WhatsApp und Co:
Die heimliche Sehnsucht der Nutzer nach weniger Vielfalt

Ideen wie Second Screen, Instant Messaging oder People Discovery setzen sich schwerer durch, wenn zu viele Anbieter den gleichen Ansatz verfolgen. Die Nutzer wünschen sich insgeheim, auf nur einem oder zwei Diensten alle ihre Freunde zu finden. Tun sie das, spielen Sicherheitsbedenken kaum noch eine Rolle.

Der Erfolg von WhatsApp ist nicht so einfach zu erklären. Der mobile Instant Messenger ist weder der beste, noch der einzige seiner Zunft. Das Unternehmen gibt sich zugeknöpft, liest Adressbücher aus, spottete lange jeglichem Datenschutz. Konkurrenten gibt es zu Hauf, KikYuilop oder mySMS sind nur einige Beispiele. Warum also WhatsApp? Vielleicht gerade, weil die Menschen diese Vielfalt nicht wollen. Wenn man alle seine Freunde auf fünf Dienste verteilt hat, kommt man aus dem App-Management gar nicht mehr heraus. Einigt man sich stillschweigend auf WhatsApp, haben es alle Seiten viel bequemer. Der Messenger aus Kalifornien war zwar nicht als erster da, aber er bot eine bequeme Lösung zu einer Zeit, als Sicherheitsbedenken bei den Early Adopters weniger weit verbreitet waren als heute. Als Multiplikatoren führten sie den Dienst nach und nach im Freundeskreis ein. Die Konkurrenz hatte von da an praktisch keine Chance mehr.

Dabei hat Samsung mit ChatOn eine sicherere Lösung für mittlerweile nahezu alle Plattformen vorgestellt. Die Mobilfunkindustrie will mit Joyn einen eigenen SMS-Ersatz lancieren – doch der muss erst einmal in den Köpfen der Nutzer und vor allem auf ihren Mobiltelefonen ankommen. Anwender von einer etablierten Lösung abzubringen, gelingt allenfalls mit einer noch bequemeren Lösung, dem Zuspruch wichtiger Multiplikatoren und einem massiven Marketingbudget.

Es ist der gleiche Grund, warum Google+ noch nicht den Stellenwert von Facebook erreicht hat oder warum eigentlich jede Second-Sceen-App sich sehr schwer tut. Es gibt jeweils zu viele davon. Google+ konkurriert mit Facebook und Twitter. Für Second Screen, eigentlich ein spannendes Thema, gab es von Anfang an sehr viele Dienste national wie global. Sich mit Freunden oder der Welt über Lieblingsserien oder das laufende Fernsehprogramm auszutauschen, macht Spaß. Tun kann man das aber sowohl auf Miso, Get Glue, IMDB, Zapitano, Tweek.tv oder, recht neu, wywy. Wie soll man sich mit seinen Freunden über das laufende Fernsehprogramm unterhalten, wenn diese auf drei, vier, fünf Plattformen verteilt sind? Deswegen findet Second Screen derzeit vor allem auf Twitter und Facebook statt, Netzwerken, auf denen man ohnehin Zeit verbringt.

Dienste, die Erfolg haben, sind als erster dran, liefern einen guten Service und begeistern früh wichtige Multiplikatoren. Twitter machte seinerzeit die Kommunikation über 140 Zeichen als erster marktreif und fand regen Zuspruch bei den Early Adopters; zahlreiche Copycats kamen da zu spät. Instagram feiert Erfolge, weil die Mischung aus Fotofiltern, Community und Ökosystem in der Form zuvor von niemandem erfolgreich abgedeckt worden war. Die schnell wachsende Masse an aktiven Mitgliedern erschwerte es anderen Diensten, dem Platzhirsch den Rang abzulaufen. Social Gifting hingegen war ein Thema, das von Wrapp, Dropgifts und Karma angeboten – und praktisch von Facebook vereinnahmt wurde, als das Social Network im Zuge seines Börsengangs Karma übernahm.

Hat der Herdentrieb eingesetzt, ist das Rennen praktisch entschieden

Das Thema Location wurde einst bedient von Foursquare, Yelp, Amen, Qype, Friendticker, Gowalla und später Facebook. Der Markt hat sich inzwischen konsolidiert, weil sich Location bisher als weniger lukrativ erwies, als der Trend einst versprach. Foursquare hat als Nummer eins mit Problemen zu kämpfen, Facebook übernahm Gowalla, Yelp erwarb Qype; bei Friendticker passiert nicht mehr viel, Amen kämpft seit dem ersten Tag gegen die eigene Bedeutungslosigkeit. Ähnlich sieht es mit People Discovery aus: Highlight, Glancee, Sonar, Banjo, Uberlife und, wenn man so will, auch Aka-Aki und Gauss buhlten um die Krone. Heute trägt sie keiner. Facebook kaufte Glancee, um einige der Funktionen zu integrieren und den kleinen Diensten das Wasser abzugraben. Der vermeintliche Trend könnte sich als kurzer Hype entpuppt haben. Hätte ein einzelner Dienst die Idee alleine für sich gehabt, wäre das Rennen anders verlaufen.

Nachdem viele junge Entwickler erkannt haben, dass sie mit Startups theoretisch reich und berühmt werden können, werden Ideen an mehreren Orten der Welt fast zeitgleich umgesetzt. Für die Entwicklerteams wird es deswegen zunehmend schwerer, etwas bahnbrechend Neues zu entwickeln, schnell umzusetzen und die kritische Masse zu erreichen, noch bevor eine schlagkräftige Konkurrenz entstehen kann. Ist der Nutzen nicht einleuchtend, geht vielen Diensten meist recht schnell die Luft aus. Ist es etwas, was den Menschen wirklich noch gefehlt hat, suchen sie sich irgendwann den einen oder maximal die zwei Dienste selbst aus, die sie dafür für am geeignetsten halten. Hier folgt man meist der Herde und geht einfach dorthin, wo die Freunde schon sind. Sicherheitsbedenken werden dann oft in den Wind geschlagen: Je mehr Bekannte einen Service nutzen, desto eher hält man ihn für seriös; egal, ob er es ist oder nicht. WhatsApp kann ein Lied davon singen.

Lässt sich dieser Herdentrieb beeinflussen? Gründer wie Kai Tietjen vom in der vergangenen Woche vorgestellten Location Based Chatdienst F1eld hoffen auf Pioniere, die als Multiplikatoren dienen und dann für den Netzwerkeffekt, sprich: Herdentrieb, sorgen. Hat der erst einmal eingesetzt, braucht eine mögliche Konkurrenz die Marketing-Maschinerie fast gar nicht mehr anzuschmeißen; dann ist der Zug bereits abgefahren. Doch überhaupt an diesen Punkt zu gelangen, ist mehr als eine Kunst.

 

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Redakteur bei neuerdings.com, netzwertig.com und dem Euronics Trendblog. Neue Gadgets und Software? Liebend gerne! Aber nur, wenn sie das Leben auch wirklich leichter machen.

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7 Kommentare

  1. Du hast natürlich vollkommen Recht mit der Beobachtung des Herdentriebs, aber ein zentraler Aspekt fehlt hier: Offenheit.

    Ich würde das nämlich so sehen: Es ist eine riesengrosse Frechheit, das sich nicht jeder Nutzer seine App aussuchen kann, die er für einen bestimmten Zweck haben möchte und das diese Apps dann einfach nicht miteinander kommunizieren können.

    Wenn Nutzer A aus Bequemlichkeit WhatsApp und Nutzer B als early Adapter Moped und Nutzer C GTalk benutzt, dann sollte das verdammt noch mal egal sein.

    So wie bei Emails. Da kann sich auch jeder seinen Anbieter aussuchen oder sogar zum eigenen Anbieter werden und wir können uns trotzdem verstehen. Das selbe gilt übrigens für alle Branchen, die du aufzählst.

    PS Ich glaube übrigens, dass WhatsApp wegen des Namens auch so erfolgreich ist. Den kann sich jeder merken und normale Nutzer finden den irgendwie witzig. Nicht zu unterschätzen bei mouth-to-mouth.

    • Das mit dem Namen ist ein interessanter Gedanke. “Früher”, als ich mal auf der Suche nach einem Meta-Client für ICQ war, habe ich mir mal einen Dienst namens “Everybuddy” angeschaut. Der konnte gar nichts, aber der Name ist bei mir hängen geblieben. Wäre vielleicht auch mal einen Artikel wert: Können Namen über Erfolg entscheiden.

  2. Hallo,

    ich kann allen Aussagen zustimmen. Einfachheit sowohl bei den Systemen selbst (Nutzung) wie auch bei der Anzahl der Systeme ist wichtig für die Nutzer.
    Die Technik – und damit die Sicherheitslücken – rückt komplett in den Hintergrund. Auch will der Nutzer oder die meisten Nutzer keine extra Konten haben/anlegen – zuviel Arbeit. In Zeiten in denen 99% der Leute einen Facebook Account haben, reicht imho eigentlich der Facebook-Messenger komplett. Dennoch finden viele Leute WhatsApp so toll, da dieser so einfach zu bedienen ist. Viele nutzen auch eher den WhatsApp Messenger als den Facebook-Messenger – trotz Facebook Account. Einfach weil er weniger “Login-Arbeit” verlangt und keine Namen oder E-Mailadressen ausgetauscht werden müssen. Einfachheit siegt.

    So zumindest meine Erfahrung.

    Beste Grüße
    Ralf

  3. Wenn ich es richtig erinnere muss man sich für WhatsApp nicht extra irgendwo/irgendwie anmelden, sondern muss “nur” seine Telefonnummer bestätigen. DAS – die Einfachheit – ist sicherlich ein Grund des Erfolges. Mittlewrweile ist es eben genau so, dass man sich dem nicht mehr entziehen kann (oder will) weil praktisch der komplette Freundeskreis darüber kommuniziert.

  4. Einerseits stimme ich zu. Allerdings beweist der Erfolg von WhatsApp gerade das Gegenteil.

    Es ist möglich, Nutzer für einen neuen Service zu gewinnen, obwohl diese bereits bei anderen dieser Services registriert sind und dort mit ihren Kontakten kommunizieren. WhatsApp wird ja nicht nur von Leuten genutzt, die Skype, Windows Live Messenger und ICQ bisher ignoriert hatten. Die lassen sich alle gut auf Smartphones nutzen – UND ZUSÄTZLICH am PC. Was ein ganz großer Vorteil ist.

    Die Bedeutung des Namens wurde ja schon angesprochen, daran dachte ich beim Lesen auch. WhatsApp hat einen griffigen, trendigen Namen. Bei vielen Konkurrenten ist das ganz anders.

    Was die Interoperabilität angeht: Soweit es das Schreiben von Textnachrichten angeht, sieht es heute gar nicht mehr so schlecht aus. Neben Multi-Messengern, die es längst auch als App bzw. speziell als App gibt, sind nicht wenige Dienste auch untereinander halbwegs kompatibel.

    Was ich nicht verstehe: Warum promoten Unternehmen wie Google ihre Lösungen nicht mehr? Einen Google-Account besitzen nicht nur extrem viele Internetnutzer. Ein großer Teil ist damit auch eingeloggt – etwa für GMail. Was hindert Google daran, Google Talk bekannter zu machen?

  5. ja, es wird oft vergessen, dass bei community-basierten diensten die community wichtiger ist als design und featurereichtum. auch studivz hat sich damals nur durch seine campus-kapitäne von der konkurrenz absetzen können. facebook hat sich anfangs auf prestigeträchtige colleges als community fokussiert. Deswegen sollte jedes community-basierte unternehmen von Stunde 1 an einen Community Manager einstellen, das Produkt selbst ist für den Kunden oft nachrangig.

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  2. [...] Hike ist da! Danke Boerge30 für den Tipp. Zur Zeit noch mit dem “kleinen” Problem das alles nicht verschlüsselt übertragen wird, dennoch glaube ich nicht das es sich als ernsthafte Alternative zu WhatsApp durchsetzen wird. Eventueller Grund: Die heimliche Sehnsucht der Nutzer nach weniger Vielfalt. [...]