“Zeitungskrise” links liegen gelassen:
Zeit Online startet offene Entwicklerschnittstelle

Die New York Times und der Guardian machen es bereits. Nun zieht erstmals ein führendes deutsches Nachrichtenangebot nach: Heute startet Zeit Online seine Content API für Entwickler.

Wie sorgt man in Tagen, in denen ganz Mediendeutschland über die “Zeitungskrise”, ihre Gründe und ihre Auswirkungen debattiert, als Nachrichtenangebot für Aufmerksamkeit? Sicherlich, Jammern ist eine Möglichkeit. Besser: Man nutzt das allgemeine Rampenlicht, um ein neues, hierzulande einzigartiges Projekt zu präsentieren. Genau diese Taktik verfolgt Zeit Online, der beliebte, schon mehrfach durch einfallsreiche journalistische Experimente positiv in Erscheinung getretene Onlineableger der Wochenzeitung Die Zeit: Am heutigen Freitag gibt Zeit Online, das unter den reichweitenstärksten Nachrichtenangeboten in Deutschland laut AGOF den achten Platz belegt, den Startschuss für die Zeit Online Content API.

Dabei handelt es sich um eine offene Schnittstelle, die sämtliche digitalisierten Artikel der Zeit sowie von Zeit Online in maschinenlesbarer Form zugänglich macht. Das Zeit-Archiv umfasst über 225.000 seit 1946 veröffentlichte historische Artikel. Schon bisher sind diese online abrufbar, konnten jedoch nicht automatisiert von Drittanwendungen prozessiert und für individuelle Nutzungsszenarien verwendet werden. Mit der Content API ändert sich dies.

Zur Stunde veranstaltet die Zeit Online-Redaktion in ihrem Berliner Newsroom einen Hackday – es könnte der erste Hackday eines deutschen Verlagshauses überhaupt sein. Interessierten Entwicklern wird die Möglichkeit geboten, sich mit der API vertraut zu machen und diese live vor Ort auszuprobieren.

Mit der Schnittstelle will die Zeit Online GmbH Programmierer dazu animieren, Anwendungen und Apps zu entwickeln, die Nutzern das einfachere Navigieren in den großen Textmengen erleichtern. Vorstellbar sind sowohl eigenständige Services, die einen visuell aufgehübschten, themen- oder zeitspezifischen Zugang zu dem Archiv gewähren, als auch Mashups mit anderen Onlinediensten. Etwa eine Karte, die Koordinaten mit Zeit-Artikeln verknüpft, welche den jeweiligen Ort behandeln, oder ein Projekt, das Anhand von datierten Foto- oder Videoaufnahmen verwandte, zum entsprechenden Zeitpunkt publizierte Texte der Zeit ausgibt. Ich bin mir sicher, dass die Besucher des Hackdays und andere Entwickler viel kreativere, sinnvollere Einfälle haben als diese von mir skizzierten, äußerst oberflächlichen.

Zeit Online setzt mit diesem wie bereits erwähnt in Deutschland unter den General-Interest-Angeboten bisher einmaligen Vorstoß (bei den Fachmedien bietet zumindest Golem.de ebenfalls eine API) ein Zeichen: Nicht in der Verknappung einmal digitalisierter Inhalte sieht das in Hamburg ansässige Medienunternehmen seine Zukunft, sondern in der möglichst flexiblen Zugänglichmachung. Jeder Entwickler und jedes Onlineangebot, das von der API Gebrauch macht, bindet Leser an die Site, schafft Loyalität und erhöht die Reichweite. In der Beta-Version der API ist offiziell noch keine Volltextausgabe von Texten vorgesehen, allerdings kann ein spezieller API-Schlüssel erfragt werden. Zudem darf die API derzeit nur für nicht-kommerzielle Projekte verwendet werden. Es ist davon auszugehen, dass Zeit Online nach dem Ende der Beta auch darüber nachdenken wird, den (kommerziellen) Volltextzugriff auf die API zu monetarisieren.

Vorbild für die API von Zeit Online sind die New York Times und der Guardian, die schon seit einigen Jahren entsprechende Angebote betreiben. Während die New York Times über die API keine vollständigen Artikel ausliefert, gestattet der Guardian den kompletten Zugriff auf die Inhalte – entweder kostenfrei, womit das Recht von Werbeeinblendungen innerhalb der die API nutzenden Drittangebote einher geht, oder gegen Bezahlung.

Auch wenn der Launch dieser Vorhaben nun schon eine Weile zurückliegt, kann man es nur begrüßen, dass sich jetzt auch ein führendes deutsches Verlagsangebot zu einem entsprechenden Schritt durchringen kann. Dass Zeit Online diese Vorreiterrolle einnimmt, überrascht kaum.

Der Zeitpunkt für das API-Debüt könnte kaum besser gewählt sein. Da die Sorge um das geliebte Druckerzeugnis die meisten Vertreter der Verlagsbranche ständig nur in die Vergangenheit blicken und über verzweifelte Rettungsmaßnahmen für altehrwürdige, aber augenscheinlich überholte Geschäftsmodelle sinnieren lässt, kommt es mehr als gelegen, dass wenigstens ein renommierter Akteur den Blick nach vorne richtet. Dass diese Rolle nicht vom Onlinableger einer Tageszeitung übernommen wird, sollte niemanden verwundern.

Disclaimer: Zeit Online syndiziert sporadisch Artikel von netzwertig.com.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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9 Kommentare

  1. Dass diese Rolle nicht vom Onlinableger einer Tageszeitung übernommen wird, sollte niemanden verwundern.

    Sorry, Martin, da ist die Pauschalisierung mit Dir durchgegangen. Daß «Zeit Online» in dieser Hinsicht kreativ ist, liegt nicht an der grundsätzlichen Konstellation Wochentitel-Onlineableger, sondern an der spezifischen Konstellation «Zeit Online». Eine Content-API könnte von der Einstellung und Kultur her mittlerweile auch von «Sueddeutsche.de» kommen.

    • Wieso ist das Unsinn? Es sind die Print-Tageszeitungen, die besonders viel durch die Digitalisierung zu verlieren und die deshalb auch besonders wenig Innovationsbereitschaft im Netz an den Tag gelegt haben. Und teilweise noch immer daran glauben, ihr Printprodukt würde noch in 200 Jahren existieren.

      Klarer Beleg dafür imo: In den Top 3 der reichweitenstärksten deutschen Nachrichtenportale ist ein Tageszeitungsableger, aber zwei Anbieter mit wöchentlichen Printprodukten. Dieser eine Tageszeitungsableger heißt dazu noch BILD.

      Bedenkt man, dass zuvor die Tageszeitungen die Informationshoheit bei den tagesaktuellen Informationen hatten, und würde man davon ausgehen, dass diese im selben Maße und Verhältnis online “umarmt” haben wie Wochenzeitungen und Zeitschriften, dann müssten die Top 3 imo komplett von den Tageszeitungen dominiert werden.

      Tageszeitungen haben die größte Angst vor der Kannibalisierung durch die Netzausgabe.

      Du sagst, die API könnte von der SZ kommen. Mag sein. Tut sie aber nicht. Wieso nicht?

      Ich hab kein Problem damit, dass du meine Behauptung kritisierst. Dass du sie aber als Unsinn bezeichnest, dafür fehlt meines Erachtens nach auch eine überzeugende Grundlage.

    • Deshalb habe ich den Kommentar nach dem Absenden auch gleich bearbeitet und den Unsinn durch Pauschalisierung ersetzt.

      Eine Top 3 ist kein Beleg. Nimm die Top 5, und Du hast drei Tageszeitungsableger, aber nur zwei Wochentitelableger. Damit kannst Du die Gegenthese belegen. Zähl die Top 10 nach Erscheinungsweise zusammen, und die Tageszeitungen kommen auf die größte Zahl (wenn man sie addieren könnte). Nimm die Top 10, und Du hast nur zwei Fernsehableger. Belegt das, daß die Fernsehsender noch mehr »Angst« haben als die Verlage? Belegt die Bild auf dem 1. Platz, daß sie am innovativsten im Netz ist? Oder vergleiche dieses Ranking mit dem Ranking der entsprechenden Printauflagen, dann liegt die These nahe, daß eine hohe Auflage eine starke Reichweite im Netz nach sich zieht, mit den Ausnahmen »Welt« (besonders innovativ im Netz?) und »Stern« (besonders viel Angst vor der Kannibalisierung?). Vermutlich wäre es auch interessant, ein Ranking der SEO-Aufwände daneben zu legen.

      Warum die API nicht von der SZ kommt, mußt Du die SZ fragen, aber der Sprung, den sie in Sachen »Netzkultur« gemacht hat, spricht gegen Deine Kausalitätsthese und dafür, daß es an der spezifischen Situation beim einzelnen Titel liegt, wie innovationsbereit er ist. Zum Beispiel an den Personen an der Spitze und denen, die diese eingestellt haben, zum Beispiel an der Organisationsstruktur (SpOn, Zeit Online, SZ.de sind alle eigenständige Organisationen getrennt vom Print).

    • Ah ok das Update hab ich zu spät gesehen.

      Ich sehe es so: deutsche Tageszeitungen haben nach meinem Empfinden im Web keine Akzente gesetzt, sondern maximal das Notwendigste gemacht. FAZ und SZ sind zudem noch durch regelmäßige Abmahnungen von Startups aufgefallen. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, dass eine wirkliche Innovation wie die API nicht von denen kommt.

      Das kann man als Pauschalisierung bezeichnen. Es ist aber auch die Wahrheit. Imo.

  2. Für Archivsuchen ja ganz nett, aber jede für den Leser sinnvolle Nutzung läge ja im kommerziellen Bereich und ist damit ausgeschlossen.

    Jetzt könnte ich zwar eine App entwickeln die den ganzen Mist aus der Zeit rausfiltert und nur ein paar Links von Interesse ausspuckt die sich nicht mit den Agenturmeldungen decken. Oder Inhalte themenrelevant aggregieren. Das wäre aber auch kommerzielle Nutzung, zumindest indirekt durch Trafficverlust der Hauptseite.

    Und semantische Aggregatoren wie Summify (von Twitter gekauft und dichtgemacht) oder Storify (auch in Twitters Todeszone) sind unerwünscht und werden von den Großen heute beblockt oder geschlossen. Kann ja nicht sein, dass der Kunde nicht mehr jede Stunde auf zeit.de geht um “das Neueste” zu lesen, sondern ihm einfach nur die wichtigsten Inhalte aus hunderten Quellen semantisch nach Thema und Relevanz sortiert angeboten werden.

    APIs sind hip und modern, aber wehe es benutzt sie einer!

    • Kommerzielle Nutzung wäre es, wenn du als Developer mit deinem Dienst Geld verdienst.

      Klar schränkt das den Spaß erstmal ein. Aber Zeit wäre dumm, nicht irgendwann auch die kommerzielle Nutzung zuzulassen – gegen Bezahlung oder Werbevermarktung à la Guardian. Dass man in der Beta gewisse Begrenzungen implementiert, wundert mich bei einem derartigen Schritt nicht.

  3. Ich versuch mich an einem Beispiel: Angenommen ich starte ein nichtkommerzielles Projekt, eine Mischung aus Rivva, Virato, Summify und Storify. Die Serverkosten trage ich selbst. Als Resultat verlieren dann die Nachrichtenseiten jene Leser die alle halbe Stunde reingucken ob es was neues gibt und werden stattdessen von mir per Push benachrichtigt, wenn es wirklich was Lesenswertes gibt – was auch nächste Woche noch relevant ist oder für genau diesen Leser von Interesse ist. Dieses Projekt würde relativ schnell per AGB ausgeschlossen – im besten Fall aufgekauft und dann geschlossen werden, da es die Klickzahlen senkt, statt erhöht.

    Die Betonung liegt eher darauf, dass “kommerziell” heute anders definiert wird – als alles was vom Hauptgeschäft wegnimmt. Siehe nichtkommerzielle Twitter Clients und Aggregatoren.

    Die Nutzer wünschen sich heute nicht – mehr und mehr Inhalte, sondern weniger, bzw gefiltert, gerne auch indirekt und integriert. Und genau da sind die großen mit ihren API Erfahrungen eben 3 Jahre weiter. Nur bestimmte Nutzungsarten sind erlaubt. (Twitter Api Changes) Das gilt besonders für die nichtkommerziellen.

    Deshalb glaube ich nur an einen sehr begrenztem Nutzen für die Leser. Ich will damit aber nicht sagen das die API schlecht sei oder keinen Nutzen für andere Gruppen hätte.

  4. Für die Erstellung zukünftiger Recherche-Apps werden solche APIs sicher interessant sein. Ist auf jeden Fall eine gute Stossrichtung.

    Grüessli
    Beat

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  1. [...] der Zeit Online Content-API an den Start. Während ganz Mediendeutschland über die potentielle “Zeitungskrise” diskutiert, geht Zeit Online einen wichtigen Schritt hin zu einer offeneren Welt, auch wenn noch [...]

  2. [...] Weigert berichtet bei netzwertig: Jammern ist eine Möglichkeit. Besser: Man nutzt das allgemeine Rampenlicht, [...]

  3. [...] auch netzpolitik.org und netzwertig.com haben darüber berichtet, stelle ich gerade [...]

  4. [...] "Zeitungskrise" links liegen gelassen: Zeit Online startet offene Entwicklerschnittstelle » netzwertig.com: Die New York Times und der Guardian machen es bereits. Nun zieht erstmals ein führendes deutsches Nachrichtenangebot nach: Heute startet – http://netzwertig.com/201…-startet-offene-entw… [...]