Musikstreaming:
Deezer kämpft mit Kostenlosangebot gegen die Konkurrenz

Mit einem neuen Gratis-Angebot macht Deezer Menschen in 150 Ländern eine Musikflatrate schmackhaft. Die Franzosen fordern damit auch Mitbewerber heraus und präsentieren sich als ein potenzieller Übernahmekandidat.

Der noch junge Markt für Musikstreaming ist zunehmend umkämpft. Die Dienste übertrumpfen sich mittlerweile bei der Zahl verfügbarer Titel, mit immer besseren Funktionen und neuerdings auch wieder mit Kostenlosangeboten. Der französische Anbieter Deezer hat heute angekündigt, seinen Kunden in 150 Ländern einen kostenlosen Zugang zu seinem Angebot zu gewähren. In Deutschland und Österreich soll er zwölf Monate gültig sein. Das dürfte viele Menschen rund um den Globus dazu bewegen, Musikstreaming erstmalig auszuprobieren.

Wer in meinem Bekanntenkreis Musikflatrates einmal getestet hat, der bleibt in der Regel dabei. Die Möglichkeit, beliebig viel Musik für einen geringen Monatsbeitrag zu hören und dadurch viel Neues zu entdecken, möchte niemand so schnell wieder aufgeben. Preise von meist zehn bis 15 Euro im Monat auch für die Nutzung unterwegs, sind ein überzeugendes Argument, vergleicht man die Zahl mit dem, was ansonsten ein einziges Album bei iTunes, Amazon, Google Play kosten würde. Selbst die Musikindustrie hat den Widerstand gegen Spotify, simfy und Co. nach anfänglichem Zögern aufgegeben, zumal die Nutzer eines Streaming-Dienstes kaum noch Notwendigkeit haben dürften, sich ihre Musik illegal zu besorgen. Wer sich allerdings an einen Dienst bindet und dafür Geld zahlt, will zuvor sicher gehen, dass sich das Angebot auch lohnt.

Kostenlos-Comeback

Nachdem der deutsche Anbieter simfy sein Kostenlosangebot bereits im vergangenen Jahr eingestellt hat, bot in Deutschland zuletzt noch nur Spotify einen werbefinanzierten Gratiszugang an. Darin lassen sich nahezu alle 20 Millionen Titel aus Spotifys Sammlung hören; der Musikfluss wird alle paar Tracks von Audiowerbung unterbrochen, der Player außerdem mit einem Werbebanner versehen. Das kostenlose, werbefinanzierte Angebot kann bei Spotify sechs Monate lang genutzt werden, danach sind noch zehn kostenfreie Stunden pro Monat möglich. Deezer bietet nun einen doppelt so lange währenden Gratis-Zugang, beschränkt die freie Nutzung danach aber auf nur noch zwei Stunden pro Monat. Ziel ist es also, möglichst viele Menschen im ersten Jahr für den Dienst zu begeistern. Deezer-Chef Axel Dauchez erklärt die Motivation dahinter: “Nutzer, die Deezer richtig ‘erlebt’ haben, entscheiden sich in der Regel, bei uns zu bleiben“. Das Prinzip Freemium: Wenn ein kostenloser Dienst begeistern kann, dann zahlen die Nutzer irgendwann freiwillig.

Deezers neues Angebot wird allerdings nicht nur neue Musikliebhaber von iTunes und CDs abziehen und das Geschäft für Musikstreaming insgesamt beleben, es dürfte auch Kunden von anderen Diensten weglocken. Der deutsche Konkurrent simfy etwa bietet kein Kostenlos-Angebot mehr an. Für 2013 haben die Kölner eine neue Version angekündigt. Ein erster Ausblick darauf lässt allerdings Funktionen vermissen, die andere Dienste längst implementiert haben. Mit der ebenfalls heute vorgestellten Funktion “Deezer4Artists” geben die Franzosen ihren Kunden die Möglichkeit, ihre Lieblingskünstler zu abonnieren. Rdio und Spotify waren mit ähnlichen Funktionen bereits vorgeprescht. Im jetzigen Ausblick auf die neuen Apps fehlt eine solche Funktion auch künftig bei simfy, ebenso wie die Möglichkeit, Playlists von Freunden zu abonnieren, personalisierte Empfehlungen zu erhalten oder zu sehen, was die Freunde gerade hören.

Übernahme nicht ausgeschlossen

Jeder Service versucht derzeit, die anderen mit besseren Funktionen zu übertrumpfen. Bei Spotify sollen es personalisierte Empfehlungen sein, Microsofts in Windows 8 und RT fest eingebaute Musik-App Xbox Music will mit 30 Millionen verfügbaren Titeln rund 50 Prozent mehr bieten als die Mitbewerber. Während Rdio Künstler für die Nutzerakquise bezahlt, ist Deezers Steckenpferd nun das zwölfmonatige weltweite Kostenlosangebot. Das gilt allerdings nur für die Nutzung am PC oder Mac. Was sich bislang noch kein Dienst getraut hat: einen Gratiszugang über den meist obligatorischen Testmonat auch für Tablets und Smartphones anzubieten. Angesichts des Konkurrenzkampfs ist es vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis auch hier das erste Angebot kommt – spätestens, wenn Apple, wie gemunkelt wird, im kommenden Jahr ebenfalls den Markt für Musikstreaming betritt.

Deezer ist mit seiner Marktmacht in 150 Ländern sehr gut aufgestellt und könnte mit dieser Reichweite gar ein potenzieller Übernahmekandidat werden. Dauchez hat das durchaus im Auge und weist schon einmal darauf hin, dass man potenziell mittlerweile 600 Millionen Menschen erreichen könnte – was nicht uninteressant für einen der vier Webriesen wäre. Microsoft ist bereits mit Xbox Music mit einem eigenen Dienst aktiv, Apple dürfte an einem arbeiten, Google und Amazon hingegen haben dem noch nichts entgegen zu setzen. Deezer hat nach eigenen Angaben mittlerweile drei Millionen zahlende Abonnenten. Die Zahl der Kunden insgesamt – im Oktober sollen es 26 Millionen gewesen sein – dürfte inzwischen bei rund 30 Millionen liegen. Für einen der großen Player kein schlechter Fang. simfy muss sich unterdessen arg strecken, um da in den wenigen aktiven Märkten, auch Deutschland, auf lange Sicht noch mitzuhalten.

Korrektur im Vergleich zur Ursprungsversion: Deezers Agentur HeinePR teilte uns nachträglich mit, dass das Gratis-Angebot von Land zu Land variiert. In Deutschland und Österreich sind es zwölf Monate, in anderen Märkten bestehen andere Zeiträume. Im Text haben wir diese Information korrigiert.

 

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Redakteur bei neuerdings.com, netzwertig.com und dem Euronics Trendblog. Neue Gadgets und Software? Liebend gerne! Aber nur, wenn sie das Leben auch wirklich leichter machen.

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4 Kommentare

  1. Mich würde nun ja mal interessieren, ab wann Deezer 12 Monate in Deutschland erhältlich ist? Ich habe es schon einmal für 2 Wochen genutzt und war ganz zufrieden.

  2. Noch halte ich Spotify für das bessere Angebot für Free-User, die Werbung ist gerade so erträglich (und ist nicht allzu schwer zu muten wenn man denn will). Mag aber auch daran liegen das das Zeitlimit pro Monat bei mir nicht zu existieren scheint, wird wohl am Alter des Accounts liegen.

    Schön wäre eine freie Anwendung von Deezer für Linux – es wäre der einzige Dienst den man ohne unfreie Software auf einem Desktop einsetzen könnte. Wäre schon ein starkes Alleinstellungsmerkmal in einer kleinen, aber wohl recht zahlungskräftigen Nische. Spotify hat leider auch nur diesen Beta-Client der auf manchen Distributionen aufwendig zum Starten überredet werden muss, Deezer bietet (noch?) überhaupt nix für den Linux-Desktop an.

    • mach dich vllt. nochmal über spotify schlau. Soweit ich weiß gilt das mit dem 6 monate kostenlos in spotify nur für viele andere märkte. In Deutschland und ein paar weiteren ist bisher jedoch noch nicht definiert, ab wann es eine Beschränkung geben wird. Also momentan gilt sozusagen noch “für immer kostenlos mit Werbung”. Bleibt aber ganz sicherlich nicht so, erstmal wie WhatsApp alle Bürger von dem Tool überzeugen und wenn man nimmer ohne kann Geld verlangen (;

    • hmm ich hab das problem das spotify die 10 stunden bei mir falsch berechnet jedenfals konnte ich am 1. nicht weiterhören nach 2 stunden :O

2 Pingbacks

  1. [...] Deezer kämpft um Marktanteile: Der Musikstreaming-Dienst ködert Kunden in 150 Ländern, darunter auch die in Deutschland, mit einem echten Lockvogelangebot, indem er sie ein volles Jahr kostenlos die Musikflatrate testen lässt. Neu ist auch das Angebot “Deezer4Artists”, mit dem Hörer ihre Liebslingsbands abonnieren können. Derzeit bietet in Deutschland nur Spotify kostenloses Musikstreaming an, das mit Werbung durchsetzt ist, und dort wird nach sechs Monaten auf zehn kostenlose Stunden im Monat gedrosselt. netzwertig.com [...]

  2. [...] hatte sich dagegen vor einem Jahr mit der GEMA auf eine Lizenzvereinbarung geeinigt. Ende 2012 lancierte der Dienst ein zwölfmonatiges Gratisangebot auch für deutsche Nutzer und akzeptierte demnach die unvorteilhaften Tarife der GEMA für [...]