Kein “Winner takes it all”:
Das ausgeglichene Kräfteverhältnis der E-Mail-Giganten

In den meisten Bereichen des sozialen Netzes geht im Laufe der Zeit ein Anbieter als eindeutiger Marktführer hervor. E-Mail stellt eine Ausnahme dar: Aufgrund der offenen Protokolle herrscht hier zwischen den drei größten Anbietern ein ausgeglichenes Kräfteverhältnis.

“Winner takes it all” – der Sieger erhält alles – diese Faustregel gehört zu den typischen Charakteristiken des sozialen Netzes. Ob Facebook, Twitter, Spotify oder WhatsApp – immer wieder lässt sich in den unterschiedlichen Teilbereichen des Social Web beobachten, wie sich nach und nach ein Marktführer herausbildet, der die Konkurrenten nicht nur hinter sich lässt, sondern diesen regelrecht die Lebensgrundlage entzieht: Nutzer. Wenn immer mehr ihrer Kontakte bei den dominierenden Diensten präsent sind und ihre Aktivität bei einem alternativen Angebot minimieren, entsteht ein regelrechter Zwang für die Zurückgebliebenen, diesen Schritt ebenfalls zu machen – egal ob ihnen die Praktiken der Marktführer zusagen oder nicht.

Zumeist ist die Winner-takes-it-all-Dynamik auf heftige Lock-In-Effekte zurückzuführen. Genau deshalb tun sich die führenden Webgiganten auch so schwer damit, ihre Walled-Garden-Konzepte zu lockern und mehr Datenportabilität zuzulassen. Denn wenn die User mit Anwendern bei anderen Plattformen kommunizieren könnten – also beispielsweise zwischen Google+ und Facebook, zwischen iMessage und WhatsApp oder zwischen Spotify und simfy – dann entfiele für sie die Notwendigkeit, ebenfalls zum Marktführer umzuziehen. Viele konkurrierende Anbieter könnten friedlich nebeneinander existieren. Für Anwender böte dies einige Vorteile, für die derzeitigen “Winner” jedoch würde es deutlich schwieriger sein, ihre tonangebende Rolle zu verteidigen. Denn sie müssten bei ihrem Vorgehen stärker als bisher Rücksicht auf die unmittelbaren, kurzfristigen Nutzerinteressen nehmen – immerhin könnten User sonst unkompliziert zu einem Wettbewerber ziehen, ohne dass dies bedeutet, nicht mehr mit ihren bisherigen Kontakten kommunizieren zu können.

Ausnahmefall E-Mail

Wie ein Sektor der Weblandschaft aussieht, bei dem die Vernetzung von Menschen im Vordergrund steht, der jedoch aufgrund vorhandener Interoperabilität und Datenportablilität keinen eindeutigen Sieger hervorgebracht hat, zeigt die E-Mail. Denn anders als bei Facebook oder Twitter sind die zugrunde liegenden Protokolle offen. Unzählige große und kleine E-Mail-Provider erlauben den Versand und die Verwaltung von Nachrichten auf Basis dieser Protokolle, ohne dass User dabei an den einzelnen Dienst gebunden sind. Stattdessen lassen sich Mails problemlos zwischen den miteinander in Konkurrenz stehenden Anbietern verschicken.

Eine aktuelle ComsScore-Statistik zeigt die Marktanteile der führenden E-Mail-Anbieter. Sicherlich haben sich auch in diesem Bereich der Onlinewelt einige besonders nutzerstarke Dienste an die Spitze gesetzt und vereinen einen Großteil der E-Mail-Nutzer weltweit. Doch die primäre Ursache dafür waren andere Faktoren als die bei modernen Social Networks zu beboachtenden Netzwerk- und Lock-In-Effekte. Denn selbst wenn der Umzug von einem Provider zu einem anderen mit Aufwand und in der Regel mit einem Wechsel der E-Mail-Adresse verbunden ist, so bleibt ein entscheidender Aspekt unverändert: Alle bisherigen E-Mail-Kontakte sind auch vom neuen Anbieter aus wie bisher zu erreichen.

Hotmail, Yahoo und Gmail Seite an Seite

Hotmail, Yahoo und Gmail dominieren den weltweiten E-Mail-Markt, jedoch ohne dass sich für eines der drei Unternehmen eine beherrschende Stellung abzeichnet, wie man sie aus dem heutigen Social Web kennt. Yahoo erreicht mit seinem Mailangebot laut ComScore 281,7 Millionen Nutzer, Gmail 287,9 Millionen Nutzer und Hotmail 286,2 Millionen Nutzer. Das heißt, dass alle drei Akteure in etwa gleich stark sind, mit gewissen regionalen Schwerpunkten. Hinzu kommen hunderte regionale und landesspezifische Mailprovider, darunter unzählige Webhosting-Firmen.

In Early-Adopter-, Geek- und Startup-Kreisen kann leicht der Eindruck entstehen, Gmail sei ein Quasi-Monopolist. Die Zahlen zeigen: Dem ist nicht so. Allerdings galt Google viele Jahre als größter und einziger Innovator rund um die ganz allgemein nicht mehr als sonderlich zeitgemäß angesehene E-Mail, was ein Grund für die hohe Popularität von Gmail innerhalb der Internetwirtschaft darstellt. Es war die Qualität des Angebots, die Millionen Menschen dazu bewogen hat, ihre bisherigen E-Mail-Konten aufzugeben und zu Gmail umzuziehen.

Interoperabilität hat nicht nur Vorteile

So reizvoll der Gedanke einer Interoperabilität zwischen verschiedenen Diensten zur Onlinekommunikation in einer Zeit, in der Big Player im vollen Bewusstsein des Lock-Ins Anwendern und Entwicklern ihre Regeln diktieren können, im Angesicht des ausbalancierten Kräfteverhältnisses im E-Mail-Segment erscheinen mag, so wichtig ist es, die Schattenseite nicht auszublenden: Denn genau die mit einer absoluten Marktdominanz und dem regelrechten Einschließen der Nutzer in den durch proprietäre Technologie umzäunten Garten verbundene Sicherheit für die Unternehmen sorgt dafür, dass sie konzeptionelle und funktionelle Experimente wagen können. Diese kommen zwar nicht immer gut an, aber allein das Beispiel des zur Lancierung umstrittenen Facebook Newsfeeds zeigt: Anfangs ungewohnte und damit unpopuläre Funktionen können auf Dauer zum Branchenstandard werden, den kein Anwender mehr missen möchte. Fehlt der Lock-In, wäre das Risiko derartiger konzeptioneller Experimente für die Anbieter ungemein größer.

Nicht ohne Grund hält sich das Innovationstempo bei den E-Mail-Giganten in Grenzen, und selbst Gmail ruft mittlerweile verstärkt Kritiker auf den Plan: Die Offenheit des E-Mail-Protokolls mindert die Attraktivität des Mailservices als Betätigungsfeld für neue, revolutionäre Geschäfts- und Anwendungsmodelle. Lieber belassen Google, Yahoo und Microsoft ihre Mailtools abgesehen von optischen Anpassungen und kleineren Feature-Erweiterungen einigermaßen unangetastet und experimentieren stattdessen anderswo, wo sie wissen, dass User eher bereit sind, grundsätzlichen Wandel mitzutragen – wenn auch zwangsläufig.

Die Winner-takes-it-all-Dynamik mag manchmal eine hässliche Nebenwirkung des global vernetzten Marktes darstellen und bringt eine Reihe Herausforderungen mit sich. Am Beispiel E-Mail wird deutlich, was geschieht, wenn Nutzer ihre Kontakte von Anbieter zu Anbieter mitnehmen dürfen. Eine Social-Networking-Landschaft mit einem ähnlich ausgeglichenen Kräfteverhältnis wie zwischen Gmail, Yahoo und Hotmail würde den Einfluss der Nutzer stärken und den der Dienste schwächen. Ob die Unternehmen dann jedoch in der Lage wären, dauerhaft die kurzfristigen und langfristigen Ansprüche der Anwender zu erfüllen, ist damit nicht garantiert.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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5 Kommentare

  1. Ich glaub der grundlegende Unterschied ist, dass Email ein eigenes Internet-Protokoll mit entsprechenden RFCs besitzt. Wenn es offene Protokolle für Social Networks und Jobs gäbe, wären diese Märkte sicher auch ausgeglichener.

    • Es gibt ein offenes Protokoll für Chat: XMPP.
      Schon seit Ewigkeiten gibt es Jabber Server und Clients, aber niemand nutzt sie. ICQ, MSN, Skype, … alle proprietär. Noch schlimmer: WhatsApp hat sich XMPP geschnappt und durch einige Veränderungen ein eigenes proprietäres Protokoll draus gemacht. Auch Google Talk und der Facebook Chat basieren auf XMPP.

      Ich hege im Moment aber die Hoffnung, dass durch XMPP Erweiterungen wie WebRTC der Standard wieder in den Vordergrund rückt.

  2. Nicht ohne Grund hält sich das Innovationstempo bei den E-Mail-Giganten in Grenzen

    Oje, keine Innovation bei E-Mail… und alles nur, weil die Offenheit keine Experimente zulässt, da sonst der scheue Anwender wie ein verschrecktes Reh zum nächsten Anbieter wechselte.
    Könnte es sein, daß sich bei E-Mail nicht mehr viel innovieren lässt?
    Welche Funktionalität fehlt denn bitteschön?
    Ist es so schwer zu akzeptieren, daß manche Werkzeuge einfach soweit ausgereift sind, daß man nicht mehr viel aus ihnen herausholen kann?

    Was haben denn all die “Innovationen” wie HTML-Mails oder Anhänge oder Lokalisierungen wie “AW: ” gebracht, außer das schöne, schlanke Kommunikationswerkzeug E-Mail zu pervertieren?

    All die vermeintlichen neuen Geschichten wie die tollen GMail Conversations waren schon mit dem ursprünglichen Protokoll möglich, aber wenn die Nutzer es nicht hinbekommen, ordentlich zu quoten oder dann auf den Reply-Knopf zu drücken, wenn es auch wirklich um eine geht, oder Clients wie Microsofts Outlook auf References scheißen etc., dann hilft alles nichts.

    Es braucht IMO weniger “Innovation”, die irgendwann einfach nur noch in Klicki-Bunti-Gimmicks endet oder Dinge hineinfummelt, die einfach nicht hineingehören, oder die dem Anwender so viel “abnehmen”, daß dieser in der Nutzung mehr kaputt- als richtig macht, als einen vernünftigen, informierten Umgang.

    Das klingt jetzt wieder arg nach Nerd-Arroganz und Kulturpessimismus und ist es vermutlich auch, aber mir sind all die “Innovationen” bspw. bei E-Mail jetzt schon zu viel.

    • Innovation + E-Mail heißt für mich eher, die Protokolle auf neue Weise einzusetzen.

      Etwa könnte man versuchen, darum ein “echtes” soziales Netzwerk zu bauen. Etwa aus Yahoo Mail oder Gmail heraus. Aber das hat keiner der Großen versucht. Ich denke, die im Artikel genannten Gründe spielen da eine Rolle.

  3. Die Verhältnisse im E-Mail-Bereich sind relativ ausgeglichen, weil es Dienste mit relativ geringer Schöpfungshöhe und vergleichsweise geringem Aufwand und geringen Kosten sind. Soziale Netzwerke oder Suchdienste inhaltlich und ökonomisch zu entwickeln und zu etablieren, ist halt was völlig anderes als Popel-Mail. Deshalb können sich im Mail-Bereich einzelne Anbieter auch viel stärker halten – die Alleinstellungsleistung ist hier eine viel geringere, quasi nicht vorhanden.