Mobiles Internet:
Twitters Problem heißt Instagram
Je mehr Zeit Nutzer unterwegs mit Instagram verbringen, desto stärker bedroht dies Twitters Wachstumspotenzial im mobilen Segment. Der Microbloggingdienst muss handeln.
Twitter hat ein Problem. Es heißt Instagram. Ungebrochen wächst die zu Facebook gehörende Foto-Sharing-Applikation. Die auf den ersten Blick seltsam anmutende Mehrmarkenstrategie des sozialen Netzwerks hat einen entscheidenden Vorteil: Jede Minute, die Nutzer mehr Zeit bei Instagram verbringen, widmen sie sich weniger dem Wettbewerber Twitter. Mittlerweile liegt die Foto-Applikation hier sogar vor dem Microbloggingdienst. Die Ambitionen der Kalifornier sind groß, wie kürzlich Holger Schmidt skizzierte.
Für Twitter gibt es nur einen Ausweg aus dieser Misere: Es muss sein eigenes Angebot rund um Fotos derartig ausbauen, dass seine User einerseits weniger Zeit damit verbringen, bei Instagram ihren Fotostream zu begutachten, und damit sie andererseits Schnappschüsse nicht mit Instagram aufnehmen und von dort aus bei Twitter publizieren, sondern direkt über Twitter.
In den kommenden Monaten wird der Service alles daran setzen, genau einen solchen Zustand zu verwirklichen. Vor zwei Wochen wurde bekannt, dass das Unternehmen analog zu Instagram und zahlreichen anderen Foto-Apps Filter implementieren wird, um Nutzern eine spontane Verschönerung oder Verzierung ihrer Smartphone-Bilder zu ermöglichen – und ihnen damit einen Grund weniger zu liefern, den Umweg über Instagram zu machen. Ab sofort werden in der Twitter-Suche zudem Fotos deutlich prominenter dargestellt, und auch in den Twitter-eigenen mobilen Apps erscheinen visuelle Highlights nun noch deutlicher hervorgehoben.
Doch all diese Maßnahmen kratzen nur an der Oberfläche der User Experience, die Instagram mit dem hundertprozentigen Fokus auf Schnappschüssen bieten kann, und womit es zur ersten mobilen App jemals avancierte, die ohne Weboberfläche den Meilenstein von 100 Millionen Nutzern erreicht hat. Erst seit einigen Tagen gibt es Instagram-Webprofile.
Eigentlich existieren nur drei Optionen für den Microbloggingservice, Instagram effektiv an der weiteren Expansion zu hindern: Indem Twitter sukzessive den Schwerpunkt von Texten auf Fotos verlagert, also komplett seine Vorzeichen ändert, indem es einen zweiten Feed exklusiv für Fotos lanciert, oder indem es eine eigenständige Foto-Sharing-Applikation anbietet, also das Facebook-Instagram-Modell nachahmt.
Die erste Option scheint eher unwahrscheinlich, da so die bisherige Existenzgrundlage des Dienstes und auch sein Alleinstellungsmerkmal als Mittel zur schnellen Nachrichtendistribution aufs Spiel gesetzt würde. Ein separater Foto-Feed klingt eher umständlich und komplexitätserhöhend. Ein Mehrmarkenmodell mit einer eigenen Foto-App würde die geringste Bedrohung für Twitters-Kernprodukt darstellen, aber nicht von den bereits vorhandenen Netzwerkeffekten profitieren können, die Instagrams 30 Millionen Mitglieder zum Zeitpunkt der Bekanntgabe der Akquisition durch Facebook mitbrachten. Twitter könnte es sich etwas einfacher machen und einen Instagram-Konkurrenten wie etwa EyeEm übernehmen. Das Berliner Startup zieht seit 2011 alle Register, um sich im Windschatten von Instagram eine attraktive Nische zu erschaffen. Mit einer Million Downloads, einer gewissen Bekanntheit in Branchenkreisen und einer nicht genau definierten Zahl an aktiven Usern würde Twitter zumindest nicht ganz bei null anfangen. Nachtrag: Nicht unerwähnt bleiben soll an dieser Stelle auch der aus Hamburg stammende EyeEm-Konkurrent tadaa, der nach Aussage von Gründer Nikolas Schoppmeier bereits vor einiger Zeit die Marke von einer Million Nutzern durchbrach und auch in den USA wachse.
Auf welche Weise Twitter auch immer die Faszination der Nutzer für visuelle Status-Updates – denn nichts anderes sind Instagram-Fotos – zu befriedigen versucht: Es wird ein Kraftakt. Doch will das Unternehmen aus San Francisco dem Facebook-Instagram-Gespann etwas entgegensetzen, muss es um die Zeit kämpfen, die Nutzer zwischen Instagram und Twitter aufteilen.

























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16. November 2012 um 18:11
Vom Prinzip her sehe ich eigentlich weniger Konkurrenzprobleme zwischen beiden, weil zwei ziemlich verschiedene primäre Anwendungen Text und Foto – und zwei ziemlich verschiedene Zwecke von Textinformation und Foto-Unterhaltung. Wobei ich natürlich begrüße, dass Twitter sich im Fotobereich verstärken will.
Was ich eigentlich schreiben wollte: Instagram macht nach einer Weile des Einarbeitens süchtig, wenn man selbst fotografiert und sich für Fotos, Motive, Menschen, Gegenden usw. interessiert und bei der Nutzung auch Hashtags nutzt. Kann man sich wie in einem Bild-Universum verlieren. Ich glaube aber schon, dass Menschen dagegen mit der Zeit Abgrenzungsstrategien entwickeln – auch zugunsten ihrer weiter bestehenden Informations- und Kommunikationsbedürfnisse auf Twitter, Facebook usw. Ein Problem wäre Instagram für Twitter nur, wenn Twitter absolut an Zahlen verliert oder deutlich langsamer als bisher wächst. Tut es das?
16. November 2012 um 20:07
Ich gebe zu kein grosser Nutzer von Twitter zu sein. Allerdings ist es ein tolles Werkzeug, um live an Geschehnissen teilzunehmen, während die tradionellen Medien hinterherhinken. Siehe mittlerer Osten z.B. Ich habe mich aber tatsächlich nach Bildern gesehnt, wenn Text nicht genügend Infos rübergebracht hatte… Ja ich bin momentan in Jordanien und muss mich über Twitter auf dem Laufenden halten
16. November 2012 um 21:10
Interessant finde ich in dem Zusammenhang auch die Frage, warum hat eigentlich Googles Android noch keine eigene Foto-App und kein groß angelegtes orginäres Foto-Network … Zumal gegen den großen Gegenspieler Facebook. Für Fotos wird zwar auch stark Google+ genutzt, das ist aber keine soo bequeme Foto-App. Das muß ich mir bei Gelegenheit aber wieder mal näher angucken. Mit einem eigenen Fotodienst würde das Foto-Thema jedenfalls gleich viel stärker gepusht werden. Eine richtige Panoramio-App mit Netzwerk-Funktionalitäten fände ich jedenfalls sehr interessant. Wie ich die Instagram-Technik wie übrigens auch die Youtube-App ohnehin auch für viele andere Bereiche interessant fände – sogar bis hin zur Organisation und dem Management von Suchmaschinen-Suchen.
18. November 2012 um 10:14
@ Mr Video,
Ja, eigentlich sind Twitter und Instagram hinsichtlich ihrer Use Cases in vielen Aspekten verschieden. Konkurrenz machen sie sich primär dabei, die Aufmerksamkeit der Nutzer zu gewinnen. Es ist aufgrund der Struktur mobiler OS und Hardware und der Eigenschaften der zwei Dienste nicht möglich, beide wirklich parallel zu nutzen.
24. November 2012 um 11:40
Wenn man so will, konkurrieren natürlich alle Anwendungen im Internet um Aufmerksamkeit. Ob nun speziell Twitter und Instagram …? Auf mobilen Gadgets sicher mehr als auf dem PC. Wo man im Instagram-Webinterface noch nicht mal nen Feed hat und Follower recherchieren und organisieren kann. Wobei User ihre Prioritäten ja nicht nur nach Zeit, sondern eben auch thematisch treffen. Hierbei wird die kurze Textinformation wie auf Twitter nach wie vor weiter gut gegen die Fotos auf Instagram bestehen können. Die Leute gucken sich wegen Instagram nicht auf einmal nur noch Fotos an.
Was ich wiederum eigentlich schreiben wollte: Je mehr ich Instagram nutze, desto mehr komme ich zu dem Schluß, dass Google als großer Anbieter auch so’n Foto-Dings braucht. Nicht nur als großer Mehrwert für die User, sondern natürlich auch um damit im Wettbewerb mit Facebook mithalten zu können. Geniales Teil für Fotointeressierte in Verknüpfung mit exzellenten nationalen wie globalen Community-Funktionen, das technisch-funktionell noch ziemlich am Anfang steht. So wünschte ich mir z.B. auch erstmal die Übernahme sämtlicher Twitter-Funktionalitäten in Instagram, insbesondere Listen.