Daten aufbewahren oder vernichten:
Was die Popularität von Snapchat bedeutet

Eigentlich herrscht Konsens: In Zukunft speichern Anwender einfach alle von ihnen produzierten Daten, anstatt sie vorab auszumisten. Doch der Erfolg von Snapchat signalisiert, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.

Speicherpreise sinken seit langem. Je günstiger das Gigabyte wird, desto weniger müssen wir darüber nachdenken, welche Daten wir wirklich für die Zukunft benötigen. Stattdessen wird einfach alles prophylaktisch aufbewahrt, entweder lokal oder zunehmend in der Cloud. Intelligente Suchalgorithmen sollen dafür sorgen, dass wir die in einem bestimmten Moment benötigten Informationen finden. “Big Data” heißt der Oberbegriff für diese Entwicklung. Wie Facebook, Instagram, Dropbox und Google+ Nutzer dazu bewegen, einfach jedes Foto erst einmal auf Onlineservern abzulegen, fällt ebenfalls in diese Kategorie. Nach dem Motto “Wenn unbegrenzt Platz vorhanden ist, wieso sollte man dann Dinge wegschmeißen?”.

In diesem Lichte kommt dem Anfang der Woche beschriebenen Aufstieg der Foto-App Snapchat eine ganz besondere Bedeutung zu: Denn die Smartphone-Anwendung bewegt sich mit ihrem ungewöhnlichen Konzept der nach einigen Sekunden sich selbst zerstörenden Fotos und Videos in eine entgegengesetzte Richtung. Die Zahl von 50 Millionen täglich versendeten “Snaps” durch die vornehmlich junge Anwenderschaft verdeutlicht dabei, dass eine echte Nachfrage nach visuellen Botschaften mit Haltbarkeitsdatum besteht.

In einer Ära, die von der Prämisse gekennzeichnet ist, Daten für alle Ewigkeit aufzubewahren, kommt also plötzlich ein Startup daher, macht es exakt umgedreht und trifft den Nerv genau der Zielgruppe, bei der man ein ausgeprägtes Selbstverständnis über die dauerhafte Speicherung ihres Tag ein Tag aus produzierten Contents vermuten würde.

Letztlich haben beide Ansätze Vorzüge. Die permanente, nicht vorab selektierte Speicherung von Daten erlaubt die nachträgliche Analyse und Aggregation sowie jederzeit Zugriff auf Dokumente aus der Vergangenheit. Nicht immer wissen wir heute, an welchen Informationen wir übermorgen plötzlich Bedarf entwickeln. Ähnlich wie, wenn bei einer Entrümpelung des Kellers Gegenstände weggeworfen werden, für die man zwei Jahre später plötzlich Anwendung gefunden hätte.

Das mag tatsächlich vorkommen, die Realität ist aber häufig eine andere: Sachen, von denen man sich trennt, sind bereits im Augenblick des Wegwerfens abgehakt, und ihnen wird daraufhin nie wieder ein Gedanken gewidmet. Es spricht wenig dafür, dass dies bei von Usern erstellten digitalen Inhalten anders aussieht. Aktuelles Beispiel: Twitter ist endlich so nett und erlaubt den Download aller Tweets, die Nutzer jemals veröffentlicht haben. Doch wie viele der mittlerweile 200 Millionen aktiven Anwender des Microbloggingdienstes werden von dieser Option tatsächlich regelmäßig Gebrauch machen? Ich vermute, nicht viele. Genausowenig verbringen wir unsere Zeit mit Facebook-Pinnwand-Einträgen von 2008 oder mit dem Stöbern in den Instagram-Fotos, die unsere Freunde vor einem Jahr von ihren Abendessen, Barerlebnissen oder lackierten Fingernägeln geschossen haben. Wir freuen uns, dass es geht, mehr aber auch nicht.

Sicher, genau wie Erinnerungsfotos auf Papier hat auch gealterter User Generated Content einen emotionalen Wert, und wenn man diesen nun schon dank niedrigster Kosten bequem für die Zukunft archivieren kann, warum nicht. Fakt ist aber, dass viele der Millionen Fotos und Videos, die Menschen heute mit Smartphones anfertigen, morgen in den meisten Fällen schon eine virtuelle Staubschicht aufweisen. Snapchat trägt dieser Tatsache Rechnung, indem es dieser augenscheinlich bei einer wachsenden Zahl junger Menschen Einzug haltende Erkenntnis mit einem Smartphone-Dienst begegnet. Auch Geschehnisse wie das gerade in Schweden bei vielen Teenagern für Unmut sorgende Onlinemobbing via Instagram liefern einen Grund dafür, wieso ein Service wie Snapchat Anhänger findet: Das von vielen Medien gerne als verruchte Praktik hingestellte “Sexting” ist ja häufig nichts weiter als der völlig legitime Austausch erotischer Bilder zwischen Paaren oder Liebhabern. Erst wenn entsprechende Inhalte anschließend öffentlich im Netz auftauchen, wird daraus ein Problem. Snapchat erschwert zumindest das Anfertigen von Screenshots durch den Empfänger einer Nachricht.

Vielleicht kennt ihr das: Ihr schießt ein Foto eines besonders eindrucksvollen, von vielen Touristen frequentierten Ortes oder Wahrzeichens. Ihr seid stolz über euer Bild und veröffentlicht es bei Instagram. Die Ernüchterung folgt, nachdem ihr gesehen habt, dass das selbe Motiv schon tausendfach zuvor aufgenommen wurde, nur mit anderem Wetter und unterschiedlichen Filtern. Big-Data-Befürworter sähen darin das Potenzial für vielseitige Einsatzzwecke, besonders über einen längeren Zeitverlauf betrachet. Datenminimalisten und Pragmatiker fragen sich, wozu das Ganze. Und ihr?

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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5 Kommentare

  1. Wozu das Ganze?

  2. Was es braucht, ist eine vernünftige Speicherorganisation. Die hat im Prinzip noch garnicht richtig begonnen. Auch nicht mit dem fürchterlich verschachtelten Evernote. Favorisierte Fotos in Instagram bleiben, soviel ich mitbekommen nur die letzten 200 Stück sichtbar. Ebenso wohl im Stream. Ja, was soll’n der Quatsch.
    Eine solche vernünftige Speicherorganisation schlösse dann der Ordnung halber auch Löschung von dem ein, was nicht mehr gebraucht wird. Vernichten kann also nur Bestandteil einer entwickelten Gesamtordnung sein.

  3. Snapchat ermöglicht eine ganz neue Form der Kommunikation.
    Es befreit einen von der Organisation des versandten Materials.
    Und der Empfänger muss plötzlich aktiv entscheiden wie relevant ihm die empfangene Kommunikation ist.
    Sehr angenehm.

  4. Meine Erklärung dazu ist ganz einfach: Die heutigen Kommunikationsmittel und –Kanäle erlauben das (er-)leben von „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ mit einfachster Bedienung. Viele erinnern sich noch an die MMS (war’s 2000?). Die MMS wurde aber durch den damaligen technischen Standard von Handykameras, Netzgeschwindigkeit und Übermittlungspreis limitiert. Heute ist das anders. Ein Bild zu senden anstatt zu beschreiben ist schneller bequemer, präziser und lustiger. Es wir zum Lifestyle. Und wenn die (Bild-) Information auch als reine Information gedacht ist, kann diese nach Verwendung getrost vergessen werden. Oder habt Ihr alle SMS aus den letzten Jahren aufgehoben? Speicherpreise sind m.E. dabei weniger relevant. Bei Fotos zählen einfach Übersicht und Auffindbarkeit eines Motivs. Eine Software mit der ich das Motiv „Am Strand mit Hund und den Freunden X+Y“ suchen kann gibt’s noch nicht.
    Und noch eine Zahl zur Bilderflut: Unsere Eltern haben zu Zeiten der Analogfotografie etwa 100 Fotos pro Kopf und Jahr entwickelt. Heute kommen wir bequem auf den X-Fachen Wert – mal von der Qualität und Aktualität der Inhalte abgesehen. Wer soll da, ohne Verfallsdatum für den irrelevanten Teil, noch den Überblick behalten. Nicht gefunden ist eben auch wie verloren…