Massenmedien und Prominente:
Die nächste Gatekeeper-Funktion geht verloren

Einst waren Prominente von der Sichtbarkeit in den traditionellen Massenmedien abhängig. Jetzt halten Berühmtheiten direkten Kontakt zur Öffentlichkeit – und die einstigen Gatekeeper werden zu Statisten.

Im Zeitalter von User Generated Content, “Bürgerjournalismus” und sozialen Medien verliert die Presse ihre bisherige Gatekeeper-Position. Diese Erkenntnis dürfte mittlerweile auch zu den letzten Verfechtern der alten Welt- und Gesellschaftsordnung durchgedrungen sein. Ob es ihnen – wie Dieter Gorny – gefällt oder nicht. Sicherlich fehlt den Otto-Normal-Verbrauchern das handwerkliche Know-how, um einen nach allen Regeln der journalistischen Kunst angefertigten Artikel zu verfassen. Aber zumindest ihre Rolle als Beobachter, Berichterstatter und Kommentator kann ihnen niemand mehr nehmen.

Ein anderer Punkt, in dem die Massenmedien bisher eine Gatekeeper-Funktion einnahmen, war ihre Rolle als Macher von und Sprachrohr für Prominente. Fernsehen, Radio, Zeitungen und Zeitschriften dienten dazu, die Bevölkerung über die jüngsten Ereignisse und Projekte rund um Stars und Sternchen zu informieren. Abgesehen von einigen wenigen herausragenden Kreativköpfen und Supertalenten, deren Filme, Musikstücke oder sonstigen Meisterwerke sich allein per Mundpropaganda verbreiteten, waren Promis von der Berichterstattung in den Medien abhängig – ohne eine intensive Pressebewachung blieben sie oder wurden sie zu “Nobodys”.

Und heute? Sicherlich helfen eine Präsenz zur TV-Primetime oder stetige Schlagzeilen in einschlägigen Klatsch- und Tratsch-Magazinen den Berühmtheiten noch immer dabei, mehr Menschen zu erreichen oder Konzerthallen oder Kinosäle zu füllen. Doch das einstmals existierende Abhängigkeitsverhältnis ist dabei, komplett auf den Kopf gestellt zu werden. Nicht mehr länger sind Prominente unbedingt von den Massenmedien abhängig, sondern mitunter kehrt sich die Situation um: Sie können über das Web direkt mit der Öffentlichkeit kommunizieren, und die einstigen Gatekeeper werden zu Nacherzählern degradiert.

Lance Armstrong twittert – Leitmedien berichten

Eindrucksvoll zeigt dies ein kurzer dpa-Bericht, der am Sonntag in redaktionell nachbearbeiteter Form bei diversen Leitmedien wie Spiegel Online oder Focus Online publiziert wurde. Darin geht es um ein per Twitter vom wegen Doping lebenslang gesperrten Radprofi Lance Armstrong veröffentlichtes Foto, das ihn entspannt auf seinem heimischen Sofa zeigt, während im Hintergrund sieben eingerahmte Gelbe Trikots an der Wand hängen – eine Provokation, bedenkt man, dass Armstrong alle sieben Siege der Tour de France aberkannt wurden.

Der Beitrag bei Focus Online beschränkt sich auf einen Hinweis zu dem immerhin verlinkten Foto sowie einer kurzen Zusammenfassung von Armstrongs Dopingskandal. Spiegel Online liefert dagegen Lesern noch eine kleine Auswahl an Twitter-Reaktionen auf den Tweet. Eines haben beide Texte gemeinsam: Sie enthalten zwar einige Links zu früheren Armstrong-Geschichten der jeweiligen Nachrichtensite, aber verzichten gänzlich darauf, zu Armstrongs Twitter-Konto oder besagtem Tweet zu verlinken. In Anbetracht der Tatsache, dass die Beiträge eindeutig vor der Veröffentlichung durch die Redaktionen bearbeitet wurden, muss man von einem bewussten Weglassen der Verweise zu Twitter ausgehen. Oder von komplett für ihre Arbeit ungeeigneten Redakteuren.

Deutlicher kann der Verlust der Gatekeeper-Rolle der führenden Medienangebote sowie ihre Furcht und daraus resultierende Haltung vor selbigem kaum werden: Früher hätte Armstrong irgendeinem bekannten Nachrichtenangebot ein Exklusivinterview gegeben und sich dafür auf seiner Couch fotografieren lassen. Heute nimmt er das einfach selbst in die Hand und überlässt seinen 3,8 Millionen Follower die weitere Verbreitung des Schnappschusses. Die Medien werden zu Statisten, die sich dazu gezwungen fühlen, den Vorfall nachzuerzählen. Indem sie die Links zu dem Tweet weglassen, generieren sie künstlich den Anschein journalistischer Arbeit – denn so entsteht für die Mehrheit der Leser – die nicht genau mit der Funktionsweise von Twitter vertraut ist – der Eindruck, die Schilderung aus einem Tweet sei eine besondere redaktionelle Leistung, die nur Profis können.

Dass Nachrichtenportale, Radiostationen oder auch TV-Sender das nacherzählen, was bei Twitter oder Facebook von Stars, Politikern oder “normalen” Nutzern an Meinungen und Informationen verbreitet wird, ist mittlerweile gang und gäbe. Je nach Situation kann es auch durchaus einen Informations- oder Unterhaltungswert für Leser haben, die den jeweiligen Personen nicht in sozialen Medien folgen. Doch es zeigt, dass der Bedeutungsverlust der Massenmedien in diesem Themenfeld unaufhaltsam ist – und setzt voraus, dass die berichtenden Websites ihrem Auftrag des Service für den Lesern folgen und die notwendigen Links setzen. Von der von Twitter selbst angebotenen Einbettung von Tweets oder einer Storify-Sammlung ganz zu schweigen.

“Prominente gratulieren Obama”

Vom Status einer Selbstverständlichkeit sind derartige Maßnahmen aber noch weit entfernt. Stattdessen werden Promi-Tweets als Gelegenheit für Bildergalerien genutzt – so wie im FAZ-Artikel “Prominente gratulieren Obama”. Die meisten der dort in einer zehnteiligen Fotostrecke zitierten Glückwünsche zur Wiederwahl des US-Präsidenten stammen von Twitter. Links dorthin sucht man natürlich vergeblich.

Es gibt unzählige Bereiche, in denen nur der Profi-Journalismus die vorhandene Nachfrage nach Informationen, Hintergründen und Zusammenhängen befriedigen kann. In allen anderen Segmenten wäre es wünschenswert, wenn Medien damit aufhören, den Eindruck von Exklusivität zu wahren, wo keine ist. Wenn das Erreichen der angestrebten Zahl monatlicher Seitenaufrufe die Wiedergabe von Inhalten aus sozialen Medien erforderlich macht oder Leser dies einfordern, dann soll dies so sein. Aber dann muss man mindestens erwarten können, Zugang zu den Tweets zu erhälten.

Mittelfristig ist davon auszugehen, dass diese Art des Fast-Food-Nacherzähl-Journalismus gänzlich verschwindet. Oder dass er von Maschinen übernommen wird. Menschliche journalistische Kompetenz ist an anderer Stelle deutlich besser investiert.

 

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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6 Kommentare

  1. Vor allem DPA und Co werden es merken… hoffentlich gehen diese bald Pleite, denn aktuell kann die DPA sehr gut abmahnen und Geld verdienen, aber der Rest passt schon lange nicht mehr.

    • @Robert: Sie meinen wohl die derzeit insolvente dapd, denn diese mahnen kräftig und falsch ab und auch AFP. So arbeiten halt Pseudoagenturen und ihre Abmahnanwälte…. Die dpa hat m.W. sowas nicht nötig.

  2. Die Lance-Armstrong-Story ist natürlich ein aktuelles Paradebeispiel.

    Im Link über Dieter Gorny schreibt selbiger:

    Wer genauer hinsieht, stellt fest, dass es sowohl in der Musikbranche, als auch bei der Presse – der „Totholzbranche“ – um Qualität und Niveau geht bzw. um die Kuratierung hochwertiger Inhalte.

    Mit der Aussage “Kuratierung hochwertiger Inhalte” habe ich so meine Probleme. Zum Einen ist Qualität/Niveau eine Geschmacksfrage, und viele Leute WOLLEN offenbar das Minderwertigere (oder wie ist es sonst zu erklären, dass Telemann weniger verkauft als Scooter? warum ist Bild.de erfolgreicher als Netzwertig?). Zweitens ist in der heutigen Zeit, wo die Produktionsmittel demokratisiert sind, oft nicht mehr zu unterscheiden, ob es sich um ein Hobby- oder Profi-Produkt handelt. Während im Musikbereich noch etwas Know-How vonnöten ist, schreibt der Profi-Schriftsteller genauso mit Word wie der Hobby-PC-Mensch zu Hause.

    Dieter Gorny schreibt:

    Professionell produzierte Musik wie professioneller Journalismus brauchen neben einer finanziellen Grundausstattung den notwendigen Freiraum für Recherchen, Respekt und arbeitsteilige Strukturen, die es ermöglichen, dass sich jeder auf seine Kernkompetenz fokussieren kann – sei es das Komponieren eines Songs oder das Verfassen eines gut recherchierten Berichts.

    100% Zustimmung. Aber die finanzielle Grundausstattung und Freiraum für arbeitsteilige Strukturen braucht aber der “minderwertige”, “unprofessionelle” Content prinzipiell genauso. Und wenn – wie erwähnt – der Markt nach Minderwertigem verlangt, wäre eigentlich nur konsequent, wenn die Medienbranche diese Geschichten ebenso selbstverständlich finanziell supporten würde. Das passiert aber nicht, da das Minderwertige “jeder” produzieren kann. Bei primitiverer Musik springen die Plattenfirmen erst auf den Marketing-Zug auf, wenn sich der Titel bereits im Internet breit gemacht hat – bekannte Beispiele: Schnappi oder aktuell “Gangnam Style”. Hier sind die Plattenfirmen auch längst nicht mehr “Leitmedien”, was die Künstlerpräsentation anbelangt, sondern sie jagen einfach den Internet-Trends hinterher. Auf derartige “Gatekeeper” kann ich gerne verzichten.

    DJ Nameless

  3. Das Kuratieren hochwertiger Inhalte würde ich in diesem Fall nicht ins Spiel bringen. Wir Menschen haben und hatten immer eine Neigung zum Klatsch, denn er ist der kleinste gemeinsame Nenner der Kommunikation. In der Kaffeeküche reden wir viel über das Dschungelcamp, aber wenig über den Kantschen Imperativ.

    Diesen Hunger nach Klatsch bedient ein Teil der Medienindustrie, der nicht nur aus Sicht seiner Berichterstattungsgegenstände (der Prominenten) längst über das Ziel hinausschießt. Nachzulesen ist das auch wöchentlich in der Herzblatt-Kolumne der FAS oder auch im lesenswerten Blog Klatschkritik (http://klatschkritik.blog.de/).

    Ashton Kutcher war aus meiner Sicht der erste, der die Chance erkannte, sich via Social Media davon zu emanzipieren: http://indiskretionehrens…-kutcher-demi-moore/

    Ich bin mir sicher: In den kommenden 12 Monaten werden wir das auch bei Deutschen Blingbling-Menschen beobachten können.

  4. Ich wollte erst wiedersprechen und sagen, dass traditionelle Medien für mich eine Art Filter sind und ich icht jedem Hans auf Twitter folgen kann um dann von Tweets überflutet zu werden. Aber in der Tat muss ich das ja gar nicht. Die interessanten Tweets werden von einer größeren Zahl an direkten Followern retweetet und über mehrere Ecken landen so auch genau diese Tweets bei mir. Du hast Recht.

  5. Schönes Thema und gut zusammengefasst.
    Medien sollten Social Media für Ihre Recherche sicher nutzen. Aber dann auch eine zusätzliche journalistische Leistung erbringen. Sagt auch dieser junge Journalist.

3 Pingbacks

  1. [...] keine Twitter-Tussi mehr ist, sondern eine Promi-Tussi, wenn sie über Promis bei Twitter redet, eine Sport-Tussi, wenn es um die Äußerungen von Sportlern geht, eine Wirtschafts-Tussi, wenn sie über die wirtschaftlichen Auswirkungen oder Schwierigkeiten von [...]

  2. [...] die Presse einen deutlich geringeren Effekt gehabt. Da Unternehmen heute ihre Reichweite – analog zu Prominenten – direkt im Netz aufbauen können, ohne dabei auf “Old Media” angewiesen zu sein, [...]

  3. [...] zu stellen, von denen er anschließend einige beantwortete. Direktkommunikation aus dem Gefängnis an den Gatekeepern vorbei.Ganz anders als McAfee und Dotcom reagierte der bekannte deutsche, in London beheimatete [...]

vgwort