Chatten mit dem Nachbarn:
F1eld findet Gesprächspartner in der unmittelbaren Umgebung

Die Bremer Appschmiede Unit51 springt heute mit einer neuen iPhone-App auf das Trendthema “Location Based Chat” auf: F1eld lokalisiert Nutzer in der näheren Umgebung und will sie per Chat zusammenbringen.

People Discovery (neue Leute kennenlernen) war eins der großen Themen auf dem diesjährigen Startup-Festival SXSW in Austin, Texas. Apps wie Highlight, Uberlife und Glancee wollten uns dabei helfen, neue Menschen mit gleichen Interessen am eigenen Ort kennenzulernen. Bis auf Glancee, das wenig später von Facebook übernommen wurde, ist es heute allerdings erstaunlich ruhig um diese Dienste. Den großen Durchbruch hat People Discovery bislang nicht gefeiert. Hintergedanke von F1eld-Gründer Kai Tietjen ist es nun, die Menschen über etwas zusammen zu bringen, was sie ohnehin gerne tun: chatten.

F1eld wirkt auf den ersten Blick nicht viel anders als die inzwischen sehr beliebten mobilen Instant Messenger wie WhatsApp. Es gibt allerdings zwei wesentliche Unterschiede: Um mit Freunden zu chatten, braucht man auf F1eld nicht ihre Telefonnummern. F1eld ortet die Freunde in der Umgebung. Außerdem kann man sich mit neuen Menschen vernetzen, die man eben noch nicht kannte. Weil sie die gleiche Party oder Vorlesung besuchen, im selben Haus wohnen oder sich gerade im Stadion das gleiche Fußballspiel anschauen.

Bei geringer Eintrittsbarriere kann es funktionieren

Kai Tietjen, der einst den Social-Bookmarking-Dienst Mister Wong gründete, glaubt, dass F1eld aufgrund seiner Einfachheit funktionieren wird: “Du brauchst keine Telefonnummer wie bei WhatsApp und musst auch nicht deinen ganz privaten Kram jemandem als Freund zugänglich machen wie bei Facebook.” Ferner kann man bei F1eld unter einem Synonym chatten. Es muss also nicht jeder Nachbar unbedingt erfahren, wer genau sich dahinter verbirgt.

Bei F1eld werden die Chatlogs und persönlichen Daten per SSL verschlüsselt. Wer nicht chatten will, kann sich per Knopfdruck unsichtbar machen. Meine Chatpartnerin, mit der ich F1eld vorhin ausprobierte, zeigte sich erbost darüber, dass man seinen Account nicht sofort wieder löschen kann. Man muss vielmehr eine E-Mail an den Kundendienst schicken und um Löschung bitten. Tietjen versprach mir aber, dass eine Möglichkeit, den Account innerhalb der App zu kündigen, im nächsten Release nachgerüstet werde.

Ziel der Bremer ist es erst einmal, in Deutschland zu wachsen und einige “F1eld Pioniere” zu finden. Sobald der Netzwerkeffekt eingesetzt habe, würde eine Internationalisierung Sinn machen. Pläne für eine englische Version lägen bereits in der Schublade. Die App sei universal gecodet und damit auch portierbar, so Tietjen. Die Android-App sei bereits zu 80 Prozent fertig und werde als nächstes folgen. Als Finanzierungsmöglichkeit für die kostenlose App bringt Tietjen lokale Angebote ins Spiel. Ferner sind Kooperationen denkbar: Dienste, die mit ortsbezogenen Daten arbeiten, wie Foursquare oder Yelp/Qype, könnten ihr Angebot um einen lokalen Chat sinnvoll erweitern. Motto: Finde von Gästen in Echtzeit heraus, ob der Koch in dem Restaurant um die Ecke heute einen guten Tag erwischt hat.

Chancen und Konkurrenten gibt es zu Hauf

Drei Gründe, warum Location Based Chat funktionieren kann: Weil die Menschen sich über etwas inzwischen Vertrautes und Angenehmes kennenlernen würden wie Mobile Chat. Weil man sich problemlos unsichtbar machen kann, wenn man keine Lust zum chatten hat, und weil man seine Position für andere nicht einmal genau angeben muss. Es reicht eine ungefähre Adresse und der Radar findet einen Nutzer im Umkreis. F1eld bietet zusätzlich die Möglichkeit, einen themen- und ortsbezogenen Gruppenchat zu eröffnen. Man kann also auch Themen mit lokaler Relevanz diskutieren und Probleme aus unterschiedlichen Blickwinkeln beschreiben und lösen.

Eine Chance für F1eld ist, dass Location Based Chats in Deutschland noch recht unbekannt sind. In anderen Ländern gibt es bereits mehrere solcher Dienste. WhosHere etwa ist bereits seit 2008 auf dem iPhone verfügbar und seit diesem Jahr auf Android. Palringo gibt es nicht nur als mobile App für iOS, Android und Windows Phone, sondern auch für Mac und PC. Aus Spanien kommt Spotbros. Das bereits erwähnte Startup Highlight hat mittlerweile ebenfalls eine lokale Chatfunktion integriert. Yobongo hat den Versuch eines lokalen Chats bereits wieder aufgegeben und sich einem Startup für Fotobücher angeschlossen. Auch Tinychat hat die lokale Komponente wieder gestrichen.

Die Angebote nach lokalem Austausch oder Nachbarschaftshilfe übersteigen also offenbar momentan noch die Nachfrage. Langsam aber kommt das Thema auch durch Communitys wie Nextdoor ins Rollen. Gerade die schiere Masse an Angeboten für Chat und Nachbarschaft macht es einzelnen Diensten schwer, sich zu vermarkten und eine kritische Masse aufzubauen. Da in Deutschland aber bislang noch kein mobiler lokaler Chatdienst auf den Markt getreten ist, hat F1eld gute Chancen, den Schwung mitzunehmen und den hiesigen Markt für sich zu erobern.

Link: F1eld

 

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist freier Technikjournalist, Innovationsberater und Skeptiker.

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4 Kommentare

  1. Finde die ganze Sache mit dem “Chatten mit Personen in der Nähe” unglaublich spannend und eigentlich auch cool. Vor allem wenn man öfters mal Wartezeiten in Städten hat. Kurzer Plausch am Bahnhof oder Flughafen oder spontan noch etwas in der jeweiligen Stadt finden. Top!

    Habe die App mal in München ausprobiert und dort ist noch gar nichts los. Schade, aber mal abwarten.

  2. Schön, ich freue mich schon, als Unternehmen in die Chats zu gehen um für meine Produkte in der Nähe zu werben (ehrlich). Auf Barcamps kann es wunderbar funktionieren, ebenso auf allen anderen Events: Konzert, Kino, Messe oder Weihnachtsmärkten.

    Interesant könnte sein, das Netzwerk zwischen den Usern nicht via Internet aufzubauen, sondern quasi peer2peer via Bluetooth oder ähnlichem. Es wäre dann möglich mit Person C über die Verbindung des Smartphones von Person B zu chatten. Dann würde die App auch immer funktioneren, wenn gerade “kein Netz” da ist – vielleicht ein Killerfeature (?).

  3. Die App wurde von der erfolgreichsten asiatischen Plattform WeChat (aus China) kopiert.

    Der Name des deutschen Plagiats ist völlig bescheuert. Wer hier kann den Namen aussprechen und auch noch bei seinen Freunden bekannt machen ???

    Bis dato wird nur eine Minderheit (iPhone-User) bedient. An der Mehrheit der Smartphone-User (Android OS) war man bislang nicht interessiert. Wie viele Monate braucht man wohl, um auch eine Android-App anzubieten ?

    Wenn schon von den Chinesen kopieren, dann bitte richtig!

  4. Wer die App downloaded sieht: Die AGB’s sind so klein, dass sie keiner lesen kann! Trotzdem soll man ihnen zustimmen !?

    Und den Account kündigen muss man per Brief ??? In welchem Jahrhundert lebt dieser App-Entwickler ???

    Fazit: Das sieht alles mehr als unseriös aus!!
    Ich werde die App (ohne Anmeldung) sofort wieder de-installieren.

    Hoffentlich kommt demnächst ein seriöserer Anbieter auf den Markt!

4 Pingbacks

  1. [...] in der ersten Hälfte dieses Jahres, bisher keinen Durchbruch erlebt. Das hindert neue Akteure wie etwa den Bremer Dienst F1eld allerdings nicht daran, es trotzdem nochmal zu versuchen. Aus Gilching bei München kommt ein weiterer deutscher Anbieter, [...]

  2. [...] Based Services können dann funktionieren, wenn sie dem Nutzer etwas bieten. Hier haben Foursquare, F1eld und Amen ihren Nutzen noch nicht ganz ausspielen können, weil sie dem Anwender eher etwas [...]

  3. [...] Based Chat”-Markt als solches sowie die f1eld-App und deren Pläne ist zudem in einem interessanten Artikel bei netzwertig.com zu [...]

  4. […] Based Chat”-Markt als solches sowie die f1eld-App und deren Pläne ist zudem in einem interessanten Artikel bei netzwertig.com zu […]