News-App Circa:
Wenn Nachrichten zum Buffet werden

Die News-App Circa macht aus Nachrichten ein Buffet mit vielen kleinen Happen. Die Inhalte bestehen aus Zitaten anderer Quellen. Themen lassen sich abonnieren, so dass man über neue Informationen auf dem Laufenden gehalten wird. In mehr als einer Hinsicht wirft Circa die Frage auf, wohin sich Nachrichten-Journalismus entwickeln wird.

Zwar wird ein statischer Artikel wie dieser hier auch künftig noch seine Berechtigung haben, obwohl das Format aus analogen Zeiten stammt. Zugleich eröffnet die digitale Welt aber neue Möglichkeiten, denn viele Beschränkungen eines klassischen Mediums wie Papier fallen weg. Gerade bei aktuellen Ereignissen zeigt sich diese Stärke des Digitalen: Sobald die ersten Informationen da sind, kann man sie veröffentlichen und später ergänzen. Ein anderes Beispiel sind Themen, die sich über längere Zeiträume weiterentwickeln, wie die Finanzkrise in der Eurozone. Hier bedarf es nicht jedes Mal eines komplett neuen Artikels, der alle Hintergründe und vorherigen Geschehnisse noch einmal auflisten muss.

Das ist das Gebiet, in dem sich die im Oktober 2012 lancierte News-App Circa bewegt. Sie nimmt Informationsfetzen (“Points” genannt) aus verschiedensten Quellen und ordnet sie zu einem Thema an. Das passiert nicht etwa automatisch, sondern mithilfe eines Redaktionsteams. Alle Informationshappen sind so kurz und knapp, dass sie jeweils auf eine Bildschirmseite des iPhones passen – in der Regel sind es einige wenige Sätze. Man wischt mit dem Finger von Punkt zu Punkt und ist so innerhalb kürzester Zeit über grundlegende Fakten informiert. Kommen neue Punkte hinzu, kann man sich darüber beanchrichtigen lassen.

Eine Nachricht besteht aus kurzen Punkten mit den wesentlichen Fakten.

Eine Nachricht besteht aus kurzen Punkten mit den wesentlichen Fakten.

Auf diese Weise ist es tatsächlich möglich, über eine Vielzahl von Themen auf dem Laufenden bleiben und sich einen schnellen Überblick zu verschaffen. Vor allem muss man sich die entscheidenden Informationen nicht mühsam aus einem langen Text heraussuchen, den der betreffende Journalist ebenso mühsam einkleidend geschrieben hat, um einen Beitrag klassischer Machart daraus zu formen. Im Prinzip ist eine Nachricht bei Circa auf ihr Grundgerüst reduziert, auf das, was ein Journalist “im Block” hätte, bevor er losschreibt.

Möchte man zu einem Thema mehr wissen, kann man sich die entsprechende Originalquelle für jeden Punkt ansehen. Allerdings wird standardmäßig nicht angezeigt, woher der Infobrocken stammt. Dazu muss man erst den mit einem “i” gekennzeichneten Knopf bemühen. Dadurch wirkt die App zwar schön aufgeräumt, aber fair muss man das aus Sicht der genutzten Newsquelle nicht finden.

Circa wirft jedenfalls mehrere interessante Fragen auf:

  1. Wann braucht man als Leser einen klassischen Artikel? Gerade bei Nachrichten interessiert oftmals am meisten, was grundsätzlich wissenswert und neu ist. Nicht bei jedem Thema braucht man die große Analyse oder möglichst umfangreiche und vollständige Informationen. Twitter ist hier für so manchen die zentrale Quelle, wenn es schnell und kurz sein soll. Circa ist ebenso kurz, aber die Inhalte sind gefiltert und sortiert.
  2. Passen statische Inhalte zum Fluss von Nachrichten? Auch auf großen Newsseiten wie Spiegel Online hat sich inzwischen eingebürgert, dass man bei aktuellen Ereignissen zunächst unvollständige Informationsfetzen veröffentlichen kann – versehen mit einem entsprechenden Hinweis. Die Beiträge werden folgend Stück für Stück erweitert und ausgebaut. Manchmal wird auf das Format eines Protokolls ausgewichen, was dem Autor Zeit spart und dem Leser hilft, ein verpasstes Ereignis in seinem Ablauf nachzuvollziehen. Hieran zeigen sich die neuen Darstellungsformen und Herausforderungen des Online-Journalismus, der sowohl sehr schnell als auch sehr ausführlich sein kann. Die abonnierbare Faktensammlung von Circa ist ein weiteres Modell. Eine Diskussion darüber, ob diese neuen Formen nun die alten ablösen, ist aus meiner Sicht überflüssig, weil sie jeweils unterschiedliche Stärken und Schwächen haben und unterschiedliche Anwendungsszenarien bedienen.
  3. Wo endet das Zitatrecht? Was bei Circa auffällt: Der Dienst baut auf die Recherchen anderer, ohne deren Arbeit auf den ersten Blick zu würdigen oder gar zu entlohnen. Man vergleiche das mit dem viel diskutierten Google News: Dort findet sich ein Anreißer und man landet nach dem Klick auf der jeweiligen Nachrichtenwebsite. Bei Circa erfahre ich erst nach einem aktiven Klick auf einen unauffälligen Button, woher der Nachrichtenschnippsel überhaupt stammt. Zudem sind die Informationen so aufbereitet, dass ich im Idealfall alles Wesentliche schon hier erfahre, während mich Google News zu dem Artikel führen will, der das jeweilige Thema am besten und aktuellsten aufbereitet hat. Böse Zungen könnten jetzt behaupten, dass Circa nur macht, was viele andere ebenfalls jeden Tag tun: von anderen abschreiben. Immerhin steht Circa offen dazu. Trotzdem wäre es fair und angemessen, die Quelle der Informationen direkt anzuzeigen. Das ist schließlich für den Leser ebenfalls von Relevanz.

Nachteile und offene Wünsche

Circa hat bei alldem einige Nachteile oder lässt noch Wünsche offen. So ist der Dienst derzeit ganz auf die USA ausgerichtet, was sich an der Themenauswahl klar bemerkbar macht. Für den deutschsprachigen oder zumindest europäischen Raum ist das Angebot nur für allgemeine und übergreifende Themen wie beispielsweise Wissenschaft geeignet. Das soll sich künftig noch ändern, Zeitpunkt ungewiss.

Darüber hinaus gibt es derzeit keine Möglichkeit, die eigenen Interessen genauer zu spezifizieren. Man bekommt also keine individualisierten Inhalte, sondern immer das gesamte Angebot. Das ist einerseits gut, um nicht in einer der viel zitierten “Filterblasen” hängen zu bleiben. Das wirkt andererseits altmodisch und nicht passend zum ansonsten modernen Konzept von Circa. Immerhin soll man künftig seine wichtigsten Themenbereiche manuell bestimmen können. Eine automatische Auswahl oder Empfehlung anhand des Nutzerverhaltens ist bislang nicht vorgesehen.

Eine andere Sache ist die Frage, wie klein oder wie groß man ein Thema fasst. Bei Circa ist es vergleichsweise kleinteilig. Längere Beiträge bestehen aus etwa zehn einzelnen Info-Stückchen, in der Regel ist es eher die Hälfte. So gab es beispielsweise innerhalb der App zwar ein Special zum US-Wahlkampf. Aber darin fanden sich wiederum zahlreiche einzelne Unterthemen zu den TV-Duellen oder anderen Ereignissen und Vorkommnissen. Es existierte kein Beitrag zum US-Wahlkampf insgesamt.

Momentan gibt es die App nur für iOS. Versionen für andere Plattformen sollen folgen. Wann, ist offen.

Eine perfekte Vorlage für ein Newsangebot im Wikipedia-Stil

Nicht zuletzt stellt sich wie so oft die Frage nach dem Geschäftsmodell. Immerhin arbeitet wie erwähnt ein Redaktionsteam daran, die Inhalte zusammenzustellen. Die App aber ist kostenlos und werbefrei. Gut denkbar, dass das Team Premiumfunktionen auf der Todo-Liste hat. Unter den Investoren finden sich unter anderem der umtriebige und erfolgreiche Wein-Videoblogger Gary Vaynerchuk, Path-Gründer Dave Morin sowie Tumblr-Macher David Karp.

Letztlich wäre es eine mindestens ebenso interessante Idee, ein ähnliches Projekt wie Circa im Wikipedia-Stil mit Freiwilligen umzusetzen. Es gibt zwar Wikinews, das allerdings auf das klassische Artikelmodell setzt. Nachteil: Nicht jeder ist dazu berufen und sieht sich in der Lage, Nachrichten zu schreiben. Circa zeigt, dass das auch gar nicht notwendig ist. Wesentliche Fakten aus anderen Newsquellen aufzulisten, würde die Einstiegshürde wesentlich verringern, käme den Lesern entgegen und könnte zugleich helfen, passende Einträge in der Wikipedia auf dem aktuellsten Stand zu halten.

Link: Circa

 

Jan Tißler

Jan Tißler ist Leitender Redakteur von neuerdings.com und Autor auf netzwertig.com. Er ist fasziniert von Technik und ein leidenschaftlicher Internetintensivnutzer.

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2 Kommentare

  1. Für den europäischen Raum nutze ich sehr gerne evening-edition.com – dort gibt es jeden Abend fünf kurze Artikel zum aktuellen Tagesgeschehen (es gibt lokalisierte Versionen für die USA, UK und Frankreich). Außerdem bieten sie für einzelne Themen auch Übersichtsseiten an, die die wichtigsten Punkte zum Thema zusammenfassen (z.B. zu Syrien)

    • Danke Martin für diesen tollen Tipp mit Ev.-Ed. – hab’s mir gleich auf den Homebildschirm meines Smartphones geladen. Es bleibt sehr zu hoffen, dass Ev.-Ed. wie auch Circa und ähnliche Dienste sich auch verstärkt des europäischen bzw. deutsch-spr. Raumes annehmen. Wobei durchaus durch Quellen-Nennung auch die Arbeit der tatsächlichen Recherchierer und Journalisten der jeweiligen Artikel / Zitate gewürdigt werden sollte.

Ein Pingback

  1. [...] Interessant sind Angebote wie Circa, die mit menschlicher Hilfe aus der Arbeit anderer etwas Neues schaffen. Über Circa hatte ich hier bei netzwertig.com ausführlich geschrieben. [...]

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