Zukunft des Journalismus:
Sehr geehrter Herr Schirrmacher…

FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher beschreibt in einem aktuellen Artikel bei FAZ.NET seine Sorgen zur Zukunft des Journalismus – und liefert ein Beispiel dafür, woran es dem Verlagsjournalismus hapert, unfreiwillig gleich mit.

Sehr geehrter Herr Schirrmacher, mit großem Interesse haben wir Ihren aktuellen, im Netz bereits intensiv diskutierten Artikel zur Zukunft des Journalismus gelesen. Auch wenn wir Ihre skeptische Grundperspektive nicht teilen, freut es uns, dass Sie sich als Mitherausgeber der FAZ öffentlich derartig ausführlich mit den Konsequenzen des Internets für die schreibende Zunft auseinandersetzen. Zudem begrüßen wir es, dass bei Ihnen ein tatsächlich vorhandenes Interesse für die Digitalisierung und alle ihre Facetten zu existieren scheint, welches über die notwendige Auseinandersetzung mit dem Thema im Rahmen Ihrer beruflichen Rolle hinausgeht. Leider erwecken nicht alle Medienentscheider in Deutschland diesen Eindruck.

Positiv stimmt uns auch, dass Sie offensichtlich einen jüngst bei netzwertig.com veröffentlichten Beitrag gelesen haben, der beleuchtet, wieso Konsumgüterhersteller künftig eigene Newsrooms und von ihrer produktspezifischen Kommunikationsarbeit losgelösten Journalismus betreiben könnten. Sie nehmen wie folgt auf den Text Bezug:

“Ein auf Medienökonomie spezialisiertes Portal findet es mittlerweile nicht schlecht, wenn Konsumhersteller ihre eigenen Nachrichtenseiten produzieren: Dann kenne man wenigstens die Interessenkonflikte. Wir freuen uns schon, wenn Apple über die Arbeitsbedingungen in China berichtet oder Coca-Cola über die Segnungen der Globalisierung”

Wir fühlen uns geehrt, dass wir Sie zumindest in diesem Fall als Leser begrüßen konnten, auch wenn Sie den Grundtenor des Textes offensichtlich für realitätsfremd halten. Das ist in Ordnung. Die interessantesten und ergiebigsten Beiträge sind die, die nicht nur Zustimmung ernten. Das kennen Sie ja selbst.

Nur eine Sache verstehen wir nicht: Wie kommt es, dass Sie in einem Text, der sich mit dem Überleben von gutem Journalismus in einer digitalisierten, von neuen, mächtigen Akteuren beherrschten Welt auseinandersetzt, selbst so offensichtlich eine Gelegenheit auslassen, guten Journalismus zu machen, und stattdessend Ihren Lesern Informationen vorenthalten?

Wir verstehen es, dass Sie mit Verweisen sparsam umgehen und deshalb lediglich zweimal auf die New York Times verlinken. Schließlich wollen Sie die Aufmerksamkeit mit maximalem Effekt auf Ihre eigenen Ausführungen lenken. Aber wäre es nicht nach den ganz simplen Regeln des Printjournalismus angemessen, die Quelle beim Namen zu nennen, anstatt Leser bewusst im Unklaren zu lassen und mit einem “Ein auf Medienökonomie spezialisiertes Portal” abzuspeisen? Im letzten Absatz nehmen Sie Bezug auf einen Artikel der Wochenzeitung “Die Zeit”. Dort schreiben Sie nicht etwa “fragt eine Wochenzeitung”, sondern Sie nennen sie beim Namen. Gleiches gilt an anderer Stelle hinsichtlich der von Ihnen zitierten Zeitschrift “The Baffler”.

Genau die Art, wie Sie in Ihrem Text traditionelle, allgemein anerkannte Medienmarken mit dem Respekt der namentlichen Erwähnung wertschätzen und gleichzeitig ein junges, Ihrer Leserschaft vermutlich weitgehend unbekanntes Fachblogs oder “Portal” zwar indirekt wiedergeben, aber nicht nennen, zeigt die Kluft, die zwischen den implizierten Ambitionen des Qualitätsjournalismus, dem Leser verpflichtet zu sein, und der Realität besteht.

Wäre der Kernfokus Ihres Textes nicht ausgerechnet die Zukunft des (Qualitäts)Journalismus, hätten wir nicht extra eine derartige Reaktion darauf verfasst – schon weil es natürlich leicht kleinkariert wirkt. Es geht uns wahrlich nicht darum, auf diese Weise eine Nennung zu erhaschen. Nein, wir sind Ihnen gewissermaßen dankbar.

Denn nichts illustriert das Grundproblem des Verlagsjournalismus im Jahr 2012 besser als die fehlende Einsicht, dass “guter Journalismus” im Netz nicht allein die Frage betrifft, ob künftig noch hinreichend finanzielle Mittel für zehnseitige Enthüllungsreportagen vorhanden sein werden. “Guter Journalismus” ist vernetzter Journalismus mit flachen Hierachien, der neue Akteure mit all ihren Stärken und Schwächen anerkennt, statt sie misstrauisch und von oben herab zu beäugen. Nicht, um diesen einen Gefallen zu tun, sondern weil dies der ursprünglichen Mission von Journalismus einen Schritt näher kommt: Menschen unabhängig zu informieren und ihnen bei der Meinungsbildung zu helfen.

Die Zukunft des Journalismus beginnt im Kopf.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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14 Kommentare

  1. Ich find’s ok, dass man darauf mal hinweist. Ist ja echt ein Jammer, dass viele Journalisten nur auf das verlinken, was auch ihre Kollegen lesen. Blasenbildung allerorten.

  2. Schöne geschliffene Reaktion auf eine Unstimmigkeit, die in der Tat sehr gut das ganze rückwärtsgewandte Fremdeln und Ressentiment des Zeitungsjournalisten Schirrmacher gegenüber dem Internet und den Onlinemedien ausdrückt. Ich glaube, je weiter der Medienwandel voranschreitet, desto weniger wird man sich überhaupt um solches Gejammer scheren. Die große Beachtung seines Artikels ist immer noch der Tatsache geschuldet, dass die ganze Sache noch weit am Anfang steht. Wenn er seine Resssentiments weiter so larmoyant pflegt, wird er mit seiner Zeitung von der Online-Lawine schneller weggespült als er gucken kann. Und dann interessiert sich kaum jemand mehr für solches Gejammer.

  3. Exzellent geschrieben. Wenn ich in meinem Umfeld gefragt werde, was ich lese kommt immer die Antwort brandeins und eure Beiträge.

    Weiter so… Werde euer Leser bleiben.

  4. Ok, es wäre korrekter gewesen, wenn Schirrmacher Euer Portal beim Namen genannt hätte. Aber dass er’s nicht getan hat – rechtfertigt das zwei Seiten empörtes Beleidigtsein? Im übrigen hat er Recht: die Vorstellung, dass Konzerne wie Coca Cola, Nestlé oder Apple das Newsgeschäft übernehmen, ist ein Horrorszenario, und wenn Ihr das ernsthaft für eine diskutable Alternative zum unabhängigen Journalismus haltet, kann ich Euch nicht ernst nehmen. Ich weiß, dass keine Zeitung, kein Fernsehsender tatsächlich 100prozentig unabhängig ist, aber doch in einem Maß, das es rechtfertigt, einer Zeitung wie der FAZ, SZ oder ZEIT zu trauen. Einer Zeitung – ob auf Papier oder digital – von Coca Cola glaubte ich kein Wort. Es wäre das Ende der Pressefreiheit, wenn die News von Kommerz-Unternehmen kämen. Es gäbe dann keinen Journalismus mehr, sondern nur noch PR. Mir ist es wurscht, ob meine Zeitung auf Papier oder digital ins Haus kommt. Ich verstehe die Weltanschauungsschlachten nicht, die sich hier die Papierliebhaber mit den Monitorliebhabern liefern. Überhaupt nicht Wurscht ist mir, ob die Zeitung von einer unabhängigen Redaktion gemacht wurde, von bezahlten PR-Agenten oder von Lohnschreibern eines multinationalen Konzerns.

    • Kein Problem, wenn du anderer Meinung bist. Aber auf die Darstellung eines gar nicht so unwahrscheinlichen Szenarios (warum nicht, steht im besagten Artikel) mit “dann kann ich euch nicht ernst nehmen” zu reagieren, klingt danach, als läge das Problem eher in deiner eigenen Einstellung bzw. in deiner Romantisierung der Verlagsredaktionen.

      “Einer Zeitung – ob auf Papier oder digital – von Coca Cola glaubte ich kein Wort.”

      Kommt doch drauf an, oder? Wenn in dieser Zeitung umfangreiche, gut recherchierte Berichte über Weltraumexpeditionen oder igendwelche wissenschaftlichen Errungenschaften, Reiseziele, Sportlerkarrieren oder sonstigen weniger polarisierenden Content etc. zu lesen sind, warum sollte es dann schlechter sein als die Berichte einer “unabhängigen” Zeitung, neben deren Inhalten ein riesiger Coca-Cola-Banner prangt?

      Hast du den erwähnten Beitrag eigentlich gelesen?

  5. Natürlich habe ich ihn gelesen. Und mich hat der affirmative Charakter gestört, der Wunsch, Coca Cola dafür feiern zu wollen, dass der arroganten Zeitung Konkurrenz erwachsen soll. Schon die Wut auf die “alten Medien” und deren Verteidiger verstehe ich nicht. Und dass das Vorhaben der Konzerne, journalistische Inhalte produzieren zu wollen, als was Neues verkauft wird, überzeugt mich ebenfalls nicht. Machen Konzerne schon lange. Das Lufthansa-Magazin ist ein Beispiel dafür, das in den ICE-Zügen herumliegende Magazin der Bahn ebenfalls. Es gibt schon lange sehr viele, sehr langweilige Unternehmensmagazine. Nun wird das Zeug halt digital. Und bestimmt nicht spannender. Reiseziele, Sportlerkarrieren, Wissenschaft, Technik – ja, theoretisch kann über solche Themen auch in einer Coca-Cola-Redaktion was Tolles entstehen. Aber das eigentlich Spannende – die Politik, die Energiewende, die ungleiche Verteilung von Vermögen, die Frauenquote, Chinas Großmachtstreben, Amerikas durchgeknallte Republikaner, wo die griechischen Milliardäre ihr Geld haben – das alles wird nicht stattfinden in einem Coca-Cola-Magazin. Solche Magazine wollen die Welt von ihrer schönen Seite zeigen. Gern wird man die Geschichte des Abenteurers Felix Baumgärtner erzählen, obwohl diese Geschichte gesellschaftlich vollkommen irrelevant ist. Ungern wird man von Männern erzählen, die zwei Jahrzehnte lang ein Kind großgezogen haben, obwohl das höchste gesellschaftliche Relevanz hat.

    • . Ungern wird man von Männern erzählen, die zwei Jahrzehnte lang ein Kind großgezogen haben, obwohl das höchste gesellschaftliche Relevanz hat.

      Ehrlich gesagt sehe ich nicht, was dagegen spräche, dass das von Coca Cola beleuchtet wird. Oder von IKEA. Oder von H&M.

      Einige von dir genannte Themen sind heiße Eisen, ja. Aber nicht alle. Und immer abhängig davon, in welchen Segmenten das jeweilige Unternehmen tätig ist.

      Ich sehe es einfach nicht so schwarz wie du, auch wenn ich deine grundsätzlichen Bedenken in Teilen teile. Aber sie basieren eben auch auf der Annahme, dass es so sein wird, wie es schon immer war (“Lufthansa-Magazin war immer langweilig, also wird es auch für immer so bleiben”).

    • Ich denke, du schießt hier gerade ein bisschen über das Ziel hinaus.

      Von “Beleidigtsein” kann hier keine Rede sein (Finde einen Kommentar, der höflicher formuliert ist, als der von Martin…).

      Letztlich verallgemeinert Herr Schirrmacher einfach zu sehr (“…ein Portal findet es nicht schlecht…”), womit suggeriert wird, dass es sich um eine allgemeine redaktionelle Linie handeln würde.

      Hier drückt sich Herr Schirrmacher, verweigert dem Leser die Bezugsquelle und nutzt uns lediglich in Form eines anonymen Seitenhiebs als Trittbrett, um seine vorgefertigte Arbeitshypothese “durchzubringen”: Ein “Medienökonomie-Portal” goutiert “den Merger” von Journalismus und Werbewirtschaft. Die Markengiganten Coca Cola und Apple werden als meinungsverstärkende Feindbilder nachgereicht. Sittenverfall droht.

      Man kann immer auf die Nase fallen. Jeder, der Meinungsbeiträge verfasst, läuft Gefahr, irgendwo irgendwelche Lücken zu haben, etwas zu übersehen, nicht ausreichend zu recherchieren, seinen Ressentiments oder Vorlieben auf den Leim zu gehen, oder sich zu sehr in sein Thema verliebt zu haben. Da ist niemand von befreit.
      Oder wie Rudolf Augstein es ausdrückte „Ein leidenschaftlicher Journalist kann kaum einen Artikel schreiben, ohne im Unterbewusstsein die Wirklichkeit ändern zu wollen.“

      Das tut Herr Schirrmacher in seinem Beitrag. Ziel sollte es aber nicht sein, dieses durchaus verlockende Momentum bis zum Äußersten auszureizen – und zudem über die eigene Wort- und Sprachgewalt einen Halo-Effekt als Bauernfänger zu kreieren-, sondern sich abschließend auch zu fragen, inwieweit die Liebe zu den eigenen Großthesen und Punchlines eigentlich noch den Ansprüchen nach Akkuratesse gerecht wird, deren Mangel man andernorts bekrittelt.

      Vielleicht wäre ein Text dann weniger flüssig, sperriger, schlechter lesbar, aber was solls: Griffige Polemiken runterschreiben zu können, ist eine Begabung. Sie gegen die eigene Intention aber dann auch wieder entschärfen zu können, um sich inhaltlich keine Blöße zu geben, das ist eine Fähigkeit. Dabei eine goldene Mitte zu finden, das ist Qualität.

  6. Ich sehe auch nicht, was dagegen sprechen könnte, im IKEA-Magazin eine Geschichte über einen Vater zu lesen – aber ich denke, dass der Chefredakteur sagen wird: Langweilig, nehmen wir doch lieber den Baumgartner.

    Vielleicht irre ich mich. Lasse mich gern angenehm überraschen. Warten wir’s einfach ab, und so lange es unabhängige Redaktionen gibt, in denen unbeeinflusst und frei entschieden wird, was und wie berichtet und kommentiert werden soll, so lange ist es mir ziemlich egal, wofür die Konsumgüterhersteller ihr Geld zum Fenster hinauswerfen.

  7. Ich glaube, dass die Unterhaltung oder im kleineren “Debatte” in die falsche Richtung geht. Es geht nicht um unabhängige Presse oder nicht. Insbesondere auch nicht um Weltanschauung, ob eine Nachricht von Unternehmen geschrieben werden sollte.

    Es geht um die strategische Kurzsichtigkeit, dass Wandel nicht erkannt wird. Das Präferenzen nicht erkannt werden. Man hält am alten fest, da es sicherer ist. Es geht darum, dass kein anderes Produkt als die der Zeitungen sich für die neue Welt eignet. Aber dennoch hält man am alten fest. Warum? Ist die Unsicherheit, die der Wandel von Zustand A nach B mit sich bringt zu unsicher?

    Warum fehlt hier die “schöpferische Selbstzerstörung” so stark?

  8. Strategische Kurzsichtigkeit? Wandel nicht erkannt? Wem gilt der Vorwurf? Dem Schirrmacher? Der schreibt doch gerade deshalb so aufgeregt, weil er den Wandel sieht. Und aufgeregt ist er nicht, weil er um die Zeitung auf Papier fürchtet, sondern weil er fragt: Was, wenn der Wandel die Finanzierung eines unabhängigen Journalismus unmöglich macht? Dann haben wir ein gewaltiges Demokratie-Problem.

    Demokratie lebt davon, dass eine “vierte Gewalt” den Mächtigen auf die Finger sieht. Wenn das nicht mehr gewährleistet ist, dann werden wir künftig alle von bunga-bunga-Berlusconis regiert.

    Hier, in diesem Punkt, möchte ich tatsächlich mit aller Kraft am Alten festhalten wollen. Denn die Neuerung, Journalismus in PR aufgehen zu lassen, wäre kein Fortschritt.

    Um nur mal ein Beispiel zu nennen: Die SZ berichtet seit Wochen über einen Justizskandal. Ein Mensch namens Gustl Mollath wurde sehr wahrscheinlich zu Unrecht für Jahre in die Psychiatrie gesperrt. Jetzt kommt Bewegung in die Sache. Weil die SZ so hartnäckig recherchiert hat. Wer würde solche Geschichten recherchieren, wenn es die SZ nicht mehr gäbe? Coca Cola?

    http://sueddeutsche.de/ba…ll-mollath-1.1534477

    • Demokratie lebt davon, dass eine “vierte Gewalt” den Mächtigen auf die Finger sieht.

      Korrekt. Aber wirklich niemand weiß, ob diese vierte Gewalt genau so aussehen muss, wie sie bisher aussah. Der Irrtum liegt darin, einfach pauschal anzunehmen, dass sie genau so aussehen muss wie bisher. Und diese Irrtum machen für meinen Eindruck viele Entscheider der klassischen Medien.

      Zu deinem Beispiel: Ich denke, es steht außer Frage, dass nicht einfach alle etablierten journalistischen Einrichtungen plötzlich verwschwinden werden. Es wird einige weniger geben, und die existierenden müssen ihr Profil schärfen und sich auf die Dinge konzentrieren, in denen sie den “Klowänden im Internet” überlegen sind. Und dafür wird es auch Zahlungsbereitschaft geben.

      Insofern sehe ich auch nicht Fälle wie Gustl Mollath künftig unaufgedeckt.

      Zumal mittlerweile genug Beispiele gut recherchierter Stories existieren, in denen der Impuls eben nicht von der Mainstreampresse ausging, sondern von Blogs oder kollaborativen Projekten. Auch das ist 4. Gewalt. Sie arbeitet anders, und sie arbeitet nicht immer so professionell und strukturiert. Aber wenn es dafür sehr viel mehr von ihrer Sorte gibt, dann ist das positive Resultat am Ende für die Gesellschaft vielleicht das gleiche. Oder sogar besser. Who knows.

  9. Ich kann mich Journalist nur anschließen. Schöner Artikel.

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