Internetwirtschaft im Jahr 2013:
Berlin steht vor einer Zäsur

2013 wird für viele der in den vergangenen Jahren gegründeten Berliner Startups eine Herausforderung.

Seit gut fünf Jahren befindet sich die Berliner Startupszene im Aufwind, von uns und vielen anderen nationalen sowie internationalen Medien regelmäßig beobachtet. Deutschlands offizielle Gründerhauptstadt ist zwar München, aber Berlin als zweitplatzierte Metropole im Bitkom-Ranking gelang es deutlich besser, auch über die Landesgrenzen hinaus Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Aus aller Welt kommen aktuelle und künftige Gründer, Geldgeber und Branchenbeobachter in die Hauptstadt, die nicht zuletzt durch ihr urbanes Flair und die niedrigen Kosten für junge, abenteuerlustige Entrepreneure im Internetsegment attraktiver wirkt als München oder etwa der Schweizer Startup-Hotspot Zürich.

2013 wird das bisher wichtigste Jahr für die Berliner Webwirtschaft. Denn die noch immer in ihren Anfängen steckende Branche der Stadt steht an einem Punkt, an dem sie unbedingt Erfolgserlebnisse braucht. Trotz aller Gründungen – rund 1300 seit 2008 – mangelt es bisher an ganz großen Durchbrüchen von aus der Spreestadt stammenden Webfirmen. Was unter anderem damit zu tun hat, dass sich die Entrepreneure der Stadt bisher vor allem auf an Endkonsumenten gerichtete Social-Web-Startups fokussierten – ein schwieriger Bereich, der ein besonders gut vernetztes Ökosystem mit globalem Einfluss benötigt. Dieses fehlt Berlin noch.

Das hat zur Folge, dass viele der mit großen Ambitionen lancierten Berliner Startups rund um das Thema Social auch ein bis zwei Jahre nach ihrem Debüt kein so kräftiges Wachstum vorweisen können, das erforderlich wäre, um in der Liga ihrer Konkurrenten aus dem Silicon Valley mitzuspielen und damit wettbewerbsfähig zu werden. Oder um überhaupt irgendwelche Netzwerkeffekte zu erreichen. Oder um sich die früher oder später erforderliche Anschlussfinanzierung zu sichern.

Gerade die Finanzierungsfrage ist heikel. Der nahezu einheitliche Tenor der US-Branchenkenner: An Endkonsumenten gerichtete Startups werden es 2013 besonders schwer haben, und der sogenannte “Series A Crunch” soll in den kommenden zwölf Monaten 1.000 mit insgesamt einer Milliarde Dollar Seed- und Angel-Funding finanzierte US-Startups zu einem vorzeitigen Ende zwingen. Während in den vergangenen Jahren speziell in den USA quasi jedes noch so sinnbefreite junge Webunternehmen eine Frühphasen-Finanzierung einsacken konnte, sind die Venturekapitalisten weitaus kritischer dabei, wem sie die ganz großen Schecks schreiben.

Hierzulande ist die Situation zwar insofern anders, als dass der Großteil der Gründer zu keinem Zeitpunkt das Gefühl erhielt, Business Angels würden ihnen das Geld regelrecht hinterherwerfen. Doch speziell in der Hauptstadt und insbesondere im Dunstkreis der SoundCloud-Gründer Alexander Ljung und Eric Wahlforss, befreundeter Geldgeber wie Christophe Maire sowie zahlreicher “Acceleratoren” ließ sich beobachten, wie unzählige mobile Apps und Social-Plattformen Startkapital erhielten, das nun bei vielen 2013 zur Neige gehen dürfte. Ob die nach außen hin sichtbarsten Vertreter der neuen Berliner Gründerwelle – von Amen, Readmill und Wunderlist über Loopcam, EyeEm und Moped bis Gidsy, Klash oder Toast – alle in einem Jahr in heutiger Form noch existieren, ist fraglich. Einige werden es schaffen, andere nicht.

Bei meinem jüngsten Berlinbesuch vor Weihnachten sprach ich mit einigen Köpfen der Hauptstadtszene. Allgemein existiert eine gewisse Spannung im Hinblick darauf, was passiert, wenn bei den bisherigen medialen Zugpferden unter den Startups der Spreemetropole das Licht ausgehen sollte. Zerbricht das aufwändig aufgebaute Image Berlins als mögliches Silicon Valley Europas? Oder beginnt dann erst die wahre Sternstunde der Stadt, wenn sich nämlich die Spreu vom Weizen trennt und das Rampenlicht auf die Dienste fällt, die ihr nachhaltiges Potenzial unter Beweis stellen und das erforderliche Kapital für eine weitere Expansion einsammeln konnten.

Aber alles kann auch ganz anders kommen: Dann nämlich, wenn die neben Rocket Internets Zappos-Nachbau Zalando prominentesten Vertreter des Berliner Startup-Hypes, SoundCloud und Wooga, einen ansprechenden Exit hinlegen sollten. Bei SoundCloud herrscht zwar nach wie vor Unklarheit über die Tragfähigkeit des Geschäftsmodells und von einer eventuellen Profitabilität hört man auch fünf Jahre nach dem Debüt nichts (was üblicherweise bedeutet, dass ein Startup nicht profitabel ist), aber was YouTube 2006 mit der Übernahme durch Google gelang, könnten die SoundCloud-Macher zu wiederholen versuchen. Vor einem Jahr nahm das Unternehmen satte 50 Millionen Dollar von US-Investoren ein. Wooga hat es geschafft, sich dem einbrechenden, von Facebooks Plattform abhängigen Social-Games-Markt durch die partielle Transformation in einen Anbieter für mobile Spiele zu entziehen – während das kalifornische Vorbild Zynga ein ganz schlechtes Jahr erlebte. Die Berliner sind eine der drei europäischen Firmen, die sich in der Rangliste der zehn populärsten iPhone-Apps des Jahres in Deutschland platzieren konnten. Die Übernahme von SoundCloud oder Wooga würde das Selbstbewusstsein der städtischen Internetwirtschaft stärken und wahrscheinlich auch die Bereitschaft zu weiteren Investments in aufstrebende Webfirmen Berlins erhöhen.

Bei einer Analyse der Situation in Berlin macht man leicht den Fehler, zu ungeduldig zu sein. Nimmt man 2010 als Schlüsselmoment, zu dem die Gründerwelle im Internetsegment in Berlin zu einem Mainstreamthema wurde, dann sind seitdem nicht einmal drei Jahre vergangenen. Dass in dieser kurzen Zeit nicht das Ökosystem entstehen kann, von dem das Silicon Valley profitiert, ist logisch. Dennoch scheint die Zeit für eine erste Zäsur gekommen. Vor einigen Jahren dem Berlin-Fieber erlegene Gründer werden sich entscheiden müssen, ob sie nach ihrem ersten Ausflug in das Unternehmertum ihr gesammeltes Wissen für ein neues, vielversprechenderes Unterfangen nutzen möchten, einem bestehenden Berliner Startup beitreten oder aber die Nase voll haben und weiterziehen. Wie auch immer sie sich entscheiden mögen: Der Szene wird es nicht schaden.

(Foto: Flickr/onnola, CC BY-SA 2.0)

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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3 Kommentare

  1. Der Berliner StartUp-Boom war sowieso mehrheitlich eine Blase, gefüllt mit teilweise begnadeten, teilweise schlicht lauten Marketingschwätzern.

  2. Speziell Amen verfolge ich mit Interesse. Den auch wenn ich hin- und wieder meine Meinung dort äußere so habe ich nicht das Gefühl das die Plattform im Mainstream angekommen ist. Und das ist die Grundvoraussetzung um sich als Meinungsportal zu etablieren.

  3. Ich denke, dass wir auch in Berlin ein baldiges Endes des aktuellen Zyklus sehen werden. Auch hierzulande werden fehlende Anschlußfinanzierungen zu einer großen Welle von Insolvenzen führen.

    Das Ganz wird imho aber recht sanft und ruhig von statten gehen, da die betroffenen Investoren das Spiel schon kennen. Und die erfolgreichen Startups das freigesetzte Personal aufnehmen können.

    Die Perspektive der Stadt sich weniger von den genannten Medienhuren als vielmehr an den großen Inkubatoren und Hidden Champions geschmiedet.

    Im Bereich der reinen Mobile-Startups sehe ich nach wie vor wenig Potential. Die Chance, da einen Erfolg zu landen, ist einfach verschwindend gering für ein deutsches Unternehmen.

    LG vom Wannsee,

    Sebastian

5 Pingbacks

  1. [...] Internetwirtschaft im Jahr 2013: Berlin steht vor einer Zäsur – netzwertig.com Das kann man leicht überbewerten. [...]

  2. [...] early-stage companies or seek rest in corporate jobs.A closing note for the playersOne more thing: For Berlin, it will be a “make or break” year. After successful years, we see a correction development process starting, since some months ago.It [...]

  3. [...] klingen mag, aber in den Web- und App-Konzepten permanent vernachlässigt wird. Speziell angesichts der schlechten Voraussetzungen für Consumer Startups, von denen es einfach zu viele gibt, sind Gründer von Social-Diensten gut beraten, ihre Anwendung [...]

  4. [...] that 2013 will be a crucial year for Berlin’s startup ecosystem – a year that will have to show if there’s substance behind what has been publicly celebrated so much in 2011 and 2012. I’m one of them. And part of the reason why is the way in which 2013 kicks off with a bona fide [...]

  5. [...] Weigert nimmt in seinem aktuellen Artikel Bezug auf einen eigenen Bericht über die Berliner Startup-Szene, den er Anfang Januar verfasst hatte und registriert erste [...]

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