Netzprominente und ihre Konflikte mit dem Gesetz:
Twittern aus der Haft

Mehrfach gerieten in diesem Jahr bekannte Köpfe aus der Internet- und Technologiewelt mit dem Gesetz in Konflikt. Twitter und Blogs erlauben ihnen einen direkten Dialog mit der Öffentlichkeit.

Auch Menschen, die im öffentlichen Rampenlicht stehen, leisten sich mitunter irgendwann im Leben einen kleinen oder großen Fehltritt und kommen mit dem Gesetz in Konflikt. Uns tangiert das in der Regel wenig – es sei denn, es handelt sich um einen bekannteren Akteur aus der Internet- und Technologiewirtschaft. In den letzten Monaten gab es einige derartige Fälle. Das Besondere daran: Dank sozialer Medien besitzen die Beschuldigten eigene, direkte Kommunikationskanäle, um zu Sachverhalten Stellung zu nehmen. Ein Blick auf die Twitter-Konten oder Blogs der jeweiligen Person hat immer etwas Surreales, fast schon Mystisches. Und er liefert teilweise ganz andere Perspektiven, als sie in den Medien zu vernehmen sind.

Alles fing für mich mit der Verhaftung von Megaupload-Gründer Kim Dotcom im Januar 2012 an. Nachdem ich die Ereignisse um die plötzlich Schließung des berühmt-berüchtigten Filehosters durch das FBI und die Festnahme von Dotcom an seinem Wohnsitz in Neuseeland anfangs nur aus den einschlägigen Nachrichtenportalen kannte, lief irgendwann einige Tage oder Wochen später ein Retweet von besagtem Kim Dotcom, ehemals Schmitz, durch meine Twitter-Timeline. Ich erinnere mich nicht mehr genau an die zeitliche Dimension, vermute aber, dass Dotcom zu diesem Augenblick bereits wieder auf freiem Fuß war. In jedem Fall entschloss ich mich, dem eigenwilligen deutschen Unternehmer bei Twitter zu folgen. Der Gedanke, nicht nur aus den Medien über den Stand der Dinge zu erfahren, sondern auch seine Sichtweise zu hören, faszinierte mich. Irgendwann fühlte ich mich von seinen Parolen und monotonen Verbalattacken gegen Justiz und Ermittlungsbehörden zwar gelangweilt und strich ihn von meiner Follower-Liste. Doch lange dauerte es nicht, da gab es die nächste Gelegenheit, einen direkten Einblick in die Gedankenwelt eines in der Schusslinie stehenden IT-Entrepreneurs zu erhaschen.

Denn John McAfee, der in seiner Wahlheimat Belize wegen der Verwicklung in einen Mord gesucht wird, liefert mit seiner Flucht, die in Abschiebehaft in Guatemala ein vorläufiges Ende fand, nicht nur eine der skurrilsten Geschichten des Jahres. Der skandalträchtige Gründer des gleichnamigen Herstellers von Antivirus- und Computersicherheitssoftware erlaubt es allen Interessierten auch, sich über Blogeinträge über die aktuelle Situation zu informieren. Sein angeblicher Blogbeitrag aus der guatemaltekischen Untersuchungshaft hat das Zeug zum Kultstatus: Das Bloggen aus einer gefängniszelle sei eine bahnbrechende Aktivität und er sei gespannt, ob sie Anklang finde, so der von der Presse als paranoid dargestellte Unternehmer. Am Sonntag meldete er sich per Live-Videostream aus seiner Zelle und gab Lesern seines Blogs und seinen Twitter-Followern die Möglichkeit, Fragen zu stellen, von denen er anschließend einige beantwortete. Direktkommunikation aus dem Gefängnis an den Gatekeepern vorbei.

Ganz anders als McAfee und Dotcom reagierte der bekannte deutsche, in London beheimatete Startup-Investor Stefan Glänzer, als er Ende November vollkommen überraschend wegen sexueller Belästigung in die Schlagzeilen geriet (und geständig war). Neugierig, wie Glänzer per Twitter auf den Bericht reagieren würde, besuchte ich seinen Account. Doch der Unternehmer hatte offensichtlich den persönlichen Entschluss gefasst, das Thema per Twitter gar nicht zu erwähnen.

Knapp zwei Wochen später geht es nun schon wieder einem der von mir gefolgten Twitter-Nutzer an den Kragen (ein schlechtes Omen für alle anderen Personen, die ich bei Twitter abonniert habe?): Fabian Thylmann, der als Kopf hinter der Firma gilt, die unter anderem Sites wie “Youporn”, “Pornhub” und “MyDirtyHobby” betreibt, ist in seiner Wahlheimat Belgien wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung festgenommen worden (Link zum Artikel bei Welt Online). Der Deutsche, der zwei Monate zuvor eine Unterlassungsverfügung gegen einen ausführlichen Welt-Artikel über sein “Pornoimperium” erwirkt hatte, twittert seit langem unter @ftyl.

Als ich am Montag von seiner Festnahme erfuhr, besuchte ich direkt sein Twitter-Konto. Einerseits, um in Erfahrung zu bringen, ob die Nachricht den Tatsachen entspricht, und andererseits, um zu schauen, ob Thylmann wie McAfee einen Computer in seiner Zelle stehen hat. Dem scheint nicht so zu sein, bisher blieb er bei Twitter stumm.

Wieso im Jahr 2012 gefühlt so viele Netzprominente mit dem Gesetz in Konflikt kamen, darauf habe ich keine Antwort. Durch Social Media verändert sich aber die Art, wie sich Journalisten, Blogger, persönliche Bekannte und interessierte Außenstehende über derartige Fälle informieren können. Und für die Betroffenen entsteht jeweils die Frage, ob und wie sie zu Vorwürfen Stellung nehmen. Uns und unseren Leser wünschen wir natürlich, dass dieses Thema niemals aktuell wird. Es liegt jedoch in der menschlichen Natur, von Kriminalfällen in einen magischen Bann gezogen zu werden. Tausende Roman- und Kinoerfolge sind der eindeutige Beleg. Twitter und Blogs ermöglichen es nun, den in realen Fällen involvierten Personen näher zu kommen als je zuvor.

(Foto: stock.xchng/Cna110703)

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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