Europas Gegenstück zum Silicon Valley:
London unterstreicht seinen Anspruch

Egal wie realistisch der Gedanke ist: Viele Städte in Europa würden sich wünschen, zum hiesigen Pendant des Silicon Valley aufzusteigen. Nicht nur in der Berliner Szene erhofft man sich eine derartige Entwicklung, sondern auch in London. Dort bieten aktuelle Ereignisse Grund zur Freude.

"Silicon Roundabout" in LondonKann Europe eine ernstzunehmende Alternative zum Silicon Valley hervorbringen? Wenn ja, wie sähe diese aus, und welche Stadt oder Region hat die besten Chancen? Wäre Berlin ein geeigneter Kandidat? Oder gar ein Netzwerk aus verschiedenen Clustern im deutschsprachigen Raum? Fragen, die oft in hiesigen Branchenkreisen diskutiert werden – mit unterschiedlichsten Resultaten. Zwei aktuelle Meldungen vom Wochenende lenken die Aufmerksamkeit auf eine andere europäische Metropole, die schon seit längerem viel Energie in die Errichtung eines Technologieclusters mit internationaler Relevanz steckt: London.

Facebook-Managerin soll Londons Startup-Hub vorantreiben

Zum Ersten wurde bekannt, dass bei der offiziellen Förderorganisation zur Ansiedlung von Technologiefirmen in der britischen Hauptstadt, Tech City Investment Organisation, ab Januar eine prominenten Kennerin der Webindustrie das Steuer übernimmt: Johanna Shields, bisher Leiterin der EMEA-Geschäfte (Europa, Naher Osten, Afrika) von Facebook, verlässt das soziale Netzwerk und wird sich künftig darum kümmern, mehr Startups, Internetfirmen und Technologie-Institutionen in die Londoner “East End Tech City” und dessen neuralgisches Zentrum, die Gegend um den “Silicon Roundabout“, zu locken. Die Chancen, dass ihr das gelingt, stehen gut: Die gebürtige Amerikanerin war vor Facebook, wo sie 2010 anheuerte, bei Google, Bebo und AOL tätig und wurde von Wired 2011 zur einflussreichsten Person der britischen Digitalwirtschaft gekürt. Es dürfte ihr in ihrer neuen Rolle also weder an geeigneter Erfahrung noch an Kontakten mangeln.

busuu siedelt in die britische Hauptstadt um

Ohne dass sie ihre neue Position in Angriff genommen hat, kann sich Shields bereits über eine Neuansiedlung freuen: Die von dem Österreicher Bernhard Niesner und dem Liechtensteiner Adrian Hilti in Madrid gegründete Sprachlerncommunity busuu gab am Sonntag nicht nur eine Finanzierungsrunde in Höhe von 3,5 Millionen Euro bekannt, sondern auch ihren Umzug von der spanischen Haupststadt nach London. Niesner und Hilti lernten sich während eines MBA-Studiums in Madrid kennen und entschlossen sich 2008, eine Plattform für Menschen zu entwickeln, die gerne mit anderen Sprachen lernen möchten. Ausgehend von den Mitgliederzahlen wurde es eine Erfolgsgeschichte: 25 Millionen Nutzer aus über 200 Ländern sind laut Unternehmensangaben bei busuu registriert, 40.000 kommen jeden Tag hinzu.

In London sind alle Akteure des Ökosystems

Wir wollten von busuu-Geschäftsführer Niesner wissen, wieso London als neues Zuhause des Startups gewählt wurde. “Wir sind der Meinung, dass wir hier den besten Zugang zu exzellenten Mitarbeitern bekommen, vor allem was Programmierer und Angestellte im Bildungssegment betrifft. London ist eine extrem internationale Stadt und egal, welche Sprachkenntnisse wir brauchen, hier finden wir sie”, erläutert der Österreicher die Beweggründe für den Umzug. Er merkt an, dass auch Berlin sowie seine Heimatstadt Wien zur Debatte standen. Schließlich kam das Team aber zu dem Schluss, dass London für die Bedürfnisse der Sprachlerncommunity der ideale Standort sei.

Nicht verwundert über diesen Gedankengang ist Philipp Moehring von Europas bekanntestem, in London ansässigen Startup-Accelerator Seedcamp. Nach Ansicht des gebürtigen Deutschen zeichnet sich die Millionenstadt an der Themse nicht nur durch ihre Internationalität sondern auch durch die Präsenz aller am Startup-Ökosystem beteiligten Akteure aus, von Gründern über die Business Angels bis hin zu den Venturekapital-Firmen. Hinzu kommt, dass für US-Onlinedienste, welche nach Europa expandieren, London in der Regel die erste Wahl ist. Dies unterstützt den dortigen Technologiestandort zusätzlich.

Moehring unterstreicht aber, dass dies nicht per se bedeutet, dass europäische Webfirmen mit globalen Ambitionen nur mit Sitz in London erfolgreich sein können. Wooga und SoundCloud zeigen, dass dies auch aus Berlin geht. Besonders die Kreativität und Intensität der Stadt hebt er als positive Aspekte hervor. Für Seedcamp aber hält er die britische Hauptstadt für den derzeit optimalsten Standort, schlicht weil das Ökosystem dort am stärksten ausgeprägt ist.

Einer, der sich auch sehr gut mit dem Verhältnis zwischen London und Berlin auskennt, ist Mike Butcher von TechCrunch. Der Londoner sieht die deutlich geringen Kosten in Berlin als besonderen Vorzug. “Weil in Berlin alles billiger ist als in London, zieht die Stadt etwas wildere Unternehmen an, die noch keine Geschäftsmodelle ausgearbeitet haben. London wird immer groß und international sein, aber Berlin wächst gerade sehr stark”. Wer Butcher kennt, der weiß, dass der britische Journalist und Konferenz-Moderator leicht ins Schwärmen gerät, wenn von Berlin die Rede ist, und regelmäßig die Spreestadt besucht.

London und Berlin ergänzen sich

Blickt man auf die verschiedenen Aussagen, so scheinen sich Berlin und London in vielen Aspekten sehr gut zu ergänzen. Die hohe Zahl an Flugverbindungen in die USA, die fehlende Sprachbarriere für US-Startups sowie das Vorhandensein von Kapital an Europas Finanzzentrum werden auf lange Sicht Pluspunkte Londons bleiben. Bis Berlin aber das Kostenniveau Londons erreicht, wird trotz aller Gentrifizierungsprozesse noch sehr viel Zeit vergehen, und die enorme Anziehungskraft der Stadt für junge Menschen aus aller Welt verleiht der deutschen Metropole einen Spirit und eine Unkonventionalität, die in Europa und vielleicht auch auf der Welt ihresgleichen sucht.

Würde man die Stärken beider Standorte durch eine intensive Partnerschaft vereinen, käme dabei eine äußerst spannende Mischung heraus. Leider geben die aktuellen politischen Entwicklungen im Zuge der europäischen Krise wenig Anlass zur Hoffnung einer engeren Kooperation zwischen London und Berlin. Allein die fehlende Mitgliedschaft der Briten beim Schengenvertrag steht dieser im Weg. Je weiter sich Großbritannien politisch und ideologisch vom Kontinent entfernt, desto unwahrscheinlicher ist eine derartige Symbiose. Insofern werden die zwei Städte wohl eher Konkurrenten bleiben, statt ein Bündnis zu schmieden.

(Foto: Flickr/Joss U, CC B.Y 2.0)

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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