Relaunch mit “Repost”-Funktion:
Ein Feature, das SoundCloud verändert

Nach einigen Monaten im limitierten Beta-Stadium hat SoundCloud eine komplett überarbeitete Version lanciert. Die neue Repost-Funktion verändert die Plattform grundlegend.

Vor wenigen Wochen sang ich ein kleines Loblied auf die Berliner Audioplattform SoundCloud und unterstrich ihr mögliches Potenzial als besseres Spotify. Inwieweit das von mir in dem Beitrag vorgeschlagene freiwillige Vergütungsmodell eines Tages Realität werden könnte, darauf ist das Unternehmen zwar bisher nicht eingegangen. Mit einer komplett überarbeiten Version, die seit heute nach einer mehrmonatigen Beta-Phase für alle SoundCloud-Nutzer offen steht, unterstreichen die Hauptstädter aber ihre Ambitionen, sich mit YouTube messen zu wollen – und eines Tages sogar mehr Content zu hosten als Googles Videplattform.

Den Startschuss für “Next”, wie das Unternehmen seine neueste Fassung nennt, gab Gründer Alexander Ljung auf der momentan in Paris stattfindenden LeWeb-Konferenz – deren Live-Stream aus ungeklärten rechtlichen Gründen in Deutschland dieses Mal nicht verfügbar ist. Ljung, der mittlerweile auf der Bühne in seiner Gestik und Mimik nicht mehr wie der junge exilschwedische Berlin-Hipster sondern eher wie ein erfahrener Silicon-Valley-Entrepreneuer wirkt, präsentierte die Kernfunktionen des neuen SoundCloud und ging auf einige Meilensteine ein, darunter, dass 180 Millionen Menschen monatlich SoundCloud-Inhalte verbreiten oder anhören, und dass jede Minute zehn Stunden an Audiomaterial auf die Plattform geladen werden.

Ich erspare mir an dieser Stelle eine Auflistung der Neuerungen, diese lassen sich im SoundCloud Blog nachlesen. Ein Feature möchte ich aber hervorheben. Eines, bei dem ich glaube, dass es die Attraktivität von SoundCloud für die breite Masse der Nutzer massiv erhöhen wird: Das “Reposting” von Inhalten anderer Nutzer analog zum Retweet bei Twitter oder Repin bei Pinterest.

Bisher war es nämlich so: Während Musiker, DJs, Podcaster und Journalisten in regelmäßigen oder unregelmäßigen Abständen ihr selbstproduziertes Audiomaterial zu dem Dienst hochluden und sich damit sukzessive eine ansehnliche Followerzahl erarbeiten konnten, existierten nur wenig Gründe, die Profile von Mitgliedern zu abonnieren, die SoundCloud primär zum Anhören des Contents anderer verwenden. Doch 95 Prozent der Internetnutzer fallen genau in diese Kategorie. Ich beispielsweise verwende SoundCoud sehr intensiv, doch auf meinem eigenen Profil befanden sich bisher lediglich zwei völlig belanglose Uralt-Aufnahmen. Der einzige Grund, wieso man mir dennoch hätte folgen können, war, um dann im persönlichen Newsfeed meine Aktivitäten, also etwa Likes von Songs, Mixen oder sonstigen Aufnahmen vorzufinden. Diese tauchten aber ohnehin nur in der Browseroberfläche auf und nicht in den mobilen Apps.

Wie hoch der Anteil der SoundCloud-Nutzer ist, die ausschließlich konsumieren und nicht eigenmächtig für mehr als drei Leute interessanten Content bei SoundCloud publizieren, dazu äußerte sich das Startup auch auf Anfrage nicht. Ich behaupte, es ist der Löwenanteil. Mit der Einführung der Reposting-Funktion verändert SoundCloud für alle diese Nutzer die Vorzeichen. Denn indem sie nun jeden bei dem Service gefundenen Audiocontent per Repost über ihr eigenes Profil weiterverbreiten können, schlüpfen sie in die Rolle von Kuratoren. Nicht jeder wird diese Aufgabe übernehmen wollen. Manche User jedoch wird es begeistern, dass sie nun selbst über das Favorisieren hinaus einen Mehrwert zur Verbreitung von Inhalten über SoundCloud leisten können, ohne selbst mit Uploads zu partizipieren. Ganz praktisch heißt dies, dass ich ab sofort auch mein eigenes SoundCloud-Profil zum Abonnieren empfehlen kann. Sofern man elektronische Musik von damals und heute mag. Eine andere neue Funktion, die “Sets”, helfen beim gut sortierten Kategorisieren der Reposts.

Auch für Musiker, DJs und Blogger ist das Reposting zweifellos eine willkommene Neuerung, transformiert es doch alle Follower in kostenfreie Botschafter, die per Repost den jeweiligen Audioinhalt einer größeren Zahl von Menschen zugänglich machen. Seit dem ersten Tag positioniert sich SoundCloud für Produzenten in erster Linie als Promotionwerkzeug, weshalb es im Gegensatz zu On-Demand-Plattformen wie Spotify, Rdio, simfy oder Deezer nicht Geld auszahlt, sondern Geld für das Hosten des Contents verlangt.

Ich glaube, dass SoundCloud mit dem Reposten einen ganz großen Schritt hin zu einer gesellschaftlichen Bedeutung macht, die zumindest ein stückweit in die Nähe der von YouTube kommt. Momentan ist es davon trotz des regelmäßig von Alexander Ljung wiederholten Mantras, Sound sei überall und beträfe jeden Menschen stärker als Videos, noch weit entfernt. Genau genommen passt eine Analogie mit Twitter nun eigentlich deutlich besser als die mit YouTube – denn ein vergleichbar simples Follow-Feature für alle Mitglieder existiert bei Youtube nicht, auch wenn Google dies mit der Verschmelzung von Google+ gerade zu ändern versucht.

Das neue SoundCloud bestätigt mich in meiner Annahme, dass die Plattform trotz – oder gerade wegen – ihres primären Zwecks des Marketings für Musik und Audioinhalte und des proklamierten Schwerpunkts auf allen Arten von Sounds, nicht nur Musik, nach und nach zu einem ernstzunehmenden Wettbewerber für On-Demand-Plattformen werden könnte. Wobei abzuwarten bleibt, was Spotify in zwei Tagen auf seiner großangekündigten Presseveranstaltung vorstellen wird. Laut TechCrunch erhält der marktführende On-Demand-Streamingservice ebenfalls eine Follow-Funktion. Doch Spotify kann sich noch so ins Zeug legen: Die Verquickung mit den großen Plattenfirmen, die rund 18 Prozent an Spotify besitzen, wird sich immer dann als Bremse erweisen, wenn es darum geht, die Wertschöpfung digitaler Musik weiter an die Gegebenheiten der Aufmerksamkeitsökonomie anzupassen. SoundCloud muss sich zwar ebenfalls um ein tragfähiges Erlösmodell bemühen, aber hat wenigstens keine nörgelnden Musiker und Labels im Nacken, die sich darüber beklagen, aus 100 angehörten Streams gerade mal einen Cent Umsatz zu generieren. Jeder, der freiwillig bei SoundCloud Musik hochlädt, egal ob Interpret oder Indie Label, tut dies mit dem Zweck, auf sich aufmerksam zu machen und loyale, begeisterte Anhänger um sich zu scharen, die kaum darauf warten können, Geld in Konzerte, DJ-Gigs, Merchandising oder Sondereditionen zu investieren.

Natürlich bleibt den Hauptstädtern auch für die Zukunft noch die Option eines freiwilligen Zahlungssystems, wie von mir hier skizziert. Aber ungeachtet dessen steht jetzt schon fest: SoundCloud erhöht nach einer Zeit des gefühlt gemächlichen Spazierens deutlich das Tempo. Die Richtung, in die es sich bewegt, lässt viel Raum für Fantasie.

Die mobilen Apps sollen übrigens in den nächsten Tagen auf den neuesten Stand gebracht werden.

Weniger begeistert über die die Marschroute von SoundCloud dürfte das von mir ebenfalls geschätzte Musikstartup musicplayr sein. Mit Repost und Sets fischt SoundCloud in den Gewässern, welche das auch aus Berlin stammende Startup zu erobern versucht. Allerdings können Nutzer dort auch Songs aus anderen Quellen wie etwa von YouTube oder Musikblogs publizieren. Je mehr Content jedoch bei SoundCloud verfügbar ist, desto weniger ist dies ein überzeugendes Alleinstellungsmerkmal

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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4 Kommentare

  1. Finde es lustig wie positiv Du SC siehst ;) Ich sehe die eher auf dem absteigenden Ast. Es ist für mich nur ein Hoster wo ich mein Zeug hochlade und es dann auf der Website usw. einbinde.

    … und eines Tages sogar mehr Content zu hosten als Googles Videplattform.

    Ist das erstrebenswert? Klasse statt Masse wäre besser.

    die Profile von Mitgliedern zu abonnieren, die SoundCloud primär zum Anhören des Contents anderer verwenden. Doch 95 Prozent der Internetnutzer fallen genau in diese Kategorie.

    Schön wäre es, nur leider tummeln sich auf SC mehr Produzenten als Konsumenten. Für Konsumenten ist SC auch uninteressant, weil keiner halbfertige Demos unbekannter Künstler hören will.

    Jeder, der freiwillig bei SoundCloud Musik hochlädt, egal ob Interpret oder Indie Label, tut dies mit dem Zweck, auf sich aufmerksam zu machen und loyale, begeisterte Anhänger um sich zu scharen…

    Da stimme ich zu aber…

    …die kaum darauf warten können, Geld in Konzerte, DJ-Gigs, Merchandising oder Sondereditionen zu investieren.

    … da aber definitiv nicht! ;) Wiegesagt da sind nur Produzenten die anderen Produzenten folgen, um ev. von ihnen auch gefolgt zu werden *G*

    • Angenommen, die von dir beschriebene Problematik besteht, dann würde genau die Repost-Funktion dafür sorgen, dass SoundCloud für Nicht-Produzenten attraktiver wird. Zumindest sehe ich das so. Aus den im Artikel beschriebenen Gründen.

      Ich sehe zumindest nicht, wieso SC deshalb auf dem absteigenden Ast sei.

      Angenommen, die von dir beschriebene Problematik besteht, dann würde genau die Repost-Funktion dafür sorgen, dass SoundCloud für Nicht-Produzenten attraktiver wird. Zumindest sehe ich das so. Aus den im Artikel beschriebenen Gründen.

      Ich sehe zumindest nicht, wieso SC deshalb auf dem absteigenden Ast sei.

      P.S. Vieles hängt sicher auch vom bevorzugten Musikgenre ab. Ich sehe im Segment Eletronic/House sehr wenige unfertige Demos und sehr viele fertige Tracks.

    • Angenommen, die von dir beschriebene Problematik besteht, dann würde genau die Repost-Funktion dafür sorgen, dass SoundCloud für Nicht-Produzenten attraktiver wird.

      Du drehst Dir das immer wie Du es gerne hättest oder? :)

      SC ist für reine Konsumenten einfach nicht interessant. Es gibt keine Charts, keine Empfehlungen usw.

      Die ganze Plattform wurde einfach falsch aufgebaut.

      Es sollte sowas wie MySpace (B2C) werden, aber letztendlich tummeln sich da eben nur (Amateur-)Produzenten und gehen sie gegenseitig mit Spam auf den Geist.

      Es wird also genauso enden wie bei MySpace.

      P.S. Vieles hängt sicher auch vom bevorzugten Musikgenre ab. Ich sehe im Segment Eletronic/House sehr wenige unfertige Demos und sehr viele fertige Tracks.

      Aber wen interessieren diese Tracks? Doch nur Leute die zuviel Zeit haben und dort irgendwelche Perlen suchen. Da komm ich bei Last.fm schneller zum Ziel…

  2. SoundCloud hat großes Potential wie ich finde und steht keineswegs in Konkurrenz zu Spotify und anderen Streamingdiensten. Was YouTube für Videos ist, ist SoundCloud für Klänge. Von daher hoffe ich, dass es mehr Menschen nutzen werden und nicht mehr Tondateien mit statischen Bildern auf YouTube hochladen (Idioten <3).
    Die perfekte Monetarisierung für einen Dienst wie SoundCloud ist meines Erachtens die wie die von Vimeo. Umsonst mit Werbung, Pro-Accounts ohne Werbung + mit mehr Features; Videoeigentümer können dann entscheiden ob sie ihre Videos für lau anbieten, den Content gegen Bezahlung anbieten oder auf Trinkgeld setzen.
    Die Reblog Funktion halt ich übrigens eher für unnötig. Likes bzw. Favorites reichen hier eigentlich und kommt ziemlich auf das selbe hinaus, wenn ich diese in meinem Feed sehen könnte.

    denn ein vergleichbar simples Follow-Feature für alle Mitglieder existiert bei Youtube nicht, auch wenn Google dies mit der Verschmelzung von Google+ gerade zu ändern versucht.

    Dieses einfache Follow-Feature ist doch im Prinzip das “Subscriben”, da man hier auch alle Likes/Favorites etc. in seinem Feed erhält, wenn man möchte.

 
vgwort