Kampf der Ökosysteme:
Wie sich Google gegen ein
Microsoft-Comeback wehrt

Google soll die Entwicklung einer nativen Youtube-App für Microsofts Windows Phone verhindern. Kein Zufall: Die großen Plattformbetreiber kommen sich immer mehr in die Quere und nutzen gegenseitige Zugangsbeschränkungen vermehrt als Druckmittel im Kampf um die Nutzer des mobilen Webs. Microsoft wird den Platzhirschen dort zunehmend gefährlicher.

Apple, Google, Amazon und Microsoft machen sich gegenseitig das Leben schwer. Neben Patenstreitigkeiten, die vor einer breiten Öffentlichkeit ausgetragen werden, streiten und drohen sich die Konzerne auch im Hintergrund immer intensiver. Mit den Mitteln der Technik.

Im neuen Jahr eröffnete Google jüngst diesen Reigen und sorgte mit der Meldung für Schlagzeilen, dass man dem Wettbewerber Microsoft bewusst den Zugriff auf die Youtube-API verweigern würde. Windows Phone ohne native Youtube-Anwendung? Unklar. Google hat Microsoft hiermit binnen kürzester Zeit zum zweiten Mal ins Visier genommen: Bereits im Dezember 2012 hatte der Suchmaschinenriese gemeldet, dass man ab Januar 2013 in Google Sync die Unterstützung von Microsofts Exchange-Activesync-Protokoll für Neugeräte von Privatnutzern beenden werde. Keine Möglichkeit für die Nutzer von Google-Diensten, ihre Daten via Windows Phone zu synchronisieren? Die Presse-Abteilung des Redmonder Konzerns heuchelt darüber Unverständnis und rät Anwendern zum Umstieg von GMail auf Outlook. 

Microsoft und Nokia: Als Tandem im Aufwind

Heuchelei? Ganz bestimmt. Insgeheim wird man sich freuen, denn die Angriffe seitens Google zeigen der Microsoft-Führung doch, dass man auf dem richtigen Weg ist. Jahrelang belächelt, arbeiten sich die Wettbewerber wieder an einem ab und das nicht nur auf der technischen Ebene, sondern auch mit den Mitteln der Kommunikation. Der Ton wird rauher, so rau, dass sich sogar Googles Chefingenieur Vic Gundrota dazu hinreißen ließ, derart via Twitter über seinen Ex-Arbeitgeber Microsoft zu lästern, dass er dafür intern gerügt wurde.

Dennoch schlechte Karten für Microsoft? Mitnichten. Microsoft ist im mobilen Web wieder wer. Man wird wieder ernst genommen und deshalb bekämpft. Auch wenn Windows Phone gegenüber iOS und Android bisher nur geringe Marktanteile für sich verbuchen kann, so sind die Aussichten günstig: WP 8 ist ein ausgereiftes System und dabei äußerst einsteigerfreundlich.

Hardware-Partner Nokia berappelt sich gerade, und bot erstmalig seit Jahren mit der letzten Generation von Geräten der Lumia-Reihe wettbewerbsfähige Smartphone-Hardware, die sich gezielt an Smartphone-Einsteiger richtet und dabei über die angestrebte Qualitätsführerschaft in Kameraqualität und Navigation in den Revieren der Wettbewerber wildert.

Zwar sind die Finnen noch angeschlagen und müssen über die Jahre verloren gegangenes Kundenvertrauen in die Marke Nokia erst wieder aufbauen, aber hier greift Microsoft dem Smartphone-Hersteller mit einem Werbekostenzuschuss – laut Branchengerüchten in Höhe von 500 Millionen Euro – unter die Arme. Der Werbeaufwand, mit dem die jüngeren Lumia-Geräte seit deren Launch im Herbst 2012 in den Markt gedrückt werden, scheint enorm. Die Chancen stehen gut, dass man in 2013 gestärkt in den Kampf um Marktanteile im Hardware-Geschäft eingreifen kann.

Des Weiteren hat Microsoft auch für sich selbst klug die Weichen für 2013 gestellt: Alte Marken-Zombies wie “Zune” wurden nun endgültig zu Grabe getragen und das Portfolio an digitalen Gütern um Musik-Streaming erweitert und unter der Marke “Xbox” zusammengeführt. Zwar hat man hier noch ein gutes Stück Arbeit vor sich, um den bis dato noch mit “Core Gaming” besetzten  und entsprechend verengten – Markenkern aufzubohren und “Xbox” als eine Service-Marke positionieren zu können, dennoch hat man sich hier richtig entschieden: Besser das Gesicht einer bekannten und positiv besetzten Marke verändern, als eine neue aufzubauen. Zumal die bereits millionenfach installierte Hardware-Basis an Xbox-Konsolen zukünftig Chancen bietet, Home Entertainment und mobile Services eng miteinander zu vernetzten und sich so auch auf Seiten von Lizenzgebern digitaler Güter als attraktiver Partner und Intermediär profilieren zu können.

Nokia: Allein gestrauchelt, aber “solo” beliebt: Komplexe Technikprodukte schüren die Sehnsucht nach Bewährtem

Microsoft liefert in diesem ungleichen Gespann Software und Kapital, pusht massiv die Marke Windows Phone und profitiert dabei nicht nur von der immer noch hohen regressiven Markenbeliebtheit der Marke Nokia, sondern auch vom Wandel, den der Hardware-Hersteller sich gerade selbst auferlegt hat und der seine Wirkung kaum verfehlen kann: Aus der Arroganz und dem späteren Leugnen des eigenen Scheiterns in den vergangen Jahren sind die Finnen nun bestrebt, eine Tugend zu machen und die negative Entwicklung der letzten Jahre ins Positive zu verkehren: “Jeder liebt ein Comeback.”

Plötzlich positioniert sich der Hersteller als gestrauchelter Riese, als Underdog, der “verstanden hat und es jetzt noch einmal wissen will”. Das Skript, das zu diesem neuen Markenimage führen soll, erscheint so einfach wie genial: Überheblichkeit, Trägheit, Scheitern, Arroganz, Einsicht, Läuterung, Aufrappeln, Arbeiten, Comeback.”  Dieser Hilfsgriff auf den Drehbuch-Archetypus des US-amerikanischen Sportlerdramas verfehlt auch in der öffentlichen Berichterstattung sein Ziel nicht: Zwar sind Nokia zuletzt gute Geräte gelungen, diese haben jedoch auch Schwächen, auf die oftmals aber weniger intensiv eingegangen wird als auf vergleichbare Mängel seitens der Wettbewerberprodukte: Auch der Technikjournalismus erliegt offensichtlich gern dem Reiz eines Comebacks.

Fazit: Google kontert mit Zugangsbeschränkungen zu seinem Service-Tafelsilber. Zu Lasten der Nutzer.

Das Gespann Microsoft und Nokia hat sich in 2012 mächtig für den “Wettbewerb 2013″ aufgehübscht und macht sich auf, neben den Rivalen Apple und Amazon zu einer ernsthaften Bedrohung für Google zu werden. Dem Suchmaschinenriesen bleibt dabei wenig anderes übrig, als über Zugangsbeschränkungen zu seinen eigenen Service-Perlen zu kontern: Ohne stationäre Hardware-Basis vergleichbar der “Xbox”, ohne eine Smartphone- und Tablet-Marke “mit Seele”, die Kunden gleichermaßen mit Vertrautheit und dem Versprechen von Komplexitätsreduktion locken würde, und ohne einen starken Vertrieb (Stichwort “Nexus4-Dilemma“), setzt man Zugangsbeschränkungen zu seinen beliebtesten Services als Waffen ein, um diesen wiedererstarkenden Wettbewerber in die Schranken weisen zu können. Notfalls sogar zu Lasten der Verbreitung und der bis dato positiven Images dieser Dienste selbst. Eine am Freitag bekannt gewordene Blockade von Google Maps für Nutzer von Windows Phone 8 wurde zwar gestern mit einer mehr oder weniger überzeugenden Erklärung wieder aufgehoben, passt aber trotzdem ins Gesamtbild.

Es is eine riskante Zukunftswette, die Google da eingeht. Für beide Parteien. Der Massenmarkt wird schließlich nicht von Zukunftstrends getrieben, sondern von Nutzerfreundlichkeit und Erfahrungswerten im Hier und Jetzt: Wo Technikexperten möglicherweise nur mit den Schultern zucken, werden Marketer nervös werden. Die Masse an technischen Laien “macht den Markt” und für diese gibt es die Begriffe “Web App”, “HTML5″ oder “Wrapped App” nicht. Sie existieren nicht: ”Eine App ist ein Icon in einem Shop, auf das man klickt, dann hat man das gleiche Icon hinterher auf seinem Screen und klickt drauf. Dann läuft’s prima. Fertig.”

Selbst wenn also die technische Entwicklung längst weiter ist, das Gros der Anwender ist es noch lange nicht. Gegenseitige Zugangsbeschränkungen zur Entwicklung nativer Apps für beliebte Services auf den Wettbewerberplattformen stellen deshalb weiterhin eine gefährliche Waffe dar. In 2013 und darüber hinaus.

 

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3 Kommentare

  1. Fehler im Artikel: Microsoft ist ein Redmonder, kein Richmonder Konzern

  2. Google musste doch Lizenzgebühren für das Active Sync Protokoll an Microsoft zahlen, da es doch nicht verwunderlich, wenn Google diesen Dienst irgendwann einstellt oder?

2 Pingbacks

  1. [...] An dieser Stelle finden Sie eine Auswahl interessanter Beiträge aus Blogs. Die Aussagen der Autoren geben nicht in jedem Fall meine Meinung wieder. (uh) 1. Politik a. Die SPD kann die Bundestagswahl gewinnen – 2017 Vermutlich ist es typisch für die defensive SPD, dass ihre Spindoktoren und Medienflüsterer lieber über „Schadensbegrenzungen“ reden als über „Befreiungsschläge“. Doch den aktiven Partei-Mitgliedern an der Basis dürfte allmählich mulmig werden bei der Vorstellung, an Wahlkampfständen, im Sportverein oder im Freundeskreis endlose Steinbrück-Frozzeleien über sich ergehen lassen zu müssen. Die Kakaomenge, durch die der Kandidat neun Monate lang gezogen werden wird, dürfte so immens sein, dass selbst der Brahmsee, an dem Steinbrücks politischer Mentor hin und wieder ausspannt, davon überlaufen würde. Aus: Carta b. Mobbingpause Die FDP hat auf ihrem Dreikönigstreffen lediglich eine Mobbingpause eingelegt, eine Feuerpause. Mehr nicht. Das “friendly fire” auf Parteichef Philip Rösler wurde vorübergehend eingestellt. Stattdessen wurde von der FDP kräftig das Weihrauchfass geschwunden, nicht um den Herrn zu loben, sondern um sich selbst in den Himmel zu heben. Wer verfolgte, wie überzogen Dirk Niebel, Rösler und vor allem Rainer Brüderle priesen, was alles die FDP in Deutschland erreicht und durchgesetzt habe, der fragte sich, wie Gott die Welt ohne FDP erschaffen konnte. Aber es reichte wohl nicht einmal zur Autosuggestion, geschweige zur Wählersuggestion. Aus: Sprengsatz c. FDP – die Liberalen? Es gibt Alternativen! Die FDP. Wer mit der FDP unzufrieden ist, soll die FDP wählen? Ich meine das Ernst, denn ich habe die FDP noch nicht ganz abgeschrieben. Immerhin gibt es bei der FDP noch immer kompetente Leute, wie Frank Schäffler oder Carlos A. Gebauer. Sollte dieser als libertär bezeichnete Flügel das Ruder der Partei in die Hand nehmen, dann sehe ich große Chancen für ein FDP-Revival. Die FDP wäre dann tatsächlich wieder liberal und könnte eine Alternative zur CDU/SPD-Grünen-Blockpartei stellen. Wir brauchen endlich Politiker, die auch mal das von Bankenkartellen gesteuerte “System-Merkel” in Frage stellen. Aus: Jenny’s Blog 2. Medien a.  Zur Kampagne der Verleger gegen die “Zwangsgebühr” Deutschlands Zeitungen haben ein neues Lieblingswort. Es heißt „Zwangsgebühr“. Gemeint ist die neue Rundfunkabgabe, die nicht mehr nur – wie bisher – für einzelne Empfangsgeräte, sondern seit dem 1. Januar pro Haushalt erhoben wird. Das Wort „Zwangsgebühr“ dient dabei als Mittel, um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu diskreditieren. Warum tun die Zeitungen das? Die Antwort ist einfach: es geht ums Geld. Die Verleger wollen ihre Konkurrenz ausschalten. Aus: NachDenkSeiten b. Wie sich Google gegen ein Comeback von Microsoft wehrt Apple, Google, Amazon und Microsoft machen sich gegenseitig das Leben schwer. Neben Patenstreitigkeiten, die vor einer breiten Öffentlichkeit ausgetragen werden, streiten und drohen sich die Konzerne auch im Hintergrund immer intensiver. Mit den Mitteln der Technik. Aus: Netzwertig.com [...]

  2. Links #28 sagt:

    [...] Wie sich Google gegen ein Microsoft-Comeback wehrt [...]