Schicksal der gedruckten Tageszeitung:
Wie man sich die Zukunft
schönreden kann

Deutsche können nicht auf die gedruckte Tageszeitung verzichten, so das Ergebnis einer repräsentativen Untersuchung im Auftrag des Handelsblatts. So einfach kann man seine Sorgen ausblenden.

“Die gedruckte Tageszeitung ist für viele unverzichtbar”, so titelt das Handelsblatt in einem Artikel, der die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage des Online-Marktforschungsinstituts Mafo im Auftrag des Handelsblatts wiedergibt. 64 Prozent der befragten Deutschen “legen immer noch Wert auf eine Tageszeitung aus Papier”, so die Kernbotschaft. Besonders populär sei die Printzeitung bei den Lesern zwischen 46 und 65 Jahren, wo fast 70 Prozent das Papier nicht missen wollen. Und war das noch nicht genug Balsam für die gescholtene Printseele, dann ist es hoffentlich die Anmerkung, dass die Printaffinität mit dem Bildungsgrad zunimmt. Nur ein Drittel der Menschen, die weniger als einen Realschulabschluss vorzuweisen haben, legen Wert auf eine gedruckte Zeitung.

Selten sieht man eine überflüssigere Umfrage. Sicherlich spricht nichts dagegen, im Rahmen regelmäßiger Untersuchungen zum Medienkonsum auch die Präferenzen zu Print unter die Lupe zu nehmen. Aber extra eine separate Studie in Auftrag zu geben, die nur Ergebnisse zu Tage fordert, die ohnehin Allgemeingültigkeit haben, ist eigenartig und legt unweigerlich die Vermutung nahe, dem Handelsblatt ginge es allein darum, sich das eigene Schicksal schönzureden. Oder der Artikel wirkt einseitiger, als die vollständigen Studienresultate es sind.

Dass noch immer viele Menschen in Deutschland gerne die Tageszeitung in Printform lesen, lässt sich schlicht an den Auflagenzahlen erkennen. Diese gehen zwar kontinuierlich zurück, aber sind noch nicht da angekommen, wo man die grundsätzliche Sympathie der Deutschen für das gedruckte Papier in Frage stellen muss. Dass ältere Generationen, deren Medienkonsum besonders stark von über Jahrzehnte lang praktizierten Routinen geprägt ist, der Papierzeitung in besonderem Maße die Treue halten, ist ebenso logisch und ohne Neuigkeitswert, wie dass in den “bildungsfernen Schichten” weniger Zeitung gelesen wird.

Beim Lesen des relativ kurz gehaltenen Beitrags drängt sich der Verdacht auf, das Handelsblatt versuche, die Augen vor der Realität zu verschließen und die durch den technischen Fortschritt ausgelösten Marktentwicklungen möglichst weit aus dem eigenen Wahrnehmungsfeld und dem der treuen Leser zu schieben. Doch wenn Printleser tatsächlich die besondere Intelligenz mitbringen, welche die Studie ihnen attestiert, dann sind sie vielleicht darüber informiert, dass unzählige Indikatoren zur Zukunft des Printjournalismus und von Print allgemein nur in eine Richtung zeigen. Nach unten. Zur Erinnerung:

Es geht mir mit diesem Sammelsurium an Anekdoten und Ereignissen, welche die grundsätzliche Tendenz rund um Printprodukte illustrieren, nicht darum, den Freunden des gedruckten Papiers ihr Produkt madig zu machen. Überhaupt nicht. Was ich jedoch kritisiere, ist, wie eine einseitige, eindimensionale und eigenen Interessen dienende Veröffentlichung solcher Studienergebnisse einen völlig falschen Eindruck erweckt. Nämlich, als reiche die Sympathiebekundung von Bundesbürgern für Print im Jahr 2012 aus, um alle Bedenken über die Zukunft des gedruckten Mediums aus dem Weg zu räumen. Das Handelsblatt muss sich die Frage gefallen lassen, wieso es sich nicht einmal die Mühe macht, die Resultate in einen objektiven Kontext zu stellen und historische Entwicklungen der Zahlen mit aufzuführen.

Bleibt zu hoffen, dass Leser nicht dem Trugschluss erliegen, die Zahl derjenigen, welche die gedruckte Zeitung nicht vermissen können, müsse erst auf Null fallen, bevor die letzte Druckmaschine abgeschaltet wird.

Wer gerne eine gedruckte Zeitung am Frühstückstisch oder in der Bahn liest, soll dies tun, solange sich diese Möglichkeit bietet. Das Handelsblatt aber wäre besser beraten, sich auf eine printfreie Zukunft einzurichten, anstatt sich, den Print-Werbekunden und den Lesern den Bauch zu pinseln.

 

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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10 Kommentare

  1. Der Niedergang der Zeitungsauflagen begann in Deutschland nicht damit, dass das Internet Mainstream wurde. Das war erst um das Jahr 2000 herum. Das Web war nur der zweite Dolchstoß für die Auflagen.
    Der Niedergang begann damit, dass in Deutschland das Privatfernsehen Mainstream wurde. RTL und SAT.1 starteten zwar bereits Mitte der 1980er-Jahre, aber in der Fläche nutzbar waren sie erst ab ca. 1990.
    Kurz davor hatten die (westlichen) Tageszeitungsauflagen wegen der Wiedervereinigung noch einen ziemlichen Schub nach oben bekommen, wodurch die Notwendigkeit eines Kurswechsels noch für ein paar Jahre verschleiert wurde.

  2. Mal etwas polemisch formuliert: Wer kümmert sich denn noch um das Print-Gegreine des Handelsblatts. Das Blatt ist mit seiner rückwärtsgewandten Haltung gegenüber dem Internet im Prinzip Geschichte und gerade im immer mehr digitalisierten Wirtschaftsbereich schneller weg, als “es” denkt, wenn es weiter so weinerlich agiert.

  3. Also seit dem ich ein Tablet habe, brauche ich nicht einmal mehr den Spiegel …

  4. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der erfreuliche Auflagenschwund der Mainstreampropaganda vor allen Dingen darauf zurück zu führen ist, dass viele Menschen, diese Endsieg-Tiraden in Sachen Euro nicht mehr hören können und diesen überall zu findenen linksgrünen politisch korrekten (also gelogenen) 68er Ideologien bis zum Erbrechen überdrüssig sind. Dieses ewige moralische Gehabe, wie man gefälligst zu sein und zu denken hat. Unerträglich.

  5. Es ist eine schlechte Nachricht, dass weniger Menschen in D eine Zeitung lesen. Sicherlich lesen Tablet- und Smartphone-User mit ihrem Gerät weniger Nachrichten, Analysen etc. als die User einer Zeitung.

    Mit anderen Worten, unsere Bevölkerung wird uninformierter und dümmer. Man könnte die Verdummung weiter beschleunigen, wenn man den Kinder schon in der Grundschule ein Tablet geben würde. Politiker würden dies bestimmt als tollen Erfolg verkaufen, man müsse die Jugend für die Wirtschaft und die Zukunft fit machen.

    Wie gut, dass meine Tochter viele echte Bücher mit großer Freude liest. Sie ist auch deshalb in der Schule das erfolgreichste Kind ihrer Stufe. Da kommen die PC- und Internet-Kids nicht mit.

    • “Mit anderen Worten, unsere Bevölkerung wird uninformierter und dümmer”

      Eine Phrase, die auch bei stetiger Wiederholung nicht mehr Warheitsgehalt entwickelt

    • Kurze Frage: Wieso?
      Ist Online-Journalismus schlechter Journalismus?
      Ist nur Print Qualität?

      Das liegt wohl am wenigsten an den Lesern als an den Verlegern, oder?

  6. Was bringt es denn die Börsenkurse von gestern nachzulesen ?
    (Börsen-)Tägliche Wirtschaftszeitungen, wie das Handelsblatt und die Financial Times, sind in der “tagesaktuellen” Form schlicht überflüssig.

    Entweder bringt man eine umfangreiche Wochenendausgabe heraus, wie es das HANDELSBLATT ja auch mit seiner FR Ausgabe tut, mit Analysen, Kommentaren, Kunstmarkt, Kultur, usw.

    Oder man lässt den seitenlangen Abdruck von Kursen und Charts in der Tagesausgabe weg, berichtet nur kurz über die Ereignisse von gestern, verkleinert den Umfang auf höchstens 20 Seiten, senkt den Preis dafür, druckt Lesermeinungen und Kommentare ab, die ein breites Spektrum abdecken, wie es das niederländische Handelsblatt immer noch tut.
    Natürlich darf man diese Inhalte nicht gratis online anbieten.

    Tageszeitungen hätten nur dann eine Chance, wenn sie nicht auf Aktualität setzen, sondern wenn sie wieder den Vorteil des Mediums Papier ausspielen, also Comics, Kreuzworträtsel, Papierfiguren zum Ausschneiden usw. anbieten.

  7. Ich frage mich ob:
    - die Steinmetze damals auch so ein gejammer hatten als plötzlich Gesetze und News nicht mehr in Stein und auf Ton gehauen wurden
    - die Abschreiber auch behauptet haben abgeschriebene Bücher würden nie aussterben als Guttenberg seine beweglichen Letter und den Drucker angeworfen hat

    Liebe Drucker seht es ein: nach Steinmetzen und Abschreibern stirbt jetzt im Zeitungs- und Zeitschriftenbereich… achja auch im Buchbereich, eure Zunft aus…. so die nächsten 50 Jahre….

  8. Also in der Schweiz hat der Zerfall der Printmedien meiner Sicht schon lange begonnen. Die auflagenstärksten Zeitungen finanzieren sich mittlerweile nur noch quer durch die Einnahmen der Online-Portale. Einzige Ausnahme bildet in dieser Hinsicht wahrscheinlich noch der “Blick”, welcher am ehesten mit der deutschen “Bild” verglichen werden kann.

    Allerdings frage ich mich wirklich, warum ausgerechnet eine Boulevard-Zeitung, die vom täglichen Verkauf stark abhängig ist, noch die besten Zahlen schreibt. Liegt es da tatsächlich an den exklusiven Inhalten oder einfach an der Aufmache?

    Generell geht der Trend aber sicherlich weg von den Printzeitungen und je besser die Tablets werden, desto schneller werden sich auch die Formate für dafür entwickeln.

2 Pingbacks

  1. [...] Von der gedruckten Zeitung: Zukunft schönredenDeutsche können nicht auf die gedruckte Tageszeitung verzichten, so das Ergebnis einer repräsentativen Untersuchung im Auftrag des Handelsblatts. Aber können sich die Verlage jetzt auf den Aussagen der Studie ausruhen? [...]

  2. [...] in Berlin war gut und Herr Wäder trifft jetzt häufiger Herrn Maus. Zeitungen treffen häufig nicht mehr die Realität und Kleider tweeten machen Leute. Ach ja, herzlichen Glückwunsch Caschy! Danke für viele Texte [...]

vgwort