Foto-Sharing:
Twitters fieberhafte Suche nach einer Antwort auf Instagram

Nachdem Instagram nicht Twitter sondern Facebook das Ja-Wort gab, verschlechtert sich das Verhältnis zwischen dem Microbloggingdienst und der Foto-App stetig. Twitters Suche nach Wegen, um sich gegen die Konkurrenz zu stärken, läuft auf Hochtouren. Auch Web-2.0-Pionier Flickr spielt dabei eine Rolle.

Vor einem Monat beschrieb ich, wie sich Instagram immer mehr zu einem Problem für Twitter entwickelt und dessen weiterer Wachstumskurve auf mobilen Geräten im Wege steht. Seitdem geschah an dieser Front so einiges: Der Microbloggingservice hat seine Ankündigung, eigene Fotofilter einzuführen, wahr gemacht, und stößt damit in Instagram-Territorium vor. Fast zeitgleich verschlechterte sich das direkte Verhältnis zwischen dem zu Facebook gehörenden Instagram und Twitter: Schnappschüsse aus der Foto-App werden auf Initiative von Instagram seit Anfang Dezember nicht mehr direkt innerhalb von Tweets angezeigt.

Twitter stand kurz vor Instagram-Kauf

Am Sonntag berichtete die New York Times, dass sich Instagram vor der Übernahme durch Facebook bereits mündlich mit Twitter auf eine Akquisition geeinigt hatte. Der vereinbarte Kaufpreis soll bei 525 Millionen Dollar gelegen haben, also ungefähr die Hälfte der ursprünglich anvisierten eine Milliarde Dollar, die Facebook in Form von Aktien für Instagram auf den Tisch zu legen bereit war. Aufgrund des Einbruchs der Facebook-Aktie in den Folgemonaten wurden daraus letztlich “nur” 735 Millionen Dollar. Laut dem New York Times-Artikel soll hinter den Kulissen hart und nicht nur mit fairen Mitteln um die Foto-Sharing-App aus San Francisco gerungen worden sein. Twitter habe demnach nicht einmal die Chance erhalten, ein Gegenangebot zu dem von Facebook zu machen.

Ich hatte in meinem Artikel vor einem Monat die Akquisition eines Instagram-Konkurrenten als eine der Optionen für Twitter skizziert, wie es auf das gefährliche Gespann Facebook-Instagram reagieren könnte. Die Gespräche mit Instagram im Frühjahr zeigen: Die grundsätzliche Bereitschaft dafür, sich einen eigenständigen Fotodienst ins Haus zu holen, existiert bei Twitter, ungeachtet der Herausforderungen, die eine eventuelle Integration in den Kurznachrichtenservice mit sich brächte.

Den Übernahme-Alternativen fehlt die Reichweite

Nun aber befindet sich Instagram nicht mehr auf dem Markt. Als Alternative brachte ich das Berliner Startup EyeEm ins Spiel. Mit einer Million Downloads und einer unbekannten Zahl an aktiven Anwendern würde dies Twitter jedoch nicht die virale Kraft und Sogwirkung bringen, die Instagram für Facebook bedeutet. Ähnliches gilt für tadaa aus Hamburg, das seine Nutzerzahl mit “mehr als einer Million” angibt. Der Kauf dieser oder anderer kleiner Foto-Sharing-Apps würde letztlich auf eine Talentakquisition hinauslaufen, was Twitter zwar Know-how liefert, aber keine ernstzunehmende Antwort auf den ungebrochenen Aufstieg von Instagram darstellt.

Flickr prescht vor

Interessanterweise brachte sich jüngst ein anderer, nicht unbedeutender Akteur im Fotomarkt in Erinnerung, und liefert der angespannten Situation eine neue, pikante Dimension: Flickr, der Pionier unter den Foto-Diensten, der den mobilen Boom lange verschlief, veröffentlichte eine komplett neu programmierte iPhone-Applikation. Erstmals enthält diese ebenfalls Filter, die wie bei Twitter vom New Yorker Bildbearbeitungsspezialisten Aviary bereitgestellt werden. Während Instagram Twitter das Recht zur Einblendung der Fotos in Tweets absprach, gab Flickr parallel grünes Licht für eine derartige Integration der über die App geteilten Fotos. Inwieweit die Behauptung von Forbes-Autor Eric Jackson, bei Flickr für das iPhone handelt es sich um die beste Foto-App auf dem Markt, der Realität entspricht, sei an dieser Stelle dahingestellt. Tatsache ist, dass sich das zu Yahoo gehörende Flickr mit diesem Vorstoß in den laufenden Konflikt zwischen Facebook-Instagram und Twitter einschaltet.

Auch wenn Flickr, zu Web-2.0-Zeiten eines der populärsten Angebote überhaupt, nach der Übernahme durch Yahoo im Frühjahr 2005 sukzessive heruntergewirtschaftet und vernachlässigt wurde, hat es nach wie vor viele Fans, besonders in Kreisen leidenschaftlicher Hobby- und Profi-Fotografen, die den häufig als handwerklich minderwertig angesehenen Instagram-Schnappschüssen wenig abgewinnen können. Laut Unternehmensangaben waren im vergangenen Jahr 51 Millionen Menschen bei Flickr registriert, 80 Millionen Unique Visitors besuchen die Site pro Monat. Viele kommen zwar nur, um in den riesigen Fotoarchiven zu stöbern oder Creative-Commons-Bilder für ihre Blogs und Websites zu suchen. Trotzdem gelang es dem Dienst ungeachtet seiner Behäbigkeit in einem sich rasant verändernden Umfeld, als Fels in der Brandung durch Instagram & Co nicht weggespült zu werden und den Glanz seines Markennamens zumindest teilweise zu behalten.

Würde Yahoo Flickr ausgerechen jetzt verkaufen?

Schon häufiger wurde spekuliert oder gefordert, Yahoo solle Flickr lieber verkaufen, anstatt es irgendwann versehentlich oder mit Absicht zu ersticken. Angenommen, Twitter würde morgen eine Akquisition von Flickr bekannt geben, sähe das Kräfteverhältnis auf einen Schlag ganz anders aus.

Allerdings ist das Timing hierfür nicht optimal: Vor einem Jahr hätte Twitter wohl gute Chancen gehabt, Flickr Yahoo für einen erschwinglichen Preis abzukaufen. Doch mit der Ex-Google-Managerin Marissa Mayer übernahm im Sommer eine Frau den Yahoo-Chefposten, die gerade dabei ist, dem angeschlagenen Unternehmen eine neue, dynamischere Ausrichtung zu geben, und die in diesem Unterfangen deutlich ernster genommen wird als ihre Vorgänger. Die jüngsten Lebenszeichen von Flickr signalisieren, dass Mayer sich über die wichtige Rolle der Fotocommunity in diesem Vorhaben im Klaren ist. Dass sie sich ausgerechnet jetzt von Flickr loseisen würde, erscheint mir daher unwahrscheinlich. Stattdessen dürfte sie versuchen, parallel ein gutes Verhältnis mit sowohl Facebook als auch Twitter zu pflegen, um von deren Reichweite und Zugkraft für die Revitalisierung von Flickr und Yahoo zu profitieren. Und dann vielleicht durch eine eigene Übernahme im Social-Web-Segment zusätzliche Relevanz einzukaufen. Aber davon wiederum hätte Twitter nichts. Es sei denn, das Akquiseobjekt heißt Twitter.

Was als Fazit bleibt: Twitter sucht händeringend nach Wegen, um sich gegen die blau-weiße Konkurrenz zu stärken, und ist dafür bereit, große Mengen an Geld Anteilen abzugeben. Dies garantiert ein spannendes erstes Quartal 2013.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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5 Kommentare

  1. Martin, hat Marissa nicht genug Geld und Kredit für die umgekehrte Akquise? Würden die Gründer nicht Kasse machen wollen?

    • Jo das schneide ich ja in einem Satz an. Ich kann das nur schwer beurteilen. Twitters Bewertung dürfte bei so 10 Milliarden Dollar liegen. Würden sich Investoren und Gründer mit so vielen Yahoo-Aktien begnügen wollen?

    • Twitter ist stur und wird sich denke ich nicht darauf einlassen. Doch eine Zusammenarbeit zwischen dem, wie du schon sagst, auf dem guten Weg strebenden Dienst Yahoo und Twitter, würde meiner Meinung nach nur Vorteile mit sich bringen. Jedoch, müsste man bei Flickr wohl vieles anders machen…

  2. Faszination und Sog von Instagram sind wirklich erstaunlich. Ich habe hier vor einigen Wochen noch bestritten, dass Instagram zu Lasten der Nutzung von Twitter geht. Jetzt muß ich es selbst einräumen. Ich nutze Twitter zwar immer noch, aber in der Tat weitaus weniger. Instagram hat meine Nutzung sozialer Medien stark verschoben, befindet sich mittlerweile mindestens gleichauf mit Twitter, wenn nicht sogar schon stärker.
    Der Grund dafür ist schlicht der, Bilder sagen tatsächlich mehr als 1000 Worte. Auf Bildern erfährt man eben durchaus weitaus mehr als nur in dürren Worten. So dürfte Instagram Twitter langfristig auch in der internationalen Vernetzung überholen. Ich habe per Instagram in ausländischen Profilen sozialer Netzwerke jedenfalls binnen weniger Wochen auf Anhieb mehr gesurft als in etlichen Jahren nur sporadischer internationaler Twitter-Nutzung zusammen.
    Instagram ist für mich so was wie der Urknall & Durchbruch der Foto-Netzwerke. Da Fotos damit zu einem zentralen eigenständigen Angebot sozialer Medien werden, wird m.M. auch Google kaum um einen eigenen Fotodienst herum kommen. Eine Basis dafür hat es im Prinzip schon: Panoramio. Panoramio angereichert und ausgebaut um weitere Mobil- und Communityfunktionen fänd ich echt stark, warte ich eigentlich schon lange drauf.

vgwort