Demnächst bei den führenden Nachrichtensites:
Mehr externe Links – Hans Michael Strepp sei Dank

Die führenden Nachrichtenangebote geizen nicht nur mit Links zu Blogs, sondern auch mit Verweisen untereinander. Doch nun gibt es Anzeichen für einen Sinneswandel. Indirekt mitverantwortlich: der wegen der ZDF-Affäre zurückgetretene CSU-Pressesprecher Hans Michael Strepp.

Im Prinzip seit dem Bestehen der Blogosphäre beklagen sich Blogger in regelmäßigen Abständen berechtigterweise darüber, dass sie von den Mainstreammedien nicht oder nur selten verlinkt werden (klassisches Beispiel). In letzter Zeit hört man entsprechende Beschwerden nicht mehr ganz so oft, da die führenden Nachrichtenangebote – von Zeit Online bis Spiegel Online, von Sueddeutsche.de bis FAZ.net – in variierendem Maße tatsächlich damit begonnen haben, auf Blogbeiträge zu verlinken, sofern sie sich redaktionell an deren Inhalten und Diskussionen bedienen. Selbst wenn noch immer sehr viel weniger auf externe Angebot verlinkt wird, als dies im Sinne des Dienstes für die Leser eigentlich erforderlich wäre. [Nachtrag] Domenika Ahlrichs, stellvertretende Chefredakteurin von Zeit Online, unterstreicht per Twitter, dass man “seit Jahren extern verlinke”. Allgemein nimmt die Pubikation aus Hamburg häufiger eine Vorreiter- und Vorbildrolle ein, was Journalismus im Netz angeht, insofern verwundert die größere Linkbereitschaft nicht [Nachtrag Ende].

Doch nicht nur Autoren von Blogs stören sich daran, wenn von ihnen angeregte Debatten oder an die Öffentlichkeit gebrachte Sachverhalte von den diese aufgreifenden Verlagsangeboten nicht durch einen Verweis gewürdigt werden – sondern auch die Redakteure der bekannten Nachrichtensites. Das, was unter dem Begriff “Linkgeiz” bekannt wurde, betraf und betrifft längst nicht nur Blogs, sondern auch die Onlineangebote der Zeitungen. Aus der völlig unbegründeten Angst heraus, Seitenaufrufe und Leser zu verlieren, verzichten sie nur allzu gerne darauf, einen Verweis zur Konkurrenz zu setzen, die eine bestimmte Neuigkeit zuerst veröffentlichen konnte.

Ein spezieller Fall hat am gestrigen Mittwoch zu einem interessanten Twitter-Austausch verschiedener Journalisten geführt, der per Storify festgehalten wurde und am Ende als der Beginn einer neuen Ära in den hiesigen Netzjournalismus eingehen könnte.

Auslöser war ein viel beachteter Bericht von sueddeutsche.de über den Anruf des CSU-Pressesprechers Hans Michael Strepp beim ZDF mit dem Ziel, eine Erwähnung des Parteitags der bayerischen SPD in den Heute-Hauptnachrichten zu verhindern (mittlerweile ist Strepp zurückgetreten). Spiegel Online griff die Geschichte auf, ohne jedoch zu sueddeutsche.de (SZ) zu verlinken. SZ-Redakteur Michael König nahm dies zum Anlass, per Twitter SPON-Chef vom Dienst (CvD) Matthias Streitz zu bitten, doch einen Link auf die SZ-Story zu setzen. Streitz reagierte konstruktiv und sorgte dafür, dass der SPON-Beitrag prominent im zweiten Absatz auf den ursprünglichen Text der SZ zum Fall Strepp verlinkt.

Was folgte, war ein ruhiger, besonnener Austausch von König, Streitz sowie weiteren Kollegen von Wettbewerbern, nachzulesen im besagten Storify (am Artikelende eingebettet). Tenor: Alle Beteiligten scheinen sich über den Nachholbedarf beim gegenseitigen Verlinken einig zu sein, und ein vermeintliches “Kartell des Nichtaufeinanderverlinkens” sei, sofern es existiert habe, im Stillen bereits gefallen. “Ich finde diese kleine Debatte wichtig & richtig & vielleicht bewegt sich ja was”, so SPON-CvD Streitz, worauf weitere Ermunterungen zum Verlinken und Bestrebungen, in diesem Punkt nachzubessern, folgten. Ole Reißmann, Netzwelt-Redakteur bei SPON, fasste die in der Twitter-Runde getroffene informelle Vereinbarung für fleißigeres Verlinken von Konkurrenten unter dem passenden Label “Der große Linkfrieden” zusammen.

Sicher ist es nicht angebracht, jetzt sofort auf breiter Front einen kompletten Sinneswandel zu erwarten. Während die an der Twitter-Diskussion beteiligten Journalistinnen und Journalisten ein ernsthaftes Interesse an einer stärkeren Vernetzung der konkurrierenden Medienmarken untereinander zu haben scheinen, werden nicht alle ihre Kollegen automatisch diese Ansicht teilen. In den Augen mancher Redakteure reicht es schlicht aus, die Quelle einer Nachricht mit dem nicht verlinkten Vermerk “wie die Süddeutsche Zeitung berichtet” anzugeben (zu begutachten beispielsweise bei MoPo.de) – wie sie es im Printzeitalter gelernt haben. Begibt man sich jedoch in die Perspektive der Leserschaft – für die journalistische Arbeit im Optimalfall gemacht wird – führt kein Weg daran vorbei, durch einen Verweis den notwendigen Kontext anzubieten. Und ein bisschen geht es auch um Ehrerbietung für diejenigen, die eine Exklusivmeldung präsentieren können. Die angemessene Form dafür ist der Link.

Sollte der am 24. Oktober 2012 lose vereinbarte Linkfrieden dauerhafte Konsequenzen haben und das Bewusstsein der Redakteure für verstärktes und sorgfältigeres Verlinken schärfen, würden davon alle profitieren: Leser, weil sie nun ohne manuelles Googeln Kontext und Hintergründe zu angeschnittenen Sachverhalten abrufen können, die einzelnen Nachrichtenangebote, weil sie für besondere journalistische Leistungen mit eingehenden Links und zusätzlichem Traffic belohnt werden, und auch Blogger: Denn hat sich das Verlinken in den großen Redaktionen erst einmal zur Selbstverständlichkeit entwickelt, dann werden auch Bloginhalte noch häufiger die Wertschätzung der Mainstreampresse erhalten, die sie verdienen.

Unabhängig davon, welche Fortsetzung der Linkfrieden nehmen wird, gibt die spontane, ehrliche und einen freundlichen Ton bewahrende Twitter-Konversation von Journalisten verschiedener Arbeitgeber zum Thema Linksetzung Grund für verhaltenen Optimismus im Bezug auf eine sonst eher durch fragwürdige und protektionistische Forderungen der Verlagsmanager auffallende Branche im Wandel. Vor zwei Jahren noch wäre ein ungeplanter, öffentlicher Dialog dieser Art schwer vorstellbar gewesen. Obwohl es Twitter auch damals schon gab.

Wer hätte gedacht, dass einmal ein CSU-Mitglied den indirekten Anstoß für eine bessere Linkkultur im deutschen Netzjournalismus geben würde.

[View the story "Der große Linkfrieden" on Storify]

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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4 Kommentare

  1. Alle Beteiligten scheinen sich über den Nachholbedarf beim gegenseitigen Verlinken einig zu sein

    2012. Man beginnt, zu verlinken. Im Internet. Wow!

    Im Ernst, das ist doch eigentlich keine wirklich frohe Botschaft, sondern ein anschauliches Beispiel für den hölzernen und fremdelnden Umgang mit diesem “Internet”.

    Während Journalisten und Medienhäuser nicht einmal die fundamentalste Kulturtechnik des Netzes, das Verlinken, beherrschen, sich dieser höchstens vorsichtig tastend annähern, maßen sich diese gleichzeitig an, den Diskurs über die Zukunft eben dieses ihnen eigentlich fremden Kulturraums zu bestimmen. Ich sage nur Leistungsschutzrecht.

  2. Lieber Kollege Weigert, lieber Frank,

    das “Wir verlinken nicht”-Gebot aus den frühen Neunzigern ist in den meisten Redaktionen seit langem aufgehoben, und natürlich verlinken sowohl wir als auch die anderen gerne und bewusst – wir wissen schon, dass wir im Netz unterwegs sind :) Siehe http://sz.de/leserempfehlen

    Im netten Wort vom Linkfrieden steckt viel Ironie, wenig kriegerische Vorgeschichte. Dass im Zweifelsfall weniger verlinkt wird als z.B. in Blogs, liegt oft daran, dass es in der Hektik des Alltags hinten runter fällt.

    Was die schöne Debatte jetzt aber bringt: Allen wird wieder mal klar, dass es nicht hinten runter fallen sollte. Ich hab heute Nacht eine Mail an die Redaktion geschrieben, Inhalt: “Liebe Kollegen, das hier ist lustig, aber es verpflichtet tatsächlich auch: http://storify.com/vierzu…er-gro-e-linkfrieden So lasset uns die Kollegen (und auch andere) bitte gerne verlinken, wenn sie Exklusives haben!”

    Klar, das müsste man eigentlich nicht rumschicken; aber auch klar: Es schadet nicht, wenn es allen noch mal ins Gedächtnis kommt.

    Mit besten Grüßen,

    Stefan Plöchinger, sz.de

  3. In einem Text mit so vielen Links hätte man sich dann doch ein Target_Blank gewünscht, dann gehen einem auch nicht so viele Leser verloren, wenn der Leser sich nicht mehr zurück findet und verzettelt.

    • Das ist ein Punkt, der natürlich immer mal wieder zur Diskussion kommt. Momentan ist unsere Sichtweise so: Wer möchte, kann ja Links mit der entsprechenden Mausgeste in einem neuen Tab öffnen. Aber es steht jedem und jeder frei. Wenn wir dagegen Target_Blank verwenden, dann zwingen wir alle dazu, Links in neuen Fenstern zu öffnen. Was von manchen Lesern als Bevormundung aufgefasst werden würde.

Ein Pingback

  1. [...] Das hier ist amüsant, die Geschichte über den „Großen Linkfrieden“ der deutschen Onlinemedien, der gerade auf Twitter verhandelt wurde. Man muss dabei immer im Kopf behalten: Die im Artikel abgebildete Diskussion auf Twitter ist keine Parodie, das ist alles echt. [...]

vgwort