Google Drive und Google+ rücken zusammen:
Kollaboration als Alleinstellungsmerkmal

Nutzer von Google Drive können Office-Dokumente und Dateien ab sofort direkt mit ihren Kontakten bei Google+ teilen. Sich als Kollaborationsplattform zu positionieren, hilft dem Internetkonzern, sein soziales Netzwerk besser von der Konkurrenz abzuheben.

Wer frühere Artikel von mir zu Google+ gelesen hat, wird wissen, dass ich der sozialen Erweiterung von Google nicht unbedingt optimistisch gegenüber stehe. Während ich zwar die Eignung des Dienstes als Plattform für qualitative Diskussionen anerkenne – in diesem Punkt disqualifiziert Google+ Twitter eindeutig – bin ich der Überzeugung, dass Google+ für die Masse der Anwender kein hinreichend großes Alleinstellungsmerkmal bietet, um ihr begrenztes Zeitbudget zugunsten des Google-Angebots umzuschichten. Denn jede Minute der aktiven Google+-Nutzung ist eine Minute weniger Aufmerksamkeit für andere Onlinedienste.

Google kann noch so sehr mit Zahlen um sich werfen und darauf pochen, dass immerhin 100 Millionen Menschen bei Google+ aktiv sind: Solange nicht die Durchschnitts- und Gelegenheitsnutzer im persönlichen Umfeld ein bewusstes Interesse an dem Service zeigen, ist er nach meiner Definition nicht relevant. Hand aufs Herz: Wann habt ihr zuletzt mit Bekannten, die sich eindeutig nicht dem Early-Adopter- und Web-Worker-Spektrum zuordnen lassen, über Google+ gesprochen, initiiert durch euren Gesprächspartner? Bei mir ist dies ungefähr ein Jahr her.

Der einzige Weg, um Google+ außerhalb einer im Vergleich zu den Ambitionen von Google+ kleinen Intensiv-Nutzerschaft zum Erfolg zu verhelfen, ist es meiner Ansicht nach nicht, Facebook oder Twitter konzeptionell hinterherzulaufen und nachzueifern – etwa indem auch Google+ mit Prominenten wie den Klitschkos überschwemmt wird – sondern sich weiter von den tonangebenden Unternehmen im sozialen Web zu differenzieren und handfeste Use Cases zu präsentieren, die bei bisher inaktiven Usern den Drang erhöhen, den Dienst tatsächlich zu verwenden.

Hangouts sind hierfür sicher das Paradebeispiel. Ein anderer, eng damit verbundener Aspekt ist die Kollaboration mit Teams. Wer möchte, kann bereits während eines Hangouts-Videochats gemeinsam in bei Google Drive (Docs) gelagerten Office-Dokumenten arbeiten, und auch das für Organisationen und Firmen vorgesehene Google Apps bietet Integrationspunkte mit Google+. Die jüngste, sehr sinnvolle Neuerung in diese Richtung betrifft eine Einbettung von in Google Drive abgelegten Dateien in den eigenen Google+-Stream.

Wer ein Textdokument, ein Excel-Sheet, eine Präsentation oder eine im eigenen Google Drive abgelegte Mediendatei allen Kontakten oder ausgewählten Kreisen bei Google+ zugänglich machen möchte, kann dies direkt aus Google Drive erledigen – und sämtliche Kontakte erhalten unmittelbaren Zugriff aus dem Google+-Stream, je nach Dateityp sogar mit einer praktischen Vorschau. Bei einem Textdokument sieht das beispielsweise so aus. Ein Klick auf die Vorschau öffnet die jeweilige Datei direkt in Google Drive.

Bevor sich Inhalte aus Google Drive per Google+ verbreiten lassen, muss eine Datei davor in Google+ für die Öffentlichkeit oder ausgewählte Personen sichtbar gemacht werden. Das heißt, dass nur die Google+-Kontakte Zugriff auf die Datei erhalten, die dazu eine Berechtigung besitzen. Die Standardeinstellung in Google Drive für alle Dateien ist “privat”, und solange dies für ein File gilt, lässt es sich sicherheitshalber gar nicht erst bei Google+ teilen.

Die Verbindung zwischen Google+ und der beliebten Office- und Cloudsuite Google Drive wird nicht auf einen Schlag für einen enormen Ansturm auf das soziale Netzwerk führen. Es liefert aber neue Argumente dafür, was man mit Google+ anstellen kann, das in dieser Form weder bei Twitter noch bei Facebook möglich ist. Zwar kann Facebooks Gruppen-Feature auch zur Kollaboration verwendet werden, und seit neuestem lassen sich Dropbox-Dateien mit den Gruppenmitgliedern teilen – aber das blau-weiße Social Network mit seinen überall lauernden Gefahren zur Prokrastination wird für wenige die erste Adresse sein, wenn es darum geht, produktiv in Teams zu arbeiten. Zudem ist Google Drive aufgrund der integrierten Office-Suite dem Gespann Facebook-Dropbox funktionell weit überlegen.

Teams, die verschiedene Produktivitätstools und Cloudanwendungen für ihre Tätigkeiten verwenden, könnten sich bei Hojoki oder Refinder besser aufgehoben fühlen als bei Google+. Wer aber viel mit Google Drive arbeitet und einen Großteil der Teammitglieder bei Googe+ wiederfindet, der hat nun die Möglichkeit, Googles Social-Web-Hoffnungsträger zur Abstimmung und Kommunikation mit den Kollegen einzusetzen. Sofern diese sich bei Google+ blicken lassen, versteht sich.

Google weist gerne darauf hin, dass Google+ kein herkömmliches soziales Netzwerk darstellt. Es sind Features wie dieses, die derartige Aussagen ein wenig glaubhafter machen.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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