On-Demand-Fotos von Orten:
eyeQuest stellt sich der Herausforderung

“Schau dir die Welt durch die Augen eines anderen an”, so der Aufruf von eyeQuest. Das Berliner Startup stellt sich den damit verbundenen Herausforderungen.

Als ich im Mai dieses Jahres die Pläne des Berliner Startups eyeQuest vorstellte, fiel mein Fazit gemischt aus. Während das Konzept, dass jeder Smartphone-Besitzer zu jedem Zeitpunkt ein im Moment aufgenommenes Video oder Foto von einem beliebigen Ort anfordern kann, in einer Vielzahl von Einsatzszenarien äußerst praktisch sein dürfte, stellt das Henne-Ei-Problem und die enorme Schwierigkeit für nahezu alle der Hunderten von jungen mobilen Social Apps, eine kritische Masse an Usern zu erreichen, die Hauptstädter vor eine riesige Herausforderung. Um es mit den Worten des von mir geschätzten New Yorker Investors Fred Wilson auszudrücken: “Das Verhalten der Anwender wird zunehmend starr, und es ist komplizierter denn je, aus dem Nichts eine breite Nutzerschaft aufzubauen”.

Doch das eyeQuest-Gründer-Trio, bestehend aus Lüder Brüggemann, Thomas Brüggemann sowie Meik Dankleff, lässt sich von den widrigen Marktgegebenheiten nicht einschüchtern. Zumal die Drei vollständig auf das mobile Web setzen und damit von den allgemein steigenden Anwenderzahlen und der zunehmenden Offenheit der User für Anwendungsbereiche des mobilen Internets profitieren. Vor wenigen Tagen gaben sie grünes Licht für die offene Beta-Phase von eyeQuest. Ab sofort steht die für iPhone und Android angebotene App allen Interessierten zum kostenlosen Download bereit, nachdem sie im Vergleich zur Closed-Beta-Version von grundauf überabeitet wurde.

Am Prinzip hat sich aber nichts geändert: Wer aus privaten oder beruflichen Gründen eine Momentaufnahme von irgendeinem Ort benötigt, der kann über die App eine entsprechende Eyequest erstellen und darauf hoffen, dass diese von einem anderen, am jeweiligen Ort befindlichen User in Form eines Fotos oder Videos erledigt wird. Um derartige Anfragen zu generieren, ist ein Punkteguthaben (“Diamanten”) erforderlich. Dieses wird durch das Absolvieren von Eyequests anderer Mitglieder aufgefüllt. Auf einer Karte zeigt die App in der Umgebung zu erledigende Foto-/Videoaufträge, außerdem informieren Push-Mitteilungen über Eyequests im unmittelbaren Umfeld.

Vorerst beschränkt auf Eyequests in Berlin

Wie in der geschlossenen Beta-Phase gestattet das Startup auch weiterhin nur die Erstellung von Eyequests für Berlin. Diese Kräftebündelung auf die Heimat des jungen Unternehmens soll dazu führen, dass sich dort schnell eine funktionierende und zufriedende Community entwickelt, die den klaren Mehrwert erkennt und die Kunde über die Anwendung weiterverbereitet, erklärt Co-Founder Lüder Brüggemann diese Strategie. Im nächsten Schritt folgt dann eine Lancierung in ganz Deutschland und anschließend weltweit. Schon heute kann die App global aus dem App Store beziehungsweise Google Play Store heruntergeladen werden, und dank des Startguthabens von 200 Diamanten lassen sich von überall aus der Welt immerhin 20 Eyequests für Berlin erstellen, bevor das Guthaben verbraucht ist.

Die Fokusstrategie auf eine oder einzelne Metropolen hat augenscheinlich Vor- und Nachteile. foursquare begann genau auf diese Art und war zuerst nur in einzelnen US-Städten verfügbar, bevor es sukzessive für internationale Hauptstädte und schließlich für die gesamte Welt geöffnet wurde. Verhindert wird bei diesem Verfahren, dass User in Buxtehude, Oberammergau oder anderswo die App nach dem Ausprobieren enttäuscht wieder löschen, weil sich in ihrer Umgebung keine anderen Anwender befinden. Stattdessen kann das Startup seine begrenzten Ressourcen komplett auf Marketing- und Community-Building in ausgewählten Städten konzentrieren, um Usern dort schon beim ersten Kontakt mit der App den Eindruck zu vermitteln, dass sie es mit einer sehr regen Community zu tun haben. Nichts erstickt das Interesse von Early Adoptern an einem neuen Social-Web-Projekt schneller als das Gefühl, eine virtuelle Geisterstadt vor sich zu haben.

Kooperationen mit reichweitenstarken Partnern

Neben den üblichen PR- und Marketingmaßnahmen sollen nach Aussage von eyeQuest-Chef Lüder Brüggemann vor allem Kooperationen mit reichweitenstarken Partnern in Berlin dazu führen, die Zahl der aktiven Nutzer und vorhandenen Eyequests schnell zu steigern. Ein erstes Beispiel dafür ist die Aktion Plakatjagd, bei der eyeQuest-User im Rahmen einer sogenannten “Special Quest” ein in Berlin aufgehängtes Tourplakat der Band Adoro fotografieren sollen, um an einer Verlosung teilzunehmen. Zwar unterstreicht Brüggemann, dass die Monetarisierung im jetzigen Stadium noch nicht im Vordergrund steht, doch die Kampagne gibt einen Vorgeschmack darauf, wie sich eyeQuest in Zukunft von Unternehmen und Marken für Werbekampagnen einsetzen lässt. Das Feature der Special Quest erinnert an die mobilen Crowdsourcingapps StreetSpotr, Workhub und AppJobber, die freie Minuten von mobilen Nutzern dazu verwenden wollen, Kleinstaufgaben für Firmen zu erledigen.

Verifzierung von User Generated Content als Einsatzgebiet

Lüder Brügemann, der zusammen mit seinem Bruder Thomas die Geschäftsführung von eyeQuest inne hat, beschreibt noch diverse andere Einsatzfelder der App im geschäftlichen beziehungsweise professionellen Kontext, darunter etwa die Verifizierung von User Generated Content. Wie die Ereignisse rund um den Wirbelsturm Sandy verdeutlichten, gehört die Verifizierung von über Social Media verbreiteten Augenzeugenberichten und -dokumenten zu einer der wichtigsten Aufgaben des heutigen und künftigen Journalismus. Journalisten könnten via eyeQuest Fotos oder Videomaterial von einem Ort erfragen, von dem sie nicht eindeutig als echt zu verifizierende Meldungen oder Schnappschüsse erhalten haben. Dank einer Validierung des Aufnahmezeitpunkts und -standorts mittels GPS seien Fake-Bilder ausgeschlossen, so Lüder Brügemann.

Damit Journalisten aber mit eyeQuest tatsächlich innerhalb möglichst weniger Minuten die entsprechende Bestätigung beziehen können, müssen erst einmal Tausende Berliner als aktive Mitglieder gewonnen werden, die entweder animiert von den eingebauten Gamification-Elementen und Ranglisten die App regelmäßig öffnen, oder die Push-Benachrichtigungen zulassen. Hätte das Unternehmen unbegrenztes Kapital, könnte es sich die Aktivität einfach in Form von aus Usersicht attraktiven Belohnungen wie Gutscheinen oder Geldpreisen für erledigte Eyequests erkaufen. Noch finanzieren die Gründer ihr Startup jedoch aus eigenen Mitteln, weshalb eine derartige Option derzeit wohl nicht zur Debatte steht. Vieles hängt daher von Kooperationspartnern ab, deren über eyeQuest durchgeführte Kampagnen Smartphone-Besitzer dazu bewegen, die App zu installieren.

Instagram ist ein Konkurrent

Angesichts der großen Zahl an denkbaren Use Cases finde ich, dass die Idee der Berliner unbedingt in irgendeiner Form verwirklicht werden sollte. Bei über einer Milliarde Smartphone-Besitzern weltweit kann man davon ausgehen, dass in dicht besiedelten Gebieten dieses Planeten fast überall zu jedem Augenblick an jedem Ort eine Handy-Kamera präsent ist. Diese in eine On-Demand-Ressource verwandeln zu können, liegt angesichts der Schnappschuss-Affinität der meisten Menschen nahe. Nur auf welche Weise man dieses Potenzial am besten anzapft, darüber lässt sich streiten. eyeQuest versucht es über den direkten Weg, indem es genau dieses Ziel in den Mittelpunkt seiner Kommunikation stellt. Instagram dagegen lässt seine Mitglieder Fotos publizieren, die für Freunde und Kontakte sehenswert sein könnten. Über 1,3 Millionen pro Tag landen auf den Servern der Kalifornier. Die externe App Worldcam zeigt, wie ein Mashup aus Instagram und foursquare den spezifischen Zugriff auf aktuelles Fotomaterial von Orten ermöglicht. Der Vorzug des eyeQuest-Ansatzes liegt darin, dass sich explizite Anfragen für spezifische Fotos an die Community stellen lassen. Doch für wie lange noch wird Instagram ein entsprechendes Feature fehlen? Damit eyeQuest eine Chance haben soll, müssen die Berliner jetzt sehr intelligent handeln, effektive Partnerschaften eingehen und sich beeilen. Und sie sollten darüber nachdenken, Instagram-Bilder zu integrieren, um neuen Usern schnell erste “Erfolgserlebnisse” zu bescheren.

Link: eyeQuest

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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