An den Plattenfirmen vorbei:
Band veröffentlicht Album
exklusiv auf Spotify

Viel Geld für die Plattenfirmen – Almosen für Künstler und die Plattformen. So stellt sich das antiquiert wirkende Gefüge in der Musikindustrie derzeit dar. Das schwedische Elektro-Duo Cazzette bietet ein neues Album ab heute exklusiv auf Spotify an. Eine Premiere, die zeigt, dass Major Labels in Zeiten digitaler Vertriebswege nicht mehr zwingend notwendig sind.

Gefühlt leiden derzeit eigentlich alle Protagonisten der Musikszene: Die Labels, die weniger Umsätze durch Raupkopien beklagen, die Künstler, die sich für Verkäufe oder Streaming ihrer Musik zu niedrig entlohnt fühlen, aber auch die modernen Streaming-Plattformen wie Spotify und Simfy, die den Löwenanteil ihrer Einnahmen nach wie vor an die Industrie und Verwertungsgesellschaften abführen müssen. Eine Lösung für die Zukunft könnte Direktvermarktung heißen: Künstler verzichten auf ein Label, stellen ihre Musik selbst bei einem Streaming-Angebot ein und teilen die Einnahmen direkt mit diesem. Cazzette aus Schweden gehen diesen Weg nun auf Spotify und veröffentlichen dort heute den ersten Teil ihres neuen Sets “Eject”.

Ohne Plattenvertrag international bekannt

Spotify bewirbt das Duo auf der Startseite und in Form einer eigenen App. Die 15 Millionen Nutzer aus 17 verschiedenen Ländern weltweit können damit bei der Suche nach neuer Musik auf die Künstler aufmerksam werden. Spotify übernimmt dabei die Aufgaben eines Major Labels, Cazzette werden in Märkten wie den USA und Australien bekannt. Nach Spotifys Bekunden soll das erst der Anfang sein. Weitere Künstler sollen auf diese Weise gesichtet und auf Spotify beworben werden.

Die Plattform sichert sich damit Exklusivität und kann weitere zahlende Nutzer anziehen. Die Musiker profitieren von einer höheren Reichweite, gehen aber auch ein Risiko ein: Zwar werden sie in allen Spotify-Märkten bekannt gemacht, andererseits wird ihre Musik dadurch nicht in anderen Musikbibliotheken wie Rdio, Simfy, Deezer, iTunes oder Google Play angeboten.

Immerhin: Eine Plattenfirma wie Universal oder Sony Music brauchen die Protagonisten hier nicht. Der umstrittene MegaUpload-Gründer Kim Dotcom sieht in den Möglichkeiten digitaler Musik die große Chance für sein neues Projekt: Mega soll einen Musikdienst umfassen, der die Plattenfirmen außen vor lässt; die Künstler werden direkt von Mega entlohnt. Als Starttermin ist hier der 19. Januar angesetzt. Die gleiche Möglichkeit bietet Google über seinem Artist Hub, der zeitgleich mit Google Music in dieser Woche in Deutschland an den Start ging und vom Prinzip her an MySpace’ offene Musikplattform erinnert. Nachwuchskünstler ohne Plattenvertrag können hier ihre Musik selbst hochladen und die Einnahmen mit Google teilen. Der Webriese kassiert einmalig 25 US-Dollar Aufnahmegebühr plus 30 Prozent vom Umsatz. Der Rest verbleibt beim Künstler.

Wenig Geld für die Plattformen

Gemessen an Nutzerbasis und Umsätzen steckt Streaming derzeit noch in den Kinderschuhen, Spotify und Co. werden aber gerade bei jungen Leuten immer bekannter. Die Dienste haben die Chance, das Netz zu nutzen, um die Weichen neu zu stellen. Ein Prinzip, das in Zeiten digitalen Marketings immer sinnvoller, wenn nicht gar unumgänglich erscheint: Spotify schrieb in den vergangenen zwei Jahren einen Verlust von etwa 70 Millionen Euro. Dilemma für das britisch-schwedische Unternehmen ist, dass mehr Nutzer auch höhere Kosten bedeuten, weil man den Hauptteil der Einnahmen an die Plattenfirmen überweist.

Das Beispiel Cazzette könnte die Trendwende bedeuten. In Zeiten digitaler Vertriebswege muss man die Labels nicht zwingend umgehen, man kann aber. Comiczeichner The Oatmeal hat die Probleme der Musikvermarktung vor einigen Monaten in einem unterhaltsamen Comic skizziert. Die Plattenfirmen waren darin nicht Teil der Lösung.

 

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Redakteur bei neuerdings.com, netzwertig.com und dem Euronics Trendblog. Neue Gadgets und Software? Liebend gerne! Aber nur, wenn sie das Leben auch wirklich leichter machen.

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10 Kommentare

  1. Für mich (als Vinyl Junkie) ganz einfach “der Fluch der bösen Tat”: wer brauchte denn noch eine Tonträgerindustrie, nachdem die Plattenbosse (aus Habgier?) beschlossen hatten, den Ton vom Träger zu trennen?

  2. Cazzette verdienen ihr Geld mit Auftritten, nicht mit MP3-Verkäufen oder Streams.

    Von daher ist das lediglich eine Werbemaßnahme, bei der kaum Umsätze generiert werden (Spotify zahlt bescheidene 0,0035 Euro pro Play).

    Das ist keine “Trendwende”, sondern eher eine Bankrotterklärung.

    Große Stars machen noch Umsätze (dank entsprechender Promo der Plattenfirmen), die kleinen Künstler können von dne MP3-Verkäufen nichtmal ihre Miete zahlen.

    • Und wenn die Band dadurch eine nennenswerte Zahl neuer Konzernbesucher erhält, wieso ist es dann eine “Bankrotterklärung”? Dann hat es ja gut funktioniert.

    • In Frage stellen würde ich eher das Modell, 0,0035 Euro per Play oder überhaupt per Play zu zahlen. Läuft m.E. am Problem vorbei und gehört überarbeitet.

    • @Martin:

      Cazzette ist aber bereits bekannt, verfügt über eine Fanbase und kann es sich daher leisten “Einzelgänger” zu sein.

      Sie umgehen nicht die Plattenfirmen, sondern sie verschenken ihre Musik in dem Sinne. Weil Geldverdienen und Spotify beißen sich gewaltig.

      Sie hätten genauso gut ihre Musik lediglich auf der eigenen Homepage verschenken können, aber auf Spotify sind eben mehr Leute unterwegs.

      Ist aber wie immer nur ein typischer Einzelfall. Stellt euch mal vor, alle Künstler würden ihre Tracks verschenken und ihr Geld durch Liveauftritte machen. Soviele Clubs gibt es gar nicht ;)

    • Das Wort “verschenken” zeigt, dass du noch immer der Meinung bist, jeder produzierte Song hätte in den Augen der Hörer einen imensen Wert.

      Dem war so in einer Zeit, in der Musik ein knappes Gut war und man 10 DM für eine Single hingeblättert hat.

      Heutzutage haben Konsumenten die Wahl zwischen 20+ Millionen Songs, legal und illegal, so wie sie wünschen. Und können trotzdem nur einen gleichzeitig anhören. Gleichzeitig buhlen Millionen Onlinevideos um ihre Aufmerksamkeit, und Smartphone Games, E-Bücher etc…

      Nicht die Musiker sind es, die Musik verschenken, sondern die Konsumenten, die ihre Aufmerksamkeit einem Musiker schenken.

      Anschließend ist es die Aufgabe des Musikers, diese Aufmerksamkeit zu monetarisieren.

      Ich verstehe, dass einem diese Sichtweise absolut nicht behagt, wenn man das Modell des Verkaufs von Musik stets sympathisch fand.

      Doch das ändert nichts daran, dass so die Realität aussieht und sich auch nicht mehr ändern wird.

    • Wann konnten den “kleine Künstler” von ihren Plattenverkäufen “die Miete” bezahlen? Früher mussten 10.000 Platten verkauft werden, bevor die Künstler etwas von den Verkäufen gesehen haben und die GEMA einnahmen bekommt wer?

      Letztlich ist der Topf aus dem alle Beteiligten etwas bekommen immer gleich geblieben (ink. Inflationsausgleich), wenn also jemand weniger bekommt, müssen andere mehr bekommen haben und wenn es am schluss die Künstler sind, dann haben sie sich mal wieder verschaukeln lassen.

    • Ich denke, es es wird so laufen: Künstler, deren Stärke Live-Auftritte sind, werden gut leben können – womöglich besser als früher (wenn sie unabhängig agieren und nicht mehr ihre Konzerteinnahen mit Labels teilen müssen). Künstler, die am liebsten im Studio hocken, haben es deutlich schwerer als früher.

  3. spotify gehört mehrheitlich mittlerweile den majors. somit kann dies auch schlicht ein Experiment dieser in kontrollierter Umgebung sein.

3 Pingbacks

  1. [...] netzwertig kommentiert den Coups wie folgt: “Spotify bewirbt das Duo auf der Startseite und in Form einer eigenen App. Die 15 Millionen Nutzer aus 17 verschiedenen Ländern weltweit können damit bei der Suche nach neuer Musik auf die Künstler aufmerksam werden. Spotify übernimmt dabei die Aufgaben eines Major Labels, Cazzette werden in Märkten wie den USA und Australien bekannt. Nach Spotifys Bekunden soll das erst der Anfang sein. Weitere Künstler sollen auf diese Weise gesichtet und auf Spotify beworben werden.” Auf den ersten Blick scheint das eine klassische Win-Win-Situation zu sein. Spotify kann aufgrund des Exklusiv-Deals hoffen, dass es neue Abonnenten für seien Musik-Streaming-Dienst einwerben kann. Die Musiker erhalten enorme Bekanntheit und natürlich auch anteilige Einnahmen von Spotify. [...]

  2. [...] Musikdienst der Zukunft den Künstlern näher steht und zu Selfpublishing ermuntert – etwas, womit gerade auch Spotify erste experimentelle Gehversuche wagt.Bisher keine Monetarisierung der HörerDamit komme ich zum Kern dieses Artikels: Ich höre also pro [...]

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