Mit der Car2go-App Taxis bestellen:
Das Potenzial von myTaxi als Plattform

Der Carsharing-Dienst Car2go integriert myTaxi in seine mobile Anwendung. Der Schritt offenbart das Potenzial, den ein Plattformansatz für das Taxi-Startup aus Hamburg hätte.

So modern und innovativ das Verfahren der von myTaxi praktizierten smartphonebasierten Direktvermittlung zwischen Taxis und Fahrgästen auch ist, so sehr wird es in einem entscheidenden Punkt eingeschränkt: Man benötigt dazu erst einmal die myTaxi-App oder muss die Website besuchen. Mehr als 2,3 Millionen Mal wurde die App bereits heruntergeladen, insofern existiert mittlerweile ein recht ansehnlicher Nutzerkreis. Doch auf der Mehrzahl der Smartphones befindet sich die Applikation bisher nicht, zumal neben myTaxi auch andere Taxibestell-Anwendungen wie taxi.eu, taxi.de und BetterTaxi um die Gunst der beförderungswilligen Verbraucher buhlen.

Am gestrigen Donnerstag gaben die myTaxi-Macher Intelligent Apps bekannt, wie sie ihren Dienst schneller einer größeren Zahl an Menschen zugänglich machen wollen: Indem sie die Taxibestellfunktion von myTaxi in Apps von Drittanbietern integrieren. Den Anfang macht der Carsharing-Service Car2go, über den in 16 Städten im deutschsprachigen Raum sowie in den USA “on Demand” und nutzungsabhängig an beliebigen Orten abgestellte Mietwagen bezogen werden können. Die offizielle iPhone-App von Car2go, die verfügbare Autos anzeigt und reservieren lässt, beinhaltet im Rahmen einer Partnerschaft der zwei Unternehmen ab sofort die Kernfunktionalität von myTaxi.

Car2go, ein Joint-Venture von Daimler und Europcar, hatte sich zu Jahresbeginn an myTaxi beteiligt, weshalb eine Kooperation beider Firmen bereits absehbar war. Nun trägt sie erste Früchte: Nutzer der Car2go-App können myTaxi als zusätzlichen Service aktivieren. In sämtlichen Städten, in denen sowohl Car2go als auch myTaxi tätig sind, werden daraufhin nicht nur verfügbare Car2go-Autos, sondern auch in der Nähe befindliche Taxis angezeigt, die sich direkt aus der Applikation heraus bestellen lassen. Für Car2go-Nutzer in den entsprechenden Regionen entfällt damit die Notwendigkeit, die myTaxi-Anwendung zu verwenden.

Für myTaxi-Fahrer ändert sich nichts: Buchungen laufen wie gewohnt über ihre Fahrer-App ein, auch wenn diese von Fahrgästen aus der Car2go-Anwendung heraus initiiert wurden. Nutzern des Carsharing-Systems steht durch die Taxioption eine Alternative dazu zur Verfügung, sich selbst hinter das Steuer zu setzen – etwa wenn sich gerade kein Fahrzeug in der Nähe befindet oder wenn unerwartet größere Mengen Alkohol konsumiert wurden. Und da Car2go ohnehin Miteigentümer von myTaxi ist, erhöht jede aus der App vermittelte myTaxi-Fahrt dank der Provision von 0,79 Euro (in Deutschland), die Fahrer an myTaxi abführen, letztlich den Wert des Investments. Demnächst soll auch die jüngst lancierte Zahlungsfunktion “myTaxi Payment” über Car2go funktionieren.

Auch wenn die aktuelle Verschmelzung beider Dienste den Charakter einer exklusiven Kooperation hat, deutet myTaxi- Gründer und CEO Niclaus Mewes im Blogeintrag zu der Neuerung  an, welche Strategie die Norddeutschen künftig verfolgen könnten: “Wenn der Kunde nun schon die Möglichkeit hat, von ein und dem selben Interface auszusuchen, ob er ein car2go fahren oder ein myTaxi nutzen möchte, dann ist die Integration anderer Mobilitätskonzepte nicht mehr weit. So fällt es nicht schwer, sich im nächsten Schritt eine Welt vorzustellen, in der niemand mehr ein eigenes Fahrzeug benötigt.”

Mewes stellt in Aussicht, dass zukünftig weitere Apps neben Car2go eine über myTaxi abgewickelte Taxibestellmöglichkeit erhalten. myTaxi-Sprecherin Lina Wüller erklärte auf Nachfrage, dass dies mögliche Implementierung mit anderen Daimler-Konzepten betreffe. Inwieweit auch eine vollständige Öffnung für externe Mobilitäts-Apps geplant sei, idealerweise über eine offene API, dazu wollte sie sich nicht äußern.

Doch genau hier liegt eine enorme Chance für das Unternehmen. Man braucht nicht viel Fantasie, um Einsatzbereiche zu erkennen: Angefangen von Apps der Mietwagenunternehmen über Apps des ÖPNV und Hotelbuchungs-Anwendungen bis hin zu Applikationen von Empfehlungsportalen wie Yelp oder foursquare böte es sich in vielen Szenarien an, eine direkte Taxibestellung zu erlauben, um Personen zu bestimmten Orte zu transportieren. [Update] Tatsächlich ist myTaxi seit zwei Monaten in die App von Qype integriert, das mittlerweile zu Yelp gehört [Update Ende]. Kannibalisierungseffekte existieren kaum, weshalb eine Integration von myTaxi von den Anwendern der jeweiligen App jeweils als die Loyalität erhöhender Zusatzservice aufgefasst werden würde. myTaxis Vorteil einer Öffnung für externe Apps liegt auf der Hand: Die Hamburger erreichen damit ein Klientel, das ursprünglich gar nicht vor hatte, ein Taxi zu verwenden, aber sich aufgrund der Visualisierung in der Nähe befindlicher Fahrzeuge sowie der Preisvorschau spontan zu einer Reservierung entschließt.

Je präsenter die Dienste der Elbstädter in diversen Mobilititätsanwendungen sind, desto mehr nimmt myTaxi die Rolle eines B2B-Anbieters ein, und desto weniger abhängig ist das Unternehmen von seinen eigenen Endkundenapps. myTaxi kann mit einer derartigen Ausweitung seiner Aktivitäten nur gewinnen: Mehr externe Integrationspunkte heißt mehr vermittelte Fahrten, mehr bei myTaxi teilnehmende Fahrer und steigende Provisionsumsätze für das Startup.

Sollte myTaxi bei exklusiven Partnerschaften mit Diensten aus dem eigenen Umfeld bleiben, wird es seine Gründe haben. Doch das Potenzial eines “myTaxi as a Platform” ist offensichtlich.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

Mehr lesen

Carsharing: CarJump bringt Transparenz in einen fragmentierten Markt

24.4.2013, 6 KommentareCarsharing:
CarJump bringt Transparenz in einen fragmentierten Markt

Der Carsharing-Markt ist sehr fragmentiert. Die iPhone- und Android-App des Berliner Startups CarJump zeigt anbieterübergreifend, welche Fahrzeuge gerade in der Nähe sind.

Car-on-Demand: Wie Startups das eigene Auto überflüssig machen wollen

18.1.2011, 31 KommentareCar-on-Demand:
Wie Startups das eigene Auto überflüssig machen wollen

Das Auto verliert seine Eignung als Statusobjekt. Startups aus Deutschland nutzen dies, um alternative, technologiegestützte Mobilitätslösungen zu etablieren.

myCleaner: Mobile Autoreinigung für Carsharer und Privatkunden

21.10.2013, 1 KommentaremyCleaner:
Mobile Autoreinigung für Carsharer und Privatkunden

Das Ludwigsburger Startup myCleaner will Privatpersonen, Carsharing-Anbietern und Fuhrparkbetreibern den Besuch an der Waschanlage ersparen. Es bezeichnet sein Verfahren als deutlich umweltschonender.

Carsharing: CarJump bringt Transparenz in einen fragmentierten Markt

24.4.2013, 6 KommentareCarsharing:
CarJump bringt Transparenz in einen fragmentierten Markt

Der Carsharing-Markt ist sehr fragmentiert. Die iPhone- und Android-App des Berliner Startups CarJump zeigt anbieterübergreifend, welche Fahrzeuge gerade in der Nähe sind.

Intelligente Mobilität: CiteeCar experimentiert mit  neuem Carsharing-Ansatz

13.9.2012, 7 KommentareIntelligente Mobilität:
CiteeCar experimentiert mit neuem Carsharing-Ansatz

Mit CiteeCar begibt sich in Berlin ein weiteres Startup in den umkämpften Markt der intelligenten und effizienten Mobilität. Anwender, die sich um einzelne CiteeCar-Fahrzeuge kümmern wollen, fahren fast gratis.

Uber: Ein Luxusprodukt wird zum Aushängeschild der Internetbranche

3.2.2014, 5 KommentareUber:
Ein Luxusprodukt wird zum Aushängeschild der Internetbranche

Das als Limousinenvermittler gestartete US-Startup Uber erweitert langsam seinen Kundenkreis und stößt in das klassische Taxisegment vor. Doch das Luxusimage bleibt. Parallel avanciert das Unternehmen zu einem der Aushängeschilder der Internetbranche. Gut ist das nicht.

Auch das Internet ist schuld: Wieso wir keine Autos mehr kaufen

18.6.2013, 19 KommentareAuch das Internet ist schuld:
Wieso wir keine Autos mehr kaufen

Die Automobilbranche befindet sich seit 20 Jahren im Abwärtstrend. Daran ist auch das Internet schuld.

4.4.2013, 4 KommentareStreaming auf eigene Geräte:
Warum die nächste Generation Bordprogramm der Bahn nach einer guten Idee klingt

Es spielt eigentlich keine Rolle, ob die Bahn ein intern diskutiertes Bordprogramm in neuen ICEs wirklich einführt. Denn die Idee ist gut und sollte auch bei Fluggesellschaften und Busunternehmen Schule machen: Bring your own device – auch für das Bordprogramm.

myTaxi-Chef Sven Külper: \

29.4.2014, 3 KommentaremyTaxi-Chef Sven Külper:
"'Etabliert' sind wir noch lange nicht"

myTaxi sieht sich gut gerüstet für den Wettbewerb mit neuen Beförderungs-Startups. Laut Gründer Sven Külper wollen sich die Norddeutschen weiterhin nicht vor innovativen Schritten und Risiken scheuen.

Uber und die Taxibranche: Wie myTaxi unfreiwillig zum Verteidiger des Establishments wird

21.4.2014, 19 KommentareUber und die Taxibranche:
Wie myTaxi unfreiwillig zum Verteidiger des Establishments wird

Ungewohnte Situation für myTaxi aus Hamburg: Weil die Taxibranche mit Uber ein neues Feindbild hat, wird der innovative Dienst der Norddeutschen plötzlich zum Vertreter und Verteidiger des Establishments.

Markplatz für Taxidienstleistungen: MyTaxi startet kontroverses Auktionsmodell - aber bietet Fahrern gebührenfreie Kartenzahlungen

9.1.2014, 5 KommentareMarkplatz für Taxidienstleistungen:
MyTaxi startet kontroverses Auktionsmodell - aber bietet Fahrern gebührenfreie Kartenzahlungen

MyTaxi schreckt seine angeschlossenen 45.000 Taxifahrer mit einem Auktionsmodell auf, bei dem künftig mehr Fahrten erhält, wer eine höhere Provision an myTaxi zu zahlen bereit ist. Der Schritt beinhaltet außerdem für Fahrer gebührenfreie Kartenzahlungen.

Zu hohe Vermittlungsgebühren: Wenn aus Plattformen gierige Gatekeeper werden

6.12.2013, 19 KommentareZu hohe Vermittlungsgebühren:
Wenn aus Plattformen gierige Gatekeeper werden

Digitale Plattformen avancieren zu den globalen Dreh- und Angelpunkten von Handel, Dienstleistung und Kommunikation. Wenn die Vermittlungsgebühren trotz Skaleneffekten aber nicht sinken, droht das Entstehen gewaltiger Gatekeeper mit massiver Vermögenskonzentration.

Microblogging: Wie Twitter Intensivnutzer in die Arme von App.net treibt

6.3.2013, 2 KommentareMicroblogging:
Wie Twitter Intensivnutzer in die Arme von App.net treibt

Twitters Ambitionen als werbefinanzierter Mediengigant bringt Intensivnutzern Nachteile und treibt sie in die Arme von App.net.

Cloudspeicher und neue Entwicklerschnittstelle: App.net konkretisiert seine  große Vision

29.1.2013, 13 KommentareCloudspeicher und neue Entwicklerschnittstelle:
App.net konkretisiert seine große Vision

Das werbefreie soziale Netzwerk App.net gibt seinen zahlenden Nutzern jeweils zehn Gigabyte Cloudspeicher und Entwicklern eine passende API, um Datenportabilität zu fördern. Immer deutlich wird, in welche Richtung sich das US-Startup entwickeln will.

Ein Pingback

  1. [...] zu positionieren. Der Autokonzern hat sich u.a. auch an mitfahrgelegenheit.de beteiligt. netzwertig.com, [...]

vgwort