Erfolgsrezept:
Wie Social-Web-Dienste
die kritische Masse erreichen

Das beste Mittel für Social Networks, um eine kritische Masse zu erreichen, ist es laut Investor Fred Wilson, einen von der Vernetzung komplett losgelösten Produktnutzen zu liefern. Dieser Ratschlag ist extrem wichtig.

Fred Wilson von Union Square Ventures ist nicht nur als Investor erfolgreich, sondern auch als Blogger. Wie wohl kein anderer seiner Kollegen liefert er auf seinem Blog avc.com fast täglich Einblicke in seine Tätigkeit als Risikokapitalgeber mit Fokus auf an Endnutzer gerichteten Startups und schafft es immer wieder, mit kurzen, aber gut durchdachten Texten Denkanstöße zu liefern – die für alle Teilnehmer der Internetökonomie interessant sind. Einen ganz besonders lesenswerten Beitrag beziehungsweise Gedanken veröffentlichte er zwischen den Feiertagen. Er rief darin alle unter der finanziellen Obhut von Union Square Ventures stehenden Social Startups auf, sogenannte “Single User Utility” in ihre Dienste einzubauen. Übersetzen ließe sich das etwa mit “Einzelanwender-Nutzen”. Wilson formuliert, was eigentlich vollkommen logisch ist, aber bisher kaum ausgesprochen und von vielen Apps und Services im Segment sozialer Netze auch sträflichst ignoriert wird.

Mit dem Einzelanwender-Nutzen meint Wilson eine Funktion, die bei einer Anwendung, die von Netzwerkeffekten profitiert – bei der also die Attraktivität mit der Zahl der aktiven User steigt – auch dann schon einen Nutzwert bietet, wenn Anwender keine oder nur inaktive Kontakte besitzen. Zahlreiche Social Networks, browserbasiert oder mobil, leiden unter dem Problem, dass User keinen Sinn in der Verwendung sehen, solange ihre Freunde und Bekannten nicht auch präsent sind. Also verzichten auch sie auf eine Nutzung. Der jeweilige Dienst bleibt ein Rohrkrepierer.

Deutlich entschärfen können Webfirmen diese Dynamik, indem sie Features integrieren, die aus Anwendersicht auch bei einem geringen Vernetzungsgrad einen Einsatz sinnvoll erscheinen lassen. Wilson nennt foursquare sowie den Social-Bookmarking-Dienst Delicious als positive Beispiele. Beide Services sind zwar mitunter besser, wenn man sich mit anderen Usern vernetzt und von deren persönlichen Empfehlungen profitieren kann, doch sie bieten auch bei “isolierter” Verwendung hinreichend Mehrwert.

Ein Kandidat, der mir sofort einfiel und den Einzelanwender ebenfalls nicht komplett im Regen stehen lässt, ist Instagram. Zwar sind die Smartphone-Bilder abonnierter User das Herzstück der App. Doch wer beispielsweise nur wenige persönliche Freunde bei Instagram antrifft, der hat schon allein durch das Vorhandensein von Filtern etwas, wofür es sich lohnt, die Applikation zu öffnen. Auch ich habe schon einigen Male Instagram zur stilistischen Bearbeitung von Fotos verwendet, die ich anschließend nicht bei Instagram hochludt, sondern anderweitig benötigte, etwa um einen Artikel zu illustrieren.

Auch das gestern vorgestellte Berliner Startup Credport berücksichtigt die Tatsache, dass Usern bis zum Erreichen einer kritischen Masse ein Argument zum Bleiben geboten werden muss. Im Idealzustand haben zwar diverse Web-Marktplätze für kollaborativen Konsum das Credport-Widget bei sich eingebettet, das dann automatisch zu vielen bei Credport registrierten Anwendern automatisch Informationen zu ihrer Reputation einblendet. Bis dieser Zeitpunkt gekommen ist, können Credport-Nutzer aber einfach die URL zu ihrem Profil manuell verschicken, um ihre Vertrauenswürdigkeit zu unterstreichen. Selbst wenn Credport nur ein einziges registriertes Mitglied hätte, würde sich dies nicht negativ auf dessen wahrgenommenen Mehrwert auswirken.

Der Vorteil des Single User Utility ist offensichtlich: Der Nutzwert generiert sich nicht mehr allein aus dem Vorhandensein der traditionell schwer zu erreichenden kritischen Masse. Selbst wenn nur fünf Personen eine App verwenden, so gibt es für diese fünf Personen dennoch einen Grund, sie ab und an zu öffnen. Indem sie dem Dienst treu bleiben und wie bei foursquare oder Delicious völlig eigennützig öffentlichen Content erstellen, schaffen sie parallel die Basis für Netzwerkeffekte, weil sie durch ihre Präsenz und Aktivität die Atraktivität des Angebots für alle erhöhen.

“Sicherzustellen, ein Angebot für eine Person nützlich zu gestalten, heißt, es parallel für Millionen Menschen nützlich zu gestalten”, so Wilsons Fazit, das trivial klingen mag, aber in den Web- und App-Konzepten permanent vernachlässigt wird. Speziell angesichts der schlechten Voraussetzungen für Consumer Startups, von denen es einfach zu viele gibt, sind Gründer von Social-Diensten gut beraten, ihre Anwendung dem Einzelanwender-Nutzen-Check zu unterziehen: Was hat ein neues Mitglied davon, den Service zu verwenden, wenn es der einzige registrierte Nutzer wäre? Lautet die Antwort “nichts”, dann könnte sich eine Überarbeitung des Konzepts lohnen.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

2 Kommentare

  1. Das ist aber eine Erkenntnis, die sich schon beim Selbsttest der Produkte schnell einstellen sollte – und alt ist die Idee auch: Es dauerte nicht sehr lang, bis die ersten Faxgeräte auch eine Kopierfunktion hatten – bei wenigen Nutzern im Netzwerk war ein Faxgerät sonst vollkommen wertlos (s. Metcalfes Gesetz).

  2. Die Theorie hat einen Haken: warum sollte jemand für einen Einzelanwender-Nutzen eine Registrierung über sich ergehen lassen, die bei sozialen Diensten zum Alltag gehört? Selbst ein Facebook-Login hilft da wenig, weil ich selbst nicht steuern kann welche Infos der Dienst aus meinem FB-Account abzieht.

    Meines Erachtens muss der Trend weg gehen vom Social Web, hin zu Diensten die gar nicht erst eine kritische Masse benötigen wie beispielsweise Google Docs oder Dropbox. Taugt solch ein Dienst, findet sich immer jemand der dafür einen monatlichen Nutzungsbeitrag entrichtet. Man kann also bereits im kleinen Rahmen profitabel sein ohne auf eine kritische Usermasse angewiesen zu sein.

Ein Pingback

  1. […] Daher beginnt diese Einstufung erst bei den Leistungsmerkmalen. Einen interessanten Artikel zur erfolgreichen Gestaltung von Social-Web-Diensten, die sich mit meiner Theorie zur Gestaltung einer erfolgreichen Lauf-App deckt, habe ich auf […]

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