus. Die Selbstbweiheräucherung der Startup-Szene ruft Kritiker ebenso auf den Plan wie der schlechte Einfluss des Kapitalismus auf das Netz. Facebook fehlt der einstige Reiz (was sich vielleicht heute Abend ändert), Social Reader sterben und Social Gaming ist in der Krise. Allein in den USA stehen über 1000 Jungunternehmen vor dem unfreiwilligen Ende und einstmals als besonders sexy geltende Webdienste mit Endanwenderfokus sind jetzt out. Produktivitätsapologeten befassen sich mit den negativen Folgen der Always-On-Kultur oder mit einer radikalen Simplifizierung der Onlinenutzung, die vor allem darin besteht, Webservices und Apps weniger Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen, sich vom Medienfluss abzukoppeln und mit dem Twittern aufzuhören. Und Michael Arrington ist gelangweilt.

Freilich ist dies eine bunte und wilde Ansammlung von Einzelmeinungen, selektiven Beobachtungen und subjektiven Analysen. Doch nach sechs Jahren Berichterstattung über die Web- und Tech-Branche sehe ich in den letzten Monaten und Wochen ein wiederkehrendes Muster: eine allgemeine Ernüchterung und Ermüdung speziell bei denjenigen, die viele Jahre lang mit ungebrochenem Optimismus und ungeheurer Energie die Digitalisierung und ihre Folgen beklatscht haben.

Was gerade geschieht, ist nicht das Platzen irgendeiner Blase. Davon sind wir weit entfernt. Die Substanz ist da. Anwender alias Kunden sind es auch, ebenso wie Umsätze und Gewinne. Das Web hat sich zum Massenphänomen sondergleichen entwickelt, und abgesehen von einigen unbeirrbaren Offlinern macht nahezu jeder Mensch mit einem Netzzugang in der Nähe von diesem bestmöglichen Gebrauch. Gleichzeitig werden dauerhafte Herausforderungen sichtbar, unbewegliche Bremsklötze in den Köpfen, schwer an die neuen Voraussetzungen anpassbare Geschäftsmodelle und eine abwartende Haltung gegenüber einigen Konzepten selbst bei Early Adoptern. Auf die Begeisterung und den Optimismus der Web-2.0- und Social-Media-Jahre folgt Realismus. Manches geht voran wie vermutet, manches auch nicht. Vorzüge des digitalen Zeitalters und der globalen Vernetzung werden deutlich, Schattenseiten aber auch. Menschen, die sich bisher gar nicht genug im Netz herumtreiben konnten, haben plötzlich genug und suchen zumindest temporäre Auswege.

Ich glaube, 2013 erleben wir das Tal der Enttäuschungen in einem sich wiederholenden Hype-Zyklus. Manche Netzapologen und -macher brauchen eine Pause nach vielen Jahren hohen Engagements und einer intensiven Beteiligung an allen nur erdenlichen Hypes und Experimenten. Speziell diejenigen, die schon länger dabei sind.

Während wir dieses Tal durchschreiten, werden einige Relikte aus der Vorzeit auf der Strecke bleiben. Bestimmte Verhaltensmuster, Onlinedienste ohne wirklichen Mehrwert, Geschäftsmodelle, die nur kurzfristig, aber nicht auf Dauer funktionieren. Je mehr Ballast wir zurücklassen, desto energievoller und motivierter können wir das Tal wieder verlassen. Schwerfallen wird uns dies nicht, immerhin stehen momentan unzählige spannende Innovationen in den Startlöchern und kurz vor der Marktreife, von 3D-Brillen, Phablets und E-Learning über Smart Cars und Smart Cities bis zu künstlicher Intelligenz, E-Healt und dem Internet der Dinge. Im Grunde genommen gibt es weder Anlass für Langeweile noch für Enttäuschung. Man nennt es Jammern auf hohem Niveau. Doch es liegt in der Natur des Menschen, ungeduldig zu sein und das Erreichte kurze Zeit später für selbstverständlich zu halten. An diesem Punkt befinden wir uns gerade – aber wahrscheinlich nicht sehr lange.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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5 Kommentare

  1. Ich darf an O’Reilly erinnern, der, ich glaube es war 2008 auf seinem jährlichen Hauptevent daran erinnert hat, dass die versammelten klugen Köpfe sich nun um die “echten Herausforderungen” kümmern müssten.

    Er meinte damit die Frage nach gesellschaftlichem, nicht nur wirtschaftlichem Fortschritt. Er meinte damit Fragen der Gerechtigkeit und nicht des Profits. Er meinte implizit auch damit die Sinnfrage im Vorwärtsdrängen der digitalen Macher.

    auf der Ebene von Gates und seinen TED-Freunden ist diese Message angekommen, wirft man aber einen Blick auf die Startup-Szene (gerade in Deutschland), ist sie doch auch geprägt von einem feststellbaren Anteil von Bubis, die mit der 28. Datingplattform (jetzt mit Mobil First!) oder der 15. Do-to-List-Erledigungs-App abcashen wollen.

    Ebenso, auf einer breiteren Basis, ist die Nutzung des Netzes zu einer Spielwiese der Belanglosigkeiten verkommen. Disneyland online und du darfst die Mickey Mouse spielen. Das Netz allerdings als befähigendes Wissenswerkzeug individuell und gesellschaftlich einzusetzen – von dieser Kernaufgabe sind fast alle gerade ein wenig abgelenkt.

    Ist nicht mega-dramatisch. Jeder (oder zumindest die meisten) brauchen mal einen Feierabend, um am nächsten Tag wieder frisch ans Werk zu gehen. – Wir sollten nur aufpassen, dass das Web nicht zu einem stumpfen bunten Alltag verkommt – den ganz im Sinne von O’Reilly ist das gesellschaftliche Potential des Werkzeuges Internet noch lange nicht ausgeschöpft. Wir sollten nur überlegeb, was wir eigentlich damit bauen wollen.

  2. Das Netz allerdings als befähigendes Wissenswerkzeug individuell und gesellschaftlich einzusetzen – von dieser Kernaufgabe sind fast alle gerade ein wenig abgelenkt.

    Stimmt. Und leider kommen Ansätze, die in diese Richtung gehen, wie etwa Quora, dann nicht aus ihrer Nische heraus.

  3. Ich kann mir vorstellen das durch die jetzt breiteren Gesellschaftsschichten die das Internet nutzen die Gesamtträgheit bzgl. Veränderungen sich erhöht und deswegen die Early Adopter den Eindruck haben das sich nicht mehr ganz so viel bewegt. Außerdem, wie man bei Twitter sehr schön gesehen hat, sind die Early Adopter nicht mehr die primäre Zielgruppe.

    Durch mein Kind habe ich die letzten Jahre ganz andere Personengruppen kennengelernt, welche die eher Computerscheu sind und die jetzt gerade anfangen zu begreifen was das Internet eigentlich ermöglicht und was es für die Gesellschaft bedeutet. Und da gibt es noch sehr viel Diskussions- und Aufklärungsbedarf.

    Genauso wichtig ist das die Änderungen die das Internet verursacht auch durch die Gesellschaft reflektiert werden und später auch Eingang in unsere Gesetzgebung finden. Diese Dinge sollten wir nicht unbedingt Leuten überlassen die das Internet und die Möglichkeiten und Gefahren nur bedingt verstanden haben.
    Wirklich absurd ist mittlerweile die Situation für Lehrer und Schüler aufgrund des Urheberrechts. Und da sollten wir die wir das Wissen, die Kompetenzen oder die Beziehungen haben uns auch für den gesellschaftliche Fortschritt einsetzen. (ein schönes Projekt: http://www.startnext.de/schulbuch-o-mat)
    Andere Länder sind auf dem Gebiet schon weiter (z.B. Polen) aber immer nur meckern hilft halt nicht.;)

  4. Sehr gute Diagnose. Die abkuehlende Stimmung spuert man auch hier in den amerikanischen Startupzentren (ich bin in Boston) sehr deutlich. Gerade sind die ersten “Accelerators” dran, zuzumachen bzw. ihre Groesse deutlich zu reduzieren. Allerorten hoert man Wehklagen ueber den “Series A Crunch”, d.h. die massiv gestiegenen Schwierigkeiten fuer Startups, ihre erste institutionelle Finanzierungsrunde zu bekommen — und das ist ein sehr reales Phaenomen, keine Einbildung. Manche VCs sagen sehr offen, dass sie nur noch in etablierte Firmen mit gesichertem Businessmodell oder sehr fruehe (und somit noch billige) Startups investieren. Andere sagen es nicht, verhalten sich aber trotzdem so.

    Es wird aber auch Zeit, dass sich die Startup-Welle der letzten Jahre v.a. rund um Social Media etwas konsolidiert. Ich kann manchmal kaum glauben, was fuer merkwuerdige Ideen Investment bekommen, nur weil die Investoren hoffen, irgendwie aufs naechste Instagram und magische Netzwerkeffekte zu stossen. Auf der anderen Seite wird es immer schwieriger, fuer “echte” Businesskonzepte Geld zu bekommen, weil halt leider 99.999% der real existierenden Startups nicht fuer eine Millarde gekauft werden, ohne sich jemals um ein Geschaeftsmodell gekuemmert zu haben.

  5. Ich sehe das bei weitem nicht so pessimistisch.

    Eher im Gegenteil: Das Internet produziert nun Wirkungen.

    Und zwar richtig heftige, die manchen richtig weh tun.

    Angefangen mit den Zeitungsinsolvenzen (FR, FTD) über Einbrüche in traditionelle Geschäftstätigkeiten (Taxivermittlung), der absackende PC-Markt (Dell überlegt, die Börse zu verlassen), der zugunsten mobiler Geräte verliert.

    Das kombiniert mit der Erkenntnis, daß eben auch im Internet nicht mit beliebigem Unsinn Geld zu verdienen ist. Eben weil inzwischen doch diverse Nutzer auch mal offline sind, sich nicht auf jeder neuen Plattform registrieren.

    Die großen Plattformen werden größer, die kleinen verlieren – eine Konsolidierung.

    Das sind alles – für sich betrachtet – kleine Dinge, Krempelzeugs. Aber in der Summe verschieben sich grade die Gewichte – innerhalb von Firmen und zwischen Firmen und deren Kunden.

2 Pingbacks

  1. [...] diese Woche einen, wie ich finde, wirklich interessanten Artikel zu dieser Thematik, den ihr unter http://netzwertig.com/2013/01/15/das-netz-im-jahr-2013-im-tal-der-enttaeuschungen/ findet. Lesenswert! Hat dir diesen Beitrag geholfen oder [...]

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