Musikstreaming:
Die simfy-Gründer gehen von Bord

Christoph Lange und Steffen Wicker, die zwei verbliebenen Gründer des deutschen Spotify-Konkurrenten simfy, verlassen das Unternehmen und wollen ein neues Startup aufbauen. Der Schritt kommt nicht unerwartet.

Früher oder später heißt es für die meisten Startup-Gründer, sich von ihrem Baby zu verabschieden. Nur sehr wenige Entrepreneure bleiben auf unbestimmte Zeit bei ihrem Unternehmen. Zumeist verlassen Gründer im Internetsektor ihre Firmen spätestens dann, wenn sämtliche im Rahmen eines Verkaufs vertraglich geregelten, zur vollständigen Inanspruchname der vereinbarten Summe festgelegten Fristen abgelaufen sind (“Vesting“) – und manchmal auch schon vor einem Exit.

So ist es nun der Fall beim deutschen Spotify-Konkurrenten simfy. Zum klassischen Zeitpunkt der Bekanntgabe einer derartigen Nachricht – am aufmerksamkeitsschwachen Freitagnachmittag – gaben die zwei verbliebenen simfy-Gründer Christoph Lange und Steffen Wicker in einer Mail ihren Abschied von dem Kölner Startup bekannt. Nach sieben Jahren an der Spitze des 2005 als Studentenprojekt begonnenen Dienstes wollen die Zwei eine neue Firma gründen. Auch kündigen sie an, junge Gründer und Startups künftig beim Aufbau ihrer Aktivitäten helfen zu wollen.

Christoph Lange und Steffen Wicker (Foto: simfy)Lange, Wicker und der bereits im vergangenen Jahr ausgestiegene dritte Co-Founder Tobias Schiwek (Nachtrag: Schiwek stieß erst drei Jahre nach den Anfängen von simfy zum Team dazu) haben mit simfy die Herkulesaufgabe gemeistert, trotz allen Widerstands der besonders in Deutschland aggressiv den digitalen Wandel bremsenden Musikindustrie – maßgeblich in Form der GEMA – den ersten langfristig bestehenden legalen Musikservice zu etablieren, der auch kostenfreien, werbefinanzierten On-Demand-Musikgenuss erlaubte. Bis zum Frühjahr dieses Jahres, als die Kölner vor dem übermächtigen, weil mit reichhaltigen Finanzmitteln internationaler Investoren ausgestatteten Wettbewerber Spotify und dessen in der Desktop-Variante vergleichsweise wenig limitiertem Gratisangebot kapitulierten und sich komplett in die Bezahlnische zurückzogen.

Schon in den Monaten vor dem sich abzeichnenden Markteintritt von Spotify sah sich simfy wegen der mit dem Streaming verbundenen hohen Lizenzkosten gezwungen, sukzessive die Gratisversion zu beschneiden. Mit dem aktuellen, kostenpflichtigen Aboservice stehen die Rheinländer in Konkurrenz zu einer großen Zahl sich nur in Details unterscheidenden Streamingdiensten, von Rdio und Deezer bis zu Rara und Wimp. Selbst wenn simfy dabei nicht chancenlos dasteht, so ist die Hoffnung auf die ganz große Marktdominanz sowie einen massiven Exit verpufft. Wenig positive Nachrichten kommen zudem aus simfys nach Österreich und der Schweiz drittem Auslandsmarkt Belgien. Auch dort ist das Streamingangebot seit Oktober nur noch als Bezahlversion verfügbar, die im November 2011 lancierte Gratisvariante wurde eingestellt. Mit der jüngsten Expansion nach Südafrika stemmt sich das Startup allerdings gegen den Eindruck, vollständig in die Defensive gegangen zu sein.

Dennoch: Dass in Folge der durchwachsenen Marktaussichten auch bei den Gründern die Motivation sinkt, verwundert nicht – erst recht, bedenkt man, dass sie bereits sieben Jahre an dem Projekt arbeiten (das On-Demand-Prinzip existiert seit 2009, davor war simfy ein sozialer Cloudspeicher für Musik).

Auf dem Chefsessel Platz schaffen mussten Lange und Wicker schon im vergangenen Jahr, als Gerrit Schumann die CEO-Rolle übernahm. Schumann leitete zuvor den Kölner Livemusik-Spezialist Music Networx, der sich 2009 im Rahmen einer strategischen Partnerschaft an simfy beteiligte und 2011 zur “simfy AG” umfirmierte. Christoph Lange verantwortete seitdem das Marketing, Steffen Wicker agierte als CIO. Bis zu 30 Millionen Euro flossen bisher von Risikokapitalgebern in das Musikstartup.

Inwieweit der Abgang der zwei Gründer friedlich und im gegenseitigen Einvernehmen erfolgt ist, oder ob interne Konflikte zu dem Schritt geführt haben, ist momentan unklar. Eine offizielle Pressemitteilung zur Personalie gibt es von simfy bisher nicht, und noch werden Wicker und Lange als Teammitglieder aufgeführt. Offen ist auch, was genau die Entwicklung für simfy bedeutet. Vor zwei Wochen war ich kurz mit simfy-Sprecher Marcus von Husen in Kontakt, der damals den Launch neuer mobiler Apps für iOS und Android ankündigte und anmerkte, dass der pressewirksame Spotify-Start in Deutschland auch simfy zusätzliche Aufmerksamkeit beschere. Diese Floskel hört man häufig von Konkurrenten größerer Firmen, gerade beim von Nutzern bisher abwartend beobachtenden Streamingthema erscheint ein solcher Effekt aber durchaus vorstellbar. Mit seinen “mehr als 20 Millionen Songs” müssen sich die Kölner vor Spotify, das “über 18 Millionen Titel” in seiner Datenbank hat, nicht verstecken – wenn man die kostenpflichtigen Versionen vergleicht.

simfy vor dem Exit zu verlassen, gehörte sicher nicht zum ursprünglichen Plan von Wicker und Lange. Doch ob sich das bisher nicht profitable Unternehmen (Stand der Information: Frühjahr 2012) mit seinen zuletzt “mehr als zwei Millionen Nutzern” überhaupt in eine wirtschaftliche Erfolgsstory verwandeln lässt und den Gründern und Investoren durch eine Akquisition einen lukrativen Return on Investment ermöglicht, steht in den Sternen – zumal die zwei Gründer ja ihre Anteile behalten werden.

Das sich in sieben Jahren mit einem Startup in einer der schwierigsten Branchen überhaupt angeeignete Wissen nun für ein neues unternehmerisches Unterfangen zu nutzen, anstatt noch länger bei einem ins Stocken geratenen Startup zu verweilen, erscheint nachvollziehbar und sinnvoll. Ungeachtet davon, welche Geschehnisse dem Fortgang des Duos vorausgegangen sind.

Eine Rückfrage per Mail und Telefon bei den simfy-Gründern sowie Pressesprecher Marcus von Husen blieb bisher unbeantwortet.

Update: simfy-CEO Gerrit Schumann hat uns einige Fragen zum aktuellen Stand bei dem Unternehmen beantwortet und den Weggang der Gründer kommentiert.

 

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4 Kommentare

  1. Für mich hat sich Simfy vor allem an der mobilen App das Genick gebrochen. Die App war unausgereift und instabil. Die Ansprüche der Konsumenten sind sehr hoch und für 10€ im Monat möchte man sich im Fall von Simfy&co vor allem Bequemlichkeit kaufen. So grobe Patzer kann man sich dann nicht leisten.

  2. Der Link zu Wimp ist aber nicht der korrekte. wimp.no würde passen.

3 Pingbacks

  1. [...] erklärt, dass sich der Service trotz einiger Herausforderungen auf massives Wachstum vorbereitet.Wie am Samstag berichtet, verlassen die Gründer des deutschen On-Demand-Musikdienstes simfy das Kölner Unternehmen. Am [...]

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